Dirk Zöllner: Musizieren von der DDR bis heute

17. Februar 2021, mit Joël KaczmarekSebastian Krumbiegel

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Joël Kaczmarek: Kunst trifft digital.

Sebastian Krumbiegel: Der Podcast. Wir haben heute einen Gast, der ein bisschen auf meinem Mist gewachsen ist, weil ich ihn schon sehr, sehr lange kenne. Seit über 30 Jahren. Wir haben damals in Leipzig zusammen angefangen, Musik zu machen. Wir werden bestimmt jetzt darüber reden. Scholle, Ich freue mich, dass du da bist. MUSIKER AUS Ost-Berlin, Dirk Zöllner.

Dirk Zöllner: Ich freue mich noch viel mehr, mein lieber Sebastian.

Joël Kaczmarek: Ja, erzählt mal, wie habt Ihr euch denn kennengelernt, wenn Ihr so eine lange Zeit... Also erst mal musst du sagen, wie du zum Namen Scholle gekommen, bist. Ob du Fischliebhaber bist oder was hier los ist.

Dirk Zöllner: Na, Scholle war eine Figur in meiner Heimat. Ich komme aus Karlshorst, also aus Ost-Berlin. Und dort war eine sehr markante Person. Die hieß eigentlich Scholle. Und ich war in der Lage, den Recht gut zu imitieren. Und dann haben meine Freunde mich eben so genannt, wie der, hieß.

Sebastian Krumbiegel: War das ein ganz kluger Kopf? Nee,

Dirk Zöllner: eher das Gegenteil. Also, es war sehr markant. Auf klug kann ich nicht so sehr machen, aber so die andere Richtung, liegt zum Persiflieren ganz nah.

Sebastian Krumbiegel: Das ist eigentlich unser Job, das so zu tun, als ob wir schlau, sind. Ja,

Joël Kaczmarek: wie hat der Krumbiegel die Scholle kennengelernt?

Sebastian Krumbiegel: Wir haben uns das erste Mal getroffen, Ich glaube sogar in Leipzig, oder?

Dirk Zöllner: In Leipzig, in einem kleinen Club in Grünau, was dort eine Neubausiedlung ist, so ähnlich wie in Berlin hier. Hellersdorf oder Marzahn? Und da gab es einen ganz kleinen Club, Der hieß Metrum mit einer malerischen Besatzung, mit zwei Homosexuellen, die etwas spießig daherkamen, Also für mich auch eine neue Erfahrung. Und da ist mein Freund Sebastian Krumbiegel mit seiner ersten Band, den Herzbuben, aufgetreten. Und ich hatte gerade zur selben Zeit meine Band, die Zöllner gegründet. Und da haben wir zur Leipziger Messe. Eine ganze Woche lang nebeneinander gespielt und hatten, glaube ich, Fünf bis sieben Auftritte hintereinander.

Sebastian Krumbiegel: Das war echt schön. Das ist wirklich echt lange her. Das war Ende der 80er Jahre noch zu DDR-Zeiten. Und dieser Club Metrum, Diese beiden Typen, die das geleitet haben, waren, so Leute, die sich wirklich nischenmäßig Kultur reingeholt haben. Und Scholle, Du warst mit Gensi dabei, mit deinem Keyboarder zusammen. Genau. Und ich mit den Herzbuben. Herzbuben war damals die Band, bevor die Prinzen gegründet worden sind, waren alle dabei außer Tobias. Wir waren damals zu viert und haben ohne Mikros in diesem... Wo vielleicht 100 Leute reingepasst haben, Wenn es hochkommt, In diesen Club, denke ich mal.

Dirk Zöllner: Ungefähr, ja.

Sebastian Krumbiegel: Und wir haben da ohne Mikros gesungen, und das war für uns die beste Schule, natürlich.

Dirk Zöllner: Und wir waren sofort verliebt ineinander, weil uns etwas eint, nämlich, wir sind beide, glaube ich, von zelebrierter Naivität. Und Musikliebhaber natürlich.

Sebastian Krumbiegel: Ja,

Dirk Zöllner: natürlich.

Joël Kaczmarek: zelebrierter Naivität. Was heißt das für dich?

Dirk Zöllner: Das heißt für mich, dass man sich eben möglichst wenig verstellt, sondern seine Gedanken schnell ausspricht. Ich glaube, wir sind beide... Optimisten. Und das wird oft mit Naivität gleichgesetzt, Was natürlich Quatsch ist.

Joël Kaczmarek: Bist du auch ein bisschen so steckst in einem Erwachsenenkörper, bist aber im Herzen noch Kind?

Dirk Zöllner: Ich denke schon, dass ich sehr viele kindliche Züge in mir habe, ja.

Joël Kaczmarek: Ich war ja auch ganz baff, Du hast vier Kinder. Wenn du ein richtiger Rockstar bist, dann von fünf unterschiedlichen Frauen und die machen mit dir mittlerweile Musik. schon, habe ich gelernt, oder?

Dirk Zöllner: Es ist leider wirklich so, dass die vier Kinder von vier verschiedenen Frauen sind, Aber wir sind eine gute Patchwork-Familie, ja. Also, wir sind sowohl mit den Müttern der Kinder als auch die Kinder untereinander, ist ein ständiger Umgang. Also, jetzt habe ich das große Glück, noch ein sehr kleines Kind zu haben, Drei Jahre alt, mit meiner Freundin, mit der ich jetzt im verflixten siebten Jahr bin, Aber wir verstehen uns noch. Toi, Und dann ist das Kind von meiner Freundin vorher, Die lebt, also eine Tochter, Mimi, lebt auch zu, möchte ich mal sagen, sogar 75 Prozent bei uns.

Joël Kaczmarek: Ich finde der großartig. Ich habe gelesen, Deine Tochter, die mit dir aufträgt, hat den Namen Rubini, ne? Ja. Das finde ich ja einen geilen Namen. Mimi, Rubini, Du hast so einen I-Faktor, sehe ich schon.

Dirk Zöllner: Na, Rubini deshalb. Meine große Tochter, Die hat ein bisschen eine dunklere Hautfarbe noch. Ihre Mutter ist halb Nigerianerin und sie sieht mehr aus wie eine Inderin, möchte ich sagen. Da habe ich im indischen Restaurant erfahren, dass Rubini so etwas ist wie die Sabine bei uns eben in Indien. Rubini ist ein gebräuchlicher Name in Indien.

Joël Kaczmarek: Nicht schlecht. Aber erzähl mal ein bisschen, wie bist du denn zu deiner Kunst gekommen? Also wir sagen ja immer. Kunst trifft digital. Und dann, also Ich glaube, bei dir übe ich dir die Frage, ob Musik und das, was Du tust, Kunst ist. Kann man, glaube ich, einen Haken hinter machen. Wie hat die Kunst dich gefunden?

Dirk Zöllner: Also, ich bin auch schon immer ein unglaublicher Musik-Fan gewesen. Ich bin ja schon älteres Semester, also älter als Sebastian. Noch älter. 62er Baujahr. Meine erste wirkliche Liebe zur Musik galt dem Glamrock. Also, ich war ein großer Sweet-Fan. Das war meine Teenie-Idole. Ich habe die Songs so gemocht. Ich habe mir von meinem Großvater eine Sperrholzgitarre... Basteln lassen und habe zuerst mal Karaoke Musik gemacht, sozusagen also gepostet. Das ist das wichtigste, glaube ich bei der Musik. Man muss wissen, wie man da steht.

Sebastian Krumbiegel: Wichtiger als jede Harmonie und jeder Ton.

Joël Kaczmarek: Ich weiß, du lebst heute in Berlin. Köpenick, bist du auch, da geboren oder hast du sozusagen? Deine geografischen Wurzeln?

Dirk Zöllner: Ich bin tatsächlich in Köpenick die ersten zwei Jahre aufgewachsen bei meinen Großvater. Meine Eltern waren noch sehr jung, 20 Jahre alt, haben noch studiert. Also habe ich tatsächlich die ersten beiden Jahre meines Lebens in Köpenick gewohnt. Und dann bin ich mit meinen Eltern, als sie ihr Studium beendet hatten, nach Karlshorst gezogen. Das Karlshorst ist so eine kleine Enklave, so eingeklemmt. Hinterm Tierpark Berlin, wohnte ich sozusagen. Ich habe das Raubtierhaus dort gesehen und habe auch die Löwen gehört. Genau, und die Pfauen, DIE immer... Deu- Schreien und das, ja. Und gleich daneben waren auch die russischen Streitkräfte, also eigentlich die größte Panzerdivision der Roten Armee.

Joël Kaczmarek: Damals sagte man noch die sowjetischen Streitkräfte.

Dirk Zöllner: So ist es.

Joël Kaczmarek: Ich habe meinen Vater, meinen Schwiegervater mal mit seinem, ich weiß gar nicht, Sein Sohn hat geheiratet, Dessen Vater kommt auch aus dem Osten. Und die haben immer gesagt, die Iwans. Ist das so ein Ding gewesen, dass man in der DDR die Ivans zu den Russen gesagt hat, was so ein bisschen despektierlich klingt? Ja,

Dirk Zöllner: das ist ein bisschen despektierlich. Also das hat man vielleicht auf dem Dorfe gesagt. Ja,

Joël Kaczmarek: die kommen aus Sachsen-Anhalt, vielleicht kommen sie da hin.

Sebastian Krumbiegel: Aber ich glaube, es war schon immer so, dass man die, Ich sage jetzt mal Besatzer, die ja offiziell sozusagen. Die Freunde waren, So richtig gemocht hat man die nicht.

Dirk Zöllner: Kann ich von meiner Seite aus nicht sagen. Also, ich habe da doch viele russische Kinder kennengelernt, weil das ja wie so eine Garnisonsstadt eigentlich war, Karlshorst. Und... In meinem weiteren Leben bin ich so vielen. Russen begegnet. Also auch schon zu Ostzeiten hatte ich eine russische Freundin. Und später habe ich mit russischen Musikern Musik gemacht. Deswegen habe ich diese Voreingenommenheiten gar nicht.

Sebastian Krumbiegel: Also, es war ja so, Wir haben in der Schule Russisch gelernt. Seit der fünften Klasse. Und ich habe das nie gemocht, weil ich immer, ich habe englische Musik gehört. Und wir haben erst ab der siebten Klasse Englisch gehabt. Und das war immer so ein Kampf. Russisch war sozusagen das Pflichtfach, das wir nie lernen wollten. Das stimmt.

Dirk Zöllner: So ging es mir auch. Also ich meinte, ich habe... angefangen, russisch zu lernen, hatte ich noch nicht so einen Kontakt zu russischen Menschen und das habe ich später sehr bereut, dass ich auch so grundsätzlich und nicht zugehört habe, weil es mir genauso ging, dass es mich nervte, dass es diese Bedeutung hatte. Ist ja auch eine schwierige Sprache mit den vielen Fällen. Es sind ja sechs Fälle und nicht vier.

Sebastian Krumbiegel: Wir werden jetzt einfach die nächste halbe Stunde Russisch sprechen, Joel.

Dirk Zöllner: Gut.

Sebastian Krumbiegel: Очень хорошо.

Joël Kaczmarek: Хорошо, ja. Ich spreche Russisch sehr schlecht. Hey, komm, du bist doch einer von uns. Ja, ich habe das in der Uni gelernt, dann sind wir alle irritiert. Das ist ja lustig, Das ist ja auch so ein Erkennungsmerkmal gefühlt gewesen. Ach, kommst du aus dem Osten? Dann haben die mir gesagt, ich sage so, nein, habe ich nicht. Aber ich hatte die Wahl, was ich als zweites Pflichtfach mache, habe mir BWL angeguckt, fand das voll zum Kotzen. Ironisch, dass ich dann Unternehmer werde und habe dann Russisch gelernt. Und das fand ich echt spannend, weil das also für uns als Wessis ist. Das eine Sphäre, als die dann da ankamen. Mit hier Mongolensturm und so. Da habe ich gedacht, wovon redet ihr denn da und so. Also die ganze Historie, die da auch passiert ist, Zarenreich und sowas, waren ganz neue Welten. Aber wenn man mal so, also ich glaube, Russen sind so ein bisschen unterkühlt, Harte Schale, aber ganz weicher Kerl.

Dirk Zöllner: Unterkühlt sind die gar nicht. Die sind sinnbildlich für Kinder. Also die Männer sind alle Kinder mit Bärten. So habe ich das kennengelernt. Also, ich habe wahnsinnig Irre Storys erlebt. Beispielsweise ist es so, dass die russischen Männer, Die können alle Gitarre spielen und schreiben alle Gedichte. Und bei den Gedichten, wenn Sie in Deutschland sind, geht es immer um... Die Heimat und um die Mutter. Und dann sitzen Sie im Kreis, Die Frauen reichen Wodka und Speck und die Männer sitzen da mit ihren Bärten. Und dann geht es Reihe um. Und dann erzählt jeder eine Geschichte oder singt ein Lied oder sagt ein Gedicht auf. Und ich war in so einer Reihe mal drin und ich habe nicht viel verstanden, was die erzählt haben, habe aber auch immer ein Lied gespielt, So wie Singer-Songwriter in the Round sozusagen. Und da fielen mir bei einem die Stiefel auf, die er anhatte, also irgendwie so richtig schöne Lederstiefel, Kosakenstiefel. Und ich habe ihm gesagt, dass mir die gefallen. Da hat er die ausgezogen, auf den Tisch gestellt und hat gesagt, Dirk, Sie gehören dir. Und es war Januar und draußen waren es wirklich 20 Miese und ich habe die nicht angenommen. Ich habe gesagt, nee, die nehme ich nicht, du willst nur nach Hause kommen. Und da änderte sich die Freundschaft, und ich hatte sofort ein Glas. Wodka im Gesicht. Ich habe ihn zurückgetauft mit einem Glas Bier, was ich in der Hand hatte, weil ich es nicht angenommen habe, weil ich die Mentalität dann doch nicht so ganz verinnerlicht hatte. Ja, und dann wollte er mir einen Hals, dann wurde er zurückgehalten. Und ungefähr zwei Minuten später haben wir uns umarmt. Und ich glaube, er hat sogar geweint.

Joël Kaczmarek: Ich habe mal gehört, wir schweifen Krass ab, bevor wir gleich mal wieder zu dir zurückkommen, Meine Russischlehrerin damals meinte, die war deutsch, hat russisch und Tschechisch gesprochen, meinte ja, ihr müsst auch mal bedenken, Russen In Deutschland sind nicht der prototypische Russe. Weil bei uns in Berlin ist es so, Ich wohne ja hier in Charlottenburg, Da sagt man ja Charlottengrad mittlerweile zu, und da ist Russisch Halt wirklich eher abweisend, Viel auf Status, also Teure Klamotten, Ich schäle jetzt mal so meinen Kamm, aber was man so sieht? In seinem Umfeld war das viel so.

Dirk Zöllner: Sie sind vielleicht ein bisschen ängstlich, möchte ich mal sagen, gegenüber der anderen Mentalität, Aber Sie sind ganz, ganz, ganz herzlich. Aber von ihrem Temperament geht es hin und her, zwischen Weinen und Wut, das ist tatsächlich wahr. Bei denen ist alles auch nicht so politisch. Also auch die Leute, die hier lebten, Die haben immer den Tag der Oktoberrevolution gefeiert. Die mochten ihre Ersatzzaren immer. Es sei denn, die sahen nicht gut aus. Also die gingen mehr nach dem Aussehen. Ich weiß genau, dass die zum Beispiel an Andropow. Nach Breschnew sehr liebten, weil es ein attraktiver Mann war. Lieben ja auch Putin. Ja, genau. Und dann dazwischen kam aber noch Tschernenko. Den konnten sie nicht leiden, einfach, weil er Ihnen nicht gut genug aussah.

Joël Kaczmarek: Ich glaube, Kerry hat auch damals die US-Wahl verloren, weil seine Nase zu groß war. Ein bisschen ist ja immer was dran,

Dirk Zöllner: aber bei dir ist es extrem, tatsächlich.

Sebastian Krumbiegel: Ja, ich glaube, man muss unheimlich aufpassen, das nicht alles über einen Kamm zu scheren. Also wie immer.

Joël Kaczmarek: Absolut. Aber dabei, dabei, wie der Russe, sagt. Nimm uns noch mit in deine Vergangenheit, Dirk. Also du hast gesagt, Klampfe gebaut, bekommen zum Posen. Und wie ging dann für dich, so die Musikwelt los? richtig?

Dirk Zöllner: Ich habe erst sehr spät in der neunten Klasse angefangen, So ein bisschen autodidaktisch Gitarre zu spielen. Und dann kam ich gleich mit 19 Jahren, nachdem ich gar nicht wusste, was ich machen wollte, Theatertüschler wollte ich werden. Aber da wir in der Planwirtschaft lebten, gab es genau dafür nur zwei Lehrstellen. Also habe ich irgendwas gemacht, was übrig blieb, Habe Betonwerke, also richtig eine harte körperliche Arbeit gelernt, habe noch ein halbes Jahr darin gearbeitet. Und dann wusste ich schon, dass ich zur Armee eingezogen werde. Für anderthalb Jahre. Und dort bei der Armee, wo andere dann zumindest, Als das erste halbe Jahr dann vorbei war, war dort sehr viel Langeweile angesagt. Da wurden dann Schwibbögen geschnitzt und Pyramiden gebaut. Und ich habe plötzlich die Ostmusik entdeckt, dort, weil man dort eben nur die Ostmusik hören konnte. Also man hat eben nur im Fernsehen oder im Radio, eben nur die DDR-Sender einstellen dürfen. Und da habe ich gemerkt, was gibt es denn da? alles? Und ich muss zugeben, dass ich die meisten Sachen ganz schön schräg fand und nur wenige Sachen mir wirklich gefielen. Aber es wurde ein Hobby für mich und dann habe ich gedacht, das kann ich auch. Und habe dort im Konjern bei der Armee, wenn andere ihre Schwibbögen geschnitzt haben, habe ich angefangen, mich ein bisschen intensiver mit der Gitarre zu beschäftigen. Und habe angefangen, die ersten Texte zu machen. Und dann wusste ich nach der Armee, dass ich nicht wieder Arbeiter werden möchte, aus verschiedensten Gründen. Wegen des frühen Aufstehens, wo wir uns auch schon unterhalten haben. Auch weil ich gemerkt habe, oh, ich hatte in der Schule vielleicht Glück, in der Klasse. Auch weil ich gemerkt habe, Ich passe nicht so ganz in die Runde und fühlte mich ein bisschen alleine, muss ich ehrlich sagen. Aber es ging dann sehr schnell. Ich habe dann gesagt, ich möchte jetzt Musik machen. Und da es in der DDR eine Unmenge an Auftrittsmöglichkeiten gab, konnte man sehr schnell sich zeigen. Was ja heute nicht mehr so üblich ist, wenn Leute anfangen, Musik zu machen. Freuen Sie sich, wenn Sie mal in zwei Monaten ein Konzert haben, wo Sie sich zeigen können, man konnte dort, wenn man wollte, in Kirchen. Auch und überall gab es Auftrittsmöglichkeiten. Und so hatten wir uns sehr schnell Fans gesammelt und es hat mich sozusagen überrannt. Zwei Jahre später war ich Berufsmusiker und bin es bis heute, Aber es ist ein absoluter

Sebastian Krumbiegel: Zufall. Du warst ja auch schnell einigermaßen erfolgreich im Osten. Also Du hattest die, die deine erste. Einigermaßen erfolgreich. Naja, Das ist, das, Pass auf, Es gibt ja genau diesen Punkt, ja. Die DDR-Musik war ja, als die Mauer gefallen war, auf einmal so eine Art Tabuthema, weil keine Sau sich mehr Ostmusik angehört hat, weil auf einmal, weiß nicht, ob du das ähnlich beobachtet hast, Aber auf einmal hat sich, haben alle Leute gesagt, Oh, geil, Wir können jetzt endlich irgendwie die Sachen hören und auch eben live sehen, die wir vorher nur aus dem Radio kannten. Und deswegen war die ganze Gilde der Musiker im Osten erstmal. Mehr oder weniger arbeitslos oder eben abgeschrieben.

Dirk Zöllner: Es war allgemein so. Also Die Leute wollten auch nicht sofort wieder zur Ostsee fahren, sondern die wollten erstmal nach Mallorca. Oder sonst wo hin. Und die wollten auch nicht... Rotkäppchen wegtrinken. Die wollten die Banane, um es mal ganz ordinär zu sagen. Also die Dinge, die Sie vorher nicht im Alltag hatten, ist klar.

Joël Kaczmarek: Was ich ja gelesen habe über dich, das würde mich immer interessieren, wie das war, dass du dann irgendwann eine Spielerlaubnis bekommen. hast. War das damals in der DDR so, Dass man sich quasi so eine Art, dass man eine Lizenz brauchte, zum Musizieren oder habe ich das missverstanden?

Dirk Zöllner: Ja, das können wir beide wahrscheinlich zusammen beantworten. Es gab so eine Art Einstufungskommission, und diese Kommission bestand aus Funktionären, auch aus Musikern. Und es hatte eine politische Kontrollfunktion. Am meisten hat die natürlich interessiert, Was kommen da für Texte über die Rampe? Und dann gab es verschiedene Kategorien in der Amateurmusik. Amateurmusik bedeutete, Das waren die Leute, die nicht studiert haben. Also, wenn man studiert hat, durfte man es beruflich machen, Wenn man nicht studiert hatte, musste man noch eine Arbeit. Nachweisen, was natürlich niemand gemacht hat, wirklich. Und da gab es verschiedene Kategorien. Da gab es die Grundstufe, die Mittelstufe, die Oberstufe und die Sonderstufe mit Konzerterlaubnis. Das hieß also, Man wurde eingestuft und das hieß, wo man auftreten darf, Also, in welcher Region und wie viel Geld man nehmen darf oder wie viel Geld der Veranstalter zahlen muss. Das ist interessant. Also, es ging niemals um die Wirtschaftlichkeit, also Wie viele Leute in ein Konzert kommen, Sondern der Veranstalter hat ein Budget. Und so wie die Band eingestuft wurde. finanziell, Das mussten die bezahlen.

Sebastian Krumbiegel: Es gab ja allgemein diese Subventionierung. Ich glaube, wir sind beide nicht Menschen, die sich die DDR in irgendeiner Weise zurückwünschen. Aber man muss es, glaube ich, in irgendeiner Weise differenziert, betrachten.

Dirk Zöllner: Man muss es differenziert, betrachten. Also dazu kann ich nur sagen, wer ein Hippie-Gen in sich hatte, also, wer jetzt beispielsweise kein Erfinder war und ausgebremst wurde, sondern wer ein Hippie war. Und sagte, ich lebe einfach so, mach Musik. Und dann bin ich mal hier und mal dort. Für Hippies war das tatsächlich eine Art Mecker.

Joël Kaczmarek: Und wie wurde denn entschieden, in welche der Stufen du kommst und ob du da deine Auftrittserlaubnis hast? Und so weiter und so fort? Gab es da Kriterien? Musstest du dann sagen, hier, ich bin irgendwie fahnentreu, ich mache nichts. Regimekritisches? Nein,

Dirk Zöllner: das war unter der Hand wahrscheinlich, dass sie auch gucken wollten, was lassen wir hier auf die Bühne. Ansonsten war das so, wie es heutzutage auch ist. Sie hatten da vielleicht einen Zettel, da stand vielleicht drauf. Performance, Gesangs. Intonation und alles, Das hatte eigentlich die typischen technischen Kriterien. Ausstrahlung.

Joël Kaczmarek: Ich war schon 20 Jahre bei Deutschland, sucht den Superstar, bevor es das überhaupt noch gab, sozusagen. Wie so eine Jury.

Dirk Zöllner: Kann man sagen, ja. Okay, so kann man es nennen.

Sebastian Krumbiegel: Es hatte natürlich wirklich, was du vorhin auch gesagt, hast, schon eine Kontrollfunktion. Es gab eine Zensur, wo wir heute, wenn wir unser Grundgesetz angucken, Eine Zensur findet nicht statt. Das gab es damals definitiv und es war auch ganz offen. Also ich weiß noch, es gab diesen Satz. Die Musik ist tanzbar und regt zum Nachdenken an. Das war so eine Art Ritterschloss. Und das war vielleicht auch der Punkt, weil du eben gesagt hast, Ostmusik hat mir nie so wirklich was gegeben, kann ich so auch unterschreiben. Ich war nie wirklich echt Fan von alten Ostbands. Ich habe andere Mucke gehört. Ich habe deutschsprachig Lindenberg gehört oder was weiß ich was? Und habe natürlich ganz viel englischsprachige Musik gehört. Und die Texte, die im Osten geschrieben worden sind, die waren oft... Sehr verklausuliert.

Dirk Zöllner: Das war es, aber ich muss sagen, mir gefielen einige Bands sehr, aber das war eben eine Handvoll. Pankow, Silly, Rockhaus, Amor & die Kids, wo ja Tobias Künzel herkommt, gefiel mir auch sehr gut. Und im Nachhinein muss ich sagen, gefallen mir mehr Sachen, als es mir zu Ostzeiten gefiel. Also, ich habe jetzt sowas entdeckt. Wie Lift, Holger, Biege, 4PS und solche Sachen, weil es natürlich ein Politikum hatte. Wenn man den Osten abgelehnt hat, was immer mehr. Der Fall war, weil die Menschen sich eingesperrt fühlten. Lehnte man auch alles ab, was vom Osten her produziert wurde. Ob es die Autos sind oder die Bands.

Sebastian Krumbiegel: Es ist ein bisschen eine Analogie zu dem, worüber wir gerade gesprochen hatten, Russischer Sprache. Weil wir haben es sozusagen aus Reflex abgelehnt, oder ich auf jeden Fall, und haben eigentlich gar nicht gemerkt, dass es schon auch ganz geil ist, so eine Sprache zu können oder eben auch solche Musik zu hören. Und mir geht es ähnlich, dass ich heute Musik höre. Du hast gerade Lift, Holger Biege gesagt. Es ist großartige, wirklich wunderschöne Musik, wo ich manchmal auch denke...

Dirk Zöllner: Hansi Biebl, Hansi Biebl, Finde ich, kann man heute noch hören, selbst unter dieser Art und Weise, wie es aufgenommen wurde. Es ist eigentlich eine internationale, zeitlose Musik.

Sebastian Krumbiegel: Oder die alten? Manfred-Krug-Sachen, auch, ja, Günther Fischer. Also, das ist für mich manchmal auch so ein Ding, wo ich dann denke, Die Geschichtsschreibung ist ein bisschen so, dass die DDR sowieso nur eine Fußnote der Geschichte ist, was ja, Fakt ist mittlerweile, ja, wo wir uns, glaube ich, Alle einig sind, dass das eben diese 40 oder wie viele, ja, 40 Jahre waren, zwischen 49 und 89. Und dass aber eben auch die Musik und überhaupt alles, Wir haben mit Gysi drüber gesprochen hier im Podcast, dass das, glaube ich damals. Auch ein echter Fehler war, von den Leuten, die bei der Wiedervereinigung federführend waren. Von Westseite, reflexhaft alles abzulehnen, Was aus dem Osten kam. Das möchte ich sagen,

Dirk Zöllner: das kann ich nur unterstreichen. Also, man darf auch manchmal die Diener einer anderen Struktur, eines anderen Systems nicht bestrafen. Das müssen wir uns merken für die neue Zeitenwende. Wir wollen ja kein System abschaffen, jetzt, aber wir müssen verschiedene Strukturen abschaffen. Das liegt ja auf der Hand, das sehen wir jetzt in dieser Corona-Krise. Da müssen wir aufpassen, dass wir die diener der alten Struktur nicht bestrafen. Eigentlich müsste man Ämter entfernen und denen als Erstes ein bedingungsloses Grundeinkommen geben, damit sie mitspielen, damit wir uns regenerieren und verändern können.

Joël Kaczmarek: Aber dann lerne ich so ein bisschen. Dann habt ihr zu DDR-Zeiten auch Musik gemacht und wart quasi auch auf der anderen Seite. Also, ihr habt keine Ostmusik gehört und die Leute haben euch auch nicht gerne gehört. Also wie war denn die Resonanz auf das, was Ihr gemacht habt als Musiker?

Sebastian Krumbiegel: Uns haben die Leute immer gern gehört.

Dirk Zöllner: Uns auch. Es gibt natürlich immer ein Klientel, die das gehört haben, aber die DDR hat sehr polarisiert. Ich denke mal, Diese etwas kindlichen Menschen wie wir konnten darin besser leben als die Pessimisten, die nur gesehen haben, ich kann nicht reisen oder besser gesagt, ich kann meine Ideen, meine Gedanken, Beispielsweise, wenn Sie irgendwas konstruiert haben, irgendein Fahrzeug, Ich kann es hier nicht umsetzen. Das ist natürlich fürchterlich. Aber bei uns, ich glaube, wir sind ja, Sebastian ist ein bisschen jünger. Das war ein Aufbruch, dass wir überhaupt Musik machen konnten. Damit hatten wir ein Privileg, damit waren wir frei. Wir waren auch nicht so unter Kontrolle wie andere, die studiert haben oder in irgendwelchen Arbeitsgemeinschaften oder Produktionsgemeinschaften. leben. Bei uns wurde eben kontrolliert über solche Sachen wie die Einstufungskommission. Oder auch die FDJ, die ja auch eine Kontrollfunktion hatte und nicht nur uns Konzerte zugeschustert hat.

Sebastian Krumbiegel: Obwohl uns natürlich wirklich auch die Zeit in die Karten gespielt hat, muss man auch ehrlich sagen, weil du hast von deiner Armeezeit gerade, erzählt. Von wann bis wann warst du bei der NVA?

Dirk Zöllner: 82 bis 83. Und ich war

Sebastian Krumbiegel: 85 bis 86 da. Also genau, Wir sind vier Jahre auseinander. Wir sind sozusagen. Sofort als 19-Jährige, zack, sind wir eingezogen worden. Das war eine Sache, um die du im Osten... Mehr oder weniger nicht drum herum gekommen, bist. Also, es gab keine Kriegsdienstverweigerung, Es gab Bausoldaten. Doch,

Dirk Zöllner: Es gab einige, und es gab auch einfache Varianten. Zum Beispiel, Ich komme aus einer Familie, Wir hatten keine Westverwandtschaft und da wurde man schnell für die Grenztruppen oder Sowas gemustert. Und das war bei mir auch der Fall. Meine Mutter war glücklicherweise, ich war so blickig und hat gleich gesagt, Dirk, du kannst in Situationen kommen, wo du schießen musst. Und da habe ich bei der Musterungskommission gesagt gleich, ich werde schießen, aber nur auf Zielscheiben. Also, ich bin nicht geeignet hierfür. Und da haben Sie ein bisschen rumgemauert. Dann wurde ich so eine Art. Bausoldat ohne Verweigerung. Also, ich habe in dieser Armeezeit nichts weiter gemacht, als Gräben geschüppt, wo irgendwelche Kabel verlegt wurden.

Joël Kaczmarek: Waren die denn privilegiert? beide?

Dirk Zöllner: Ja.

Sebastian Krumbiegel: Jo, auf jeden Fall.

Joël Kaczmarek: Was hieß das?

Dirk Zöllner: Das Privileg ist einfach diese Lebensform, eben diese Unabhängigkeit. Das Privileg ist auch gewesen, muss man einfach mal sagen, dass man mit Musik auch viel, viel mehr Geld verdienen konnte als eine Krankenschwester oder als eine...

Sebastian Krumbiegel: Selbst als ein Professor. Ich weiß noch, als mein Vater, Mein Vater ist Wissenschaftler gewesen, Meine Eltern sind beide noch sehr fit und freuen sich ihres Lebens. Mein Vater 30 Jahre älter als ich, also 84 Jahre alt. Und als ich damals, genau in der Zeit, als wir zusammen Musik gemacht haben, als mein Vater mal Kontoauszüge für mich gesehen hat, Wir haben wirklich gut Geld verdient. Wir haben irgendwie pro Auftritt, weiß ich gar nicht, JEDeR IRGENDWIE 200... Marke kriegt.

Dirk Zöllner: Das ist 200 Mark sein in der DDR. Und dann ist man vielleicht manchmal 15 Mal aufgetreten oder 20 Mal. Damit hat man viel, viel mehr Geld verdient als andere. Man muss aber dazu auch sagen, dass wir sämtliche Arbeitsmittel uns irgendwie über Krumme Wege aus dem Westen beschaffen mussten. Bis hin zu Gitarrenseiten oder Schlagzeugstücken, Weil das gab es nicht.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe mein erstes Mikro gekauft. Im Intershop in Adlershof, war der glaube ich? Ja,

Dirk Zöllner: oder Altglienicke. Altglienicke, ja.

Sebastian Krumbiegel: Und da weiß ich noch genau, Ein Shure SM58 Mikro, Das glaube ich, 150 Mark gekostet hat, habe ich für 1500 Ostmark gekauft.

Dirk Zöllner: Ja, und da sind wir als Sänger eben auch schon privilegiert gewesen. Weil wir nur ein Mikro brauchten. Da gab es beispielsweise damals so ein Modeinstrument. DX7, Der hat vielleicht 20 Mille gekostet. Ja, lass den 1500 DM gekostet haben. Das haben sich dann Leute für über 20.000 Ostmark irgendwo angeschafft. Und da musste man natürlich auch sehr viel Geld verdienen, um sich solche Arbeitsmittel zuzulegen.

Sebastian Krumbiegel: Mein Vater fragte damals auf jeden Fall... Junge, Wo hast du das ganze Geld her? Die hat wirklich sich Sorgen gemacht, die hat sich irgendwelche Krummen Dinge gemacht. Die hat gesagt, hey, Fahr die. Und es war für mich auch geil, dann zu sagen, hey, ich verdiene Geld. Und ich verdiene das Geld eben auf legalem Wege und mach dir mal keine Gedanken. Und guck mal, ich hab's dir doch immer gesagt, ich krieg das gebacken. Und die Zeit, weil wir vorhin gerade bei der Umbruchphase waren, die war eben irgendwann vorbei. Und 1991 war die Zeit, als wir alle miteinander überhaupt keine Kohle verdient hatten. Und ihr als die Zöllner, oder vorher noch Chicorée, aber dann die Zöllner, Ihr wart gerade so noch... Eine der letzten Bands, die in der DDR ziemlich groß geworden sind. Ja,

Dirk Zöllner: und wir hatten das große Glück, Auch nach der Wende, Gleich so bestimmte Sachen haben wir erlebt. Also Das größte Glück war, dass wir einen Tag nach der Maueröffnung zu den drei Bands gehörten, die bei dem Konzert für Deutschland mitgespielt haben. In der

Sebastian Krumbiegel: Deutschlandhalle. In der Deutschlandhalle,

Dirk Zöllner: genau. Weil wir ganz einfach erreichbar waren. Also zufälligerweise erreichbar waren wir, neben Pankow und Silly, die einzige Band, die dort gespielt hat. Und das hat uns Kontakte.

Sebastian Krumbiegel: Wer hat da noch gespielt? Rio Reiser, oder?

Dirk Zöllner: Rio Reiser, Udo Lindenberg spielt auf jeden Fall dort, Joe Cocker, Nina Hagen, Melissa Etheridge. Und das war für uns natürlich wie eine Mondlandung. Und dadurch kamen wir so ein bisschen in diese künstlerische Aktionsgeschichte rein, Also in diese mehr linksorientierte Künstlervereinigung aus dem Westen und hatten gute Kontakte. Somit hatten wir ganz schnell eine CD machen können und waren damit in der Lage. Oder kompatibel mit diesen ganzen Rundfunkanstalten, weil wir eine CD hatten. Wer hatte schon eine CD zu Ostseiten? Und somit wurden wir auch ein bisschen wie die Zootiere rumgereicht. Das war eigentlich unsere zweite richtige Begegnung von Sebastian und mir. Wir hatten nämlich im Hansa-Studio eine Platte produziert und da war eine A Cappella-Nummer dabei. Und da habe ich meinen Freund Sebastian gebeten. Keep smiling,

Sebastian Krumbiegel: schwapp, schwapp.

Dirk Zöllner: Könnt ihr, das machen? Und dort gab es eine Veranstaltung für Nachwuchskünstler. Eine Sendung war das. Und ihr wurdet, gehört auf dem Flur sozusagen, wie ihr geübt habt. Und da wurdet ihr spontan eingeladen. Das war eigentlich die Geburtsstunde der Prinzen.

Sebastian Krumbiegel: Eigentlich ja. Es war für uns ein Riesenglück, weil du eben sagtest, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Und das war wirklich ein großes Glück, weil Es gab damals viele Leute, die ja eben wirklich großartige Musik gemacht haben, die aber eben keiner gehört hat und die auch keine Connection hatten, sozusagen. Und das war für uns damals wirklich das Sprungbrett. Nee, Sprungbrett war die Sendung im Osten. Sprungbrett war die Sendung von Muck. Mein erster Fernsehauftritt, Wann war das? 1987 oder so. Aber später war es die Sendung Hut ab, die aus dieser Castingshow hervorging. Und das war für mich oder für uns als Band schon echt der absolute Hammer. Dass wir auf einmal Leute kennengelernt haben, wie Annette Humpe, die uns dann eben später produziert hat. Das war der Grundstein wirklich für die Prinzen.

Dirk Zöllner: Ich habe es noch vor Ohren und ich weiß auch, wie sehr du dir das gewünscht hast, auch diesen Erfolg und diese Wahrnehmung. Bei Euch erstmal gar nicht so anlief und dann riefst du mich mal irgendwann an. Und sagst, Scholle, Stell dir mal vor, Wir haben jetzt auf einmal 5000 Singles verkauft, und dann hast du mich im Abstand von Tagen angerufen, Dann waren es 10.000, dann waren es irgendwann 1.00.000. Und du, und ich habe richtig gemerkt, wie du, du hast es selber nicht glauben können. Und das war aber nicht sofort. Auf einmal, Das war mit dieser Single Gabi und Klaus. Und das hat irgendwie auf offene Ohren, ist es gestoßen.

Sebastian Krumbiegel: Das schräge an dieser Zeit noch ein bisschen, Das Schräge war für uns wirklich dann. Ich habe ja eben gesagt, dass damals die Ostbands auf einmal nichts mehr zu melden hatten. Und wir sind sozusagen dann von Null auf hundert, von heute auf morgen an all unseren Idolen aus Ostdeutschland vorbeigezogen. Ich weiß noch, wir haben irgendwann dann so... 91 Festivals gespielt, Wo dann plötzlich solche Bands wie Rockhaus oder Pankoww unser Support waren. Und das war so schräg. Das war so ungerecht, auch. Also, das habe ich schon reflektiert, damals. Ich fand es natürlich geil.

Dirk Zöllner: Es war noch viel verrückter, eigentlich im Grunde genommen. Das war ja auch eine schwierige Phase für Lindenberg, der euch ja sehr gefeatured hat. Muss man einfach mal sagen, Aber ihr seid ja dann auch fast an ihm vorbeigezogen und habt ihn dann auch manchmal gefeatured. Also jedenfalls in dieser verrückten Zeit, als Udo sehr unter seinem Alkohol litt. Ja,

Joël Kaczmarek: lit. Was macht das mit einem? Hebt man da ein bisschen ab?

Sebastian Krumbiegel: Ich glaube schon. Ich glaube, da ist man überhaupt nicht gefeit vor. Wenn du Anfang, Mitte 20 bist und sowas erlebst, ist es vielleicht noch was anderes, als wenn du es mit 18 erlebst, weil du reflektierst das schon ein bisschen besser. Und wir haben versucht, das damals zu reflektieren, Aber logisch haben wir an der Uhr gedreht. Logisch sind wir abgehoben. Und das gehört, glaube ich, auch dazu zum Popstar-Scheiß, dass du eben irgendwie einfach auf einmal denkst, boah, ey, alle sagen dir, du bist der Geilste. Und dann denkst du mal zwischendurch kurz, ey, Vielleicht bin ich ja wirklich der Geilste. Und das ist genau die Falle, in die du nicht tappen darfst.

Dirk Zöllner: Natürlich, Wie soll das auch nicht sein? Es geht ja mir schon, so. Ich habe nie in diesen Höhen gerochen, jetzt wie mein Freund Sebastian. Aber trotzdem, In guten Zeiten ist es ja auch so gewesen, dass man dieses Popstar-Gehabe ja mit in die Küche nimmt, mit nach Hause, ins Wohnzimmer. Und ich wollte schon von meiner Freundin manchmal auch Applaus haben, dafür, dass ich einen Mülleimer rausgebracht habe. Und das ist mir auf die Füße gefallen, mehrfach in meinem Leben. Dass ich das nicht mehr unterscheiden konnte, Diese Sache auf der Bühne, diese Figur auf der Bühne und im privaten Leben. Da kann man sogar geist haben. Das passiert trotzdem. Es ist wie eine gefährliche Droge.

Sebastian Krumbiegel: Ja, du kannst dich nicht wehren. Ist schon so. Natürlich kannst du versuchen, es zu reflektieren, aber du bist trotzdem nicht sicher, dass du nicht irgendwie ein komischer Kerl wirst. Und ich bin mir sicher, wir waren damals auch komische Kerle.

Joël Kaczmarek: Ich überlege gerade so.

Sebastian Krumbiegel: Sind wir eigentlich immer noch, oder Scholle? Natürlich.

Joël Kaczmarek: Ich muss gerade ein bisschen grinsen, weil wir hatten heute, an dem Tag, wo wir den Podcast hier aufnehmen, hatten wir vorhin einen Graffiti-Künstler da, und dann haben wir so über unsere Kunstgeräte gefragt, wie wir Schreibblockaden loswerden. Oder ihn hat er gefragt, Sebastian. Dann habe ich so von meinem Metier erzählt, habe gesagt, ich wollte eigentlich sagen, ich bin einer der Besten in Deutschland, aber gesagt, ich bin der Beste in dem, was ich tue, Was ein bisschen übersteigert, war. Und da ist Sebastian reingegretscht. Und dann höre ich jetzt also raus, dass du die Krankheit, von der du mich sozusagen. Heilen willst, dich auch ein bisschen befallen hat, Liebe Hybris.

Sebastian Krumbiegel: Jeder ist überhaupt nicht davor gefeit. Klar gehört natürlich erstmal auch ein Selbstbewusstsein dazu, wenn du irgendwas reißen, willst. Und du musst natürlich erstmal wirklich auch denken, hey, klar bin ich irgendwie ein geiler Typ. Wenn du auf eine Bühne gehst, Ich glaube, wir haben alle einen an der Klatsche, die auf eine Bühne gehen. Auf jeden Fall.

Dirk Zöllner: Es ist nicht immer nur, dass man was reißen will. Ich glaube, dass man das oft sogar so ist, dass viele Leute, die Erfolg haben, Auch irgendwie eine kleine Behinderung haben. Ich meine, eine seelische Behinderung.

Sebastian Krumbiegel: Gefallsucht.

Dirk Zöllner: Ich muss sagen, jetzt auch in dieser Corona-Zeit, dass ich manchmal ein bisschen ins Ungleichgewicht komme. Dass mir so... Der aufrechte Gang So ein bisschen Flöten geht. Ich brauche schon eine gewisse Dosis Applaus, um mich komplett zu fühlen.

Sebastian Krumbiegel: Du hast doch damals, wann war das? Habt Ihr nicht als Support für James Brown gespielt? Oder war das nicht so?

Joël Kaczmarek: Habe ich auch gelesen.

Dirk Zöllner: Ja, das war sogar die Gründung meiner Band. Als wir uns damals kennenlernten, waren die Zöllner ein Duo. Und wir hatten einen Titel, der sehr viel Erfolg hatte. Der heißt Käfer auf dem Blatt zu DDR-Zeiten. Käfer auf dem Blatt?

Sebastian Krumbiegel: Was ist das schon?

Dirk Zöllner: Und es ist so, dass Joan Baez, die auch in der DDR spielen sollte, Es kam nicht mehr dazu, Die sucht sich immer. Titel des Landes aus, die sie sozusagen, covert. Und die hat sich diesen Titel ausgesucht. Dadurch waren wir auf einmal wahrscheinlich auch bei der FDJ-Oberen im Visier. Und wir hatten die Möglichkeit, dort eben im Vorprogramm von James Brown aufzutreten. Und das war für mich so unglaublich, weil meine Mutter, Einer der größten James-Brown-Fans, war zu dieser Zeit eine Adelung vor meiner Mutter, für mich. Und da habe ich diese Situation benutzt. Guck mal, ist doch doch was aus dem Jungen geworden. Ja, so ungefähr. Vorher und mich dagegen war. Aber da habe ich das genutzt, diese Situation und habe mir diesen Traum erfüllt. Mit Bläsern und mit Backing-Vocals und Percussion.

Sebastian Krumbiegel: Felix Lauschus war dabei, glaube ich.

Dirk Zöllner: Da war er noch nicht dabei, aber kurz danach. Also auf die Bühne zu gehen, Ich mochte schon immer so ein bisschen diesen übertriebenen Glamour-Stil, weil ich ja wie gesagt vom Glamrock komme, mochte ich auch James Brown mit seinem grünen Glitzeranzug und der rosa Brille und der Tanzmöhre und alles sowas. Das hat mir gefallen, das war mein Humor.

Joël Kaczmarek: Ich hänge ja noch irgendwie bei der täglichen Dosis. Applaus, von der du eben geredet hast. Also ich glaube, ich wäre auch so ein Kandidat. Also ich sage das jetzt nicht wertend und überlege, warum das so ist. Warum braucht man das, Diesen Applaus, dieses Bühnenspektakel? Ist das Gehirnchemie, Dass das, was auslöst? Was glaubst du?

Sebastian Krumbiegel: Es gibt doch den Spruch, Applaus ist das Brot des Künstlers. Das war es dran, auf jeden Fall. Logisch kannst du den Applaus nicht essen, aber es ist, glaube ich, schon, wie du hast es eben gesagt, schon eine Droge.

Dirk Zöllner: Ja, das denke ich, ist eine Droge. Und zum anderen ist es auch ein Ausgleich. Also Ich bin wirklich der Meinung, dass viele Künstler, Ich meine jetzt nicht Musiker, Aber viele Künstler, die ja im Grunde nach unbetretenem Land suchen, Ein Selbstwertdefizit haben. Behaupte ich einfach mal so. Also von mir kann ich es behaupten. Und deswegen brauche ich Applaus, um ganzheitlich zu sein. Woran das liegt, weiß ich nicht. Bei mir würde ich sagen... Meine Oma hat mich so doll geliebt, als ich ein kleines Baby war, dass ich so viel Liebe nie wieder gekriegt habe. Und auf dieser Suche bin ich permanent. Also wieder dieses Gleichgewicht zu haben, diese Liebe zu erhalten, die ich unbescheiden gesagt, auch abgeben kann an meine Kinder jetzt wieder. Also, ich bin nicht der richtige Erzieher. Ich liebe meine Kinder so sehr, dass ich mit denen aber permanent spielen kann und dass ich ihnen noch wirklich zuhöre, glaube ich.

Joël Kaczmarek: Jetzt hast du ja irgendwie eine durchaus bewegte Bandgeschichte, auch, also deine erste Band, wenn ich es, oder korrigiere mich gerne, Aber saumäßig war eine, Chicorée, die Zöllner, Dann habe ich mitgekriegt, so. Bei Zöllnern gab es irgendwie auch mal, Es hieß nur die Zöllner, dann der Zöllner gefühlt und so. Bist du ein schwieriger Typ?

Dirk Zöllner: Ich neige, zu denen, die gerne experimentieren, also, die auf der Suche sind. Ich bin jedenfalls kein konservativer Musiker. Ich bin aber, Die Zöllner sind überwiegend sehr konservative Musiker. Also das sind richtige, studierte Musiker, die sich auskennen, die auch Jazz spielen können und alle möglichen Richtungen. Die lieben handgemachte Musik. Ich war großer Liebhaber, als diese digitale WELT richtig... Über uns herein. Ja, Und zum Musikinstrument wurde auch. Ich stand auf einmal auf The Prodigy in Mitte der 90er Jahre und auf diese ganzen Loops und Samples, Da flog ich tierisch ab. Aber das konnte ich mit meiner konventionellen Band nicht durchsetzen. Ich war aber der Meinung, ich muss sowas machen. Deswegen war ich da ausgestiegen, aus dieser Band vorübergehend, bis ich reumütig auch wieder zurückkam, weil ich gemerkt habe, da habe ich mich ein bisschen übernommen, Weil mir das technische Verständnis einfach auch fehlt, obwohl ich es liebe, das zu hören. Möchte ich mal sagen, ich bin nicht schwierig, weil ich nämlich mit dem Gründungsmitglied André Gensicke jetzt mittlerweile wirklich im 33. Jahr bin. Und also die Prinzen machen es auch, die haben ja auch entsprechend, Sind es ja auch eine Marke, was man bei uns gar nicht so in diesem Falle sagen kann. Wir sind immer noch zusammen, obwohl wir nicht so einen großen Erfolg haben. Und das zeigt ja, dass wir uns sehr mögen und dass wir, sagen, wir mal, Auch von der Art und Weise, wie wir Musik zusammenschrauben, irgendwie überzeugt sind. Wir haben uns ja nicht groß geändert. Wir machen ja ewig diesen... Big Band Sound Jetzt schon, also schon 33 Jahre. Aber das darfst du jetzt nicht. missverständen. Ich will nicht sagen, dass ihr euch nicht versteht. Ich will nur sagen, es gibt natürlich Schwierigkeiten, immer mal unter Menschen.

Sebastian Krumbiegel: Du, Erfolg tüncht vieles zu. Das ist auf jeden Fall Fakt. Du, Ich bin mittlerweile echt so drauf. Also ich denke, ich bin da immer hin und her gerissen. Einerseits denke ich, Irgendwelche bandinternen Querelen gehen draußen keinen was an. Andererseits denke ich auch, Es ist normal, dass man sich, wenn man so lange zusammen ist, Und wir als Prinzen, muss man ja auch dazu sagen, wir kennen uns ja nicht nur die 30 Jahre, die wir zusammen Musik machen, sondern wir kennen uns ja schon seit unserer Kindheit. Und wenn du dich so lange kennst, dann hast du natürlich auch irgendwie, Gibt es Stress, logischerweise gibt es Stress. Und mit dem Stress muss man umgehen. Man muss irgendwie dann einfach wissen, hey, ich ändere dich, sowieso nicht mehr. Du bist eine fertige Persönlichkeit. Wir haben uns vielleicht auch ein bisschen unterschiedlich entwickelt in den letzten Jahren. Aber dieser alte Spruch, der für mich der Wichtigste ist, Egal, ob es um eine Band geht oder ob es um Menschen geht, die ich neu treffe, ich versuche... Immer nach Gemeinsamkeiten zu suchen und nicht immer die Unterschiede. rauszukehren, Weil das ist, glaube ich, ein ganz guter Kompass, wenn du den hast.

Dirk Zöllner: Obwohl ich glaube, wenn ich es euch betrachte, du kennst es nur von Anfang an, ist eure Zweigestirnigkeit, also gerade zwischen Tobias und dir, ist natürlich auch der Quell eurer Kreativität, Auch ein bisschen dieser Streit zwischen Euch und auch die Unterschiedlichkeit. Eurer Performance, Eurer Musik auch. Schafft natürlich eine Farbigkeit. Ich weiß natürlich sofort, ich brauche es bloß, hören, ich weiß sofort, Welcher Song von dir ist und welcher von Tobias ist, Auch wenn der Sound ansonsten ähnlich ist. Und ich denke, da bin ich sogar manchmal neidisch, weil ich wünsche mir so einen, mit dem ich mich so reiben kann. So einen habe ich noch nicht gefunden. Gensi auch nicht? Es ist anders. Ich habe meistens die Ideen, Gensi, malt die aus. Also Gensi arrangiert die, weil er eben ein sehr guter Musiker ist. Und ich habe mehr die Ideen. Und die sind aber oft... Von der Struktur her sehr einfach. Er verpasst der Sache die richtigen Harmonien, und er arrangiert diese Geschichten.

Sebastian Krumbiegel: Naja, das ist bei uns Wolfgang in der Band sozusagen. Ja, genau.

Dirk Zöllner: Aber du bist natürlich auch ein sehr guter Pianist. Ich bin

Sebastian Krumbiegel: Klavierspieler, ich bin kein Pianist. Das versuche ich immer zu sagen. Ich spiele nicht nach Noten, ich spiele nach Gehör. Also, ich habe mir eigentlich Klavierspielen, genauso, wie du dir Gitarre beigebracht, hast, wirklich autodidaktisch beigebracht. Ich wollte die Mucke spielen, die ich gehört, habe.

Dirk Zöllner: Aber du kennst die Theorie natürlich. Ich kann sie mittlerweile auch. Ich habe sie über die Kollegen gelernt, aber du bist natürlich durch deinen Ursprung. Bei den Thomanern bist du natürlich auch notensicher. Es geht,

Sebastian Krumbiegel: es geht, es geht ehrlich gesagt. Also, ich bin nicht wirklich notensicher. Ich kann ein bisschen nach Noten singen, aber auch nur so, dass ich sehe, Hey, die... Die ausgemalten Noten, Die sind langsamer und die, Die ausgemalten Noten sind schneller, Die hohlen Noten sind langsamer. Wenn es nach oben geht, geht es nach oben, Wenn es nach unten geht, geht es nach oben, Aber ich könnte dir nicht vom Blatt irgendwas vorsingen, geschweige denn, Ich könnte niemals vom Blatt dir auf dem Klavier irgendwas vorspielen. Da muss ich gucken, wo ist denn das A, Wo ist denn das C und A, Da ist ein Vorzeichen und das nervt mich schon wieder. Also, ich mache alles nach Gehör.

Joël Kaczmarek: Wie hat man denn eigentlich zu DDR-Zeiten sich vermarktet, um mal so eine Brücke langsam in Richtung digital auch zu schlagen? Konnte man das steuern?

Sebastian Krumbiegel: Man musste es sogar, glaube ich. Man musste selbst auch immer ein kleiner Unternehmer sein. Ich weiß noch, am Anfang, als wir noch keinen Manager hatten, habe ich das hauptsächlich gemacht, habe irgendwelche Veranstalter angerufen, habe gesagt, hey, guck, mal hier, Ich habe hier eine Band. Und wir machen das und das, und so, und so, und haben eine Einstufung, die ist so und so. Und man musste sich schon selbst kümmern.

Dirk Zöllner: Wir hatten auch sofort einen Manager, ja. Und das große Glück, sofort einen kennenzulernen. Also bei meinem allerersten Auftritt, wo ich Geld verdient hatte, war ein verrückter kleiner... Halb Krimineller im Raum. Und der fand uns toll, und ohne den hätten wir das nicht so schnell geschafft.

Sebastian Krumbiegel: Es gab ja den Beruf Manager offiziell nicht. Man muss dann immer künstlerischer Leiter. Oder was weiß ich.

Dirk Zöllner: Und als Techniker wurde der bezeichnet und so weiter. Aber man muss sagen, dass es sich in den 80er Jahren wirklich von Jahr zu Jahr unglaublich veränderte. Also die 80er Jahre, als sozusagen die DDR ausblutete, da kann ich mich jetzt komischerweise rücken. Blick An jedes Jahr erinnern, weil das so eine unterschiedliche Farbe hatte. Das ging mir später dann nicht mehr, so. Da glich sich ein Jahr dem anderen irgendwie so in späteren Zeiten.

Sebastian Krumbiegel: Ja, es war eine bunte, wilde Zeit. Ja, aber jetzt reden wir echt wie die alten Säcke.

Dirk Zöllner: Aber wir sind ja wieder in so einer aufregenden Zeit, wo man Ängste hat oder wo man auf jeden Fall dieses Gefühl hat, dass jetzt beispielsweise ein Jahr nicht mehr dem anderen gleicht, in letzter Zeit. Das kann man positiv oder negativ sehen. Ich denke mal, wir beide. Als Optimisten sehen es mehr positiv.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe gerade ein Lied gemacht. Für die Prinzen, jetzt eine neue Platte, wo es um die geliebte Zukunft geht, weil ich versucht habe, gerade eben auch in Corona-Zeiten, wo die Leute alle irgendwie sagen, oh, das wird alles ganz fürchterlich und wie die Welt sich gerade irgendwie verändert. Und ich sehe das teilweise auch dystopisch, Ich sehe das teilweise auch irgendwie echt skeptisch, Aber ich bin aus Prinzip jemand, der positiv nach vorn guckt. Genau,

Dirk Zöllner: es geht hier darum, EINFACH nur... Wenn eine Veränderung stattfindet, dass man keinen Zerstörungswillen hat, sondern dass man den schwierigeren Weg geht, mit dabei zu sein und vielleicht mit zu gestalten. Das ist eine schwierige Geschichte, und eine Langwierige zu zerstören, ist einfacher.

Joël Kaczmarek: Naja, Ich habe eine erschreckende Beobachtung gehabt. Und dann kommen wir langsam. Rüber zum Thema digital. Ich habe irgendwie Facebook bei mir deinstalliert auf dem Handy, weil ich das Gefühl habe, Das ist nur so Prokrastinieren und Energieverschwendung und habe es immer wieder installiert, weil ich auch für Kunst trifft digital, glaube, ich, irgendwelche Sachen geguckt habe, und ich habe relativ schnell wieder gemerkt, was es war. Nämlich, dass mich dauernd so Sachen runtergezogen haben. Dass du siehst, Oh Fuck ey, du siehst ja ganz oft diese Bilder. So kleine Welle kommt. Covid-19, Größere Welle kommt Wirtschaftsfolgen Covid-19, Riesige Welle kommt Klimawandel. Und da in der Art gibt es ja tausend Sachen. Dann liest du was über Lachse, über Lachsanbau, Also, wie sagt man hier, Zucht. Dann liest du über, weiß ich nicht, Natur, Weltmeere und so weiter und so fort und wird mehr depressiv. Und dann war die erschreckende Einsicht aber, dass ich irgendwann, das hat bei mir Klick gemacht, dass ich dachte, Moment mal, Facebook basiert auf einem Algorithmus. Das, was ich da angezeigt kriege, ist das, was ich sehen will. Also habe ich für mich realisiert, shit, da hast du ein bisschen deine eigene Falle genommen. Ja,

Dirk Zöllner: so ist das. Deswegen sollte man vermeiden, gleich, wenn man ein paar Widerworte kriegt, die gleich aus der Freundesliste zu schmeißen. Ich glaube, das ist eine Übung, gerade Facebook. Es ist immer noch neu für uns, uns in der Schriftform zu üben, wie wir uns ausdrücken können, ohne uns zu sehen, ohne sich in die Augen zu gucken. Das ist ein langer Weg. Für mich ist es immer wieder eine Übung. Manchmal habe ich Ängste, weil ich sage, wenn ich das Thema jetzt anschneide, hole ich irgendwelche Ratten aus den Löchern. Aber die Sache, Man muss versuchen, vor allen Dingen üben. Wie? In einer Partnerschaft. Und gerade, wenn es nur in einer Schriftform ist, muss man üben, dass man vielleicht auch mal wartet, eine Minute oder ein paar Minuten sich gedanken macht, Wie kann man mit dem anderen ins Gespräch kommen, ohne den zu verletzen, Bloß, weil er eine andere Meinung hat. Leider nur Millimeter, die man aufeinander zugehen kann, Aber so ist die Wirklichkeit. Ansonsten ist es so genau, wie du sagst. Wenn man nur eine Unterstreichung seiner eigenen Meinung hören will oder eine uniforme Meinung, gerät man ganz schnell in diese Algorithmusfalle.

Sebastian Krumbiegel: Und du bist vor allem in deiner Blase. Also wir schimpfen ja immer darüber, dass die Doofen sind, alle in ihrer Blase. Wir sind auch in unserer Blase und sind für die, die doofen. Und natürlich gibt es so ein paar ganz klare, menschliche, humanistische Inhalte, die wir versuchen, hochzuhalten. Klar, wenn wir jetzt über Rassismus reden wollen, wenn wir über Antisemitismus reden wollen, Wenn wir über Neonazis reden wollen, weiß ich dann, Ich bin auf der guten Seite der Macht, um es mal so zu sagen. Aber trotzdem muss ich aufpassen, auch, dass ich diese Gratwanderung, was du eben sagst, nicht sofort jeden aus der Freundesliste streichen, Weil. Dann bleibe ich in meiner Blase, dann bleibe ich in meinem Algorithmus und dann kriege ich nichts zurückgespiegelt.

Dirk Zöllner: Ich denke auch ein bisschen mutig sein, also, wenn man jetzt Wagenladungen von Beiträgen... Besonders kluger Leute, da irgendwie einfach nur kopiert und da dem anderen überhilft. Es geht auch nicht. Man muss sich darin üben, glaube ich, so vielleicht mal nur drei, vier Sätze zu sagen und dann eine Reaktion abzuwarten. Ich sage es jetzt gerade, oder ich möchte jetzt hier nicht klugscheißerisch sein, Ich übe mich darin gerade sehr. Für mich ist es tatsächlich eine Übung und manchmal habe ich Ängste oder sage, oh, das kann ich jetzt nicht mehr aushalten. Und aber wenn ich zum Beispiel so eine Tage habe, wo mir der Applaus fehlt, denke ich mir irgendwas aus und schmeiße es da ins Aquarium. Aber nicht jetzt mit sadistischen. Gedanken, Sondern wo ich denke, das ist ein Thema, worüber man mal reden könnte. Man darf es bloß nicht so ganz groß machen. Das ist eben schwierig, weil man natürlich, wenn man es zu groß macht und nicht moderiert, bleiben letztendlich immer zwei übrig. Zwei kläffende Hunde, die sich ineinander verbeißen und alles andere wird weggedrückt.

Joël Kaczmarek: Ich finde das Total geil, was du sagst. Du bist ja unfassbar, reflektiert, was diese digitale Kommunikation angeht, weil. Ich komme ja aus, so einem Eck, Wir sind ja eher so Avantgarde oder so, sehen wir uns zumindest immer wie Internetfuzzis, dass wir denken, ach, alles digitale, kennen wir schon. Da entsteht so eine Arroganz, beobachte ich so. Und als dann hier auch diese Debatte aufkam mit Merkel, sagt Neuland, dann immer alle so Ha, ha, ha, ha, ha, Da ist aber schon was dran und du hast recht, Ich beobachte das auch. Gestandene Leute, Die digital kompakt sind, Die schreiben sich E-Mails und geraten dann in Streit. Und dann merkst du irgendwann, der eine hat, was Fett geschrieben, und der hat das als Schreien empfunden. Und der andere sagt, nein, das war eine Hervorhebung, haben wir bei uns in der Firma schon gehabt, mit irgendwie externen Partnern, ja. So Banale Sachen, wie man Texte formatiert, sogar, ja. Oder da fehlt ein Emoji oder... Ja, das hättest du nicht schriftlich lösen dürfen, sondern...

Sebastian Krumbiegel: Ich glaube, das ist das Geheimding oder das ist das Geheimnis. Also wirklich, Man kann nicht alle Sachen schriftlich lösen. Ich sage das immer wieder auch bei uns in der Band. Wenn wir diskutieren über Dinge, was in Corona-Zeiten sehr schwer ist, weil. Wir sind natürlich irgendwann auch auf den Trichter gekommen, Zoom-Konferenzen abzuhalten, Was auch wirklich viel, viel Geiler ist, als nur schriftlich zu machen, weil du siehst dich und Du redest eben miteinander. Das allergeilste ist, Alle befinden sich in einem Raum, alle reden miteinander. Du reflektierst, was der andere sagt, was er meint, weil du siehst genau, wie er guckt. Weil viele Sachen kannst du nicht schriftlich. Ja,

Dirk Zöllner: ist aber zu spät, weil ich denke tatsächlich, Dass sich eben nur eine gewisse Anzahl an Menschen Auge in Auge begegnen können. Dadurch, dass wir schon halb mit der Maschine verbunden sind, haben wir ja einen Bekanntenkreis, der manchmal tatsächlich, wo man die Leute fast noch kennt, der in Tausend geht. Das kann man ja gar nicht mehr Auge in Auge bewältigen und das wird nicht wieder zurückgehen. Es ist ein Kommunikationsmittel, WAS wir... Lernen müssen oder wo wir uns ergeben. Wenn wir wirklich selber zur Maschine werden oder nur uns in den Algorithmen aufhalten, ist es natürlich. albern. Aber ich sehe auch das positiv. Also ich denke, Man kriegt unglaublich viele Nuancen mit, aus denen man natürlich ein ganz anderes Bild sich machen kann. Wenn man eben, wie du auch sagst, nur in seiner Blase bleibt, Dann glaubt man ja, dass das die Wahrheit ist. Und ich halte das für gefährlich. Also sagen wir mal, individuell zu glauben, Das ist die Wahrheit und beispielsweise die Gefahren nicht zu erkennen, die von außerhalb kommen. Sowas wie zum Beispiel Rassismus oder eine rechte Tendenz, die müssen wir uns auch angucken, Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Ich glaube sogar, dass das eigentlich normalerweise auf die anderen Medien übergehen müsste. stärker. Also in die Zeitung, ins Fernsehen. Ich bin weit jetzt von so einem dümmlichen Gelaber Weg mit Lügenpresse und sowas. Aber es ist natürlich wirklich, wird sehr viel ausgelassen. Und ich glaube, das muss man sich wagen, bestimmte Themen auch dort anzuschneiden. Ich finde es beispielsweise... Egal, wie man Leute wie Xavier Naidoo oder auch Ken Jebsen sieht. Und ich glaube, die werden auch richtig betrachtet, kann man die nicht einfach. outsourcen. Man muss sich mit manchen Dingen beschäftigen, Man kann über Dinge lachen oder nur Angsten auch wahrnehmen. Von denen, die vielleicht interessant sind und nicht alles über einen Kamm scheren. Wir leben doch nicht im Bundestag, wo nur jede Partei sich selbst applaudiert.

Sebastian Krumbiegel: Also, wir haben ja viel über Xavier auch gesprochen. Wir haben auch über Ken Jebsen gesprochen. Wir haben über Attila Hildmann gesprochen. Also in unseren Podcast irgendwie. Immer wieder war das Thema. Also... Xavier, Wenn wir ihm jetzt wieder ein Podium bieten, indem wir über ihn reden, ist das genau das, was du meinst? Nee,

Dirk Zöllner: aber man sollte darüber reden, dass er einfach in eine Entzugsanstalt geht. Und seine Freunde von den Söhnen Mannheims dürften sich nicht von ihm distanzieren und einfach sagen, ey, der kifft zu viel, das ist einfach mal Fakt. Wer weiß,

Sebastian Krumbiegel: was das ist. Vielleicht ist es wirklich eine psychische Störung und das meine ich völlig wertfrei. Ich denke auch.

Dirk Zöllner: Und da sind wir auch schon wieder fast bei dem Ding, was wir vorher uns erzählt haben. Wer so viel Erfolg hat, wo wirklich jeder Ton zu Gold sozusagen, wird, Wie soll man denn sowas verkraften? Das ist natürlich eine psychische Störung.

Joël Kaczmarek: Aber du sagst eigentlich was sehr Interessantes. Ich habe heute, war ich beim Zahnarzt vor unserer Aufnahme, bin dann im Bus gefahren, dachte, was machst du, Hör ein bisschen Podcast. Und weil uns heute auch Sammy Deluxe besuchen kommt, habe ich von dem Falk Schacht, Der macht zusammen mit einer Dame, deren Name mir entfallen ist, EINEN Podcast. Und dann ging es irgendwie darum, da hat er eine Geschichte, erzählt von Fler. Das ist ja ein durchaus aggressiver, Streitbarer Rapper. Ich glaube, so darf man das sagen. Der hatte in einem Interview anscheinend sich so ein bisschen mokiert. Es gibt diesen Begriff, Ich kannte das ehrlich gesagt, auch nicht. Also so viel zum Thema, Ich betrachte mich also digital. Dass man manchmal bei Twitter sagt, jemand wird gecancelt. Und gecancelt, heißt, wenn jemand einen Dialog anstartet, kommt die Community und sagt, nein, über den Reden wir doch nicht mehr, Der wurde doch gecancelt. Ach so,

Sebastian Krumbiegel: okay, okay.

Joël Kaczmarek: So, Und das finde ich interessant, was du sagst, dass man eigentlich heutzutage geneigt ist, Ein Verstoß, Rote Karte raus. Also, wir haben auch zum Beispiel, Wir denken intensiv darüber nach, ob wir eigentlich mal Sido zu uns bringen. In den Podcast Einladen sollten, der auch in so eine Richtung hier Attila Hildmann. Und so glaube ich, Sachen geteilt hat. Vorsicht,

Sebastian Krumbiegel: bin ich ganz ganz vorsichtig, weil ich habe Sido kennengelernt. Und halte ihn erstmal wirklich für einen wirklich reflektierten Typen und halte ihn wirklich auch für einen guten Typen, ganz ehrlich. Er hat sich vergaloppiert mit irgendwelchen Scheiß. Ich glaube, du setzt schnell irgendwelchen Verschwörungstheorien auf, und das ist nämlich genau das Gefährliche, ja. Wenn du eben sagst, was diese ganze Scheiße mit irgendwie Kinderblut, Trinken und irgendwie, weißt du, Dieser ganze Horror, der da irgendwie kolportiert wird. Wenn er das irgendwo gesagt hat, Ich glaube, er ist ein guter Typ und ich glaube, er hat sich da wirklich vergaloppiert. Und ich glaube, man sollte ihm auch zugestehen, zu sagen, Hey, Baby, wir schreiben dich nicht ab.

Joël Kaczmarek: Das glaube ich auch. Mein Vater zum Beispiel hat mir, erzählt, Er hat dieses Video von ihm gesehen, wo er vor seinem Gartenzaun irgendwelche Bildreporter beschimpft. Und denen droht, auf die Fresse zu hauen. Ja,

Sebastian Krumbiegel: aber das habe ich auch gesehen und muss trotzdem auch sagen, es war natürlich von ihm nicht klug, aber ich habe ihn verstanden. Er wird in seiner Privatsphäre irgendwie von irgendwelchen leuten, da irgendwie mit Kamera im Anschlag irgendwie gefilmt. Hey, das würde ich auch nicht geil finden. Ich würde, glaube ich, nicht rausgeben. Vielleicht wäre es viel Klüger gewesen, wenn er gesagt hätte, hey, kann ich euch einen Kaffee und ein Stück Kuchen anbieten? Vielleicht wäre das Cooler gewesen. Aber ich glaube, der war selbst genervt. Und ich kenne das irgendwie, wenn du Geschitztormt, wirst. Und wenn du geschitztormt, wirst, das ist nicht geil.

Dirk Zöllner: Manchmal kommt man aus diesem Ding gar nicht mehr raus. Wenn man, wie du sagst, wenn man einfach gecancelt wird, weil man irgendwie mal was Falsches gesagt hat. Wir sollen ja wieder zurückkehren. Und wenn er dann grundsätzlich eine... Persona non grata ist.

Joël Kaczmarek: Darauf wollte ich hinaus, ich werde hier gleich abgehakt. Nein, sorry, sorry. Ich wollte nur sagen,

Sebastian Krumbiegel: dass Sido wirklich, Ich würde den nicht in einem Atemzug mit Hildmann und mit Ken Jebsen nennen. Nein,

Joël Kaczmarek: was ich eigentlich sagen wollte, war, dass es, Ich weiß noch nicht mal, was der über den gesagt hat, also. Da fängt die Halbbildung manchmal auch an, also vielleicht kanzelt man Leute auf Halbwissen. Was ich sagen wollte, ist, Es gibt vielleicht manchmal eine Nuance oder ein Element, wo ich noch nicht mal weiß, was das bei ihm war in Bezug auf Attila Hildmann, Wo man dann, genau, wie du sagst, auf einmal so vom Radar einfach runtergepufft wird. Und da, finde ich, hast du einen Punkt, dass man sagt, wie mein Vater, der sagt, den finde Ich blöd, der hat ja die Bild-Reporter da beschimpft, wo ich sage, du Papa, das kann ich schon verstehen, Ich finde es nicht professionell, weil das ist ein Preis, den er zahlen muss als Promi, Aber man hat Momentaufnahmen und die werden sozusagen über die ganze Person gekippt.

Dirk Zöllner: Ich kann es nachvollziehen, Was da passiert, ist. Ich hatte neulich mal so eine Sache, das dürfte ich überhaupt nicht missverstehen, Ich bin kein Fan von Ken Jebsen, Aber irgendwas hatte der Mal gesagt darüber, über den Mut, wie man in bestimmten... Situation sich entscheidet, ob man mit einer Gesellschaft mitgeht oder nicht. Also, da hat er etwas verglichen, aber es hat mich interessiert. Manchmal mache ich mir Gedanken, wer wäre ich denn gewesen? Jetzt im dritten Reich? Hätte ich diese Kraft gehabt, zu den wenigen Widerstandskämpfern zu gehören? Was ich natürlich gerne sein würde, Aber das ist natürlich was Romantisches. Oder wie reagiert man, Sagen wir mal, in einer Situation, wo eine Meinungsvorgabe ist und man muss in dieser Meinung drinnen bleiben, sonst...

Sebastian Krumbiegel: Aber das ist, glaube ich, das erste Missverständnis, weil es gibt keine wirkliche Meinungsvorgabe, um es mal klar zu sagen. Es gibt keine Denkverbote und Sprechverbote.

Dirk Zöllner: Das gab es im dritten Reich schon. Richtig, das gab es damals, aber das gibt es heute noch nicht. Und das war das Thema, weil ich über meine Großeltern nachgedacht habe. Und sowas, die keine Widerstandskämpfer waren. Und das war irgendeine Diskussion bei Ken Jebsen. Ich habe nur dieses Thema angeschnitten, beispielsweise. Es ging nicht mehr um den Inhalt, es ging nur noch um den Begriff. Ken Jebsen. Und da habe ich einen Shitstorm gekriegt, obwohl ich überhaupt nichts über Ken Jebsen erzählt habe, sondern nur ein Thema. Und aufgrund der Quellenangabe, was man nun mal macht, gesagt habe, das habe ich dort gehört. Da ging es nicht mehr darum, Um diesen Gedanken, wäre man ein Widerstandskämpfer gewesen, in einer schlimmen Zeit oder nicht, sondern es ging nur darum, dass ich ein Zitat von Ken Jebsen genommen habe. Und dann war ich selber auf einmal, kam ich in diese... In diese Rolle, in diese Truppe der Verschwörungstheoretiker.

Sebastian Krumbiegel: Die Frage, was wir damals gemacht hätten, nur, um das Mal kurz noch aus meiner Sicht abzuschließen, Das ist ja wirklich auch ein großer Irrtum. Ich glaube, es gibt solche Erhebungen, dass heute irgendwie, weiß ich nicht, Wie viel Prozent aller Deutschen davon überzeugt, sind, dass ihre Vorfahren damals im Widerstand waren. Und das ist natürlich völliger. Unsinn, Weil. Die wenigsten waren damals im Widerstand. Und auch, weil du vorhin gesagt hast, selbstreflektierend, was hätten wir damals gemacht? Ich bin mir sicher. Wenn mein Vater ein Straffer Nazi gewesen wäre, hätte ich da mitgemacht und hätte ich da das auch Geil gefunden, hätte auch gesagt, Oh geil, hier, der Führer. Und irgendwie, was hier gerade abgeht. Und heute rückblickend zu sagen, ich hätte aber damals mich echt dagegen gestellt, das ist, glaube ich, echt ein Irrtum. Der Umkehrschluss ist der, Was machen wir heute, Wie reagieren wir heute auf solche Inhalte, auf Nazi-Scheiß. Mit der Erfahrung, die wir haben, müssen wir uns da, meine Meinung, ganz klar. Dagegen stellen, völlig, Also mir ist es wichtig, mich zu positionieren. Auf diesem Gebiet.

Joël Kaczmarek: Das ist mir gar nicht aufgefallen.

Sebastian Krumbiegel: Hey, ich gehe da noch ein bisschen steil bei diesem Thema.

Dirk Zöllner: Ich liebe dich darin, wie du das machst. Ich bin trotzdem manchmal anderer Meinung. Also sagen wir mal, wie man die Sache handhaben sollte. Ich hatte ja gerade so eine Sache jetzt auf Facebook, ich habe es dir vorhin schon, erzählt. Ich habe ja eine Familie, Meine Ex-Frau ist Halbnigerianerin, Ich habe also zwei dunkle Kinder und die eine Tochter von mir hatte ein Interviewangebot. Sie sollte über diese Umbenennung der Mohrenstraße also sprechen. Nicht gewollt, weil sie ist der Meinung, Also, wenn man über solche Nebenposten spricht, holt man erst, die Ratten aus den Löchern sozusagen. Sie ist der Meinung, also, dass es nicht positiv ist, Dass es so wenig Bedeutung hat ihrer Meinung nach und auch so viele verschiedene Hintergründe, dass es keinen Sinn macht, sich bei dieser Baustelle aufzuhalten. Also, es ist Ihre Meinung, Ihre ganz persönliche Meinung. Ich verstehe das. Ich verstehe das.

Sebastian Krumbiegel: Und ich finde es sehr schwierig, ich will jetzt gar nicht über dich reden, das ist deine Tochter, du kennst Sie sehr gut, du hast mit Ihr zu tun. Aber wenn ich jetzt, ich sage es mal extra, Als alter, weißer Mann ihr da über den Mund fahre und sage, du hast doch keine Ahnung, das ist ein Fehler. Das darf ich nicht machen. Und ich muss erstmal respektieren, dass sie das so sieht, Auch wenn ich das übrigens anders sehe. Ich finde das, also die ganze Diskussion, Wie gehen wir heute mit Rassismus um? Was ist überhaupt Rassismus? Wenn ich jetzt die Schlagzeile höre von irgendeinem Polizeioberhäuptding, Der sagt, Es gibt keinen Rassismus in der Polizei in Deutschland, Das ist natürlich völliger. Unsinn. Weil natürlich gibt es Rassismus in der Polizei, weil Rassismus gibt es überall. Auch wir sind irgendwie alle ein kleines bisschen rassistisch. Ohne, dass wir das überhaupt wollen. Und ich glaube, es geht immer um den Impetus. Es geht immer darum, wie meinst du wirklich irgendwas? Und wenn du irgendwas böswillig, rassistisch meinst, dann ist es scheiße. Also ich finde es auch scheiße, wenn irgendwelche Leute sagen, ich habe immer Mohrenkopf oder Negerkuss gesagt, das sage ich auch weiterhin. Nein, finde ich nicht. Ich finde, man muss wissen, dass es beleidigend ist.

Dirk Zöllner: Ich meine, es geht immer weiter. Ich meine, mit Neger sowieso absolut. Aber es werden ja immer neue Namen kreiert und es geht ja immer weiter. Wie heißen Sie jetzt? POC?

Joël Kaczmarek: Person of Color, ja.

Dirk Zöllner: POC. Person of Color, genau. Das kann sein, dass es auch in zwei, drei Jahren negativ besetzt ist. Wie auch immer, dass sich jemand darüber lustig macht oder sonst was. Für mich ist so etwas vergleichbar, als wenn man eben die Emanzipation auf die Rechtschreibung verlagert. Das wirst du doch verstehen. Ich meine, wir wissen ja, das ist jetzt kein großes Verdienst, Zum Beispiel der DDR, aber dadurch, dass die Frauen alle arbeiten mussten, gab es bestimmt eine bestimmte Gleichberechtigung, Die war größer als heutzutage. Und anstatt die Sache anzugehen. Beschäftigt man sich damit, dass es eben Schauspieler, Schauspielerinnen heißt? Und die ganze Zeit spricht man über die Rechtschreibung. Und das ist mir irgendwie, Ich möchte da gar nicht sagen, für mich. Persönlich hat es etwas bisschen albernes, also aus meiner Sicht.

Sebastian Krumbiegel: Es ist die Frage. Ich denke, also, was ich immer Versuche zu reflektieren, ist, dass wir eben, wir zwei auch schon über 50 sind. Wenn ich mit Leuten heute rede, die 20 sind. Und ich bin da manchmal auch ein bisschen befremdet. Oder war befremdet, wenn irgendwelche Leute gesagt haben, ja, wir als KünstlerInnen. Ja, also den harten Glottisschlag vor dem Innen. Erstmal, um klar zu sagen, es ist wichtig, dass wir drüber reden. Das ist, glaube ich, Das Allerwichtigste. Ohne Zweifel. Erstmal ohne Wertung. Natürlich ist ganz klar, wenn jemand das N-Wort gebraucht, werde ich immer reingrätschen. Werde ich immer sagen, hey, Baby, das ist echt kacke, weil du beleidigst damit Leute. Und das möchte ich nicht, dass du so redest. Das werde ich immer tun. Es geht dann weiter, wie gesagt, wir haben schon drüber gesprochen, Joel. Inuit, Eskimo. Oder Indianer. Dürfen wir Indianer sagen? Oder heißt das irgendwie amerikanische Ureinwohner? Es ist sehr schwierig, Aber man sollte, glaube ich auch wissen, dass die Sprache sich verändert und dass wir dafür auch offen sein sollten. Und das nicht vordergründig als Vergewaltigung der Sprache ansehen sollten, sondern einfach, Die Sprache verändert sich, und da können wir doch gern mitgehen. Ich hätte übrigens auch kein Problem zu sagen, wenn es nur noch heißen würde, Musikerinnen, Lehrerinnen, Podcast. Würde ich mich da diskriminiert fühlen? Nö, würde ich nicht, weil ich würde mich da einbezogen fühlen.

Joël Kaczmarek: Es ist, glaube ich, Ein komplexes Thema. Was ich für mich so überlege, gerade, Vielleicht kann man ja den Bogen wieder mal zu dem Digitalen auch zurückspannen. Ich glaube, der Mensch ist ein Rudeltier und zu einem Rudel gehört auch immer eine Exklusion. Also, es gibt immer mein Rudel und das fremde Rudel. Und ich glaube, deswegen liegt es manchmal, Ich sage nicht, dass das gut ist, aber ich habe so den Verdacht, Es liegt manchmal in der Natur der Sache des Menschen, Sachen von sich auszugrenzen. Und ob das jetzt Rassismus ist oder ob der Ismus sich auf etwas anderes bezieht, Also, ob es jetzt die Ethnie ist, Das Geschlecht, der Beruf, Der, was weiß ich. Das passiert, glaube ich, immer ein bisschen. Und das Interessante ist ja aber eigentlich, was ich jetzt aus dem Gespräch mit Euch auch wieder so merke, Im Digitalen passiert das manchmal noch leichter und vielleicht auch noch mal reibungsärmer. Also man kann sich, glaube ich, in diesen Kommentarschlachten echt irgendwie auch hochputschen, Aber das ist ja auch immer so, Man schreibt damit so eine anonyme Wand irgendwie. Und ich meine, mir geht es ein bisschen ähnlich wie du, als Du von meintest, Man hat ja immer ganz viele Freunde. Bei mir ist es zum Beispiel so, Ich glaube, ich könnte mit meinem sozialen Netzwerk so einen Blog in einem Stadion füllen, Aber ich würde sagen, die Leute, mit denen ich richtig gut... Befreundet bin und wo ich auch mich regelmäßig treffe, sind an der Hand voll. Ich habe manchmal Angst, wenn ich ein alter Sack bin, wer eigentlich noch an meinem Grab steht, weil die 1600er irgendwie von Instagram oder so oder von LinkedIn, Die werden da nicht stehen. So, na gut. Aber anyway. Um es mal wieder auf eine Kunst trifft digital-Bühne oder Thematik zu schieben. Ich würde mich an den Grab stellen, Joel. Aber ich fürchte,

Sebastian Krumbiegel: dass ich vorher das zeitlicht nicht mehr sehen werde. Junge, klar. Danke, das ist lieb.

Joël Kaczmarek: Ich hoffe, dass du es nicht musst, weil dann hat mich vielleicht der Bus erwischt. Nein, toll, Ich glaube, was holst. Sag doch nochmal aber vielleicht ein, Zwei Sätze, lieber Dirk, Wenn du jetzt mal die digitalen Medien dir so anguckst, wie bewegst du dich denn da? Und vielleicht was erinnert dich auch so an, oder wenn du es mal vergleichst, Deswegen habe ich ja auch so einleitend gefragt, wie machst du Vermarktung in der DDR, Wie machst du das heute, Benutzt du auch digitale Medien für dich und deine Kunst sehr stark?

Dirk Zöllner: Ja, also absolut, da ich ja, Sagen wir mal, wenn ich mal mehr in der zweiten Liga Spiele und bestimmte Gewerke auslasse, beispielsweise Großplakatierungen, Radiowerbungen und alles sowas, was sehr viel Geld kostet, mache Ich bestimmte kleine Konzerte, die ich beispielsweise nur im Duo mache. Das mache ich ausschließlich über Internet, Die Werbung. Das reicht dann auch. Wenn ich weiß, ich spiele irgendwo einen Club, wo 150 Leute sind, Da brauche ich keine Zeitungsanzeige, mehr. Also für mich ist es ein Arbeitsmittel auf jeden Fall. Das ist ein Tool, genau. Jetzt in der Zeit sowieso, Jetzt, wo man, sagen wir mal, keine öffentlichen Auftritte hat und wir auch nicht zu den Bands gehören, die jetzt, sagen wir mal, tagtäglich im Radio gespielt werden, Ist es für mich natürlich auch, die Möglichkeit zu zeigen, dass es uns noch gibt. Also wir machen Videos, Home-Konzerte, Wohnzimmer-Konzerte und So weiter. Und zum Dritten ist es für mich genau dasselbe, wo wir schon sprachen. Wenn ich auf einmal hier nicht genug Öffentlichkeit habe, hole ich mir dann ein paar Komplimente ab.

Sebastian Krumbiegel: Ja, oder eben auch Shitstorms.

Dirk Zöllner: Oder auch Shitstorms, kommt drauf an, Wie meine Verfassung ist. Manchmal, Ich habe einen kleinen Masochismus, auch einen kleinen Sadismus, der ist mir eigen. Also, ich bin nicht so ganz in der Mitte. Und manchmal brauche ich das, so ein bisschen, meine Tage auszufüllen. Ich bin ein manisch-depressiver Mensch, und wenn ich in einer depressiven Phase bin, macht es mir Spaß, diese Leere aufzufüllen, indem ich mich irgendwo wieder mit genug Blut versorge. Auch indem man sich ein bisschen aufregt.

Joël Kaczmarek: Ist ja geil, wie selbstehrlich du sozusagen bist.

Dirk Zöllner: Danke.

Joël Kaczmarek: Ich kenne das ein bisschen. Wir haben so eine in der Familie, bei uns. So eine WhatsApp-Gruppe, wo man natürlich von seinen Kindern immer Fotos teilt. Und mein Schwager hat das auch. Bei meinem Schwager sind natürlich auch seine Schwiegereltern drin. Und das sind so eine Harmonie-Prügel. Da kriege ich eine Rappel. Wenn die sich dann immer so mit 15 Smileys hier irgendwie, ja, unser schöner Ausflug wieder. Und ich bin manchmal dann, so der Stinkgerichte, wenn man den einen reindrückt. Und ich glaube, das schlägt bei denen voll auf. Und das ist bei mir aber wie bei dir, dass ich manchmal sage, ich halte jetzt diese Harmonie hier gerade nicht aus. Naja, gut, So hat jeder seins. Also okay, ich verstehe, Das ist für dich ein Medium, was für dich natürlich Fankontakt bedeutet. Und irgendwie diesen Applaus, den Du suchst. Wie geht es dir sonst so mit dieser ganzen Welt, Spotify, Netflix und Co.? Also, ich habe mich mit Sebastian schon oft darüber unterhalten, dass ja irgendwie Spotify für den Endhörer das Musikverhältnis irgendwie Kolossal verbessert hat, für den Musiker irgendwie eher. Ja,

Dirk Zöllner: für den Musiker ist es immer schwieriger, aber es ist einfach mal ein bequemes Mittel des Konsums, des Musikkonsums. Ich sehe es natürlich, dass meine Kinder das benutzen, also zumindest die beiden Älteren.

Sebastian Krumbiegel: Ich benutze es auch und finde es gut und finde es praktisch einfach.

Dirk Zöllner: Ich kann dazu nichts sagen, weil ich tatsächlich nicht ganz Technikaffin bin. Ich höre tatsächlich noch CDs. Ich gehöre zu den Fossilien, die das tun, aber insgesamt höre ich eher wenig Musik. Ich weiß, ich kann es nicht erklären. Früher habe ich nur Musik gehört, ich höre wenig Musik. Ich brauche Ruhe im

Sebastian Krumbiegel: Alter. Ich brauche Lärm, ich brauche echte Lautstärke, ich brauche Musik, ich brauche irgendwie da volle, kanne das Brett.

Dirk Zöllner: Ich bin mehr, so der YouTube-Typ, Ich suche ununterbrochen, irgendwelche Sachen, bleibe hängen und ich surfe da. Durch die Videos, muss ich sagen. Und bleibe manchmal irgendwo hängen und manchmal wochenlang an einer Sache, die mir besonders gefällt, wo ich etwas entdecke, AUCH aus... Deutschland eben, wo man denkt, Man hat ein einigermaßen Überblick, aber was ist da?

Sebastian Krumbiegel: Du bist ziemlich schnell auf. Großstadtgeflüster steil gegangen, oder?

Dirk Zöllner: Ach, das ist schon Jahre her, die kenne ich schon ewig. Als die noch völlig Avantgarde waren, ja.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe die erst vor zwei, drei Jahren entdeckt und bin richtig Fan.

Dirk Zöllner: Du kennst die erst zwei, drei Jahre, die gibt es schon 15 Jahre. Ja, das tut mir leid.

Sebastian Krumbiegel: VÖLLIGE Unbildung, ja, Tut Mir leid. Aber für mich ist das ein richtiger, echter, Guter Tipp, dass es echt Geile Mucke ist. Obwohl es eben volle kanne. ELEKTRO ist, ja.

Dirk Zöllner: Aber ich kannte auch vorher schon Balbina oder Sarah Lesch aus deiner Heimatstadt sozusagen, lange, bevor die irgendwie dann wirklich hochkommen, war begeistert. Oder Katja Maria Werker, großartig. Also was da alles gibt. Regy Clasen, die jetzt gerade gestorben ist. Es gibt einfach Künstler, Die hätten es verdient, tagtäglich im Radio und im Fernsehen zu laufen, weil ich finde, ich habe das Gefühl, Die sind so ein bisschen über Mainstream, und da haben die Verkäufer Angst, dass Sie damit... Sozusagen die Menschen überfordern. Also Regy Clasen zum Beispiel ist eine Sängerin, Die hat so weibliche Texte, und ich könnte heulen, wenn ich das höre. Und ich habe geheult, als sie verstorben ist.

Joël Kaczmarek: Wo du eben so YouTube erwähnt, hast oder auch vorhin Facebook war, Also, was ich mich immer bei ertappe, also bei mir im Studium, war ja früher immer so. Medien haben Gatekeeper-Funktion, war immer so dieses verkopfte, Analytische mit, Was machen eigentlich die Medien? Sprich, das ist für dich so ein Qualitätsfilter. Und ich habe für mich so gemerkt, Das hat einerseits eine ganz tolle Kuratierungsebene. Also bei mir ist es zum Beispiel so, Ich gucke mir dann Videos an, Ich habe, so Tetris-Weltmeisterschaften mir dann angeguckt, was super spannend ist. Also, man entdeckt tolle Dinge, Aber man hat natürlich auch nicht den großen Onkel, der einem irgendwie so erklärt, ich habe schon mal gefiltert, Ist das auch valide, was da passiert?

Dirk Zöllner: Aber es ist bei mir auch nicht nur Musik, es gibt auch, Manchmal gucke ich mir auch Anglerfilme an, Was die da für unglaubliche Schöpfe aus dem Wasser holen. Oder auch sehr gerne gucke ich mir im Nachhinein, weil ich nicht Fernsehen gucke. Ich habe zwar einen Fernseher, da irgendwie stehen, aber ich gucke nie. Manchmal gucke ich mir Bundestagsreden an, manchmal den größten Blödsinn.

Joël Kaczmarek: Was hast du noch? Paulus. Hast du gerade Pornos gesagt? Das ist doch kein Blödsinn.

Sebastian Krumbiegel: Hör mal zu.

Dirk Zöllner: Kultur hat viele

Joël Kaczmarek: Facetten. Gesichter und Hinter. Also in unserer heutigen, durchdigitalisierten Welt, wo man vielleicht auch so ein bisschen voneinander gerückt ist, jetzt räumlich, Ist es trotzdem noch ähnlich, deine Kunst zu machen wie damals in der DDR? Oder hat es sich sehr, sehr verändert?

Dirk Zöllner: Es hat sich schon verändert, Also vor allem die Arbeitsweise. Also, wir haben ja jetzt auch gerade in dieser Zeit mal versucht, Titel aufzunehmen, hat sich keiner von uns gesehen. Bei elf Musikern ist es schon ein lustiges Unterfangen. Jeder spielt seine Spur selber ein, irgendeiner muss anfangen. Ist ja auch nicht so einfach. Bei uns war es der Trommler, Der hat dann nur getrommelt und hat uns erklärt, wie er das meint. Und dann der Nächste. Und das funktioniert aber auch. Wir haben gerade einen Titel gecovert, ebenfalls vom verstorbenen Freund Edo Zanki. Gib mir Musik haben wir irgendwie gecovert. Jetzt in dieser Corona-Zeit auf Abstand. Und das ist trotzdem ganz gut geworden. Wir haben dann alle, jeder hat seine Tonspur zu unserem Toningenieur geschickt, Der hat das alles zusammengeschraubt. Und gleichzeitig haben wir uns noch gefilmt. Bei der Aufnahme mit dem Handy und haben ein Video Draus gemacht. Das ist schon sehr, sehr anders als zu DDR-Zeiten. Damals war es auch vor allem bei DDR-Zeiten war ganz komisch, Da hat man irgendwie grundsätzlich alles nacheinander eingespielt und dann zusammengeschraubt. Das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Sonst gehen wir in ein Studio. Üben ein bisschen. Und dann sagen wir zwei, maximal drei Aufnahmen. Und dann wird der Song genommen. Und ein bisschen overdubbed. In unserer kommissionellen Art. Gesänge werden meistens overgedubbt. Aber ansonsten ein Mann, eine Stimme.

Sebastian Krumbiegel: Ich bin da ja auch eher Oldschool, übrigens an dieser Stelle. Also Ich glaube ganz fest dran, dass viele Menschen oder vier oder fünf oder sechs, oder wie viel. auch, die zu einer Band gehören, in einem Raum, machen. Was anderes, als wenn du das nur übers Netz machst. Das ist ein anderer Spirit, das ist irgendwie eine andere... Das ist ein anderes Gefühl.

Dirk Zöllner: Wir gehen sogar noch weiter. Wir haben uns bei unserem letzten Aufnahmen Publikum mit ins Studio geholt, Weil. Da merkt man nämlich auch einen gewaltigen Unterschied. Jetzt in dieser Zeit, wo wir oft so eine Streaming-Sache machen, wo wir in einem leeren Saal spielen, wie komisch das ist. Und was das ausmacht, Die Reflexion des Publikums, ist Wahnsinn.

Joël Kaczmarek: Wie ist denn das eigentlich? Wie machst du denn so deine Knatter? Wenn jetzt irgendwie quasi Spotify, irgendwie das ganze Plattengeschäft irgendwie schon mal wegledert, Ist es dann bei Dir vor allem die Live-Musik, mit der Du verdienst?

Dirk Zöllner: Fast ausschließlich, muss ich sagen. Sogar die Alben, die wir verkaufen oder in meinem Fall Bücher, die ich gelegentlich schreibe. Ich möchte mal sagen, dass ich mindestens ein Drittel bei den Konzerten verkaufe, also bis zur Hälfte. Und natürlich ist es jetzt ein Problem. Aber ich habe jetzt zum Beispiel die Zeit genutzt und wieder ein Buch geschrieben und da kriege ich einen Vorschuss. Glücklicherweise bin ich auch Autor, und die GEMA ist ja eine Sache, die mich unterstützt, Aber ich kriege meistens Live-GEMA vor allen Dingen viel. Deswegen wird es erst im nächsten Jahr schwierig.

Sebastian Krumbiegel: Naja,

Joël Kaczmarek: krass. Und was schreibst du für Bücher? Was für Themen?

Dirk Zöllner: Ach, das sind meistens wirklich egomanische Bücher, also Selbstbetrachtung, Naive Philosophien. Ich schreibe sehr viel Kolumnen, vor allen Dingen für die Freie Presse. Das ist so eine Südostdeutsche Zeitung, also aus dem Erzgebirge, Chemnitzer Raum. Und da schreibe ich alle 14 Tage, drei Wochen eine Kolumne, und jetzt habe ich das einfach zweitverwertet. Ich bringe das einfach nochmal so heraus als Kurzgeschichten, habe ein bisschen Verbindung dazwischen. Es ist autobiografisch und hat sehr viel mit Musik zu tun.

Joël Kaczmarek: Hast du für dich, also? Ich kann mir die Antwort schon denken, das ist wahrscheinlich fast blasphemisch, Dich zu fragen, hast du einen Lebensplan für dich? So Karriere, Musik, Was du tun willst?

Dirk Zöllner: Hatte ich noch nie. Ich hatte meinen absoluten Plan, irgendwann, Ich möchte unbedingt Musik machen und davon leben. Das mache ich jetzt seit 35 Jahren. Ich bin, ist vielleicht leicht gesagt in meiner Situation, Ich habe meine bestimmten Vorstellungen, Bilder zum Leben. Ich merke eben zum Beispiel, dass ich glaube, dass man... Im Leben alles etwas langsam und einteilen muss. Also sagen wir mal, da ich eben manisch depressiv bin oder eben auch manchmal viel trinke, viel rauche, versuche ich mich immer mehr, irgendwie in der Mitte zu bewegen, weil Ich weiß natürlich, wenn ich in Euphorie gerate, dass danach der Zusammenbruch kommt. Aber ich weiß auch, wenn der Zusammenbruch da ist, dass es wieder gut wird. Und ich leide, ich rede jetzt über Depression, das ist vielleicht falsch, Ich bin nicht depressiv in dem Sinne, aber ich habe leider kein richtiges Korsett. Ich bin leider sehr, sehr hin und her geworfen von meinen Gefühlen und muss irgendwie gucken, irgendwie so drin zu bleiben. Und ich denke eben auch manchmal, dass mir immer, wenn ich zum Beispiel übermäßigen Zuspruch habe, Auch übermäßigen Erfolg, geht es mir danach irgendwie ganz schlecht. Das klingt vielleicht albern, aber das ist wirklich so. Es ist wirklich absolut so. Und ich bin so froh, dass ich auch so kleine Kinder habe, die mir einigermaßen Struktur geben, Also, wo ich eine bestimmte Zeit aufstehen muss und die zur Schule bringen und die wieder abholen. Oder sonst was. Da gehen andere. Und das weißt du, lieber Sebastian, Auch viele unserer Kollegen, Die müssen zur Psychotherapie gehen. Und ich habe da meine

Sebastian Krumbiegel: Kinder. Ich bin mir davon überzeugt. Also, es geht mir in schöner Regelmäßigkeit, Ich muss jetzt in der Vergangenheit sprechen, Es ging mir in schöner Regelmäßigkeit, so, dass ich nach jeder Tour in dieses sprichwörtliche... Schwarze Loch gefallen bin, dass ich wirklich immer gedacht habe, fuck, Jetzt ist auf einmal der Jubel vorbei. Und jetzt kommst du nach Hause. Und jetzt ist auf einmal irgendwie Ruhe. Du, es ist Jammern auf echt hohem Niveau, ja, aber es ist nervt, es ist wirklich irgendwie kacke.

Joël Kaczmarek: Es sind trotzdem Probleme, auch wenn sie hochgestochen sind, Aber ich habe mal so ein Stressseminar gemacht und der Satz ist mir echt hängen geblieben, Die meinte, Es ist toll, oben zu sein und es ist toll, unten zu sein, Aber es ist überhaupt nicht toll, von oben nach unten runter zu müssen. So ist es. Und bei mir ist es auch so, wenn wir so wie heute drei Podcast aufnehmen, Ich schwinge abends noch unter der Decke, Du kannst nicht richtig einschlafen, du bist aber doch erschöpft und so. Also, ich habe mich mit Jan Müller von Tokotronic da neulich drüber unterhalten am Telefon. Da meinte er so, ja, das ist ja auch der Grund, Warum viele Musiker dann saufen und erst mal noch rausgehen, weil die nicht runterkommen. Und er hat für sich auch so Hörspiele. Stattdessen entdeckt. Das fand ich einen interessanten Input. Na,

Dirk Zöllner: ist es tatsächlich so. Also ich meine, Alkohol und Musik, das ist eins, oder?

Sebastian Krumbiegel: Auf jeden. Also kannst du über andere Drogen reden, wenn wir darüber reden wollen. Hey. Jeder muss kompensieren, womit er klarkommt. Wir haben ja auch eine Verantwortung. Wir haben eine Verantwortung gegenüber Leuten, die uns zuhören, Egal ob jetzt oder bei der Musik. Deswegen wäre ich ein Teufeltun, irgendwie zu sagen, probiert das doch alles mal aus. Aber natürlich muss jeder wissen, wie er mit irgendwas klarkommt. Und da bin ich irgendwie kein Moralist, der irgendwie so ist. Es gibt diesen schönen, alten Punkrock-Spruch, verschwende deine Jugend. Und das, wenn ich heute mit jungen Leuten rede, wann willst du das denn machen, Deine Jugend verschwenden, als in deiner Jugend? Hat jetzt irgendjemand so schön gesungen? Wo war das? Warte mal. Du bist zu alt, um deine Jugend zu verschwenden. Ich glaube, Kummer hat das gesungen, Kraftklubsänger. Und das ist schon geil, das ist ein geiler Spruch. Du bist definitiv zu alt, um deine Jugend zu verschwenden. Max Raabe hat auf demselben Album gesungen, du bist zu alt, um Jung zu sterben. Wir sind alle viel zu alt, um jemals in den Club 27 eintreten zu können, weil wir sind Fucking, nochmal viel, viel, viel zu alt.

Joël Kaczmarek: Aber wie kommt es, dass irgendwie saufen und Musik so ein Ding ist? Also warum ausgerechnet Alkohol?

Dirk Zöllner: Das ist einfach eine Sache, um Situationen zu verlängern. Man kann halt nach einem Konzert nicht ins Bett gehen. Also erstmal fängt es schon vorne an. Man muss ganz lange warten. Dann benutzt man den Alkohol oft, um das Licht anzuknipsen. Mit anderen Drogen geht es noch schneller. Aber beispielsweise, Es gibt ja Momente, wo man einfach nicht auf die Bühne möchte. Lampenfieber, Liebeskummer, irgendeine Krankheit selber. Ist man vielleicht heiser, dann trinkt man sich halt. unheiser, möchte ich mal so sagen. Und wenn man dann Erfolg hat, dann kann man nicht ins Bett gehen. Man möchte diese Situation, diese unwirkliche Situation festhalten. Und da ist... Alkohol, ein Kommunikationsmittel und eine Verständigung mit den Kollegen. Und so weiter. Und man feiert dieses Gefühl der Erhobenheit halt. Und das ist ein Gewohnheit. Ich kenne kaum einen Musiker, der nichts trinkt. Ich kenne einige trockene Alkoholiker. Und ich kenne auch einige, Die trinken sehr viel und werden nie zu Alkoholikern. Aber wir haben über Udo Lindenberg gesprochen. In meiner Band habe ich zwei Leute, die nicht mehr trinken, die leider Alkoholiker geworden sind, die aber auch nie wieder sie selber sind. Und Udo scheint es irgendwie zu schaffen. Aber ich habe Leute bei mir, Die sind andere Personen, als es vorher waren. Die trinken nicht mehr und die gehen dann aber auch, Die können es nicht aushalten, Die gehen dann weg von den anderen Idioten. Und die sind aber irgendwie, ja, da ist irgendwie ein Schatten im Gesicht. Ich glaube,

Sebastian Krumbiegel: man kann das wie immer nicht alles über einen Kamm scheren. Es gibt, glaube ich, wirklich solche und solche. Es gibt, glaube ich, auch Leute, die damit gut klarkommen. Aber ich denke schon, es ist ein Kompensationsmittel. Ganz einfach.

Joël Kaczmarek: Ich finde das interessant. Das kann ich mir vorstellen, dass das anhält. Dass man das sozusagen wie so ein Verlängerer nimmt, wie die Zugabe, Das Konzert geht noch weiter. Man ist noch auf diesem Stimmungshochweite. Weil es ist, wie ich gesagt habe, wenn du oben bist, ist es toll. Wenn du unten bist, ist es toll. Aber es runterkommen ist ein Kack. Also willst du länger oben bleiben.

Dirk Zöllner: Das verschiebt man wenigstens auf den anderen Tag dann noch. Du musst die Feste fallen,

Sebastian Krumbiegel: Wie Sie fallen.

Dirk Zöllner: So ist es.

Joël Kaczmarek: Ja, es war ein großes Vergnügen. Schade,

Sebastian Krumbiegel: dass ich nicht nach Hause fahre.

Dirk Zöllner: Schwer gefahren.

Sebastian Krumbiegel: Es war echt eine Freude, dich hier zu haben.

Dirk Zöllner: Danke, Ich freue mich sehr, in eurer Runde zu sein. Sehr schön, sehr sanft.

Sebastian Krumbiegel: So versuchen wir zu sein. Und ja, komm, Ich habe mir immer vorgenommen, reinzukretschen, wenn mich irgendwas nervt. Aber mich hat heute sehr wenig genervt. Ja,

Joël Kaczmarek: heute habe ich dir keinen Anlass gegeben.

Dirk Zöllner: Ihr habt ja noch eine ganze Runde vor euch. Das ist eine Leistung, was ihr hier macht. Wenn Ihr so drei solche Geräte aneinander macht.

Sebastian Krumbiegel: Es ist aber auch geil. Es ist wirklich auch geil. Mir geht es ähnlich wie dir, Joel. Ich bin nach so einem Tag immer wirklich, auch irgendwie echt fertig und ausgelaugt. Aber auch positiv. Und ich denke dann irgendwie, ey, was hast du heute alles gehabt? Und was hast du heute mit? Was für Leuten, hast du worüber gesprochen? Mich bereichert das extrem.

Joël Kaczmarek: Ich habe das meinem Team heute, erklärt, das ist natürlich hyperstimulativ, aber es ist so, also wir haben immer so drei Slots, A, B, C, 1, 2, 3, Wo wir die Termine machen, also drei an einem Tag bis zu, Was ist zum Beispiel total anstrengend, einen auf 1 und 3 zu haben, fand ich, haben wir einmal gehabt und das ist so, du gehst nämlich voll hoch, bist auf Adrenalinpegel, Dann gehst Du runter, du fällst ab und dann musst du wieder hoch. Das ist super unangenehm, deswegen.

Dirk Zöllner: Ja, vielleicht müsst ihr jetzt anfangen, zu trinken in der letzten Runde.

Sebastian Krumbiegel: Und dann nach Hause fahren.

Joël Kaczmarek: Ey, Du hast gesagt, du musst nach Hause fahren.

Sebastian Krumbiegel: Ich muss nach Hause fahren. Nee, komm, das würde ich nie machen. übrigens, ohne Scheiß. Da bin ich, ich gebe ja nicht zu, ich habe das früher gemacht. So, hatte irgendwann echt mal ein traumatisches Erlebnis und werde das nie wieder tun. Weil das ist echt Kacke, ey. Du machst dich selbst unglücklich, wenn was passiert. Wenn du wirklich irgendjemandem was antust, aus Versehen, und du musst nicht mal schuld sein, ey, fuck, nee, brauche ich nicht, mache ich nicht, werde ich nie tun, werde auch immer leuten versuchen, den Autoschlüssel wegzunehmen, wenn ich merke, die wollen besoffen, fahren. Ich Moralist, hey.

Joël Kaczmarek: Guck mal, haben wir doch noch einen Taten hier. LIEBER Scholle, vielen, vielen Dank. Eine spannende Zeitreise und vor allem aber auch, Es ist faszinierend, wie du die Reminiscenzen der DDR mit den irgendwie Attitüden in der Digitalisierung verbindest. Hat mir gut gefallen.

Dirk Zöllner: Mir hat es auch gut gefallen. Seid umarmt.

Sebastian Krumbiegel: Scholle, Mach's gut.

Dirk Zöllner: Tschüss.