Cover der Folge „Elena Semechin: 5 Dinge, die ich gerne schon mit 20 gewusst hätte | Paralympics-Siegerin“

Elena Semechin: 5 Dinge, die ich gerne schon mit 20 gewusst hätte | Paralympics-Siegerin

26. August 2026, mit Joël Kaczmarek und Elena Semechin

Transkript

Elena Semechin: Ich habe dann ja auch Freunde gehabt, die dann auch nicht wirklich wussten, dass ich schlecht sehe. Ich habe das auch niemandem gesagt und habe das immer versucht, eben zu kaschieren. Und das hat mir halt so viel Energie gekostet, weil ich mich dann verstellt habe. Ich war nicht ich. Und darüber bin ich eigentlich traurig, dass mir das Wichtige war, was die Menschen von mir halten, über mich denken, als das, was ich eigentlich bin. Anders sein ist eigentlich total cool. Man fällt auf. Man kann das genießen. Man kann das für sich als Stärke nutzen. Das,

Elena Semechin: was ich ja jetzt auch mache. Ich arbeite damit, ich inspiriere Menschen damit, ich gebe Menschen Kraft, Zuversicht, Mut. Und mich selbst erfüllt das auch komplett. Und ich weiß, ich bin nicht umsonst auf dieser Welt.

Joël Kaczmarek: High Five Leute, Hier ist Joël und ihr kennt das, Am Mittwoch spreche ich immer mit inspirierenden Menschen, die ich danach befrage, was denn die fünf Dinge sind, die Sie gerne schon mit 20... Gewusst hätten, weil am Wisdom Wednesday geht es ja um persönliches Wachstum. Und heute habe ich eine Frau zu Gast, die habe ich schon ein bisschen kennenlernen dürfen, weil, man sieht es bei mir im Hintergrund, Wer auf YouTube oder Spotify mitschaut, Ich produziere unter anderem den Podcast der Olympia-Bewerbung von Berlin. Und da war auch schon mal die Liebe. Elena Semechin zu Gast. Und ich habe dem beigewohnt, ein bisschen mitgekriegt und gemerkt, oha, Was hat die denn bitte für eine krasse Lebensgeschichte?

Weil die Liebe Elena ist Schwimmerin und nicht irgendeine, sie ist paralympische Schwimmerin. Da hat sie schon zwei Goldmedaillen abgesahnt, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, in Paris und in Beijing, also in Peking. Und auch sonst, Ich bin mal gespannt, ob Sie noch alle Medaillen zusammenkriegt. Wenn ich es richtig erinnere, dreimal Gold bei den Weltmeisterschaften, siebenmal bei der EM und eben zweimal bei den paralympischen Spielen. Und auch sonst hat sie ein sehr bewegtes Leben. Paralympisch In ihrem Fall heißt, Sie hat nur zwei Prozent Sehkraft. Und dann, als wenn das nicht noch genug wäre, Hatte sie auch schon einen Gehirntumor in ihrem Leben. Also, ich kenne die Geschichte gar nicht so detailliert, weil ich habe quasi nur nebenan zugehört.

Aber was ich dann mitgekriegt habe, auch so im Off-Talk, hat mich schon so bewegt, dass ich dachte, okay, da muss ich mal reintauchen. Dieser Mensch hat offensichtlich sehr viel erlebt in seinem Leben. Und wie man das ja so kennt, Wenn man durch Täler geht und über Berge hinweg, dann erlebt man einiges. Deswegen bin ich sehr, sehr neugierig, Liebe, Elena, und schön, dass Du da bist.

Elena Semechin: Hallo zusammen, Danke für die Einladung. Ich freue mich auf unser Gespräch. Ich muss dich auch direkt korrigieren, das war Tokio und Paris. Ach, Tokio, siehst du, Ich hab Peking gesagt. Ach Mann Fast,

Joël Kaczmarek: fast. Merkt man sich 15 Sachen unter einem. Ja, ja, ja.

Elena Semechin: Also überhaupt nicht schlimm.

Joël Kaczmarek: Na gut, aber Danke für die Korrektur. Kriegst Du denn selber noch zusammen, was du alles gewonnen hast? Weil ich habe jetzt die ganzen Silber- und Bronzemedaillen alle unterschlagen, aber man darf sagen, du bist glaube ich eine wirkliche Top-Athletin in deinem Feld.

Elena Semechin: Ach, das passt so, wie du das gesagt hast, zusammengefasst. Das ist völlig ausreichend.

Joël Kaczmarek: Ich frage ja immer neugierig am Anfang, Wie alt Menschen sind, weil ja auch spannend ist, von Woraus Wir zurückgucken auf die 20. Wie ist es bei dir?

Elena Semechin: Ich bin jetzt inzwischen 32.

Joël Kaczmarek: Okay, also zwölf Jahre sozusagen in der Rückschau, Aber ich würde mal sagen, In deinem Fall sind diese zwölf Jahre wahrscheinlich sehr dicht gepackt, weil ich weiß ja, Leistungssport ist ja auch sehr intensiv, und es passiert ja sehr, sehr viel. Bin ich ja mal gespannt. Also, Was ist los so? Dein erstes Ding, Erzähl mal, was hättest du gerne schon mit 20 gewusst?

Elena Semechin: Ja, du sagst, dass zwölf Jahre hören sich wenig an, aber wirklich schon sehr, sehr viel, erlebt. Die erste Sache, die ich gerne mit 20 gewusst hätte. ist, dass ich eines Tages meine Behinderung, das ist ja vorhin. Schon im Intro erwähnt, Ich habe noch zwei Prozent Sehrest. Und ich bin ja nicht von der Geburt aus sehbehindert oder blind, sondern sie kam über die Pubertät. Das heißt, ich war mal vollsehend und dann, so. Mit neun oder zehn Jahren, kamen so die ersten Anzeichen, dass irgendwas nicht stimmt. Und dann ging es in der Pubertät richtig rasant. Bergab mit der Sehkraft. Genau da in dieser Phase, wo die Welt ja sowieso so schön ist, Pubertät, alles andere als schön, kam eben diese Verschlechterung.

Und ich habe unfassbar lange mit mir gehadert, weil ich einfach anders war. Das heißt, ich war überall auffällig. Und dann, in der Zeit, als ich dann noch schlechter sehen konnte und auch die Bücher nicht mehr lesen, konnte, von der Tafel nichts ablesen konnte, habe ich mich extrem zurückgezogen, war in sich gekehrt, schüchtern. Total unsicher, ängstlich und habe ganz, ganz lange versucht, die Sehbehinderung zu kaschieren, weil ich einfach so sein wollte wie alle anderen Menschen aus meinen Kreisen. Ich komme ja auch gebürtig aus Kasachstan, habe auch in Russland gelebt. Ein paar Jahre. Und wenn man da ein Mensch mit einer Behinderung ist, dann wird einem ja immer suggeriert, du bist nicht gut genug, du darfst hier nicht dabei sein, Du musst zu Hause beschult werden und irgendwie kann aus dir nichts werden.

Und das hat mich natürlich geprägt. Und hätte ich mit meinen 20ern gewusst, dass ich eines Tages diese Behinderung akzeptiere? Und diese vermeintliche Schwäche, die ich da für mich damals so gesehen habe, als Stärke sozusagen, Nutze oder umwandle, Das hätte ich gerne gewusst. Das hätte mir um einiges das Leben erleichtert.

Elena Semechin: dass ich nun mal so bin, wie ich bin. Aber als es dann soweit war, hat sich mein Leben nochmal wirklich gedreht. Und ich hatte ein erfülltes und glückliches Leben.

Joël Kaczmarek: Ja, ich wollte gerade sagen, also. Es ist ja jetzt sogar so, dass vielleicht Menschen, die früher dich so nicht inklusiv behandelt haben, jetzt von dir lernen können, weil Du bist ja sogar als Speakerin mittlerweile aktiv, also, dass du zu unternehmen gehst. Hier eher da draußen alle, die Geile Firma, ich weiß, mir hören viele zu, Die Unternehmen haben. Super spannend, wie ihr hier merkt. Aber du bringst ja sogar Leuten, was bei. Also das, was du sozusagen da überkommen. hast, ist ja eigentlich heute das, woraus du schöpfst. Trotzdem habe ich ja auch gerade so bei dir rausgehört, dass das so die wahrscheinlich sensibelste Phase war, in der Dich, das irgendwie getroffen hat, die man wahrscheinlich haben kann für sowas. Weil man findet eh so seinen Platz in der Welt. Und dann gerät es auch alles noch so ins Wanken. Wie hast du das denn durchgestanden und verarbeitet? Also, wie bist du denn sozusagen an diesen Punkt gekommen, wo du heute bist?

Elena Semechin: Du sagst es, also Speakerin, Das hätte ich damals mit meinen Zwanzigern auch gerne gewusst, dass ich irgendwann mal wirklich international auftrete als Speakerin und mit meiner Geschichte Menschen inspiriere. Man kann jetzt auch irgendwie sagen, ich verdiene jetzt mit meiner Sehbirne Geld. Also meine Schwäche wurde zu stärker. Und ja, damals die Phase, so prägend wie das. Für mich war, Das war ein sehr, sehr großes Learning für mich. Gerade damals, als ich Anfang 20 war, War das für mich eine wichtige Phase, als ich den Parasport für mich entdeckt habe und ganz, ganz viele Beispiele ja auch gesehen habe, dass Menschen, denen es vielleicht durchaus Schlechter, vielleicht sogar noch geht mit ihrer Einschränkung, die aber so eine Lebensfreude und dieses Gefühl von Glück einfach ausgestrahlt haben.

Und es hat mich so beeindruckt. Und ich habe gesagt, ey, also ich mit meiner Sehbehinderung hier, Ich kann ja auch wirklich gut damit leben. Also, es liegt ja an mir, Ich muss das einfach akzeptieren und mir muss klar sein, ich kann das nicht ändern. Entweder Ich lebe damit oder ich werde mein Leben lang mich verstecken und mich unwohl fühlen. Und als ich diesen Punkt hatte, das hat bei mir wirklich so Klick gemacht, habe ich eigentlich so ziemlich alles umgestellt und Stück für Stück habe ich mich immer mehr und mehr damit befasst. Und damit dann irgendwann frei und locker umgegangen, weil Ich muss auch sagen, wenn man eine Behinderung hat, muss man sich ein dickes Fell zulegen. Die Gesellschaft ist vielleicht nicht ganz dafür vorbereitet.

Und ja, Barrierefreiheit ist noch ausbaufähig, aber Nichtsdestotrotz. Muss ich sagen, dass mich nachhaltig geprägt hat und ich bis heute davon meinen nutzen ziehe.

Joël Kaczmarek: Okay, also, wir haben sogar schon ein zweites Ding von dir gestriffen, da können wir ja gleich nochmal drauf kommen, Aber wenn du gerade sagst, dass du deinen nutzen, vonziehst, also, es gibt ja oft so Diese Sachen, würdest du was ändern? In deiner Vergangenheit, fragt man ja manchmal Menschen. Und selbst wenn schwierige Dinge passieren, höre ich öfters bei Leuten, dass sie es nicht ändern würden. Weil meistens lehrt es einen Ja was oder es bringt einen an irgendeinen Punkt, Es formt die Persönlichkeit und, und, und oder bringt ihn auch mit anderen Menschen zusammen. Was sagst Du denn so, was in der Rückschau? Was ist, was dir diese Krankheit oder diese Problematik mitgegeben hat, Positives?

Elena Semechin: Ja, das ist natürlich schwierig, zu sagen. Natürlich wünsche ich mir, dass ich diese Lebenszeit, die ich ja so gelitten habe, retten hätte können, indem ich das einfach früher akzeptiert hätte, für mich. Aber wie du schon sagst, wer weiß, wozu das gut war. Vielleicht wäre ich dann sonst gar nicht im Parasport gelandet. und, von daher, Es ist schon gut so, wie es ist. Da will ich gar nicht dran. rütteln.

Joël Kaczmarek: Und damit ich vielleicht auch mal dieses Krankheitsbild ein bisschen besser verstehe, ist es irreversibel. Oder hast du auch noch mal Chancen, dass sich was dran bessert? Gibt es irgendwie neue Techniken, die entstehen? Oder warst du an einem Punkt, wo unausweichlich ist, dass du das auch akzeptieren musst?

Elena Semechin: Es ist ein Gendefekt. Das heißt, ich habe eigentlich ganz lange mit einer Diagnose gelebt, Die heißt Makuladystrophie. Und dann 2024, 2025 war ich dann in einer Klinik und habe das nochmal untersuchen lassen, weil ich die Hoffnung hatte, Die zwei Prozent, die ich noch habe, dass die mir noch bleiben. Und ich wollte auch herausfinden, ob es inzwischen Elena Semechin gibt, die meine Krankheit aufhalten können oder sogar verbessern. Bin da also ganz hoffnungsvoll hingefahren. Und hatte dann aber total das schockierende Ergebnis. Und zwar hieß es dann, Wir müssen ihre Diagnose nachkorrigieren. Das ist eine schlechtere Diagnose. Und es ist eigentlich ganz sicher, bis sehr wahrscheinlich, dass sie irgendwann ganz blind werden. Weil früher sind wir davon ausgegangen, dass nur die Netzhaut betroffen ist. Und da kam jetzt raus, dass eigentlich... Die ganzen Bereiche im Auge betroffen sind. Also, ich hatte auch noch so ein paar Inseln, die noch funktioniert haben. Und die sind wohl jetzt auch im Moment am abbauen. Das habe ich dann auch selber gemerkt.

Joël Kaczmarek: Wie ging es dir damit? Das muss ja niederschmetternd sein.

Elena Semechin: Ja, das war auch im ersten Moment komplett schockierend für mich. Das war unerwartet, weil ich damit überhaupt nicht gerechnet habe. Ja, aber auch da hatte ich ja mein Learning aus dem früheren Leben. Da habe ich gesagt, ey, okay, ich habe jetzt damit gelebt. Was bringt mir das jetzt hier auch nochmal ein Drama Draus zu machen, zu sagen, boah, Jetzt habe ich mich komplett wieder verloren, weil ich jetzt noch eine neue Diagnose bekommen habe. Dann habe ich gesagt, okay, kann man nichts ändern. dann... Akzeptiere ich das jetzt so und genieße noch die Tage, die ich habe, mit meinen zwei Prozent. Das ist ja für mich die Welt. Also es klingt für euch wahrscheinlich wenig, aber guck mal, Ich sehe ein bisschen Farben, ein bisschen Umrisse. Damit kann ich mich schon ein bisschen orientieren, habe mein Stöckchen immer mit. Und den Rest kriegt man auch irgendwie hin.

Joël Kaczmarek: Gab es so einen Punkt, den du so in Erinnerung hast, wo die Wahrnehmung bei dir gewechselt ist, wo so ein Schalter umgelegt war, wo du das anders angenommen hast? Wo du vielleicht nicht im Hadern mehr warst, falls du das jemals warst, kannst du ja mal beschreiben, sondern wo du so eine neue Form des Umgangs gelernt hast für dich?

Elena Semechin: Ja, das war quasi, als ich dann im Sport relativ erfolgreich wurde, Da kam auch die Selbstsicherheit und Zuversicht, dass ich was aus meinem Leben machen kann. Weil wenn man immer gesagt bekommt, du, aus, dir wird nichts, weil... Und du dann aber irgendwann so ein Ventil für dich findest, dass du sagst, okay, ich kann was. Und ich werde es auch mir und allen anderen Menschen beweisen. Das hat schon was mit mir gemacht, absolut. Also, der Sport hat da wirklich eine sehr, Sehr große Rolle in meinem Leben gespielt, dass ich mein Leben komplett in eine andere Richtung entwickeln konnte. Und das hat sich ja bis heute gelohnt, diesen Weg zu gehen. Ich muss auch gestehen, ich bin Schwimmerin geworden, nicht, weil ich gerne im Wasser bin, sondern ganz im Gegenteil. Ich bin total... Und gerne im Wasser. Aber das war damals für mich mein Ausweg aus der Situation, in der ich war. Und bis heute ist der Schwimmsport, so das Tor in die Welt für mich. Und ich habe ja wirklich unfassbar viel erreicht in dem Sport, weil ich diese Ziele hatte. Und das hat mir unfassbar viel Kraft gegeben, aus meinem Leben eben, was zu machen und nicht aufzugeben.

Joël Kaczmarek: Ich weiß, ich habe mit Raoul Krauthausen öfters mal schon Podcast. Der hat ja diese Glasknochenkrankheit. Und der hat mich sehr intensiv dafür sensibilisiert, wie wenig eigentlich die Gesellschaft auf Inklusion ausgerichtet ist. Also Wenn du einen Rollstuhl hast, viel Spaß, dann mit der Bahn voranzukommen. Also Ich fand das ein schockierendes Trauerspiel, was er mir da erzählt, hatte. Egal, ob es jetzt Busse, Bahnen sind und Co. Der hat es immer so beschrieben, dass gerade Menschen mit Behinderung häufig in so Schulen so wie eingefärscht werden. Das ist ein bisschen so, wie du es auch am Anfang beschrieben. hast. Man wird so separiert und irgendwie unter seinesgleichen in Anführungsstrichen gesetzt und so ein bisschen abgekapselt, was ja. Ein total undankbarer Vorgang ist. Und jetzt hast du gerade am Anfang, erzählt, bremst mich, bitte immer, wenn das auch unangenehm ist, Dass es in Russland sozusagen nochmal auf Steroiden auf eine Art passiert, ist. Also, dass es da noch intensiver war, dass so diese Mentalität, die da vielleicht herrscht in Kasachstan, wo du groß geworden bist, dass das nochmal ganz anders rüberkam. Wie bist du damit groß geworden? Wie hast du das auch? erlebt? Wie hast du dich daraus? befreit? Also, ich habe jetzt schon gelernt, der Sport. Aber war das so ein bisschen die Zündung, die dich, das sozusagen hat, überwinden lassen?

Elena Semechin: Komplett. Das war genau das, was ich gebraucht habe, in dem Moment. Gib mir irgendwas und ich werde aus mir herausbrechen. Ich war ja damals sehr, sehr schüchtern und zurückhaltend und in mich gekehrt. Und als ich diese Chance gesehen habe, diesen Sport und diese Möglichkeit, die mir da geboten wurde. Durch die Schwimmerei. Habe ich gesagt, okay, wenn ich das mache, dann richtig, dann möchte ich aber auch Paralympicsiegerin werden, Dann ziehe ich das durch. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass ich das dann so lange mache. Ich meine, Ich habe ja dann 2021 meine erste Goldmedaille in Tokio geholt. Und ich dachte, okay, Jetzt habe ich mein Ziel erreicht. Das hat ein bisschen gedauert, zwölf Jahre, Aber ich habe es erreicht.

Aber nein, das steht übrigens auch auf meinen fünf Sachen, die ich gerne gewusst hätte. Ich hätte gerne gewusst, dass ich mich auf LA28 vorbereite. Ja, so schnell geht's. Also, ich bin wirklich schon seit einigen Jahren dabei. Und die Spiele in der L.A. Werden meine fünften Spiele sein. Das ist verrückt, wenn man das überlegt. Früher habe ich immer gesagt zu Menschen, die so lange Sport gemacht haben, Haben Sie kein anderes Leben. Und ja, ich habe irgendwie kein anderes Leben mehr. Es ist der Sport und das ist nicht nur der Sport, Das ist auch das Leben drumherum. Ich sehe mich inzwischen nicht nur als Elena-die-Sportlerin. Klar, ich mache noch Profisport, klar. Aber ich bin ja inzwischen auch Unternehmerin und Speakerin und habe einige soziale Projekte, die ich noch nebenbei betreue, auch durch meine Erkrankung mit dem Gehirntumor.

Habe ich jetzt auch einige Organisationen, die ich unterstütze, als Botschafterin, zum Beispiel. Und ja, mein Leben ist so vielfältig geworden. Auch jetzt, als Unternehmerin, ist es auch so ein... Komplett neues Leben für mich. Das ist auch übrigens auch noch so eine Sache. Ich hätte gerne gewusst mit 20, dass ich irgendwann mal Unternehmerin werde und eine eigene Firma haben werde. Dann würde ich vielleicht einen anderen Berufszweig damals wählen. Ich habe damals Physiotherapeutin gelernt und ich hatte Ja. Lieber kann man nicht sagen, es hat mir schon auch im Sport sehr geholfen, aber ich hätte mich gerne mehr mit Themen. Finanzen befasst, Firmenstrukturen, Steuern. All das, was ich jetzt Stück für Stück mir selber aneignen muss, hätte ich schon gerne früher gemacht.

Joël Kaczmarek: Okay, ich sehe schon, Wir wirbeln die fünf Dinge voll durcheinander, also, da hangeln wir uns so durch. Ich bin ja jetzt immer noch einen Ticken neugierig auf diesen Sport, weil ich habe mich so gefragt. Also, wenn man jetzt paralympisch schwimmt, wonach wird denn da sortiert? Also gibt es dann irgendwie eine Kohorte, Das sind alle Menschen, die nichts sehen, Eine Kohorte, Das sind Menschen, die irgendwie ein Bein oder ein Arm, oder vielleicht mehrere Gliedmaßen fehlen. Also gibt es da so eine Art Klassengruppierungen, Ligen? Wonach führt man das denn zusammen?

Elena Semechin: Ja, genau so. Wir haben verschiedene Startklassen. Wir haben die ganz Blinden, die schwimmen unter sich und dann haben wir zwei Sehbehindertenklassen. Das sind dann die etwas besser Sehenden bis zu 10 Prozent und die schlechter Sehenden unter 5 Prozent. Aber das ist immer sehr, sehr schwierig, weil diese Überprüfungsmethoden bei uns im Klassifizierungssystem ja recht einfach sind. Und da gibt es jedes Mal, Streit will ich nicht sagen, aber schon sehr viel Unruhen, weil man das einfach nicht so ganz klar definieren kann. Zum Beispiel. Und dann gibt es natürlich 1 bis 10. Die Stadtklasse 1 bis 10, Da sind die körperlich eingeschränkten und da wird auch, je nachdem, wie viele sie noch übrig haben, eins ist, Sie haben eigentlich fast nichts, also quasi Torso oder noch ein paar Stimmelchen.

Und sonst S10 ist dann zum Beispiel sowas wie ein Klumpfuß. Also, die sind schon wirklich sehr, sehr schnell auch unterwegs, schwimmen auch im Olympischen Bereich teilweise mit. Ja, und S14 haben wir auch noch, Da sind die geistig eingeschränkten. Also du siehst, Wir haben drei unterschiedliche Kategorien. Und ich muss auch sagen, Gerade in den Sehbehindertenklassen kommt es immer wieder zu großen Diskussionen, Weil sich ganz viele Sportler aus dem Olympischen Bereich ja reinschummeln können. Wir können einfach sich unterlagen, holen vom Arzt und sagen, ja, ich habe hier was. Und dann kommen sie zwar zur Klassifizierung, aber haben sich dann so mehr oder weniger reingecheedet. Und das ist wirklich bei uns ein großes Problem.

Neben dem Doping. Was man sowieso im Sport hat, Diese Betrugsfälle in der Klassifizierung. Aber das führt jetzt sehr tief in die Materie.

Joël Kaczmarek: Ich finde das total spannend, weil ich habe erst so gedacht, dass das, Ich habe mich dabei ertappt, dass ich auch mich gefragt habe, ob da nicht Leute simulieren und habe gedacht, ob das so eine typische Krankheit ist von Leuten, die gar nicht von einer Behinderung betroffen sind, dass man dann so etwas unterstellt. Aber es ist so ein reales Problem, was da herrscht.

Elena Semechin: Ja, ja, das ist ein absolut reales Problem. Das ist ja auch zum Beispiel bei den... Und Nährwahlen, Erkrankungen, Das kann man dann auch quasi manipulieren und die Krankheit zu einer schlechteren machen. Das kommt auch vor. Und bei den Sebin hatten die gesagt, man hat ja einfach mal, was mit den Augen. Man trägt irgendwie eine Brille, oder man sieht nicht ganz 100 Prozent. Und in manchen Ländern kannst du ja so eine Diagnose oder so eine Untersuchungsunterlagen einfach erkaufen. Und das wird dann eingereicht. Und damit kannst du dann zu einer Klassifizierung zugelassen werden. Und wenn du Glück hast und das gut geübt, hast. Diese Klassifizierungsverfahren kannst du dich dann reinschummeln, ja. Und dann mit den Sehbehinderten, die wirklich schlecht sehen, schwimmen, obwohl du eigentlich aus dem Olympischen Bereich kommst und ein Topsportler bist.

Joël Kaczmarek: Das ist schon hart unsportlich, finde ich.

Elena Semechin: Das ist schon unfair, ja, wirklich. Das ist schon bitter.

Joël Kaczmarek: Und wie ist so die, also? Wie kompetitiv ist dein Sport? Es ist sehr hart, auf dieses Niveau vorzudringen. Oder würdest du sagen, es ist schon ein merklicher Unterschied?

Elena Semechin: Es ist schon ein Unterschied da. Klar, und ich muss aber sagen, Das entwickelt sich Jahr zu Jahr. Immer mehr in Richtung Olympischen Sport. Also Das Niveau wird immer besser, und ich schwimme ja auch bei nichtbehinderten Wettkämpfen mit. Also, ich würde sagen, im deutschen Raum würde ich in einem Halbfinale bei den Deutschen Meisterschaften auch mitschwimmen.

Joël Kaczmarek: Krass.

Elena Semechin: Also, ich würde auch so unter die Top 15 der Deutschen Brustschwimmer auch reinkommen, wenn ich sogar Top 10, wenn ich fit, bin.

Joël Kaczmarek: Muss man nicht als Schwimmer gefühlt? 1,90 groß sein? Und so ein Kreuz wie so ein Ochse haben? Also bei den Männern, weil ich stand mal neben Franzi von Almsick, Die konnten mir auch den Kopf spucken. Also ist das nicht eigentlich größer, so ein Ding?

Elena Semechin: Ja, das stimmt. Ist man auch meistens so mit einem wirklich breiten Kreuz. Aber ich bin ja Brustschwimmerin, man sieht es mir auch eigentlich gar nicht an. Und ich schwimme aber ganz viel aus den Beinen. Deswegen bin ich auch wirklich unter den Schwimmerinnen eher so ein Lauchi. Ich könnte mich verstecken hinter den Mädels, Die Schmetzschwimmen oder Kraulen, weil die haben dann wirklich mehr Masse im Kreuz. Und ich sehe dann halt aus wie eine kleine Schwimmerin.

Joël Kaczmarek: Was hat man denn für Muskulatur beim Brustschwimmen, die man nicht beim Kraulen hat?

Elena Semechin: Ich schwimme das mehr aus den Beinen. Ich habe wirklich viel Power in den Oberschenkeln und schwimme das aus einem sehr, sehr guten Beinschlag. Und die Arme sind bei mir wirklich sehr schwach. Leider, aber ich arbeite dran. Ich habe ja gesagt, LA28 steht vor der Tür.

Joël Kaczmarek: Und wie gelingt einem das, wenn man fast nichts sieht im Becken? Also ganz krass ist, wenn man gar nichts sieht, dass man diesen Anschlag hinkriegt. Das ist dann auch mit Geräuschen, dass die irgendwie Summen Geräusche machen. Oder wie gelingt euch das, dass ihr genau diesen Punkt trefft?

Elena Semechin: Ja, es gibt Podcast. Das heißt, wenn du schwimmst, kannst du von deinem Trainer, der am Rand steht, angetippt werden. Quasi da übst du das vorher, Ein Meter, zwei Meter vorher, Wirst du angetippt und weißt, okay, jetzt kommt die Wand. Das habe ich aber bis jetzt noch nie ausprobiert. Ich habe mich immer gerne auf mich selbst verlassen. Ich mache das, indem ich zum Beispiel die Züge zähle. Als Broschonern kann man das recht gut machen. Aber das ist natürlich keine hundertprozentige Garantie, dass es am Ende auch wirklich eins zu eins aufgeht. So, das heißt, Ganz viel ist dann Routine und ja, auch Glück. Die Wände soll schon sitzen. Und dann, Der Anschlag ist dann eigentlich egal.

Da wirst du sowieso die schnellste sein. Und dann, wenn du dich verletzt, dann ist das so. Und ich verletze mich sehr oft. Ich habe mir eigentlich schon beide Hände auch gerissen, gebrochen. Ganz oft. Bänder, ja. Das passiert dann. Aber das Schwierigste ist gar nicht mal so die Wände oder der Start. Das Schwierigste ist wirklich, die Technik zu erlernen. Weil wenn du jetzt deine Augen zumachst und ich versuche, dir Ballett beizubringen, wie mache ich das, wenn du jetzt komplett blind wärst? Ich kann ja nichts zeigen. Das heißt, ich muss diese Bewegungsabläufe erst mal am Körper spüren. Das heißt, mein Trainer muss dann wirklich mein Handgelenk nehmen, zum Beispiel und das ganz speziell einstellen.

Und sagen, hier muss der Winkel noch zehn Grad weiter nach unten, nach oben, whatever. Und bei uns geht es ja wirklich um Perfektion. Das heißt, das sind keine großen Bewegungen, sondern minimalste Winkelveränderungen in den Gelenken. Und das dann zu verinnerlichen und ins Wasser irgendwann zu transportieren, bis zum nächsten Mal. Es ist schwer, sehr, sehr schwer, und das braucht sehr viel Zeit, sehr viel Geduld und ja, auch manchmal Fantasie.

Joël Kaczmarek: Ich mag den Sport irgendwie. Ich glaube, ich habe auch so ein bisschen eine besondere Beziehung zu, weil mein Opa war irgendwie jahrelang Präsident von, Ich glaube, erst Berliner und dann Deutschen Sportverband. Und ich habe dann irgendwann mal, als er gestorben ist, Die ganzen Postkarten noch gefunden, wo er immer von den ganzen Schwimmorten geschrieben hat, Irgendwelche italienischen Städte und Spiele waren und so. Cool. Ich finde, das ist ein sehr intensiver Sport. Also auch gibt ja so vieles im Wasser, was Krass ist, auch Wasserball. Oder also Turmspringen habe ich auch so meinen Respekt und so. Deswegen, Ich finde, Wasser ist schon irgendwie, also ganz ehrlich, wenn ich jetzt gerade so drüber spreche, denke, finde ich, hast du dir eigentlich was Krasses ausgesucht, weil Wasser ist ja eigentlich auch mit solchen Ängsten assoziiert. Also Ich weiß zum Beispiel, Für mich war damals, als ich ein kleiner Steppke war, Ich habe mich nicht getraut, vom Dreimeterbrett zu springen, habe deswegen so einen bekackten Fadenschwimmer nicht gekriegt. Und irgendwie jetzt, Wenn ich erwachsen war, bin ich aus Prinzip vom Fünfer gesprungen. Also, du hast dir ja sogar eine Sportart ausgesucht. Die dann noch so eine richtige Überwindung mit sich bringt, wenn ich darüber nachdenke? Oder hast du es gar nicht so empfunden?

Elena Semechin: Doch, absolut. Ich habe ja sehr spät erst Schwimmen gelernt. Erst mit 13 Jahren überhaupt. Vorher konnte ich ein bisschen Hunde paddeln.

Elena Semechin: Krass.

Elena Semechin: Ja, und Wasser war oder ist bis heute gar nicht mein Element. Das heißt, ich hatte vorher nie die Erfahrung gehabt, irgendwie in ein Schwimmbad zu gehen. Wir hatten gar keine Schwimmbäder. Und dann Auf einmal bin ich durch Zufall Ich hatte Sportabzeichen gemacht auf dem Internat, auf dem Ich war, aufgrund meiner Sehbehinderung. Und bei dem Sportabzeichen, Bei dem goldenen, war dann auch irgendwann Schwimm dabei. Und da habe ich gesagt, okay, ich kann es nicht, Aber ich kann einfach probieren, um mich nicht festzuhalten. Das war dann eben Hundepaddeln. Und so kamen wir dann auf diesen Weg, dass wir gesagt haben, ey, wir müssen ja schwimm beibringen. Das ist ja wichtig fürs Überleben. Ja, und dann, wie der Zufall, dass du willst, wurde ich irgendwann von der Bundestrainerin gesichtet, entdeckt. Und zum Lehrgang eingeladen, obwohl ich echt nichts konnte. Ich hatte eine unfassbar schlechte Technik. Wenn Du meinen Trainer fragen würdest heute, würde er sagen, mein Wassergefühl ist wie das eines Traktors.

Joël Kaczmarek: Heute immer noch.

Elena Semechin: Ja,

Elena Semechin: naja, klar, weil, guck mal, Die meisten Schwimmer lernen ja wirklich mit drei, vier Jahren schon schwimmen und die haben das ja, Ich sag jetzt mal im Blut, das Wassergefühl, was du ja wirklich entwickelst, Diese Feinmotorik im Wasser, dieses Feeling, dieses Greifen, Das fehlt bei mir komplett. Schade,

Joël Kaczmarek: Ich hätte gedacht, dass man das auch lernen kann. noch.

Elena Semechin: Ja, schon ein Stück weit, Aber im Leistungssport geht es ja um das Allerhöchste, Das Beste. Und das fehlt dann, Man merkt die Lücke. Aber bei mir ist es dann halt viel Disziplin gewesen, Viel Ehrgeiz. Und dann schafft man es irgendwie.

Joël Kaczmarek: Was mich nochmal interessieren würde, ist, Wie sind denn eigentlich deine Eltern so drauf gewesen und damit umgegangen? Also du warst ja eine Betroffene, aber du warst ja nicht die Einzige, du hast ja auch noch Geschwister. Vielleicht hast du ja da auch mal so einen kleinen Eindruck, wie das für euch als Familie eigentlich. Damals war. Jetzt haben wir deine Erfahrungen kennengelernt, Aber wie war die Familienerfahrung?

Elena Semechin: Ja, schwieriges Thema. Ich habe noch drei Geschwister, Die haben alle keine Sehbehinderung, auch sonst keine Behinderung. Ich bin die Einzige, weil ich ein Glücksbild in der Familie bin. Ich nehme alles mit. Und ja, das ist schon schwierig für meine Familie, das zu akzeptieren. Ich glaube, bis heute sogar. Sie fragen mich schon, wie es ist mit meinen Augen, Aber wenn Sie mitbekommen, dass es immer schlechter wird, dann geht es denen auch gar nicht gut damit. Übrigens, Meine Eltern leben ja jetzt wieder in Kasachstan, die sind ja wieder ausgewandert. Und wenn ich dort bin, können die Menschen dort nur schwierig mit diesem Thema überhaupt umgehen. Das heißt, sie gehen damit nicht so offen um wie ich, sondern ganz im Gegenteil. Die versuchen, das immer noch zu verstecken oder machen das dann eher so hinter meinem Rücken, dass Sie dann fragen, hey, wie sieht es mit Ihrer Augenerkrankung aus? Ja, das ist ein schwieriges Thema. Das ist für die noch schwer zu begreifen, dass man auch mit so einer Behinderung wunderbar erfolgreich, glücklich leben kann. Das ist einfach... Liegt wahrscheinlich nicht in ihrer Vorstellungskraft aufgrund der Mentalität, der Kultur. Und ich muss auch sagen, ich komme aus einem ganz, ganz kleinen Dorf. Das heißt, da tickt die Uhr eh anders. Also wenn ich mal dort bin und meine Familie besuche,

Elena Semechin: dann falle ich auf. Und ja, ich bin da schon so ein exotisches Früchtchen, würde ich sagen. Und ich bin da ja auch immer sehr direkt und offen. Und mit dieser Art können die dort auch nur schwer umgehen. Das kennen Sie so nicht. Und ich bringe da schon immer... Ohne Ruhe rein, aber auch in meiner Familie.

Joël Kaczmarek: Was glaubst du, ist das Gefühl, was bei den Leuten entsteht, wenn Sie diese Reaktion zeigen? Also, was steht dahinter? Ist es Angst? Ist es Unsicherheit? Ist es, was Unbekanntes? Was glaubst du, geht in den Menschen vor?

Elena Semechin: Ja, genau das, was du sagst. Es ist einfach diese fehlende Erfahrung, Fehlende Berührungspunkte mit so etwas. Und wir haben natürlich schon auch im Dorf mal gehabt, jemanden, der irgendwas hat,

Elena Semechin: eine Behinderung oder eine Erkrankung. Aber das wurde dann immer alles hinter der verschlossenen Tür gelassen. Und so nun jetzt ich als europäische Frau, die da völlig offen mit umgeht. Und wirklich damit ja auch an die Öffentlichkeit geht, das verstehen Sie halt nicht, weil das sich dort halt nicht so gehört, vielleicht.

Joël Kaczmarek: Aber ist auch wirklich, da merkt man ja eigentlich, Das, was du beschrieben, hast, dass man dann so separiert wird, das ist ja nicht nur schädlich für die Menschen, die separiert werden, sondern auch die, die sozusagen sowas gar nicht mitkriegen, also, dass denen eigentlich auch so eine Erfahrung fehlt. Wie ist denn das, wenn jemand eingeschränkt ist? Weil man könnte ja ganz viel daraus lernen, wenn man das miteinander begleitet.

Elena Semechin: Ja, gut, dass du das sagst. Na klar. Und ich sehe das ja auch ein Stück als meine Aufgabe, Die Menschen, die noch nie irgendwie mit einem Menschen zu tun hatten, der im Rollstuhl saß oder sitzt oder eine Behinderung hat, wie eine Seheinschränkung, whatever. Dann versuche ich, die Menschen wirklich abzuholen und sie aufzuklären. Zum Beispiel. Manchmal sind die Menschen ja aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung ja ein bisschen übergriffig. Also wenn ich so schon in der Bahn bin, alleine mit meinem Blindstock, Dann wollen die Menschen mir manchmal helfen und packen mich immer einfach und ziehen mich irgendwo hin, Zum Beispiel zum Freien Platz oder whatever. Und dann sage ich, Danke für die Hilfe, das ist nett, aber ich brauche die Hilfe nicht. Und bitte fassen Sie mich nicht erstmal an, sondern sprechen Sie mich erstmal an. Dann kann ich Ihnen ja sagen, ob ich die Hilfe brauche, weil es ist super unangenehm. Ich würde ja auch nicht einfach so einen fremden Menschen anfassen. Und da geht es ja schon los. Die machen das nicht aus Frechheit, und die machen das wirklich aus. Fehlender Erfahrung.

Joël Kaczmarek: Du hast vorhin so einen Satz gesagt, dass du meintest, Man braucht ein dickes Fell, wenn man mit einer Behinderung groß wird. Ich habe auch ganz oft diese Momente, dass ich leute Wahrnehmende, die so Videos machen, Postings machen, wenn es zum Beispiel so um Diversität geht. Gerade bei sexueller Orientierung ist es ja zum Beispiel auch oft so was. Ich glaube, viele Menschen, die jetzt zum Beispiel sagen, ich bin hier irgendwie genderneutral, Die sind immer so Hardcore genervt, sich dauernd erklären zu müssen. Und ich verstehe das auf eine Art auch. Und wieder auf eine andere Art denke ich mir so, naja, Aber wenn man natürlich eine geringe Prozentzahl an Menschen hat, die dieses Thema aufweisen, dann ist es, glaube ich, auch ein bisschen der Sache inhärent, dass es da eine Neugierde gibt. Und eine Unwissenheit und, und, und. Wie ist denn so dein Zugang dazu?

Elena Semechin: Ja, ich bin total dafür, dass eben die Minderheit, Wir müssen das als unsere Aufgabe ein Stück weit ansehen und sagen, ja, natürlich, Wenn wir so wenige sind und die Menschen noch nie, was davon gehört haben oder noch nie. Erfahrung Damit hatten, dann müssen wir sie doch abholen und aufklären. Weil wenn sie das dann einmal wissen, dann passiert denen ja das beim nächsten Mal nicht, wenn sie dann behinderten. Menschen sehen oder irgendwie mit Gendern irgendwie nicht mehr zurechnen. Die lernen ja dann draus. Und das wird ja nie wieder passieren. Das hatte ich auch schon so oft in meiner eigenen Geschichte erlebt. So unangenehm, wie es mir manchmal ist. Und manchmal hat man auch die Geduld nicht, jeden Einzelnen aufzuklären. Aber es wäre schon fair zu sagen, hey, ruhig aufklären und sagen, so bitte.

Joël Kaczmarek: Ich meine, wir drehen uns ja immer noch so. Um dieses erste Ding von Dir rum, dass du gesagt hast, du hättest gerne mit 20 gewusst, Dass diese Behinderung sozusagen zu überkommen, ist. Mich interessiert ein Thema daran noch, und das ist das Thema Selbstwert. Weil so, wie ich es jetzt von dir gelernt habe, Ist es so, dass dieser Sport dir so eine Selbstwirksamkeit gezeigt hat, dass du so Erfolgsmomente hattest, dass du irgendwie Leistungen bringen konntest und dann quasi da deinen Raum gefunden hast. Und daraus machst du jetzt wie so eine Blume, gehen ganz viele Knospen, irgendwie oder ganz viele Blutenblätter so auf. Ich frage mich trotzdem, wie ist es so tief in einem drin? Ist der Selbstwert dann sozusagen hoch und stabil? Und gehst Du mit Power durchs Leben? Oder merkst du, dass dieses Ausgegrenztsein, ein bisschen alienated, das eine Sonderlöckchen in der Familie, Spürst du das manchmal in Dir trotzdem noch?

Elena Semechin: Ich muss sagen, für mich ist es ja inzwischen Alltag. Ich vergesse das manchmal, dass ich was mit den Augen habe. Und meine Menschen, die mich eng begleiten, auch eigentlich. Aber ja, natürlich, wenn ich dann mal wieder in andere Kreise komme, wenn ich zu meiner Familie komme, wenn ich mit Menschen in Berührung komme, die keine Ahnung haben, triggert mich das schon manchmal. Und dieses Selbstwertgefühl, was ich mir jetzt mit der Zeit aufgebaut habe, kann manchmal so ins Schwanken kommen, Wenn dann Menschen überhaupt nicht bereit sind, das so anzunehmen. Das ist mir natürlich auch schon mal passiert. Und deswegen meinte ich, Dickes Fell, Es gibt dann einfach Menschen, für die das einfach nicht in Frage kommt. Dass jemand einfach so offen damit umgehen kann und der das einfach nicht will, warum auch immer. Und da muss man aber sagen, okay, dann ist das so, Dann ist man vielleicht traurig darüber, Aber hey, das Leben geht ja trotzdem weiter. Und ich habe so viel zu tun und so viele Sachen um mich herum, dass mich das dann gar nicht lange beschäftigt. Ich hacke das relativ schnell ab.

Joël Kaczmarek: Dein Eröffnungspunkt war ja, dass du gerne gewusst hättest, dass du daraus etwas Starkes machst. Was glaubst du, wäre anders in deinem Leben gewesen. Oder wie hättest du dich gefühlt, wenn du das schon mit 20 gewusst hättest? Oder als sich diese Krankheit leider gefunden hat, dass Sowas Draus wächst. Was wäre vielleicht anders gelaufen?

Elena Semechin: In dieser beginnenden Erwachsenenzeit hätte ich gerne vielleicht schon manche Sachen anders gemacht. Mit mehr Selbstbewusstsein, mit mehr Akzeptanz für mich selbst. Ich habe dann ja auch Freunde gehabt, die dann auch nicht wirklich wussten, dass ich es schlecht sehe. Ich habe das auch niemandem gesagt und habe das immer versucht, eben zu kaschieren. Und das hat mir halt so viel Energie gekostet. Weil ich mich dann verstellt habe. Ich war nicht ich. Und darüber bin ich eigentlich traurig, dass mir das Wichtige war, was die Menschen von mir halten, über mich denken, als das, was ich eigentlich bin. Oder wie ich überhaupt bin. Also, ich habe dann viel zu spät, auch für mich selber herausgefunden oder das auch wirklich gelebt, was ich bin. Und das finde ich so. schade.

Joël Kaczmarek: Jetzt hast du ja auch gesagt, du hättest auch gerne mit 20 gewusst, dass du mal Speakerin wirst. Was verbindet sich denn mit diesem Punkt für dich?

Elena Semechin: Ich bin super dankbar. Und erfüllt, dass ich meine Geschichte, meine Erfahrungen jetzt mit der Welt teilen darf. Und das sind ja nicht nur meine Behinderung oder meine Krebserkrankungen, wie ich daraus bestärkt, herauskomme, Sondern das sind jetzt auch inzwischen Strategien, die ich für mich aus dem Sport fürs Leben mitgenommen habe und aus meiner Geschichte. Das heißt, diese ganzen Werkzeuge, die ich über die Zeit mir angeeignet habe. Aus den Niederlagen, aus den Schicksalsschlägen, Krankheit, whatever, Dass ich dieses ganze Paket jetzt so für mich nutzen kann und damit auch mit anderen Menschen teilen kann. Und das erfüllt mich einfach mit Dankbarkeit, dass ich diese Möglichkeit bekomme, das alles zu teilen.

Joël Kaczmarek: Also eigentlich ist dein Thema so ein Stückchen Resilienz, höre ich daraus?

Elena Semechin: Ein ganz großes Stück, ja. Resilienz, auf jeden Fall.

Joël Kaczmarek: Also ich glaube, es ist prädestiniert, dass du über Sowas Vorträge hältst, weil ich glaube, Resilienz und Probleme überkommen ist, glaube ich, für viele Unternehmen ja, ein riesiges Thema. Was sind denn so die Methodiken, wenn du gerade sagst, du hast aus dem Sport oder aus deinen Schicksalsschlägen. Dinge gelernt, Techniken, die du jetzt anbindest, Wie sehen die denn zum Beispiel aus?

Elena Semechin: Der erste wichtige Punkt ist, dass man sich darauf einstellt, dass Probleme, Schicksalsschläge, whatever, auf uns zukommen werden. Davor ist keiner geschützt. Krankheit, Sonst was, Pleiten, Das ist einfach so. Das gehört zum Leben dazu. Und man kann sich aber darauf freuen, dass das eines Tages passiert, weil das ist das beste Learning, was uns passieren kann. Das heißt, wir werden Schmerz erleiden, Trauer, Wut. Aber genau das wird uns die Möglichkeit geben, uns neu zu sortieren, daraus zu lernen und mitzunehmen, okay. Was habe ich daraus gelernt, was soll ich ändern, damit mir das beim nächsten Mal nicht mehr passiert. Zum Beispiel, Ich habe 2016 bei den Spielen in Rio, bin ich als Favoritin angereist und habe aber versagt.

Ich war zwar körperlich total fit, aber mental war ich nicht so weit. Und dann haben mir die Nerven versagt, bei meinem Start. Und das hat unfassbar Zeit gekostet, um das zu verarbeiten. Aber als ich das dann verstanden habe, dass das die größte Lehre für mich in meiner sportlichen Karriere war. Und dass ich bis heute davon profitiere, und ich meine Werkzeuge daraus mitgenommen habe. Das heißt, ich habe dann ganz... Punktuell an den Sachen gearbeitet, in mich hineingeguckt, warum habe ich versagt. Daran gearbeitet. Und seitdem ist mir das nicht passiert. Aber wichtig ist eben, das nicht auf jemand anderen zu schieben oder ausreden zu suchen. Man muss da wirklich ganz intensiv in sich hineingucken, in seine eigenen Abgründe und sagen, ey, das lag an mir, Ich habe hier versagt und ich muss an mir arbeiten.

Und ich werde daraus lernen, und ich werde daraus bestärkt. rausgehen. Weil wir haben immer selber die Wahl, welchen Weg wählen wir. Den einfacheren oder den schwereren. Das war auch damals bei der Krebsdiagnose genauso. Ich wusste, ich kann einfach alles aufgeben und sagen, der Krebs ist da. Ich höre mit dem Sport auf, mit meinem Leben. Ich muss mich jetzt um meine Krankheit kümmern. Aber ich habe gesagt, nein, Ich bin der Chef über mein Leben und ich werde weiterhin meinen Sport machen. Ich werde die Therapie überstehen, und dann werde ich mich zurückkämpfen. Weißt du, was ich meine? Es liegt an uns, unser Mindset zu formen, unsere Gedanken. Gedanken abzurufen und zu sagen, ich werde nach vorne gucken, ich werde daraus kämpfen, ich werde daraus, was lernen, Ich werde mir Hilfe holen und dann aber mit lösungsorientiert.

Nach vorne blicken.

Joël Kaczmarek: Naja, Ich glaube, das eine, was du gesagt hast, ist Verantwortung übernehmen. Und das andere ist, glaube ich, Eine Gestaltungsrolle gehen. Also zu sagen, Ich gestalte das hier, und ich habe sozusagen den Einfluss darauf, wie ich das entwickeln möchte.

Elena Semechin: Exakt, ja.

Joël Kaczmarek: Ich überlege gerade, ob es dafür irgendeine Voraussetzung braucht oder einen… Man muss ja auch mal gucken, wenn man natürlich in der Situation sitzt, Ist es ja was ganz anderes, als wenn man außerhalb ist. Also sich auf eine Krise vorbereiten, ist das eine, in der Krise. Stecken ist ja wieder was anderes, so das eine. Und das andere ist, Ich glaube, es kostet schon Kraft, Überwindung, Mut, Ich weiß gar nicht, was es für eine Eigenschaft ist, um Sowas anzunehmen und dann in eine gestaltende Rolle zu gehen. Hast du Theorien dazu oder hast du eine Überlegung, was es ist, dass es dir gelungen ist, Sowas anzunehmen und zu überkommen?

Elena Semechin: Es muss einem klar sein. Dass Angst dazu gehört. Und Angst ist wichtig, zu empfinden. Und dieser Druck, den wir ja auch manchmal haben von außen oder den man sich selber macht, Das gehört auch dazu. Genau das bringt uns voran, das treibt uns an. Wir müssen nur aufpassen, dass wir die Kontrolle über die Angst behalten. Das ist ja bei mir auch so. Wenn ich an den Start gehe und es sind 17.000 Zuschauer, Ich habe nur eine Minute Zeit, um alles abzuliefern, was ich die Letzten 4, 8, 10 Jahre Trainiert habe, Dann herrscht ein unfassbarer Druck dahinter und Erwartungshaltung der Presse, der Sponsoren, Mein ganzes Leben hängt davon ab, von dieser einer Minute. Und natürlich habe ich Angst, ich bin irgendwo zwischen Leben und Tod, körperlich und geistig, Aber du musst diese Kontrolle beibehalten, Diese Angst so für dich zu nutzen, dass du funktionierst. Und das kannst du dir stückchenweise erarbeiten, indem du in solchen Situationen, die vielleicht nicht ganz so extrem sind, Es gibt ja auch Ja, Situationen, die vielleicht nicht ganz so ausschweifend sind, Kannst du das immer wieder für dich mental im Hinterkopf behalten? Und so einsortieren. Weißt du, was ich meine? Dass du sagst, okay, Ich habe gerade Angst, ich habe gerade Stress und Druck, Ich habe aber immer noch die Kontrolle darüber. Und das ist entscheidend, dass man sagt, ich habe die Kontrolle darüber.

Joël Kaczmarek: Ja, bei mir ist es auch so. Ich bin, glaube ich, jemand, der, Ich habe sogar ein Wort dafür gelernt. In dem Extrem ist vielleicht nicht so gesund. Hypervigilant, Das heißt immer auf Gefahren scannt. Wenn dein Nervensystem eigentlich immer gepolt ist, zu gucken, Ob alles okay ist. So bin ich quasi groß geworden auf eine Art. Das heißt, ich gucke mir natürlich, also ich versuche, Sachen zu antizipieren. Das ist eine Strategie, Aber natürlich bei Krisen ist ja der Impact, dass eigentlich was aufkommt, was nicht mehr antizipierbar ist, Was da ist, was sozusagen rumst. Und du hast es nicht kommen sehen, oder vielleicht hast du es sogar kommen sehen, aber konntest nichts dagegen tun. Ich denke gerade so darüber nach, weil ich habe das auch oft, dass ich sehr funktional bin. In Krisensituationen. Ich könnte aber nicht sagen, warum ist das so? Also, ich könnte dir keine Anleitung geben, Joëls Kleines Einmaleins, um zu funktionieren, Wenn die Scheiße in den Ventilator geflogen ist. Weißt du, was ich meine?

Elena Semechin: Ja, ja. Naja, weil du über die Jahre dir da eine eigene Strategie entwickelt, hast, wie du dann eben mit dieser Krise umgehst und nicht den Kopf in den Sand steckst. DEIN Leben... Hat dich ja geprägt und du hast ja deine Werkzeuge Stück für Stück, Da müsstest du dich jetzt natürlich mit dir selber auseinandersetzen und gucken, wo hast du halt? Viel gelernt dazu.

Joël Kaczmarek: Wie war das bei dir, wenn Du gesagt, hast, dass Rio so der Downturn war? Wie sah denn dein Prozess aus, das aufzuarbeiten?

Elena Semechin: Ich habe das erstmal versucht, zu verstecken. So einen Hintergrund zu drücken und sagen, ja, dann bin ich halt schlecht, Dann funktioniert es halt nicht, dann lasse ich es halt sein. Das war übrigens auch der einzige Moment, wo ich ans Aufhören gedacht habe. Sonst nie in meiner Karriere. Nicht mal, als ich sechs Wochen Bestrahlung und 13 Monate Chemo hatte und wo klar war, das ist eigentlich schwierig, wieder zurückzukehren. Aber da, weil man einfach so emotional überfordert war mit dieser ganzen Situation und nur emotional agieren wollte. Aus diesen Impulsen heraus. Und ich habe dann irgendwann mich aber wirklich gefasst und hatte dann einige Gespräche auch geführt. Ich hatte dann auch einen Mentalcoach, und irgendjemand hat mich dann auf diesen Gedankenweg wieder zurückgebracht, den ich ursprünglich hatte, mit meinem Ziel.

Und was ich alles dafür mache. Und dann habe ich mich neu sortiert. Ich hatte dann wirklich ein Tief. Und Tiefs sind auch extrem wichtig für uns Menschen. Weil das gibt uns die Möglichkeit, uns nochmal neu zu sortieren. Und genau das habe ich wahrscheinlich in der Phase gebraucht. Ich war wirklich am Boden und habe mir dann die Zeit genommen, habe mich komplett nochmal neu ausgerichtet und habe gesagt, okay, ich werde das noch nicht aufgeben. Ich habe mein Ziel noch nicht erreicht. Ziele sind extrem wichtig für uns im Leben. Ich gebe uns ein Stück. Struktur und Orientierung, Da sage ich auch immer wieder bei meinen Vorträgen, Wie wichtig Ziele sind, ob im Unternehmen oder im Berufsleben oder im Sport, whatever, unfassbar wichtig.

Und dann habe ich gesagt, okay, mein neues Ziel, Tokio 21. Und dann habe ich das durchgezogen, nochmal.

Joël Kaczmarek: Jetzt hast du ja gesagt, dass dieses Speaker-Sein für Dich so relevant ist. Und ich glaube, da steckt ja mehr drin. Also, da steckt ja auch so ein gewisses Senden, was zurückgeben drin. Sozusagen Prägung weiterreichen. Was ist daran für dich bedeutungsvoll? Oder wie lebst du das? Wie fühlst du das mit Leben? Weil ich finde, Speaker kann man immer machen, so nach dem Motto, Fülltes Konto, ja? Fair enough. Hab Was Krasses erlebt, wollen Leute hören, Cash, zack, Dann ist es so ein Tausch. Aber bei dir vielleicht nicht.

Elena Semechin: Also klar, Finanzierung ist auch ein wichtiger Punkt, weil leider im Parasport die Förderung nicht ausreichend ist. Und gerade jetzt auch für mich als frische Mama. Das ist übrigens auch auf meiner Liste, die ich gerne mit 20 gewusst hätte, dass ich während meiner sportlichen Karriere noch Mama werde. Ich habe mich ja ganz bewusst dazu entschieden, weil es mir wichtig war. Ich wollte unbedingt Mama werden und gerade nach der Erkrankung wusste ich nicht, wie lange habe ich da noch. Und es kann ja bei mir noch sein, dass der Krebs zurückkehrt. Deswegen habe ich gesagt, okay, dann nach den Spielen in Paris werde ich Mama. Und dann ist mir richtig bewusst geworden, dass das überhaupt keine...

Unterstützungmöglichkeiten gibt, auch für Sportlerinnen, die in ihrer Karriere Mama werden. Und jetzt zum Beispiel nutze ich ganz explizit diese Speaker-Rolle, als auch dafür, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Thema Regelung, Mutterschutz, gibt es gar nicht. Und ich nutze meine Stimme, um eben darauf aufmerksam zu machen. Oder dass im Parasport es wirklich teilweise sich um prekäre Situationen, Lebenssituationen handelt, bei den Sportlern, die sich nicht mal ihren Leistungssport erlauben können. finanziell. Und natürlich verdiene ich auch damit mein Geld, klar. Man muss sich als Parasportler anderweitig aufstellen. Das habe ich dann auch irgendwann recht spät verstanden, Wie wichtig das ist.

Deswegen habe ich dann auch die Firma gegründet. und, Aber ja, Von der Grundförderung kann man leider sonst nicht davon leben.

Joël Kaczmarek: Was machst du denn eigentlich für ein Unternehmen? Weil dein drittes Ding war ja, du hattest gar nicht gewusst, dass Du Unternehmerin bist. Was ist denn deine Unternehmung?

Elena Semechin: Es ist inzwischen eine Sport und Marketing GmbH. Ich berate Verbände, Nachwuchssportler, Hobbysportler oder auch einfach Menschen, die Sport machen möchten, unabhängig von Wettkämpfen oder sonst was für sich. Wir beraten, ja, wir machen so eine sportphysiologische Beratung, und ich mache auch Medienberatung. Gerade wenn auch Nachwuchssportler das erste Mal mit Verhandlungen in Kontakt kommen, Zum Beispiel Sponsoren. Und welche Summen und welche Partner sollen es sein oder welche Medien, wie verhalte ich mich? Also genau dieses Coaching bieten wir an.

Joël Kaczmarek: Das ist ganz lustig. Wahrscheinlich machst du ein bisschen das, was mir auch so passiert, ist. Ich habe für mich, also Leute sagen mal, du bist ein Podcast. Und in meiner Denke ist das gar nicht so, weil ich mir denke so, herr, nie. Ich bin eigentlich so ein neugieriger Mensch, und ich bin irgendwie ein Medienunternehmer. Ich mache Dinge, ich unternehme etwas. Und durch Zufall ist jetzt Podcast Mein Medium dafür. Aber hätte auch was anderes sein können, ja. Und habe dann aber festgestellt, ja, Ich habe das nie als mein Chor, ich habe mein Thema immer als mein Chor verstanden, aber nicht das Medium. Aber ich habe dabei natürlich ganz viel gelernt, was ich jetzt weitergeben kann. Und es ist wahrscheinlich bei dir genauso. Dein Chor ist eigentlich Schwimmen, aber du kannst jetzt ganz vieles weitergeben. Was du eigentlich so on the Fly für dich selber gebraucht hast, was quasi deine eigene Medizin war. Ist ein bisschen so, oder?

Elena Semechin: Ja, absolut. Genauso ist das. Ich habe unfassbar viel gelernt, auch gerade, weil ich sehr unerfahren war, als ich die ersten Verträge geschlossen habe. Auch einige Fehler gemacht, wirklich gravierende Fehler gemacht, aus denen ich dann auch wirklich bitter lernen musste.

Joël Kaczmarek: Was sind so zum Beispiel?

Elena Semechin: Naja, Knebelverträge unterschrieben. Zum Beispiel, aus denen es dann schwierig rauskam. Ja, mit den Medien, Da muss man natürlich auch erstmal reinwachsen, wie man sich dann verhält, wie man ein Interview vernünftig führt und wie man verhandelt. Und sowas. Das muss man alles mit der Zeit lernen. Wenn du davon noch nie was gehört, hast und am Anfang vielleicht auch kein Management hattest. Oder ich wollte das auch nicht komplett über eine Agentur laufen lassen. Irgendwann war mir das wichtig, dass ich das selber verstehe. Ich wollte dann quasi selber die Verhandlungen führen und ich wollte selber in diese ganze Business-Bubble eintauchen. Und habe gesagt, hey, warum kann das eine Agentur, Warum kann ich das nicht? Und mich hat das dann irgendwie super interessiert, weil es geht, ja schließlich um mich. Ich will da nicht nur das Werbegesicht sein, sondern ich möchte dann auch wirklich verstehen, was dahinter steckt und nicht einmal nur vor der Kamera stehen. Und deswegen hat mich das dann total... Mitgenommen. Und ich habe gesagt, okay, Dann werde ich mich da jetzt einarbeiten und mich selber vermarkten und managen. Das mache ich ja jetzt auch selber für mich. Also mein Unternehmen vermarktet und managt mich auch selber. Also ich mich in dem Fall.

Joël Kaczmarek: Wenn ich jetzt nochmal ganz kurz so im Kopf Revue passieren, lasse, Also. Wir haben gesagt, du hättest gerne mit 20 gewusst, wie es ist, diese Behinderung zu bekommen oder dass du das kannst, dass Du Speakerin wirst, dass Du Unternehmerin wirst. Und dann hast Du gesagt, dass Du Mama wirst.

Elena Semechin: In meiner Karriere, genau.

Joël Kaczmarek: So.

Elena Semechin: Ja.

Joël Kaczmarek: In der Karriere, also, das ist nochmal der wichtige Zusatz. Generell Mama werden ist es gar nicht, sondern parallel zu dem, was du tust. Ja,

Elena Semechin: das ist entscheidend. Das ist entscheidend, weil ich muss auch sagen, es gibt nur sehr wenige Muttis, Gerade so aus dem Schwimmbereich, die sich trauen, in ihrer Karriere Mama zu werden, Weil wirklich es überhaupt keine Regelungen dazu gibt. Also theoretisch.

Elena Semechin: Ich war ja letztes Jahr bei der WM nicht dabei, aufgrund meiner Schwangerschaft. Ich habe also den Saisonhöhepunkt verpasst. Was bedeuten würde, Ich würde meinen Kaderplatz verlieren und daran alle gebundenen Fördermaßnahmen auch. Es gibt keinen Schutz. Wenn du da nicht an den Start gehst, bist du aufgeschmissen. Bei mir wurde jetzt eine Sonderregelung getroffen, Aber das macht mich nicht glücklich. Also klar, ich bin dankbar dafür, Keine Frage. Aber ich möchte, dass das für alle anderen Frauen auch möglich gemacht wird, Dass Sie sich keine Sorgen machen müssen und sich nicht diese Frage stellen. Darf ich, kann ich es mir leisten, in meiner sportlichen Karriere Mama werden oder muss ich abwarten, bis ich meine Karriere beendet habe?

Joël Kaczmarek: Naja, da kommt ja wahrscheinlich noch mehr hinzu. Wenn du sagst, du arbeitest selber die Beine, Also was im Beckenboden passiert bei so einer Schwangerschaft, wenn man jetzt auch nicht gerade Kaiserschnitt macht. Und und und, ist ja wahrscheinlich auch für deine Leistungsfähigkeit gar nicht mal so ohne, oder?

Elena Semechin: Natürlich, das macht schon, was mit dem Körper, absolut. Und ich meine... Du bringst ein Kind auf die Welt, das ist ja wirklich eine heftige Erfahrung gewesen. Aber es ist ja vorübergehend. Es ist ja keine Verletzung. Also klar, Eine kurze Verletzung, schon, aber das heilt ja alles unfassbar, schnell. Und du bist dann wieder zurück im Sport. Also, ich habe dann wirklich auch sieben Wochen nach der Entbindung angefangen zu trainieren. Und der Körper passt sich ja komplett an. Also, der bildet sich komplett zurück und du kannst dann so weitermachen wie bisher. Dauert Halt nur ein bisschen, aber rein? Theoretisch ist es jetzt keine größere Verletzung in dem Sinne, dass du dann nicht mehr leistungssportfähig bist.

Joël Kaczmarek: Und ich glaube, um diesen Punkt jetzt adäquat verstehen zu können, was du gerade gesagt hast. Mit dem Kindkriegen, gehört auch dazu, dass wir mal dieses Krebsthema noch ein bisschen beleuchten, weil ich so den Eindruck hatte, dass da ein Motivationselement auch drin steckte. Jetzt dürfen wir mal ehrlich sein, Ich glaube so von den Urängsten, die Menschen haben, Hast du schon mal zwei voll getroffen. Augenlicht verlieren und Krebs haben, ist da, glaube ich schon hoch im Kurs. War es vielleicht sogar so, dass dadurch, dass du das mit den Augen schon mal durch hattest, dass du sowas leichter wegstecken konntest, als wenn es sozusagen völlig aus dem Kalten gekommen wäre? Oder war das wirklich so? Mit 120 gegen die Wand ballern?

Elena Semechin: Ich glaube, die Urängste, die wir haben, ist ein großer Punkt, dass wir Angst haben vor dem Tod. Da ist es erstmal egal, was du dann hast, warum du stirbst, sondern wirklich die Angst vor dem Tod. Und dadurch, dass ich irgendwie durch die Erkrankung, Sehbehinderung und auch sonst so mein Leben, war, Nicht ganz so einfach In der Kindheit, hatte ich, glaube ich, schon nie so diese Furcht gehabt. Klar, in gewisser Weise schon, Aber ich habe mich schon auch damit auseinandergesetzt. Und als ich diese Diagnose bekommen habe, das war ja kurz nach meinem Sieg bei den Spielen in Tokio, Das heißt, ich war da wirklich auf Wolke sieben, Da kam die Diagnose aus nichts. Und es hat mich natürlich getroffen. Das hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Das war völlig unerwartet. Und durch meine ganzen Vorerfahrungen, aus meinem Leben davor und aus den ganzen Erfahrungen aus meinen Rückschlägen, Hatte ich ja schon ein gewisses Werkzeug. Und als ich dann ein paar Tage gebraucht habe, mich ausgeheult habe, Natürlich ist man traurig und ängstlich, wenn man so eine Diagnose aus dem Nichts bekommt.

Elena Semechin: Aber ich habe mich dann relativ schnell gefasst und habe gesagt, okay. Die Frage zu stellen, warum ich, bringt mich nicht weiter. Ich muss das mal wieder akzeptieren, Thema Akzeptanz. Und dann nach vorne blicken, lösungsorientiert. Also bin ich dann mit meinem ganzen Trainingsplan und Saisonplanung zum Arzt gegangen,

Elena Semechin: habe gesagt, gut, Wir machen jetzt die OP, dann die Bestrahlung und dann ist 13 Monate Chemo. Hier ist mein Kalender, hier sind meine Reisekarten. Sie sind meine Wettkämpfe, Trainingslager geplant. Wir müssen die Chemo so anpassen, dass ich mein Leben noch parallel führen kann. Und das war natürlich auch für die Ärzte total komisch, weil sie das bis jetzt auch so nie hatten. In so einer Form. Aber das ist genau das, was ich meine. Dass wir uns da eben nicht absinken lassen in diese Trauerphase und diese Angstphase, Sondern dass wir dann sagen,

Elena Semechin: okay, ich habe immer noch die Kontrolle darüber. Ich entscheide, ob ich das angehe und nach vorne blicke oder halt nicht. Und dann habe ich ganz schnell mich zusammengefasst und gesagt, okay, dann brauche ich ein Ziel. Ich brauche ein Team, was mich unterstützt. Ich habe dann gesagt, mein großes Ziel ist dann, meine Goldmedaille zu verteidigen. Das war dann 2024 in Paris. Das war mir noch zu wenig. Ich habe dann irgendwann gesagt, ich möchte auch noch einen neuen Weltrekord aufstellen. Und das war grüßenwahnsinnig. Das war Grüßenwahnsinnig und so kennt man mich auch irgendwie. Und alle haben den Kopf geschüttelt, das war unmöglich. Eineinhalb Jahre hatte ich dann nur noch Zeit, um mich komplett nach der Krebserkrankung wiederherzustellen und Top-Leistungen abzuliefern. Aber ich Spoiler jetzt für alle, die mich nicht kennen, ich habe es geschafft. Ich habe in Paris die Goldmedaille verteidigt und einen Weltrekord geschwommen.

Joël Kaczmarek: Jetzt mal ohne Flachs, Wie Irre muss man denn sein? Also zu sagen, Ich steuere hier mein Leben, ist ja das eine, Aber wenn du Chemo machst, da musst du ja ans Becken kotzen wie nix, Also, wie warst du denn da, leistungsfähig und dann noch zu sagen, nö, Top-Weltniveau, halten, verteidigen und noch ausbauen um den Rekord, Also Du bist sozusagen nicht, you didn't step back, you stepped forward, also das ist ja.

Elena Semechin: Ja, ich weiß auch nicht, von welchen geisten ich da geritten wurde. Und das war wirklich... Ich habe das gebraucht, in diesem Moment. Ich war so down und ich war so, alles schien hoffnungslos. Und auch meine Umgebung hat das auch irgendwie schon so abgestempelt. gehabt. Und da habe ich gesagt, nee, ich möchte das so nicht stehen lassen. Ich möchte das, ich habe das auch für mich gebraucht. Ich habe gesagt, okay, Ich brauche diesen Antrieb. Und dann ist das eben, indem ich mir so ein hohes Ziel gesteckt habe. Und natürlich hatte ich Phasen, wo ich, wie du schon sagst, ins Becken, ins Becken habe ich nicht gekotzt, Sonst hätte man das Becken sperren müssen, aber halt dann zu Hause, ja. Aber es hat mir unfassbar Kraft gegeben, diese Therapie durchzustehen, weißt du, Ich bin dann ins Training gefahren, ich habe gar nicht trainiert, ich habe teilweise wirklich in schlechten Phasen, war ich nur am Beckenrand und habe Dehnung gemacht, was überhaupt irrelevant war in der Phase. Aber das hat mir diese Hoffnung und Zuversicht gegeben und gesagt, ja, ich habe... Mein Geist quasi damit ausgetrickst und gesagt, natürlich bin ich kaputt und am Ende und Null Energie. Ich war ja heute auch beim Training. Das hat mir halt, weil diese Routine beizubehalten, die ich so kannte aus meinem Sport als Sportlerin, hat mir unfassbar viel Kraft gegeben.

Joël Kaczmarek: Weil ich auch so gedacht habe, bei so einer Krankheit würde ich mal denken, dass dann angesagt ist, okay, Jetzt steht das ganze restliche Leben still, Jetzt konzentriere ich mich auf den Überlebenskampf. Aber bei dir war es genau das Gegenteil, so. Also meinst du, dass das so ein bisschen der Schlüssel auch für dich war?

Elena Semechin: Ich hatte ja ein paar Tage, wo ich wirklich gedacht habe, okay, boah, Ich weiß nicht, wie ich das bewältigen soll. Also, und das war auch so ein Art Tief, was ich da erlebt habe. Aber das ging dann bei mir relativ schnell wieder hoch, weil ich diese Zeit nicht verschwenden wollte, jetzt auch noch damit. Und deswegen habe ich mir ja recht schnell gesagt, okay, ich komme da raus. Ich habe mich da selber dann rausgezogen und habe gesagt, ich gucke nach vorne, ich versuche es. Ich habe sehr an mich geglaubt. Und ich hatte dann ein, zwei Leute in meiner meine Umgebung, unter anderem. Ja, auch mein Mann und mein Trainer, das ist ja, und inzwischen auch mein Manager, also 3 in 1, Das ist ganz praktisch.

Und auch der Vater meines Sohnes. Jetzt hörst du das nicht mehr, ne? Ja, ich wollte es nur kurz erwähnen. So, darauf wollte ich hinaus. Achso, genau. Ich hatte die Leute um mich herum, die dann eben auch an mich geglaubt haben und gesagt haben, ey, Wenn Sie das sagt, dann wird sie auch alles dafür tun, Berge versetzen, um das zu erreichen. Und deswegen habe ich gesagt, okay, wir schaffen das. Und ich habe dann wirklich nur noch nach vorne geblickt. Und als ich diese Krankheit und diese Nachbehandlung, die wirklich unfassbar lang gedauert hat, eineinhalb Jahre, überstanden habe, Natürlich alles mit Unterstützung der Ärzte, Alleine hätte ich das nicht gemacht. Ich habe dann viel im Höhentrainingslager wieder trainiert, um meine Blutwerte wieder aufzubauen.

Die waren ja wirklich komplett im Keller. Und das war eigentlich das, was meine Stärke war, Die Ausdauerfähigkeit. Die wurde mit der Chemo komplett zerstört. Ich wusste aber, ich habe Experten an meiner Seite und wir werden das hinkriegen. Unter anderem eben im Höhentrainingslager. Und da waren auch die Ärzte total begeistert, Wie schnell das ging. Auch wenn es für mich die Hölle war, Aber es hat sich gelohnt. In Paris hat es sich gelohnt.

Joël Kaczmarek: Was heißt denn Höhentrainingslager?

Elena Semechin: Das heißt, wir trainieren auf 2300 Metern. Das ist in den Bergen des Sierra Nevada in Spanien, in Andalusien. Es sind auch übrigens ganz viele Radfahrer, auch jetzt. Tour de France, Die ganzen Fahrer. Also, einige davon haben wir jetzt auch schon oben getroffen. Du trainierst dort, du lebst dort, schläfst dort, und wir sind so drei bis vier Wochen oben. Und da wird komplett aufgrund des Sauerstoffmangels dein Blutsystem angekurbelt. Das heißt, Rückenmark bildet dann ganz, Ganz viele neue Blutkörperchen. Also ohne jetzt tiefer in die Materie zu gehen. Das ist das natürliche Doping da oben. Das heißt, wenn du dort lebst und trainierst und dann runterkommst, AUF C-Level quasi, Hast du einfach diese unfassbare Energie und diese Sauerstofftransportfähigkeit. Doping wäre es, wenn du oben dir das Blut Podcast und unten wieder quasi einführst in den Körper. Ah, echt? Das wäre Doping.

Joël Kaczmarek: Ah, echt?

Elena Semechin: Ja.

Joël Kaczmarek: Ach, okay, Ich habe immer gedacht, Doping sei nur Stoffe zuführen. externe.

Elena Semechin: Ja, oder eben angereichertes Blut.

Joël Kaczmarek: Ah, okay, das ist gar nicht krass. Bist du da höhenkrank geworden?

Elena Semechin: Nein, gar nicht. Das habe ich auch gedacht, das könnte passieren, weil ich ja wirklich ganz, ganz schlechte Werte hatte. Aber dadurch, dass ich die Jahre davor extrem viel in der Höhe verbracht habe, kannte mein Körper das. Aber ich musste natürlich ganz, ganz anders trainieren und das ganze Training ganz anders aufbauen, weil ich jetzt ja ein ganz anderes Ausgangsniveau hatte. Aber mit den Ärzten und mit meinem Trainer an der Seite, der da auch wirklich inzwischen ein Experte ist, würde ich sagen, haben wir das mit ganz viel Feingefühl ganz vorsichtig hingekriegt.

Joël Kaczmarek: Mal blöde Frage, was für einen Krebs hast du denn eigentlich gehabt? Und wie wurde der entdeckt?

Elena Semechin: Ich hatte ein Astrozytomgrad 2 bis 3 in der vorderen Linken Gehirnhälfte. Der lag am Sprachzentrum, Motivationszentrum und Persönlichkeitszentrum, Also eigentlich all das, was sich ausmacht. Ich hatte Kopfschmerzen, auch schon vor den Spielen in Tokio und hatte auch Sehstörungen. Jetzt bin ich natürlich zum Arzt gegangen und habe gesagt, ich habe Sehstörungen. Das ist halt schwierig, wenn du nur noch zwei Prozent siehst und blind bist, zu sagen, ich habe Sehstörungen. Da kommt keiner auf die Idee, ich könnte Krebs haben. Und dann habe ich gesagt, Naja, gut, dann ist es halt so, muss ich halt irgendwie jetzt mitleben. Und wenn du dich auf so eine Spiele vorbereitest, dann achtest du so wenig auf die ganzen Signale, weil du hast dann nur eins im Kopf, Das Rennen, Das entscheidende Rennen. Ja, und dann irgendwann nach den Spielen wurden die Kopfschmerzen immer doller. Und irgendwann kamen auch koordinative Störungen. Und da ich ein bisschen aus dem Bereich Physiotherapie komme und ein bisschen Fachwissen habe, wusste ich, Da stimmt irgendwas nicht. Ich bin dann noch aus Paris, da habe ich dann Urlaub gemacht, nach Hause geflogen, direkt zum Arzt, zum MRT. Und dann kam die Diagnose Gehirntumor.

Joël Kaczmarek: Und sag mal, was du so erzählt, hast, du hattest ein Ärzteteam. Ich habe immer so den Eindruck, Unser medizinisches System ist so, dass Du ja eigentlich nur... Also... Dass so eine Flut, die einfließt auf diese ganzen Ärzte und die dann auch noch irgendwie so gebundene Hände haben durch dieses ganze Gesundheitssystem, in dem Sie stecken. Ich habe eigentlich mal den Eindruck, dass die So 15.000, Also nicht sieben Teller am Drehen halten, sondern eher 1500. Wie kann man sich da einem einzelnen Menschen eigentlich adäquat widmen? Wie fällt man da nicht durchs Raste? Hast Du da so ein bisschen einen Startvorteil gehabt durch deine Sichtbarkeit, durch diese Art, wie Du aufs Leben zugehst? Oder ist es gar nicht so schlecht, wie ich das denke?

Elena Semechin: Also ganz grundsätzlich muss ich sagen, dass das Gesundheitssystem in Deutschland schon gut ist. Ich kenne das aus anderen Ländern, da ist es furchtbar, wirklich. Gerade aus meiner Heimat, da willst du nicht im Krankenhaus landen, glaub mir. Glaub ich. Ja, also deswegen jetzt das Mal vorab gesagt, aber ich muss auch gestehen, durch die Sportmedizin an der Charité. Hier in Berlin kannte man mich natürlich, weil ich bin dort ständiger Gast, Wir müssen uns da auch jedes Jahr checken lassen. Und der Professor Wohlfahrt kannte mich natürlich sehr gut aus dem Sport. Und als ich dann mit der Diagnose kam, war das natürlich ein Schock. Auch für sie, weil Sie haben mich engmaschig kontrolliert. Es ist niemandem aufgefallen. Und dann kommt plötzlich sowas. Ja, und dann natürlich auch durch den Namen, durch die Erfolge, Durch die Kontakte, die ich dann ja auch in der Charité hatte, ging das unfassbar schnell. Und ich bin unfassbar dankbar für diese Möglichkeit, dass man mir so schnell helfen konnte und dass mich die Ärzte dann auch wirklich so individuell betreut haben. Das ist wirklich... Ein sehr, sehr großer. Dank geht hier auch noch mal raus. Und Sie haben mich ja bis zu den Spielen auch mit begleitet und das alles möglich gemacht.

Joël Kaczmarek: Saßen die auf der Tribüne?

Elena Semechin: Leider nicht, die Ärzte nicht. Aber einige von meinen Sponsoren und Familien und Freunde waren zum ersten Mal da und haben mich live schwimmen sehen.

Joël Kaczmarek: Und dann hast du da sozusagen den Tod bezwungen. By the way, Das lässt sich rausoperieren, da so sensitiv, wo das ist.

Elena Semechin: Ja, das war eben die Schwierigkeit. Man konnte das nicht ganz ... Exakt rausschneiden, weil das ein diffuses Astrozytom war, Was bedeutet, Man konnte das von dem gesunden Gewebe nicht unterscheiden. Das heißt, sie haben dann das Gröbste rausgeschnitten. Und deswegen kam dann die lange Nachbehandlung mit sechs Wochen Bestrahlung und 13 Monate. Chemo, um eben noch sicher zu gehen, dass alle Krebszellen getötet werden.

Joël Kaczmarek: Du stehst jetzt aber unter dem Risiko, dass es wiederkommen kann? Ja,

Elena Semechin: 99 Prozent.

Joël Kaczmarek: Mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit kommt das wieder?

Elena Semechin: Ja, ich mache auch alle halbe Jahre in Kontrolle, Mati.

Joël Kaczmarek: Wie fühlst du dich mit so einer Zeitbombe?

Elena Semechin: Ach, ich würde das gar nicht als eine Zeitbombe beschreiben.

Joël Kaczmarek: Ist gar nicht so? Okay, entschuldige bitte.

Elena Semechin: Guck mal, wenn ich immer daran denken würde, Ich könnte ja bald wieder Krebs haben, dann kann ich mich direkt ins Grab legen. Das stimmt. Also das wäre ja wirklich eine Zeitverschwendung im Leben, oder?

Joël Kaczmarek: Ja, das stimmt.

Elena Semechin: Deswegen, also ich meine, Ich kann ja auch morgen vom Bus überfahren werden, Das ist mit meiner Blindheit auch gar nicht mal so unrelevant, ja. Also von daher, Es macht einfach keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn es soweit ist, kann ich darüber sprechen und darüber denken, aber jetzt habe ich es ja nicht.

Joël Kaczmarek: Also bist du da rausgegangen, bist dem Tod von der Schippe gesprungen, hast wieder mal sozusagen, diese Resilienz aufgebracht. Und dann bist du mit dem Gedanken rausgegangen, jetzt möchte ich ein Kind haben, um was zu hinterlassen.

Elena Semechin: Ja, also auch Krebs war ein Learning für mich. Ich wünsche niemandem Krebs, ganz klar. Aber auch da habe ich gesagt, okay, was kann ich Positives daraus mitnehmen? Und es war zu einem, dass ich gesagt habe, mir ist richtig bewusst geworden, wie kurz meine Lebenszeit überhaupt ist und dass ich nichts mehr auf später verschieben möchte. Ich habe ja auch aufgrund meiner Sportkarriere immer gesagt, ich mache das danach oder später. Oder whatever. Und jetzt sage ich, nee, ich mache jetzt die Sachen, die ich machen will, mache ich jetzt. Vielleicht gibt es gar keinen später mehr. Das war ein wichtiges Learning für mich. Und die andere Sache war, Wenn ich das schon alles durchlebt habe mit dem Krebs, dann kann ich doch jetzt meine Erfahrungen mit anderen Menschen, die jetzt aktuell betroffen sind, frisch, oder die Familienangehörigen oder Freunde, Ich kann doch jetzt meine Erfahrungen, mit denen teilen und sagen, hey, du bist nicht alleine.

Und gemeinsam stehen wir das durch. Ich kenne das alles und kann das weitergeben. Thema Kind, Ich habe dann ganz bewusst gesagt, ja. Ich möchte, wenn das alles abgeschlossen ist, und ich mein großes Ziel mit dem Weltrekord erreicht habe, möchte ich dann Mama werden. Und manche sagen, das ist egoistisch, Aber ich finde das okay. Das ist für mich wichtig gewesen, dass ich ein Kind bekomme, um einfach, was von mir dazulassen auf dieser Welt.

Joël Kaczmarek: Hast du trotzdem ein bisschen Bedenken, weil wenn dein Thema ja genetisch ist, dass du nichts sehen kannst, dass das da auch so sein könnte?

Elena Semechin: Bei meinem Kind? Ja. Auch damit habe ich mich befasst und habe einen Gentest machen lassen, vorab. Die Wahrscheinlichkeit besteht zu 25 Prozent, Dass Klausi das auch bekommt. Also, Klaus heißt Mein Sohn.

Joël Kaczmarek: Managebar, würde ich sagen, im Vergleich zu den 99 Prozent.

Elena Semechin: Ja, aber auch da habe ich gesagt, eigentlich egal, was dabei rauskommt, Auch wenn er die Sehbehinderung zu 100 Prozent gekriegt hätte, ich hätte es trotzdem gemacht, weil, wie ich jetzt auch selber weiß, man kann wunderbar damit leben.

Elena Semechin: Deswegen habe ich mich ganz bewusst dazu entschieden.

Joël Kaczmarek: Ich habe bei dir so ein paar Mal so Formulierungen gehört. Wieder mal ich. Ich bin da irgendwie anders. Ich bin die Einzige von so und so vielen Geschwistern. Wie geht es dir so innerlich damit? Hast du manchmal so das Gefühl gehabt, mit dir stimmt, was nicht? Oder Du hast irgendwie einen besonderen Pfad für dich gewählt, so Deine Seele? Weißt du, was ich meine? Also bei dem, was dich alles schon erwischt hat, kann man ja durchaus, könnte ich verstehen, wenn du sagst, ich fühle mich hier irgendwie so ein bisschen außerhalb der Reihe.

Elena Semechin: Ich finde das schön, weil man ist anders und ich habe dann auch wirklich gelernt, anders sein ist eigentlich total cool. Man fällt auf, Man kann daraus viel mehr machen und man kann das genießen, Man kann das für sich als Stärke nutzen. Das, was ich ja jetzt auch mache. Ich arbeite damit, Ich inspiriere Menschen damit, ich gebe Menschen Kraft, Zuversicht, Mut. Und mich selbst erfüllt das auch komplett. Und ich weiß, ich bin nicht umsonst auf dieser Welt.

Joël Kaczmarek: So, Und jetzt muss ich mal ganz kurz Mathematik machen. Also, mit 20. Gerne gewusst, dass du diese Behinderung überkommen kannst, was es bedeutet, dass Du Speakerin wirst, dass Du Unternehmerin wirst, dass Du Mama wirst. Haben wir eins nicht noch vergessen?

Elena Semechin: Ich hatte noch zum Schluss, glaube ich, mir überlegt, Ich hätte gerne gewusst, dass ich mich auf die Spiele 2028 vorbereite, weil ich eben gedacht habe, Oh, Gott, wer macht denn so lange Sport? Das wären ja meine fünften Spiele, Überleg, dir das mal. Die sind ja alle vier Jahre, für alle, die das nicht wissen, gerade. Alle vier Jahre haben wir die Paralympics und die Olympischen Spiele. Ja, hätte ich damals das gewusst, hätte ich mich da auf eine sehr lange Reise begeben. Und was ich auch gerne damals gewusst hätte in dem Zusammenhang L.A., Dass ich danach gerne eine Auszeit nehmen würde, auf einem Segelboot. Ich habe jetzt für mich entdeckt, dass ich gerne einfach mal auf einem Segelboot von A nach B schippern möchte. Mit der Kraft der Natur, ganz minimalistisch auf einem kleinen Bötchen, was mein Zuhause ist. Und ich möchte ja auch gerade ein Buch schreiben, oder ich bin gerade dabei, ein Buch zu schreiben, Was dann auch 28 rauskommen soll. Und ich werde das dann vielleicht auch verbinden.

Joël Kaczmarek: Diktierst du, und dann lässt du dir vorlesen Oder wie ist das dann?

Elena Semechin: Ja, Unter anderem. Also, ich bin ja so ein Fan von digitalen Geräten. Das heißt, ich habe auch Blindschrift nie gelernt. Ich benutze, ich will jetzt keine Werbung machen, aber ich benutze viele Apple-Produkte. Das ist für mich wirklich, Was Barrierefreiheit angeht, Favorite. Und da gibt es so viele Einstellungsmöglichkeiten, ohne irgendwelche Software, die ganze Zeit runterladen zu müssen. Und das ist super. Du kannst da diktieren, du kannst das vorlesen lassen, Du kannst auch Sachen scannen und das formatiert dir das direkt um in Text. Und das ist einfach optimal. Aber ich kann natürlich auch tippen, das geht auch.

Joël Kaczmarek: Gut, das tippst du, klar, macht Sinn. ¿Aber ¿warum 28 LA? Also ich meine, du hast ja gesagt, Der Höhepunkt war eigentlich schon da, verteidigt und ein Weltrekord. Du kannst da einen Haken eigentlich hinter machen.

Elena Semechin: Ja. Gut aufgepasst. Eigentlich habe ich schon alles erreicht. Ich muss nichts mehr beweisen, weder mir noch jemand anderem. Aber jetzt bin ich ja Mama geworden. Ich habe ja immer irgendwie eine neue Herausforderung gehabt. Krebs und Behinderung. Und whatever, Niederlagen. Und jetzt ist es halt die neue Herausforderung, dass ich in der Karriere Mama geworden bin und mich ja jetzt extrem. Dafür einsetze, dass eben diese Regularien angepasst werden für alle Sportlerinnen, die in ihrer Karriere Mama werden möchten. Jetzt muss ich das natürlich auch beweisen, dass man... Zurückkommen kann und erfolgreich sein kann. Auch nach einer Babypause.

Joël Kaczmarek: Okay, dann warte mal. Was kommt denn dann nach Gold und Weltrekord? Doppelgold?

Elena Semechin: Naja, Auf jeden Fall möchte ich dann meine Goldmedaille verteidigen. Ja, das ist ganz klar. Dann aber mit einem größeren Team. Mein Klausi kommt dann mit.

Joël Kaczmarek: Süß. Dann ist der Drei so ungefähr. Ja,

Elena Semechin: und ich muss dir sagen, ich muss wirklich jetzt ganz ehrlich sagen, es ist sehr herausfordernd. Ich komme teilweise an meine Grenzen. Körperlich und auch mental mit so einem Baby, alles unter einen Hut zu bekommen, Profisportlerin zu sein, gute Mama zu sein, Geschäftsfrau zu sein, meine Firma zu führen. Es ist heftig. Und das habe ich unterschätzt.

Joël Kaczmarek: Aber was ist das denn mal für ein schönes Statement fürs Muttersein, Wenn sozusagen, da mehr Anstrengung drin liegt, also Du schaffst eher einen Weltrekord und Gold mit Krebs als mit einem Kind. Das ist sozusagen schwieriger. Ja,

Elena Semechin: das darf man nicht unterschätzen. Das ist wirklich heftig und das habe ich unterschätzt, aber wirklich, bevor ich schwanger geworden bin.

Joël Kaczmarek: Und was ist es, was dich sozusagen, da so an die Grenze führt? Ist es der Schlafmangel? Ist es die Verantwortung? Ist es irgendwie das Emotional? Was ist es?

Elena Semechin: Ja, das ist eine Mischung von all dem. Natürlich Schlafmangel ist ein wichtiger Faktor, aber es fehlt diese Balance zwischen der Erholung, Weil Du kannst dich nur im Sport weiterentwickeln, wenn Du eine... Gute Balance zwischen Belastung und Erholung. Und das gibt es bei mir aktuell noch nicht, weil, wie gesagt, mein Kind ist erst zehn Monate. Und natürlich muss ich auch ganz viel für ihn da sein. Das ist mir auch wichtig, ich möchte das auch. Aber das heißt, Nach so einer harten Trainingseinheit kann ich nicht kurz nach Hause mich hinlegen, sondern da muss ich für mein Kind da sein. Und am Anfang, zu Beginn, als sich das Comeback quasi aufgebaut hat. Nach der Entbindung, war es auch emotional, sehr schwierig für mich, mein Kind alleine zu lassen, wenn es noch an mir quasi wortwörtlich hängt.

Ich habe noch gestillt und ich war unfassbar emotional in dieser Phase. Ich hatte auch so eine kleine Wochenbett-Depression, will ich nicht sagen, aber mir ging es einfach schlecht. Ich habe viel geweint und war so traurig. Und diese Phase hat mich auch sehr geprägt, muss ich sagen. Aber ich gehe auch damit offen um und sage, das ist halt, so. Das ist einfach was Krasses, wenn man einfach ein Kind produziert und auf die Welt bringt. Und ich weiß, das hängt von mir ab und ich muss für ihn da sein. Ich möchte es ja auch, aber ich habe noch so viele andere Aufgaben. Und da diesen Spagat zu machen, zwischen all den Dingen, Das fällt emotional so schwer und dann auch irgendwann körperlich.

Joël Kaczmarek: Ich bin der Meinung, Es gibt so ein paar Erfahrungen im Leben, Wahrscheinlich Krebs. Leider auch, aber vor allem Kinder, die man erst versteht, wenn man Sie durchmacht.

Elena Semechin: Ja.

Joël Kaczmarek: Kann man zwar intellektuell begreifen, Ich werde wenig schlafen, ich muss mich nach dem Kind regeln, bla, aber wie es sich anfühlt, wenn du drinnen steckst, merkst du erst, wenn es da ist.

Elena Semechin: Da bin ich ganz bei dir, ja.

Joël Kaczmarek: Gibt es irgendwas zum Abschluss unseres Gesprächs, was für dich noch spannend wäre, zu wissen? Weil ich mich die ganze Zeit so ein bisschen dabei ertappe, ob ich dich die ganze Zeit nach Sachen frage, die du schon hundertmal erzählt hast. So Krebs, nicht sehen können, Was bedeutet es zu schwimmen? Steckt noch, was in dir, was wir heute vielleicht noch mitnehmen können, wo du sagst, das ist eigentlich total spannend, aber ich rede da gar nicht so viel drüber?

Elena Semechin: Naja, Mein neues Projekt mit dem Segelboot, Das ist noch sehr, sehr frisch. Das habe ich noch gar nicht oft irgendwo in den Medien, erzählt. Wir haben ja jetzt auch erst unseren Segelschein gemacht. Wir konnten bis dato gar nicht segeln. Und mein Mann hat dann während meiner Schwangerschaft einen Segelschein gemacht. Ich dann als Blindpassagier mitgeübt. Ich darf ja offiziell keinen machen. Aufgrund der Sehbehinderung. Und jetzt hat er quasi die ganzen Prüfungen gemacht und hat auch seinen Schein. Und ich bin jetzt quasi so als... Anhängsel mit dabei und kann ein bisschen segeln, Aber natürlich nicht offiziell mit einem Schein. Aber wir können trotzdem, wenn wir das üben, uns auf die See begeben. Und das finde ich irgendwie so spannend, weil das ist, glaube ich, dann nochmal so ein neues Kapitel. Wir drei auf so einem Boot.

Joël Kaczmarek: Was ist es denn? Wie kommt das zu euch? Wie wird das zu euch gefunden?

Elena Semechin: Ich glaube, wenn man 15 Jahre total am Ackern ist und immer nach vorne und immer Leistungsdruck und immer abliefern, immer wieder ohne Pausen. Ich hatte dann irgendwann Ähm... Ein Buch gelesen, Ich glaube, Siebenfarbenblau, hieß das Buch, und das hat mich so abgeholt. Das war kurz vor den Spielen in Paris. Das war so eine ganz heiße Phase, wo auch unfassbar viel Druck war. Selbst verschuldet natürlich, weil ich das so ins Ziel gesteckt habe. Und die Presse war natürlich ganz heiß drauf, ob man das schaffen kann? Nach so einer Krebsdiagnose. Und das Buch hat mich so geerdet und hat mich so beruhigt. Und ich habe mir das so in meinem Kopf, Ich habe eine blühende Fantasie, habe ich mir das so vorgestellt. Und da habe ich gesagt, okay. Genau das möchte ich auch mal erleben. Einfach mit meinem Boot von Küste zu Küste schippern. Für mich alleine. Oder mit der Familie natürlich.

Joël Kaczmarek: Da sagst, du was Interessantes. Wie war denn dann die Resonanz, wenn du sagst, Presse war da ganz hungrig drauf. Und dann hat es ja wirklich noch geknappt mit so einem bombastischen Knall. Wie war dein Leben danach?

Elena Semechin: Ich hatte natürlich ein wildes Leben danach mit vielen Presseanfragen, Einladungen. Mehrere Monate danach noch die ganzen Sachen abgearbeitet. Ich hatte dann bis Januar, quasi im September waren die Spiele und bis Januar habe ich dann noch durchgearbeitet. Ja, das war eine sehr intensive Phase.

Joël Kaczmarek: Ich würde sagen, war es ein sehr intensives Leben, auch, oder?

Elena Semechin: Das habe ich. Mir wird nie langweilig, wie du siehst. Immer ist irgendwas los bei mir.

Joël Kaczmarek: Also, Elena Semechin. Gucken, kriegen wir noch zusammen. Also, mit 20 hätte sie gerne gewusst. Erstens, wie es ist, wenn man die Behinderung überkommt, dass es auch ein Leben jenseits dessen gibt. weit. Zweitens, dass du mal Unternehmerin wirst. Drittens, dass du mal Speakerin wirst. Viertens, dass du während der Karriere Mama wirst. Und fünftens, dass sich das sogar noch mal bis nach Los Angeles 2028 treibt. Und von dort aus, dann direkt aufs Segelboot. Kann man mal so stehen lassen. Vielen Dank.

Elena Semechin: Ich danke dir für den interessanten Austausch.

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