
Karriereplanung 🎯: Wie gestalte ich die Karriere, die mich glücklich macht?
13. Februar 2026, mit Joël Kaczmarek, Vanessa Laszlo
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Joël Kaczmarek: Hallo Leute, hier ist Joël und ich sitze wieder mit der wunderbaren Vanessa Laszlo zusammen. Ihr wisst, das ist die Person, die euch dabei hilft, wenn ihr so richtig effektiv und schlagkräftig kommunizieren wollt. Und wir nehmen uns ja immer schöne kleine Bits vor aus der Führungspraxis. sprechen die durch, schön kompakt, mit konkreten Anleitungen. So, und heute hat uns der gute Stefano geschrieben. Stefano haben wir natürlich auch wieder von der Redaktion ändern lassen, den Namen. Und Stefano fragt, wie treffe ich gute Karriereentscheidungen, wenn alle Optionen gleichzeitig Chancen und Risiken bergen? So, da haben wir ja einen spannenden kleinen Knuss hier vor uns, liebe Vanessa. Aber erst mal schön, dass du da bist.
Vanessa Laszlo: Ja, vielen Dank, Joël, hallo alle.
Joël Kaczmarek: Ich würde ja mal ehrlich gesagt mit so einer ganz dekonstruktivistischen Art starten. Nämlich, er fragt ja, wie treffe ich gute Karriereentscheidungen? Was ist denn eigentlich eine gute Karriereentscheidung? Das war so die erste Frage, die mir kam. Was ist so deine Antwort darauf?
Vanessa Laszlo: Meine Antwort ist, die Frage ist eigentlich, wie treffe ich Entscheidungen in Unsicherheit? Und eine gute Entscheidung, um jetzt deine Frage erstmal zu beantworten, ist eine, die nicht nur nach äußeren Faktoren eine Antwort findet, sondern die erstmal einen guten Kontakt zu der eigenen inneren Landkarte hat. Was ist mir eigentlich wichtig in diesem Entscheidungsdilemma und was sind dabei eigentlich meine Nordsterne? Also welche Filtervariablen will ich denn jetzt setzen, anhand dessen ich jetzt so ein Entscheidungsparadigma durchgehe? Weil das Dilemma, und deswegen finde ich die Frage gut, das kriegst du ja nicht durch eine Pro-Con-Liste. Das ist ja der Klassiker, auch bei den Kunden, die ich immer habe, die setzen sich dann ganz fleißig hin, weil das sind natürlich alles kluge, gebildete und trainierte Menschen und die machen dann halt Pro- und Con-Listen und realisieren dann nach drei, die nach vier Seiten. Tja, dass man das halt so nicht entscheiden kann. Warum? Weil was eigentlich fehlt, ist die persönliche Gewichtung. Was ist dir denn wichtig? Wenn du eh remote arbeitest, dann ist die Distanz zum Arbeitsplatz irrelevant. Wenn du aber gerade noch andere Lebensthemen auf dem Schirm hast, die genauso viel Gestaltungskraft wie deine Karriere brauchen, ist vielleicht jetzt der Mega-Move, der dir eine Rampe gibt bis zum Mond, vielleicht auch nicht so relevant. Also es braucht einfach dieses Alignment mit deinen subjektiven Kriterien der Bedeutsamkeit. Was ist gerade für dich wichtig? Ist jetzt gerade wichtig Karriere oder Family, um jetzt mal so ein Klassiker zu bedienen? Ist gerade wichtig zu wachsen oder sich zu stabilisieren? Das ist auch für mich so ein Klassiker. Ich kenne so viele Leute, die sich scheuen, einen Sidestep zu machen, weil sie in sich so die lineare Logik von der Krebszelle haben. Es muss immer nur nach oben gehen. Es muss nur besser werden. Ich brauche mehr People-Verantwortung. Ich brauche mehr Budget, mehr sonst was. Und es ist so schwer zu sagen, okay, und ich mache jetzt einen Sidestep. ganz bewusst und ich konsolidiere erst mal, wer ich bin und was ich habe. Und das ist ganz oft aber im zweiten Schritt voll die Rakete.
Joël Kaczmarek: Okay, also welche Entscheidung nährt mich mehr und mal so zurück übersetzt, welche Entscheidung kostet mich mehr? Also wenn ich sozusagen so Gesamtkosten mal ausmache, ne?
Vanessa Laszlo: Ja.
Joël Kaczmarek: Ich meine, da steckt ja jetzt auch ein anderer Faktor drin. Das hast du ja ein bisschen schon mit deinen Excel-Sheet-Listen machenden KlientInnen beschrieben, nämlich Risikomanagement. Also, weil was der Stefano ja hier schreibt, ist ja, es hat beides Chancen und Risiken. So, und der Mensch neigt ja gerne mal auf die Risiken zu schauen. Wie kann ich quasi bei Karriereentscheidungen mein Risikomanagement optimieren?
Vanessa Laszlo: Ja, und es wird nicht durch so eine klassische SWOT-Analyse passieren, weil du brauchst eben A, diese innere Anbindung und B, du hast es eben gerade schon genannt, also unser Gehirn sucht Sicherheit. Aber echte Entwicklung braucht halt Kontakt mit Unsicherheit. Und deswegen wäre das schon mal ein ganz, ganz wichtiger Shitfilter zu überlegen. Was will ich eigentlich mit diesem nächsten Schritt erreichen? Ist es ein Wachstumsschritt oder ein Konsolidierungsschritt? Das ist, finde ich, eine ganz, ganz wichtige Entscheidung, die ich erstmal treffen muss. Weil Wachsen bedeutet Unsicherheit, Wachsen bedeutet außerhalb von Komfortzone, Wachsen bedeutet Labilisierung.
Joël Kaczmarek: Ich meine, worauf ja die Frage aber abzielt ist, kann ich bei Karriereentscheidungen Risiko managen und wenn ja, wie?
Vanessa Laszlo: Ich kann Risiko nicht vermeiden, ich kann Risiko verteilen, aber ich kann es nur tun, wenn ich einen inneren Standpunkt habe, weil Risikofaktoren sind individuelle Faktoren.
Joël Kaczmarek: Ich meine, ansonsten ist ja so das Ding, wenn ich jetzt wieder, ich habe mal seine Klienten jetzt vor Augen, wie die so da sitzen wollen, eine SWOT-Analyse machen wollen, irgendwie Pros und Contra. Und was ja ganz oft so drinsteckt in dieser Denke ist ja Datengetriebenheit. Ich brauche nur mehr Daten, dann kann ich es besser entscheiden. Ist das so ein Faktor, dass wenn sich jetzt der Stefano, der mehr Daten holt, dass er dann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bessere Karriereentscheidungen trifft?
Vanessa Laszlo: Nein, ich vermute, und das ist der Klassiker, mit mehr Daten wirst du immer unsicherer, weil du eigentlich denkst, deine Ratio sagt, guck mal, du hast jetzt hier alles schwarz auf weiß, du hast es sogar schon sortiert, du hast es sogar schon konnotiert in Plus und Minus, in Entwicklungsfelder, in Risiken, in Challenges, in weiß der Geier was. Warum kannst du dich nicht entscheiden? Weil letztendlich eine Entscheidung ein emotionaler Akt ist. Und deswegen ist diese innere Verbindung. Verbindung zu deiner Landkarte und zu dem, was für dich jetzt wichtig ist und welche große Wette du auf dein zukünftiges Ich abschließt, das ist eigentlich der zentrale Filter. Wer willst denn du sein? Wer wirst denn du mit dieser Entscheidung? Ist aus meiner Sicht eine ganz, ganz zentrale Frage. Weil jede gute Entscheidung, alles was wirkt, wirkt ja neben dem beabsichtigten Haupteffekt auch auf Nebenwirkungen. Also wenn wir nur lapidare Babyentscheidungen treffen, dann sind wir nebenwirkungsfrei, aber wir sind auch wirkungsfrei. Das heißt, diese Frage, so spezifisch sie daherkommt, berührt ja ein Grundrauschen eines Dilemmas, in dem wir alle stehen. Wenn wir entscheiden, substanziell mitzuspielen, dann haben wir halt leider Nebenwirkungen. Und eine gute Entscheidung, um jetzt deine initiale Frage endlich mal komplett zu beantworten, ist natürlich eine, wo der Haupteffekt nicht von den Nebenwirkungen übertönt wird. Und das ist gerade bei Karriere ganz häufig nicht der Fall, weil Leute nach externen Kriterien wählen. Die wählen letztendlich auch fassadäre Gründe und sagen, oh Mann, ich habe jetzt so eine schnelle Karriere gemacht, ich kann auf keinen Fall verlangsamen, weil das bedeutet ja einen Makel. Ja, damit werde ich ja weniger erfolgreich. Oder ich habe jetzt schon... bei jedem Schritt so und so viel mehr Geld verdient. Also auf keinen Fall, also ich wechseln, ich bin zwar todunglücklich und auch schon halb krank deswegen, aber ich wechsel nur, wenn ich viel mehr Geld verdiene als jetzt. Das sind so ganz Klassiker, die ich fast jeden Tag höre und die aus psychologischer Sicht falsch sind, weil sie die eigene innere Bedürfnislage gar nicht mit operieren. Die Nebenwirkungen sind viel zu hoch von diesen Entscheidungen. Das wird halt irgendwann laut. Du bist kreuzunglücklich, weil du deine Kinder zu selten siehst. Du merkst, du bist hier voll in so einem Korsett an Management-Themen. Dabei wolltest du eigentlich nur die Organisation vorantreiben und bist jetzt hier nur noch in Reporting-Pflichten und Save-My-Ass-Meetings. Alle diese Dinge, die musst du vorher ins Rampenlicht stellen. Wer willst du eigentlich sein und wer willst du werden? Und passt diese nächste Karriereentscheidung eigentlich zu deinem Plan?
Joël Kaczmarek: Das andere ist, glaube ich, Dass so diese Retrospektive natürlich da ist. Ich habe für meine Karriere jetzt schon so viel investiert. Wenn ich da jetzt Fehler mache, komm mal dann. Was antwortest du denn so jemandem, der vor dir sitzt und sagt, nein, auf keinen Fall würde ich einen Karriereschritt annehmen, der nicht mindestens mehr X oder mehr Y bietet?
Vanessa Laszlo: Ich sage, ein Denkfehler wird nicht besser, wenn man den perpetuiert. Ja, das ist natürlich eine Falle. Ein total klassischer, gut erforschter Denkfehler. Je mehr ich investiere, desto weniger bin ich bereit, mich zu entfernen. Ist ja klar. Das ist nicht nur ein Dilemma in Beziehungen, das ist ein Dilemma beim Lottospielen und das ist ein riesen Karrieredilemma. Du kannst dir einfach nicht vorstellen, loszulassen, weil verdammt, du hast jetzt so viel investiert und da hängt schon so viel Unglück dran, dass du nicht loslassen kannst. Und das ist schlichtweg falsch, nachweislich falsch.
Joël Kaczmarek: Was passiert in so einer Situation, wenn du im Prinzip zu jemandem sagst, du pass mal auf, du machst gerade einen Denkfehler, du nimmst sozusagen deine Reise bisher und schaust es ressourcenbasiert an und denkst, du machst einen Rückschritt, wenn, mach mal lieber so, also was... Was setzt dann ein bei den Menschen?
Vanessa Laszlo: Die emotionale Reaktion ist natürlich persönlichkeitsabhängig, von leichtem Ärger bis großem Erstaunen. Aber es setzt natürlich einen Prozess ein, den ich dann gut begleite, nämlich zu sagen, bevor wir jetzt den Kopf zuschalten, wo es wieder um Strategie geht, um Positionierungsfragen, um Verhandeln, schauen wir mal Herz und Bauch an. Also Bauch ganz wichtig als metaphorischer Sitz der Intuition. Was ist denn deine intuitive Positionierung dazu, ohne Zensur, ohne zu rationalisieren? Da kommt echt auch Content Gold raus. Das sind ganz oft ganz, ganz treffsichere Positionen, die sich später auch rational nochmal validieren lassen. Und Herz als Metapher für alles Gefühlte. Was ist emotional gerade in deinem Leben wichtig? Und bietet diese Entscheidung ausreichend Raum und Fülle für diese Wichtigkeiten? So, und wenn wir diese Grundlage haben, dann gehen wir auf die Ebene von Kopf, auf die Ebene von Strategie und überlegen nochmal, was heißt denn das jetzt im Gesamtportfolio deiner bisherigen Karriere, was heißt denn das im gesamten Spektrum deiner karrierebezogenen Ziele und wie übersetzen wir das jetzt in eine gute Positionierungskommunikation?
Joël Kaczmarek: Gibt es eine gute Übung, die der Stefano machen könnte, um zu sowas zu kommen? Oder braucht es dafür immer das Sparring mit einer zweiten Person?
Vanessa Laszlo: Ich glaube, bei so Dingen ist es gut, nicht allein zu sein, weil ein blinder Fleck wandert halt mit. Den kriegst du nicht, wenn du dich umdrehst. Und es gibt aber trotzdem eine wundervolle Übung, nämlich Dinge zu tun, die scheinbar keinen Effekt haben, wie Spazierengehen. Wie Zeit für sich nehmen, wie in diesen gruseligen, unskalierbaren Bereich zu treten, der für Menschen, die so auf Verwertbarkeit getrimmt sind, einfach scary ist. Dinge tun, die dich in Kontakt mit dir bringen. Und die deinem Gehirn ein neues Muster erzwingen.
Joël Kaczmarek: Wenn man über Entscheidungen spricht, gibt es ja zwei Arten von Entscheidungen. Die einen sind reaktiv und die anderen sind aktiv oder man könnte es auch sagen gestaltend.
Vanessa Laszlo: Ja, es gibt Reaktionsentscheidungen und sogenannte Gestaltungsentscheidungen. Es gibt natürlich noch jede Menge mehr, aber die sind natürlich gerade in Bezug auf Karriere wichtig. Also so eine klassische Reaktionsentscheidung ist, ich finde keine persönliche Antwort, sondern ich reagiere auf Begebenheiten. Ah, jetzt bin ich schon so weit gekommen, dann ist jetzt der zwangsläufig nächste Schritt. jetzt bin ich in dem Gehaltsband, da muss ich natürlich beim nächsten Schritt auf jeden Fall weiter. Ach, guck mal, jetzt bin ich zwei Jahre schon in der Position, der durchschnittliche Wert der Verweildauer hier in diesem Kontext ist zwei Jahre, dann muss ich jetzt wohl weiter. Und Gestaltungsentscheidungen sind halt von innen. Wer möchtest du denn werden mit dieser Entscheidung? Und welche Aspekte deines Lebens sollen denn überhaupt davon in Mitleidenschaft gezogen werden? Und hast du da einen guten Gartenzaun etabliert oder hast du den noch nicht? Also Gestaltungsentscheidungen haben dieses Maß an Proaktivität, was ich ja Leadership unterstelle, wo einfach noch viel mehr von dir drin ist. Du bist ja Teil der Gleichung mit deinem Leben, mit deiner Lebenszeit, mit deiner Lebensenergie. Und was soll denn hier passieren, außer dass du mehr Gehalt hast, mehr Einfluss und vielleicht einen noch geileren Titel? Das reicht ja nicht. Sondern was passiert denn inzwischen in den Zeilen? Was soll denn noch passieren? Und das zu verhandeln, wie viel Freiraum will ich, wie viel Gestaltungsraum brauche ich, wie viel Eigensinn kann mir der neue Job bieten? Habe ich überhaupt die Möglichkeit, den eigensinnig zu kreieren? Oder komme ich in so ein Korsett, wie man das einfach häufig zum Beispiel in Konzernen hat, wo alles gießkannenmäßig von oben nach unten durchdekliniert hat? All diese Entscheidungen inneren Landkarten sind super, super wichtig, um auf die Frage zurückzukommen. um eine gute Entscheidung zu treffen, wenn alle Optionen gleichzeitig Chancen und Risiken bergen. Weil das ist natürlich rational richtig. Wenn alle Optionen gleichzeitig Chancen und Risiken bergen, ist das ein eindeutiges Symptom, dass du diese Entscheidung nicht individualisiert hast. Du guckst da drauf mit der Distanz eines Maßmenschen auf dein eigenes Leben und versuchst hier gerade was rational abzuarbeiten, was aber ein emotionaler Prozess ist. Und deswegen funktionieren im ersten Schritt keine SWOT-Analyse oder eine... Plus-Minus-Liste oder sonstige Tools, weil es keine rationale Entscheidung ist, sondern diese Entscheidung muss emotional grundiert sein. Und dann kannst du sicher sein, dass du deine eigenen individuellen Shitfilter aktiviert hast, die dir eine Gewichtung geben. Du kannst ja, was weiß ich, sieben Punkte bei Plus haben und zwei bei Minus, aber die sind so relevant, dass die sieben Punkte bei Plus einfach gar nicht mehr ins Gewicht zählen. Und das ist wichtig, diese... subjektive, persönliche, individuelle Gewichtung in den Entscheidungsprozess zu bekommen und keine Angst davor zu haben, weil die meisten Leute haben riesen Schiss davor, weil sie genau wissen, shit, das zerschlägt mir nämlich jetzt meine rationalistische, lineare Karriere-Logik. Das ist schmerzhaft, aber das sind die richtigen Filter, mit denen man an so eine Frage herangeht und mit denen man auch an potenziell neue Arbeitgeber herangeht. Ich bin die Person, die hier relevant mitgestalten will, aber nicht in einer fichten Monokultur lebt. Ist das hier möglich?
Joël Kaczmarek: Ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine Karriereentscheidung, die eine Reaktionsentscheidung ist, schlecht ist, sehr hoch in der Regel? Also kann man das sagen, die Wahrscheinlichkeit von Reaktionsentscheidungen schlecht zu sein für das Wohlbefinden der Person ist hoch?
Vanessa Laszlo: Ja, die sind sehr gut für die Karriere, good and paper, aber die sind auf jeden Fall schlecht für das persönliche Wohlbefinden, weil ich das ja ausgeklammert habe, um eine smoothe Entscheidung zu treffen.
Joël Kaczmarek: Und warum ist es so, obwohl man ja eigentlich sagt, man kann Menschen nicht von außen inzentivieren, sondern man kann sich eigentlich nur selbst von innen motivieren und inzentivieren? dass trotzdem so viele Menschen diesen Karotten nachlaufen und sogar schlimmer noch, die Karotten der anderen mit im Blick haben und die eigene Karotte, diese Nachrennen sozusagen, daran auch noch ausrichten.
Vanessa Laszlo: Weil sie A, eine Hardcore-Sozialisation im Möhrensuchen haben und glauben, das wäre eine freiwillige Entscheidung. Dieses Maß an Kontrolle und Sanktionierung, die damit vereint ist, ist internalisiert und ich entscheide quasi frei. Ich entscheide mich frei dafür. Ja, Eselmöhre, bin ich dabei. Und das Zweite ist, man kann Menschen äußerlich inzentivieren, aber nur kurzfristig. Und das ist genau das, was Karrieren auch oft ermöglichen. Die ermöglichen dir so mega Sprints. Und erst, keine Ahnung, in der Regel so Mitte 50, wenn so die innere Uhr tickt und du merkst so, scheiße, ich bin hier auf dem Rückweg. Ich brauche jetzt hier mal ein anderes Bewertungsschema. Und wie war das eigentlich? Merkst du so, scheiße, das sind hier keine Aneinanderreihungen an Sprints. Das ist hier mein ganzer Lebensroman und es war ein Marathon. Mit jeder Speed-Komponente kriegst du vielleicht mehr Leistung, aber weniger Reflexion. Das ist wichtig. Je schneller und scheinbar effizienter und erfolgreicher du in dieser linearen Karriere-Logik bist, desto weniger bist du an dir dran und desto weniger reflektierst du. Du gewinnst an Metern, aber du verlierst an Tiefe.
Joël Kaczmarek: Wenn die Leute dann aufwachen, dann haben sie wahrscheinlich schon so viel wirtschaftliche Liabilities, Haus, zwei Autos, Kinder auf der Privatschule, dass du dann nicht mehr so richtig aus dem Käfig rauskommst.
Vanessa Laszlo: Ja, schwierig. Und vor allen Dingen hast du halt eine Identität, die dagegen spricht, aus dem Käfig rauszukommen. Du erlebst das dann als totalen Verlust. Und du hast natürlich auch Referenzen nach außen, weil andere dich so sehen, die willst du ja nicht enttäuschen. Das macht es ja auch so schwer, sich neu zu erfinden, weil du einfach in einem riesigen Netz an Beziehungen und Fassaden und Standpunkten und Resonanzfeldern und sonst was bist, die es ja auch schwer machen, sich komplett neu zu erfinden. Weil man möchte ja auch verbindlich auftreten und ein verlässliches Gegenüber für ganz viele andere Leute sein.
Joël Kaczmarek: Spannend. Also ich glaube, Stefano hat einige Anregungen mitgenommen. Es wurde ja auch nochmal richtig emotional deep hier auf eine Art. Also spannend, was da eigentlich so drin steckt. Und ich freue mich schon aufs nächste Mal mit dir.
Vanessa Laszlo: Ich mich auch. Vielen Dank, Joël. Ciao.