Josef Brunner (Seriengründer): 5 Dinge, die ich gerne mit 20 gewusst hätte

15. November 2024, mit Joël Kaczmarek

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Joel Kaczmarek: High five, Leute! Ich habe wieder eine tolle Person am Start, die mir ihre fünf Dinge verrät, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. Ich bin Joel Kaczmarek und du weißt ja bei uns das Motto, einmal gelauscht, für immer berauscht. Und heute lauschen wir dem lieben Josef Brunner. Josef kenne ich schon ganz lange. Der ist Multi-Investor und Multi-Unternehmer, würde ich mal sagen, Serienunternehmer, Buchautor, hat schon zwei Bücher geschrieben. Und bei mir war es so, als ich ihn das erste Mal für meinen Business-Podcast interviewt habe, habe ich mir so geistig einen Knick ins Ohr gemacht oder so einen Knoten ins Taschentuch, dass wenn ich mal bei mir auf der Seite Highlight-Folgen hervorhebe, dass Josef eine der Folgen ist, wo ich das definitiv machen werde. Und seitdem haben wir, glaube ich, auch schon mal gepodcastet und tauschen uns immer wieder aus. Also ich kann nur sagen, mit Josef ist jedes Gespräch ein Highlight. Deswegen, ich mache gar keine langen Vorrede. Trau mir einfach, wenn du diese Podcast-Folge heute hörst, du wirst hinterher mit guter Laune, wie gesagt, berauscht durchs Leben gehen. Von daher, lieber Josef, moin moin, schön, dass du da bist.

Josef Brunner: Danke Joel und no pressure. Ich fühle mich überhaupt nicht unter Druck gesetzt. Aber ich freue mich total, dass wir mal wieder sprechen. Wir haben einen viel zu langen Intervall zwischen unseren Gesprächen, hat aber den Vorteil, dass immer viel passiert und wir über viel Neues sprechen können und darauf freue ich mich.

Joel Kaczmarek: Das stimmt. Vielleicht verkürzen wir mal den Intervall. Werde ich drüber nachdenken. Be careful what you wish for. Darauf komme ich zurück. Und ich habe dich jetzt natürlich so maximal anonym beschrieben als Unternehmer und Investor und sage mal so rum, die Leute, die dich noch gar nicht kennen, weil in dem Format hier hört ja eine sehr, sehr breite Öffentlichkeit zu. Sag doch mal einen ganz kurzen Satz, was du bisher schon so gemacht hast, wo du gerade stehst. Wer bist du eigentlich?

Josef Brunner: Also ich bin Unternehmer im Herzen, habe mit 16 begonnen. Meine Eltern hatten einen Handwerksbetrieb, der ging aber leider in die Insolvenz. Das war so mein Startschuss in das Unternehmertum. Das war so zwischen 15 und 16, wollte eigentlich Quantenmechanik studieren. Habe dann ein paar Unternehmen gemacht, vier Exits, einen IPO und auch sehr früh schon angefangen, in junge Menschen zu investieren, weil es für mich nichts Schöneres gibt als Unternehmen, Das Potenzial bei Menschen zu sehen und vielleicht auch dabei zu helfen, es herauszukitzeln.

Joel Kaczmarek: Also für die geneigten Laien, Exit heißt Firma verkauft, IPO heißt an die Börse gebracht. Aber müsstest du die nicht eigentlich behalten, wenn du wirklich Unternehmer bist oder bist du das nur sozusagen idealerweise in einer bestimmten Phase? Weil viele Menschen sind ja sonst so Familienunternehmer, fünfte Generation, machen es ganz lange. Also bei manchen ist ja Exit durchaus sogar verpönt.

Josef Brunner: Ja, und die Argumentation verstehe ich auch. Sie kommt, also erstens beim IPO habe ich keine einzige Aktie verkauft. Ich bin größter Shareholder und habe auch jetzt nicht vor, Aktien zu verkaufen. Muss man ein bisschen aufpassen, weil Kapitalmarkt relevant. Aber ich habe nicht vor, Aktien zu verkaufen, habe eher Aktien noch dazu gekauft. Das heißt, das würde unter die Beschreibung, die du gerade gewählt hast, fallen, dass ich das Unternehmen behalte. Es ist eben nur jetzt auf einer anderen Plattform und börsennotiert. Hat andere Gründe, warum das für uns ein guter Weg war, in die Kapitalmärkte zu gehen. Bei den anderen vier Unternehmen gebe ich dir recht. Das kommt so ein bisschen, glaube ich, wenn wir jetzt tiefenpsychologisch werden, durch die starke Armut, der ich aufgewachsen bin und dass wir das Haus verloren hatten. dass ich da immer so eine extrem große Angst hatte, pleite zu sein. Und das war bestimmt ein Grund, warum ich die ersten drei Unternehmen verkauft habe, wie ich sie verkauft habe. Beim vierten Unternehmen hat es schon ein bisschen mehr Relevanz gehabt. Im Exit-Prozess, also im Verkaufsprozess, da hatten wir ein Angebot von einem amerikanischen Technologiekonzern wieder. Das Unternehmen davor hat Cisco gekauft, war damals wertvollste Firma der Welt. Dann hat man ein Angebot von einem anderen großen Technologie-Giganten aus den USA. Und haben uns dann dagegen entschieden und an die Munich Re, also eine deutsche börsennotierte Versicherung, verkauft. Der Grund war, dass das Unternehmen eigenständig bleiben durfte und auch bis heute immer noch eigenständig ist. Das heißt, du könntest auch sagen, wenn man es jetzt positiv für mich argumentieren möchte, das war so der Brückenschlag zwischen Unternehmen verkaufen, dann Unternehmen zwar immer noch verkaufen, aber eigenständig lassen und dann Börsengang und Großteil des Unternehmens immer noch in meinem Besitz haben.

Joel Kaczmarek: Kann es verstehen. Mir geht es bis heute so, dass ich Angst wegen der Kohle habe, von daher. Ist dann auch mal ganz nett, paar Millionen auf dem Konto zu haben. Fair enough, fair enough. Gut, eine Frage habe ich noch, bevor wir in deine fünf Dinge rein starten. Magst du verraten, wie alt du heute bist? Das heißt, von wann du auf die 20 zurückschaust?

Josef Brunner: Ja, ich bin jetzt in dem biblischen Alter von 42 Jahren und mache das jetzt seit 26 Jahren.

Joel Kaczmarek: Ja, und Unternehmerjahre sind Hundejahre, mal sieben sozusagen, ne?

Josef Brunner: Ja, darum sehe ich so aus, wie ich aussehe.

Joel Kaczmarek: Ja, cool. Dann lass doch mal gleich rein starten. Was war dein erster Punkt?

Josef Brunner: Mein erster Punkt, den hast du eigentlich schon so ein bisschen angerissen mit den Exits. Ich hatte nämlich, als ich gestartet bin, die nicht nur Hoffnung, sondern ganz, ganz große Überzeugung und Erwartungshaltung, dass Geld meine Dämonen zum Schweigen bringt. Also ich hatte durch die Insolvenz meiner Eltern, so ein ganz schlimmes Schamgefühl in mir. Ich war mit 15 noch ein Kind. Ich war wirklich sehr, sehr fragil und unglaublich schüchtern und hatte mir dieses Zielbild gesetzt, wohlhabend zu werden, in der Hoffnung, dass das Schamgefühl weggeht. Und als ich dann mein erstes Unternehmen verkauft habe, das war natürlich wunderbar, ich war da 18, konnte meinen Eltern ein neues Haus davon kaufen, also emotional sehr, sehr berührend, aber mit mir hat das nichts gemacht. Also es war wirklich irrelevant, was die eigene Gefühlslage angeht. Und das hat mich schon sehr verwundert. Noch mehr jetzt retrospektiv zurückschauen, verwundert mich das, dass diese Erwartungshaltung trotzdem geblieben ist. Also okay, dann mache ich halt noch ein Unternehmen und verkaufe das und irgendwann werden Beträge halt auch größer. Und der Vermögen stand auch größer. Und als das nie etwas mit mir gemacht hat, war das eine Erkenntnis, dass es vielleicht doch andere Dinge sind, wie die Reise, die Erfüllung, die intellektuelle Inspiration, weil ich meinen Lebensstil auch nicht großartig geändert habe. Also ich bin da jetzt nicht irgendwie verrückt geworden. Aber wenn ich früher gewusst hätte, dass Geld meine Dämonen nicht zum Schweigen bringt und dass die Dämonen in mir eigentlich meine Freunde sind, hätte ich mir viele Enttäuschungen auf dem Weg wahrscheinlich ersparen können.

Joel Kaczmarek: Also da müssen wir ja mal ganz kurz so eine, wie sagt man, rhetorische Pause machen. Geld bringt deine Dämonen nicht zum Schweigen. Was ist das denn bitte für ein geiler Satz?

Josef Brunner: Ja, das hast du schon ein Quote, das kannst du ein Bild machen, kannst du ein Quote hinklatschen. Ein Meme nennt man das, oder wie? Wie heißt das? Ich bin ja alt, ich weiß es ja nicht mehr.

Joel Kaczmarek: Und deine Dämonen sind deine Freunde. Okay, den zweiten Halbsatz, den schnappen wir uns gleich. Jetzt ist ja erst mal interessanterweise auch festzuhalten, wie geil bist du denn aber eigentlich, dass du mit 15 sagst, ich war ein fragiles Kind und mit 18 hast du quasi eine Firma verkauft. Also du musst ja dann hardcore gedreht haben, wie du sozusagen aufgetut bist. Also es muss ja so ein Breaking Moment im positiven Sinne für dich auch gewesen sein.

Josef Brunner: Mein Leben bis dahin war sehr, sehr behütet. Wir haben in der Bäckerei gewohnt. Im ersten Stock war die Wohnung und unten war der Laden und die Backstube. Und ich habe ganz, ganz viele Bilder immer noch, wo ich mit meinem Papa so um zwei Uhr, drei Uhr nachts in dieser Backstube bin. Es war wirklich warm. Ich würde es beschreiben als sehr, sehr warm, diese Jugend. Und habe aber gleichzeitig gesehen, wie unglaublich hart mein Papa gearbeitet hat. Eine extrem harte körperliche Arbeit, aber eine extrem belastende psychische Situation. Weil du gehst ja nicht von heute auf morgen pleite, sondern es ist ja ein schleichender Prozess. Und das hat mich schon sehr, sehr mitgenommen. Und als ich dann die Kraft gefunden habe, mich selbstständig zu machen, damals gab es ja so Startup und Bubble und das gab es ja alles da noch gar nicht. Das war ja wirklich noch, man gründet ein Unternehmen. meine ich per se jetzt nicht schlechter, vielleicht war das sogar besser, da hatte ich schon so ein bisschen, okay, fuck this. Also fuck your universe, fuck your neighborhood. Und da habe ich sehr, sehr viel Kraft rausgezogen. Da war ich auch noch, wie soll ich sagen, da war schon Energie da. Aber hat mich wahrscheinlich menschlich und charakterlich auch verändert. Und ich weiß nicht, ob die Veränderung gut ist.

Joel Kaczmarek: Weil ich war auch gerade im Begriff zu fragen, ich liebe ja solche Geschichten, wenn Leute so in Resilienz gehen oder so eine Resilienz haben, dass sie solche, so eine Story nicht auf den Hintern wirft und die bleiben brach liegen, so legen sich auf den Rücken und liegen da so, du kennst ja hier Flucht, Kampf oder Freeze, sondern dass man halt so eine Resilienz daraus entwickelt. Das heißt, die Arbeitshypothese darf wahrscheinlich sein, dass du wahrscheinlich zu großen Gründen so erfolgreich bist, weil du diesen Schocker da hattest, oder? Was ist so deine Vermutung?

Josef Brunner: Ausschließlich. Ich kann nicht viel, Joel, aber ich bin sehr zäh und du musst schon sehr auf mich draufhauen, dass ich kaputt gehe. Und wenn ich jetzt auf diese unternehmerische Reise zurückblicke, hat es ganz, ganz viel immer damit zu tun, sich zu schütteln, aufzustehen und zu sagen, okay, weiter geht's. Und deswegen ist diese Charaktereigenschaft der Resilienz eine, die mir in dieser viel zu überakademisierten Gründerszene, wie wir sie heute haben, viel zu kurz kommt, weil sie eigentlich in ganz, ganz vielen Situationen der entscheidende Wettbewerbsvorteil sein kann.

Joel Kaczmarek: Hättest du es anders gewünscht? Leidest du darunter, dass du sozusagen Es ist ja ein Preis, hat man ja schon rausgehört, den man da zahlt. Du hast ja auch gesagt, du warst nicht sicher, ob es gut ist, dass du dich verändert hast. Hättest du es gerne anders gehabt?

Josef Brunner: Wenn sich jemand, der so vom Glück geküsst wurde wie ich, jetzt hinstellt und sich beschwert über sein Leben, verdient er richtig Dresche. Ich werde mich jetzt hier nicht beschweren, dass das so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Und bin sehr, sehr dankbar. Nicht nur wegen meinem eigenen Leben, sondern weil ich so viele andere Menschen unterstützen darf. Und das einfach so wirklich unglaublich befriedigend ist. Aber ich glaube, dass das andere Leben einfacher gewesen wäre. Aus ganz, ganz vielen Gründen. Ich wollte nach Berkeley, wollte Quantenmechanik studieren, wollte forschen. Ich mag eigentlich keine Menschen. Ich bin scheu und schüchtern und kann keinen Smalltalk. Ich stehe immer irgendwo in einer Ecke. Und das hätte schon auch ein sehr, sehr erfüllendes Leben sein können. Speziell wenn du jetzt diesen ersten Punkt nimmst, dass Geld deine Probleme und deine Dämonen nicht besiegen kann. Was bringt es dir dann? Außer, dass man nicht hoch genug einschätzen kann und das ist absolute Freiheit.

Joel Kaczmarek: Aber ich habe eine Sache festgestellt, erschreckend spät, dass Erfolg und Glücklichsein nicht dasselbe sein müssen. Also es gibt Leute, die extrem erfolgreich sind, egal ob es jetzt im Sinne von Bekanntheit, Anerkennung, Geld oder was auch immer ist, die aber trotzdem nicht glücklich sind. Und das ist ja die Frage, du hast, also du hast gerade gesagt, wenn man dich, wenn du dich jetzt für dein erfolgreiches Leben, würde ich ja fast sagen, beschweren würdest, darüber müsste man dich verdreschen, aber es wäre ja trotzdem möglich, dass es dich nicht glücklich gemacht hat. Also hast du trotzdem Glück empfunden bei dem, was du da erlebt hast. alles?

Josef Brunner: Glück nein, aber Befriedigung und Bestätigung, aber kein Glück aus unterschiedlichen Gründen und die, nochmal, das ist jetzt, beschwere mich nicht, ich bin dankbar und glücklich. Aber je größer das Rad wird, das du drehst, desto virtueller werden die Summen. Und das ist etwas, was mich zum Beispiel sehr belastet. Wenn du investierst da was, du machst da das, am Anfang waren die Beträge eine Million und dann wird es achtstellig, dass du investierst. Und du schaust dir dann dieses Rad an, das sich da dreht und dann sagst du schon, das ist pretty serious. Und da kommt viel Verantwortung mit, es kommen Verlustängste, also die schwingen so inhärent mit. und dann hast du ein anderes Thema, das der Öffentlichkeit, das ist auch nochmal eine andere Komponente, weil alles…. Was du machst, als jemand, der schon mal das Glück hatte, ein-, zweimal Glück gehabt zu haben, wird anders beurteilt, als wenn du ein Newcomer bist. Aber nochmal, ich bin unglaublich happy und extrem dankbar, dass ich dieses Leben leben darf, das ich heute lebe.

Joel Kaczmarek: Jetzt kommen wir mal zu deinem eigentlich ursprünglichen Satz zurück. Geld bringt deine Dämonen nicht zum Schweigen. Hast du denn bis heute geschafft, deine Dämonen zum Schweigen zu bringen? Oder vielleicht ist ja gar nicht das Thema, sie zum Schweigen zu bringen, sondern eher mit ihnen in den Dialog zu gehen, der dich bereichert. Weißt du, was ich meine?

Josef Brunner: Also ich bin ja extrem großer Metallica-Fan und habe mal in einem Interview, das James Hetfield, der Liedsänger, mit Joe Rogan geführt hat, einem sehr bekannten Podcaster, sehr viel mitnehmen können über die Dämonen, die auch er hat, die so in dir drin stecken. Und er hat einen, wie sagt der Ami, I'm paraphrasing now, also das Zitat kriege ich nicht mehr ganz genau hin, aber er hat einen wunderschönen Satz für mich gesagt, dass ihm die Dämonen, die die Frage war, warum er noch nicht aufgehört hat mit fast 60, immer noch so, das ist ja nicht so Klimper Klimper Rolling Stones, sondern es ist ja Hardcore, ja. Das ist körperlich auch sehr, sehr anstrengend. Warum der da nicht aufhört? und er hat ein paar wirklich spannende Antworten gegeben, dass er natürlich die Crowd braucht, diese Bestätigung und so weiter, aber die eigentlich für deine Frage relevante Antwort war, dass ihn diese Dämonen, die in ihm drin sind, so lange treiben, bis er das perfekte Riff gefunden hat. Und solange er das perfekte Riff nicht gefunden hat, kann er nicht aufhören, wohl wissend, dass es das natürlich auch nicht gibt. Und das ist so die Antwort auch, die ich für mich gefunden habe. Dieser Antrieb, den du durch die Dämonen bekommst, diese ständige Unzufriedenheit, die ist eine Energiequelle, ähnlich der Energiequelle, die Iron Man in seiner Brust hat. Du gehst einfach immer einen Schritt mehr, du hustlest ein bisschen mehr, auch wenn das jetzt ein bisschen in Verruf gekommen ist, und stehst einmal mehr auf, weil du diese Dämonen hasst. Und das ist eine Kraftquelle, Joel, die kannst du dir nicht vorstellen, weil dieser Charme, den ich aus der Kindheit mitgezogen habe, der ist so fest in meiner DNA verankert. Den kannst du mir nicht rausprügeln. Das ist eher so, je mehr du draufschlägst, desto mehr sage ich, all right, bring it on, so Rocky-mäßig. Rocky I gegen Carl Weathers, der ihm halt die ganze Zeit eine auf die Glocke haut und er sagt, ich schlage so lange zu. Mein Freund, bis du K.O. bist und ich schlage genau einmal zu. Und da ziehst du Kraft raus, das ist wirklich enorm.

Joel Kaczmarek: Ich kenne das, aber am Ende des Tages hat es ja auch einen eigenen Preis.

Josef Brunner: Es hat einen unglaublichen Preis, klar. Darum sage ich, ich weiß nicht, ob das gut ist oder ob das schlecht ist. Ich sage nur, ich beschwere mich nicht.

Joel Kaczmarek: Hast du es heute immer noch, dass du dich schämst?

Josef Brunner: Ich schäme mich nicht, aber ich habe das Schamgefühl in mir. Also wenn du so siehst wie, vielleicht ist das auch so ein deutsches Ding. Die Deutschen sind ja ein ganz spezielles Völklein und wir sind ja Weltmeister im Neid, aber wir sind auch manchmal sehr… sind einfach manchmal auch fies. Dieses deutsche Wort Pleitegeier zum Beispiel ist etwas, was sehr tief in mir verankert noch sitzt. Das gibt es im Englischen nicht. Also wir haben es auch in der Sprache geschafft, abschätzend über Unternehmer, die scheitern, sprechen zu können. Um das noch effizienter Deutscher auf den Punkt bringen zu können. Und so Sachen, wenn du das in der Schule, ich war auf dem Adolf-Weber-Gymnasium in München, Herzlichen Gruß an dieser Stelle. Wenn du das in der Schule so hörst, das vergisst du einfach nicht. Ich habe ja das einleitend erwähnt, in der Backstube mit meinem Papa hast du irgendwie so einen Beamtensohn oder so einen Akademikersohn, der dir das hinrotzt und sagt, hey, mein Papa reißt sich halt 14 Stunden am Tag den Arsch auf. Und du, ich sage jetzt nicht, was ich denke, bist einfach gemein. Ich formuliere es mal ein bisschen kindlicher. Und das vergisst du nicht. Aber das ist eine Kraftquelle, weil ich zeige es denen heute noch. Ich zeige meiner Klasse und meiner Schule heute noch, was in dieser Familie steckt.

Joel Kaczmarek: Was ist denn dein perfektes Riff?

Josef Brunner: Ja, Master of Puppet ist schon ziemlich nah dran.

Joel Kaczmarek: Nee, nee, nee, du weißt schon, was ich meine mit der Frage.

Josef Brunner: Dasselbe, es ist die Reise. Die perfekte Firma, die wird es nicht geben. Bei mir ist es die intellektuelle Inspiration, das Konträre. Ich bin als Typ unglaublich konträr geworden. Ich mache nur Sachen, die man nicht macht, versuche antizyklisch, antithematisch, anti-Hype, anti-everything zu sein. Und daraus ziehe ich so viel Kraft. Also von daher, diese Reise und das nochmal neu zu machen, aber gleichzeitig auch andere Menschen zu unterstützen, auf diese Reise zu gehen und dann Ratgeber zu sein, das Beste aus den Leuten rauszuholen, manchmal Therapeut zu sein, das ist so cool. Das ist so unglaublich cool.

Joel Kaczmarek: Würdest du deine Dämonen denn heilen wollen, wenn du es könntest, wenn du einen Weg kriegst? Nein.

Josef Brunner: Nein, nein. Ich hatte eine für mich sehr, sehr entscheidende Wanderung. Berchtesgaden war das, bin ich hochgewandert. Und da war diese Erkenntnis, dass ich aufhören muss, mich von meinen Dämonen treiben zu lassen. Und habe sie dann quasi, arbeite oft mit Bildern, habe sie dann an mir vorbeiziehen lassen und spanne sie seitdem wie in so einer Kutsche vor mir ein. Und mit diesem Bild fühle ich mich sehr, sehr wohl. Also ich bin nicht mehr getrieben, ich kann stehen bleiben. Ich bin sehr, sehr ruhig, was ich früher nicht war. Ich bin sehr balanciert, was ich früher auch nicht war. Aber ich habe immer noch dieselbe Kraft. Aber ich nutze sie anders.

Joel Kaczmarek: Steckt Wut in deiner Kraft?

Josef Brunner: Also es steckte definitiv enorm viel Wut in mir. Glaube aber, dass sich die Wut transformiert hat. zu der Resilienz, die wir angesprochen haben. Also ich habe keine Wut, ich hasse nicht, mag die Formulierungen auch nicht, weil die sehr negativ sind, aber ich hatte sehr, sehr viel Wut in mir.

Joel Kaczmarek: Was war denn eigentlich der Prozess, dass du das transformiert bekommen hast? Die Wut in Resilienz oder die Sorgen und Ängste in Resilienz, die Dämonen in Treiber hin zu einer Kutsche, was war sozusagen da das Werkzeug für?

Josef Brunner: Das wahrscheinlich wichtigste Werkzeug war die Zeit, eine sehr gute Position, Selbstreflexion, Wechselwirkung zwischen Erfolg, Gefühlslage besser zu verstehen, zu verstehen, wer ich wirklich bin. Wenn du Ich habe jetzt fünf Jahre Pause gemacht, operative Pause, und habe aber vorher quasi 21 Jahre durchgearbeitet. Und durchgearbeitet heißt durchgearbeitet, weil ich es liebe. Aber dann habe ich mir auch nicht die Zeit genommen, wirklich in so einen reflektierenden Prozess reinzukommen, um wirklich zu verstehen, wer bin ich denn. Und was macht mich aus? Und wie finde ich denn meine Balance? Also die Selbstreflexion als zweites Tool. Das dritte Tool, auch ein Thema, das ich, vielleicht mein zweiter Punkt, den ich schon früher gerne gewusst hätte, ist der Stoizismus. Also als ich zum Stoizismus gefunden habe, war das für mich wirklich game-changing. Und zwar beruflich, als auch privat. Weil der Stoizismus in seiner Kernform mir beigebracht hat, dass ich mich nur auf die Dinge konzentrieren sollte, auf die ich einen wirklichen Einfluss habe und alles andere komplett ignorieren sollte oder mir zumindest keine Sorgen darum machen sollte. Und das führt zu einer unglaublichen Freiheit und zu einem Thema oder zu einem Attribut oder einer Charaktereigenschaft, die mir sehr hilft und das ist Extreme Ownership. Also wenn ich glaube daran, dass egal ob ich an etwas schuld bin oder nicht, Wenn ich einfach hergehe und Ownership übernehme, mir dieses Thema annehme, du sparst dir so viel Zeit und so viel Ineffizienzen und bist aber gleichzeitig hoffentlich in gewissem Maße ein Vorbild für die Menschen um dich herum, dass die vielleicht hoffentlich von diesem positiven Virus auch infiziert sind. Und deswegen war der Stoizismus als zweiter Punkt, den ich schon früher gerne gekannt hätte, wahrscheinlich das wichtigste Werkzeug für meine persönliche und berufliche Entwicklung.

Joel Kaczmarek: Meine ganz blöde Frage, was ist eigentlich Stoizismus?

Josef Brunner: Stoizismus ist die Erkenntnis, dass dein eigenes Glück nichts mit externen Umständen zu tun hat. Es hat nichts mit Reichtum zu tun. Es hat auch, und das ist ein großes gesellschaftliches Missverständnis, es hat auch nichts mit Gesundheit zu tun. Du kannst als jemand, der absolut krank ist, als jemand, der querschnittsgelähmt ist im Rollstuhl, kannst du dasselbe Glück, das ist auch in Studien über Dopaminspiegel nachgewiesen, dasselbe relative Glück empfinden wie Joel. Und diese Erkenntnis zu haben als Einbaustein ist eine ganz, ganz wichtige Komponente des Stoizismus. Das zweite ist eben Take Ownership, also die Dinge, die du kontrollieren kannst, kontrolliere Alles andere lass los. Das gibt dir eine unglaublich große Freiheit. Und dann, also das ist quasi die Kernphilosophie und ableiten aus dem Stoizismus kannst du neben diesem extremen Ownership auch so ein Regelkorsett. Das ist okay, ich bin Stoiker, ich mache Dinge repetitiv. Ich wiederhole Sachen, die mir gut tun. Also bei mir sind es die Wanderungen als Beispiel oder die Art und Weise, wie ich versuche zu leben. Und dort halt ganz, ganz wenig, wie soll ich sagen, Flexibilität erlauben. Dadurch wirst du zu einer viel, viel effizienteren Maschine, die aber das Glück immer oder die Zufriedenheit, wie auch immer du das nennen willst, immer aus sich selbst rauszieht und keinen externen Impuls brauchst. Also du wirst nicht so zum Dopamin-Junkie geworden. der irgendwie Netflix schauen muss oder so einen schwachsinnigen Instagram-Kack sich anschaut, sondern du kannst im Regen stehen und in dich reinhorchen und sagen, es ist gut gerade, es passt.

Joel Kaczmarek: Also ist das Wandern ein bisschen ein Werkzeug für dich, um in Balance zu kommen?

Josef Brunner: Das ist meine Meditation. Das Wandern ist meine Meditation. Ich mache das sehr stoisch. Jeden Sonntag, also wirklich jeden Sonntag, egal ob das da Weihnachten ist oder ich krank oder wie auch immer, wenn ich mich bewegen kann, bin ich sonntags auf den Bergen. Und das ist meine Zeit nur für mich. Manchmal mache ich es zwei Tage, also Samstag und Sonntag, mit längeren Touren. Gehe, laufe entweder, mache Trailrunning oder gehe eine sehr, sehr lange Tour und finde da zu mir und ziehe ganz, ganz viel meiner unternehmerischen Inspiration, Zielbilder, Organisationsthemen, Kulturthemen hin. Antworten auf Fragen, Lösungen für Probleme, ziehe ich aus dieser Ruhe. Und wenn dein Körper so maximal erschöpft ist, kommst du, deswegen sage ich meditieren, komme ich in so ein anderes Denkmuster rein. Und das hilft mir sehr.

Joel Kaczmarek: Also wanderst du immer alleine und nie mit Menschen zusammen? Ja. Was war dein Pfad, um Stolzismus zu entdecken?

Josef Brunner: Ich bin da reingestolpert tatsächlich über den Tim Ferriss. Nicht, dass ich den persönlich kenne, sondern über seine Bücher und die Podcasts. Ich habe mich damit beschäftigt, habe immer nach sowas gesucht. Ich habe als Jugendlicher viel Kampfsport gemacht. und versucht, erfolglos in der asiatischen Kampfkunst, das hat ja auch viel mit Meditation und sowas zu tun, dass ich da so einen Brunnen an Energie finde. Und das hat aber nie geklappt, weil ich dafür zu wibbelig bin und zu unruhig und ich kann nicht still sitzen. Also mein Leben ist Bewegung. Und ich kann auch nicht denken. Also dieses Ding ist immer oben. Also ich schlafe immer auch mit Lärm zum Beispiel. Also ich kann nicht in Ruhe schlafen, weil ich dann denke. Und das ist sehr anstrengend für mich. Und der Stoizismus war dann zufällig mal Teil eines Podcasts von Tim Ferriss und habe mich dann ein bisschen eingelesen und gesagt, oh, that's it, ich habe es, das bin ich. Regeln, immer die Sachen gleich machen, Ownership, Kontrolle, für Sachen einstehen, da fühle ich mich wohl.

Joel Kaczmarek: Was heißt das, wenn du gerade erzählt hast, du schläfst immer mit Lärm?

Josef Brunner: Das kann sein, dass ich beim Schlafen Rammstein höre. Es gibt ja ein schönes Buch, Nachnamen weiß ich nicht mehr, Matthew, Vorname Why We Sleep. Das ist ein ganz, ganz tolles Buch, das ich auch verschlungen habe. dem ich auch zustimmen kann.

Joel Kaczmarek: Funfact, er heißt Matthew Walker. Wie gut passt das?

Josef Brunner: Matthew Walker, okay, genau, danke. Aber es klappt für mich nicht. Also ich brauche Minimum einen Fernseher, aber meistens irgendwie eine Art von Musik, einen Podcast, einen Sprachtrainingskurs, egal was es ist, aber ich denke sonst. Und ich schlafe eh viel zu wenig, Aber da schlafe ich dann noch weniger. Also ich bin sehr getrieben. Also wenn du es jetzt ungesund formulieren möchtest, was fair wäre, ein sehr, sehr umtriegebiger, aber eigentlich getriebener Mensch.

Joel Kaczmarek: Du hast gesagt, wenn du in Stille schläfst, dann fängst du an zu denken. Was ist am Denken denn so schlimm? Weil es dich vom Schlafen abhält oder ist es für dich einfach ein anstrengender Prozess?

Josef Brunner: Ich denke gerne und auch viel und nehme auch im Gegensatz zu früher mehr Zeit zu denken und habe auch Denkblöcke im Kalender und gehe dann oder laufe und denke dabei. Also das macht mir sehr, sehr viel Spaß. Aber wenn du halt nur denkst, ist das unglaublich erschöpfend. Also es gibt zwei Gründe, warum das für mich ein schwieriges Thema ist. Das eine ist, weil ich zur Ruhe kommen möchte und wenn ich so ein, wenn irgendwas rieselt, dann kann ich meine Gedanken auf die Musik oder auf diesen Sprachkurs lernen und dann ist das so eine Art Autopilot. Also das ist dann so wie so ein Dizzy Mode, wo so alles wird so ein bisschen neblig und dann denke ich nicht, sondern höre dazu und dann komme ich zur Ruhe. Das ist der eine. und der zweite ist aber der Nachteil von Extreme Ownership, ist, dass du die ganze ZeitirgendwoOwnership-Herde oder Potenziale siehst. Okay, da muss ich jetzt reinund das muss ich jetzt machen. Und die andere Kehrseite isteine sehr, sehr starke Belastungdurch dieses Ownership. Weil es ja nur eine einzige Person gibt, die für ein Thema Verantwortung trägt. Auch ein großer Unterschied im Unternehmertum, den aus meiner Sicht viele falsch machen, Verantwortung haben versus Verantwortung nehmen oder für etwas einstehen. Und wenn du das so lebst, wie ich das gerne leben möchte … mache ich mir halt die ganze Zeit über irgendeinen Scheiß Sorgen. Und das kann Kleinscheiß sein und ich kann dann nicht schlafen. Und deswegen ist das für mich sehr schwierig. Also es kommt schon ein Päckchen mit, als Unternehmer.

Joel Kaczmarek: Ja, ich habe gerade gedacht, falls du eine Frau oder einen Mann hast, wie das mit dem Schlafen war, da bleiben ja nur getrennte Schlafzimmer oder hast du Kopfhörer halt, ne?

Josef Brunner: Also ich brauche bei allem meine Ruhe, ich muss immer allein, also ich bin ein Alleine-Sein-Typ auch, beim Schlafen, beim Wandern, beim Denken. Ich kann, ich mache, also beim Wandern mache ich es gar nicht mehr. Ich habe das ab und zu mal gemacht, dass ich so Mentoring beim Wandern mache. Aber dann kann ich meinen Speed nicht halten, dann kann ich nicht denken. Und ich muss ja dann trotzdem nochmal irgendwo auf eine Tour gehen, damit ich, ich brauche ja das, das muss ja alles raus irgendwie. Und deswegen, ich fühle mich alleine wahnsinnig wohl. Also das ist ein Thema, das mir, was wir vorhin kurz besprochen haben, so mich zu kennen, das hat mir so unglaublich geholfen. Und nicht irgendwie so schablonen, was macht man denn in dieser Welt, sondern was macht denn ich? Und deswegen bin ich gerne alleine.

Joel Kaczmarek: Bist du beziehungsfähig?

Josef Brunner: Bin ich der Falsche, den du da fragst? Aber ich glaube, ich bin schon beziehungsfähig. Doch, ich bin vielleicht biased, aber ich bin schon beziehungsfähig. Aber man muss, glaube ich, schon ein, ich wollte gerade sagen, muss man ein Manual zu mir lesen. Weiß ich nicht, es gibt ja, weiß nicht, ob du dieses Tool kennst, einige Unternehmer haben das, die schreiben ein Manual, wie man mit ihnen arbeitet. Das fand ich immer sehr anmaßend und das machen sehr, sehr erfolgreiche Leute, also der Erfolg gibt ihnen recht. Ich fand es fast arrogant. Ich bin dann eher jemand, der versucht, auf das Gegenüber einzugehen. Also jetzt, wenn du auch an so Organisationsbildung zum Beispiel denkst, ist ja die Magie unterschiedliche Charaktere. Wir reden ja immer von Diversität, aber wie wir halt so geworden sind, nur noch oberflächlich, Männchen, Weibchen oder Hautfarbe. Aber eigentlich brauchst du ja Diversität auf Einstellungs-, Charakter-, Meinungs-, Fachebene. Und dann kann ich ja schlecht hingehen und du hast ein Team von fünf Leuten und rotzt den Zettel hin und sagt, so arbeitet ihr hier mit mir, weil ich bin der große Zampano. Dann ist es doch viel, viel besser, finde ich, als Unternehmer herzugehen und sagen, liebe Unbekannte Nummer eins, ich verstehe deine Dämonen, ich verstehe das, was dich umtreibt.der Klaus da drüben,der hat sein eigenes Päckchenund dann so zu moderieren undzusammenzuführen,damit fühle ich mich viel wohler. Und das sind ja auch Beziehungen, die daentstehen können, die aufdem wichtigsten Sauerstoff, den soBeziehungen haben,aufbauendes Vertrauen. Und dasmusst du halt irgendwie aufbauen. und das sehe ichals Unternehmer oder als CEOals eine der Kernaufgaben,das zu machen.

Joel Kaczmarek: Mal frech gefragt, flüchtest du vor dir oder vor irgendetwas anderem?

Josef Brunner: Also ich glaube, das kann man schon so festhalten, dass der, also bestimmt die ersten 15 Jahre meines Lebens war ein nicht irgendwo hinlaufen, sondern ein Weglaufen von diesen Schamgefühlen. Also das unterschreibe ich total. Heute würde ich es nicht verneinen, aber es ist anders. Ich kann komplett entschleunigen. Und ich kann still sein. Und ich bin sehr, sehr stabil und sehr, sehr zäh. Das ist etwas, das mir wirklich bewusst geworden ist. Das war ich früher auch nicht. Aber ich bin natürlich getrieben. Ich kann aufhören, wäre der intellektuelle Tod für mich zum einen. Und zum zweiten habe ich vielleicht auch Angst, mich tiefer mit mir zu beschäftigen. Also dieses wirklich tief in mich reinzugehen, da glaube ich, bin ich noch nicht.

Joel Kaczmarek: Hast du jemals therapeutisch gearbeitet?

Josef Brunner: Ich habe meine Rolle als Chairman, wenn ich in einer Company Chairman bin oder als CEO, immer auch, ohne dass ich das irgendwie mit Blasphemie ausdrücken möchte, immer auch therapeutisch gesehen. Weil ich glaube, dass der größte, noch nicht gehobene Wettbewerbsvorteil in den Unternehmen ist immer die Organisation. Und die Organisation besteht ausschließlich aus menschlichen Verbindungen. Und Als CEO kann ich jetzt hergehen und irgendwie meinen Senf zum Produkt dazugeben. Aber ich habe Leute, die das Produkt gut kennen oder was auch immer, Sales oder just name it. Und meine Aufgabe habe ich immer so interpretiert, Konflikte aufzulösen, Vertrauen zu bauen, Menschen zu entwickeln, auch wenn das heißt, dass sie sich außerhalb des Unternehmens entwickeln müssen. Also der John zum Beispiel ist der CEO von Learned, das ist die Firma, die wir an die Börse gebracht haben. Der war, ich weiß nicht, über zehn Jahre war der bei mir in unterschiedlichen Firmen. Hat sich extrem gut entwickelt. Aber er musste noch eine Stufe gehen und die konnte er nur außerhalb des Unternehmens und weg von mir gehen, um dann wieder zurückzukommen. Diese ganzen Übungen kannst du schon, ohne dass ich mich jetzt da irgendwie überqualifiziert verkaufen möchte, aber die haben sehr, sehr viel mit dem Pflegen, Hallen und Aufbauen von menschlichen Beziehungen zu tun.und wahrscheinlich eine therapeutische Komponente.

Joel Kaczmarek: Lustigerweise habe ich aber auch eigentlich eher gemeint,ob du therapeutisch an dir gearbeitet hast.

Josef Brunner: Nein. Also nein, nicht im Medizinischen, Joel. Aber ich arbeite seit über zehn Jahrenmit einem Coach zusammen.

Joel Kaczmarek: Ja, okay. Das würde ich als therapeutische Arbeit an dir bezeichnen.

Josef Brunner: Ja, also ich versuche immer,irgendwie mich zu verbessern. Ich habe drei Mentoren an meiner Seite,die für mich sehr, sehr wichtig sind im Leben Und ich habe einen Coach an meiner Seite, den ich auch in alle Portfolio-Firmen reinstecke, die entweder Englisch als Muttersprache haben oder mit dem Englisch extrem gut und fließend sind, weil der Engländer ist. Und der hat enormen Einfluss auf jeglichen Erfolg, den ich hatte, gehabt.

Joel Kaczmarek: Hast du eigentlich ein Leben zwischen Wandern und Unternehmertum?

Josef Brunner: Ja, ich habe heute erst mit jemandem freundlich kontrovers über die Vier-Tage-Woche und die Schmuddelecke, in denen wir das harte Arbeiten gesteckt haben, gesprochen. weil ich bin so sehr, sehr allergisch gegen den Begriff Work-Life-Balance. Also da kriege ich tatsächlich einen Föhn, weil für mich, ich spreche ja nur von mir und ich mag das auch nicht irgendwie als Ratschlag für andere Verstandenwissen, aber dieses Glück zu haben, das machen zu dürfen, was mich intellektuell befriedigt, das ist ja ein unglaubliches Geschenk. Also wie viele Menschen stehen denn auf und schreien erst mal, yeah, ich kann wieder das machen. Also ein Surfer, wenn der surfen kann als Beruf oder ein Fußballer, der hat das vielleicht. Und bei mir ist es dieses Unternehmertum. Darum tue ich mich mit der Frage ein bisschen schwer, Joel. Weil ich versuche im Einklang zu sein mit mir, meinem Umfeld, meiner Umwelt und das ist nicht konfrontativ, nicht gegenüberstellend, ausspielend, wertend, sondern es ist im Fluss. Und wenn es das nicht mehr wäre, würde ich das ändern.

Joel Kaczmarek: Meine letzte Frage, bevor wir zu deinem dritten Punkt kommen, ist noch, wie hast du es geschafft, dass du wachsen konntest, unternehmerisch? Weil, so wie du dich beschrieben hast, wäre es ja total plausibel, sich so einen kleinen Kontrolletti vorzustellen, der Micromanage, der alles im Kleinen macht, dem nicht genug ist, was andere machen, wo keiner seinen Ansprüchen gerecht werden kann, der alles immer selbst macht. Aber es scheint so zu sein, dass das bei dir überhaupt nicht so ist. Wie kommt es?

Josef Brunner: Unterschiedliche Punkte. Einer davon wird dann der Brückenschlag in mein drittes Thema, das ich schon gerne gewusst hätte. Das waren ganz viele Sachen. Zum einen habe ich das Glück gehabt, unglaublich erfolgreiche Menschen treffen zu dürfen und versucht zu verstehen, warum machen die das, was sie machen, warum sind sie so erfolgreich, warum sind sie zufrieden. Glücklich wäre anmaßen, weil das siehst du im Menschen nicht an, aber Zufriedenheit Würde ich mir eher zutrauen zu sehen als Glück. Und da war einer der Leute, die ich da unglaublich faszinierend finde, ist Henry Kravis, Gründer von KKA, hat quasi Private Equity erfunden. Und der hat mir mal einen Satz gesagt, der sich so eingebrannt hat. Da waren wir bei ihm essen in New York. Und er meinte, the secret to longevity is being a workaholic. Und er hat das mit einer Freude gesagt. Und diese funkelnden Augen in diesem 80-jährigen Körper haben einfach nur Energie geschrien. Das ist so geil. Da muss du irgendwie hinkommen zu diesem God-Mode. Wirklich mit 80 noch zu sagen, da geht noch was. I'm not done yet. Das ist einfach so nach vorne gerichtet, kein Stillstand. Und mich mit solchen Menschen umgeben, das hat extrem geholfen. Dann lese ich sehr viel, höre sehr, sehr viele Podcasts. Versuche also visuell, aber auch quasi über Audio zuhören. Dinge aufzunehmen, nehme sie auch anders wahr. Also ich speichere Dinge, die ich höre, anders als Dinge, die ich lese. Das hat mir sehr, sehr geholfen. Und dann habe ich versucht herauszufinden, was meine Superpower ist. Was könnte ich denn an Charakterstärke oder USP entwickeln, das es mir erlaubt, besser zu performen als Peer-Gruppen. Und da kam eben das Thema, was wir jetzt schon ein paar Mal hatten, Resilienz, Ownership und so weiter raus. Was ist denn mein Weg dorthin? Dann Werkzeuge helfen, Stoizismus hilft und darum ist das so eine Reise. Und jetzt der dritte Punkt, der da ganz gut reinpasst, den ich gerne früher verstanden hätte, wäre, dass es eigentlich auf den Wirkungsgrad ankommt. Ich bin ja so ein verkappter Physiker oder wäre gerne einer geworden und du steckst ein paar Joule an Energieeinheiten irgendwo rein und das ist eigentlich irrelevant, dieser Teil der Gleichung. Der relevante Teil der Gleichung ist, was erzeugst du für ein Outcome damit, also quasi wirtschaftlich gesprochen. Wenn ich es schaffe, mit einem eingesetzten Euro fünf Euro an Wert zu erzeugen, performe ich besser als jemand, der mit einem eingesetzten Euro zwei Euro erzeugt. Und dadurch quasi gebe ich mir eine KPI oder eine Messgröße vor. die dann die Entscheidungsfindung im Unternehmen wieder so einfach macht. Brauchst du Free Lunch? Brauchst du einen Office Dog? Gab mal eine Zeit, da gab es Chief Happiness Officer. Das ist so ein Scheiß. Das brauchst du nicht. Das ist ein Feigenblatt, weil du keine Kultur hast. Deswegen versuchst du über Gimmick und über eine Fitnessstudio-Karte und ein Firmenfahrrad Anreize zu schaffen, dass Leute kommen und bleiben, was sie dann nicht tun. Aber wenn Leute neudeutsch könnte man Purpose dazu sagen aber wenn Leute Sinnhaftigkeit in der Aufgabe sehen und du das vorlebst dann erzeugst du einen Wirkungsgrad der ist so viel höher als alles andere Weil deine Leute die extra Meile gehen. Weil sie Vertrauen zueinander haben. Dadurch hast du keine Politik. Wenn du keine Politik hast, skalierst du besser. Du bist entscheidungsfreudiger, aber die Entscheidungen sind nachhaltig und werden nicht wieder aufgerissen. Da kommen so viele Punkte mit. Das heißt, der Wirkungsgrad, mein dritter Punkt, den ich gerne früher gewusst hätte und darauf optimiere ich jetzt. Also nicht auf Working Hours und Hustle und hast du nicht gesehen. Deswegen mein eine Stunde Spaziergang jeden Mittag. damit ich denken kann, meine Ernährung darauf abgestimmt, dass ich gut denken kann. Also das ist alles dahin optimiert, einfach mehr Output zu erzeugen.

Joel Kaczmarek: Ich überlege jetzt gerade, wie ich Wirkungsgrad mit dir dekonstruieren kann. Ich höre jetzt daraus, es sind mehrere Dinge, die es braucht, um den Wirkungsgrad zu erhöhen. Es gibt jetzt nicht so die eine Silver Bullet, wie der Amerikaner immer sagt, oder die drei Zutaten, sondern es ist schon eher so ein Bouquet.

Josef Brunner: Ja, es ist ein Bouquet, es ist ein wunderschöner Blumenstrauß an unterschiedlichen Maßnahmen, die aber wahrscheinlich eine unterschiedliche Gewichtung haben, um diesen Wirkungsgrad zu erzeugen. Ich tue mich jetzt auch schwer spontan, die wichtigste Rose aus diesem Bouquet rauszuziehen, um in deinem wunderbar romantischen Wording zu bleiben. Aber Kultur wäre wahrscheinlich eine sehr, sehr starke Rose in diesem Bouquet, weil sie so viele andere Punkte beeinflusst. Also deine Company-Kultur, die du hast, Wertesystem, Wertekanonen und so weiter, das ist ja alles in diesem Kosmos der Kultur verankert, die ist wahrscheinlich schon eine ganz, ganz wichtige Variable, um diesen Wirkungsgrad zu optimieren und zu erhöhen.

Joel Kaczmarek: Kultur finde ich immer so ein abstrakter Begriff. Was heißt das für dich und wie formst du die?

Josef Brunner: Die Kultur ist die Art und Weise, die Verhaltensmuster, die wir an den Tag legen, wenn wir mit Kollegen arbeiten. Also wir überverkomplizieren ja alles. Dann heißt der Boston Consulting, die machen dir ein Slide-Tag, da steht dann drauf, wir mögen uns und wertschätzen uns und das ist ein ganzer Scheiß. Im Endeffekt ist es, wie gehst du mit den Menschen, die um dich herum sind, um. Punkt. Behavior, Verhaltensmuster, es ist ganz, ganz einfach. Und es definiert alles. Lügst du jemanden an, scheiß Kultur. Bist du ehrlich, bist du offen, bist du verletzlich, bist du vulnerable, geile Kultur. Warum? Wenn du dich öffnest, öffnet sich dein Gegenüber auch. Hast du eine Basis für Vertrauen. Öffnest du dich, zeigst du deine Wunden, die du hast, kann dein Gegenüber die Perspektive wechseln. Kann sagen, na scheiße, der Joel trägt ein Päckchen mit, deswegen ist der so. Also du hast vorhin Micromanagement angesprochen, wenn du jetzt ein CEO bist, der micromanaged, könnte das dein Team in den Wahnsinn treiben, wenn du dem Team aber erklärst, dass du als Kind obdachlos warst oder kein Geld hattest und deswegen einfach eine Übersensibilität auf den Thema Spending hast. macht es das nicht besser, aber die Menschen verstehen das und die können dir dann wiederum helfen, dich selbst weiterzuentwickeln. Also Kultur ist fundamental wichtig und extrem einfach, wird aber wie alles in unserer überakademisierten Welt auch überverkompliziert.

Joel Kaczmarek: Was tust du, dass deine Kultur gesund ist?

Josef Brunner: Regeln sind bei mir extrem wichtig im Leben. Den Coach haben wir angesprochen. Coaching ist mir extrem wichtig. Coach allerdings nicht mein Coach, sondern der Coach. der für die Konstellation des Teams am besten ist. Also Sprache ist da ein ganz, ganz wichtiges Thema als Beispiel. Geschlecht ist auch ein wichtiges Thema. Hören manche nicht so gern, aber manche Männer tun sich eben schwerer, sich einer Frau zu eröffnen, als sie das vielleicht bei einem Mann tun. Kann man nicht stundenlang darüber philosophieren, ob das gut oder schlecht ist, ist aber so. Also musst du irgendwie damit auch umgehen können. Das versuche ich und dann bin ich aber auch sehr, sehr konsequent. Bei Teams zum Beispiel, die ich zusammenbaue, höre ich eigentlich nur noch auf die Intuition und auf das Bauchgefühl und hire ausschließlich darauf. Gerne auch Junior oder Junioriger, als es die Rolle eigentlich bräuchte. weil ich dann noch mehr formen kann und mehr entwickeln kann und bin aber, wenn es nicht klappt, auch extrem konsequent und trenne mich wieder, weil das auch eine Frage der Kultur ist. Du gibst den Menschen die Chance, sich zu entwickeln und wenn das nicht klappt, dann ist es besser, wenn der oder diejenige woanders glücklich wird. Also Konsequenz ist ein wichtiges Werkzeug, um Kultur zu beschützen, weil ansonsten sind es nur Worten und Haltung ohne Handlung ist nur eine Meinung.

Joel Kaczmarek: Wieder so ein geiler Satz, ey. Klingt manchmal so ein bisschen, als wenn du so das strippenziehende Mastermind über allen anderen bist. Ist es beängstigend, mit dir zu arbeiten?

Josef Brunner: Nochmal, bin ich wieder der falsche Adressat? Ich hoffe nicht. Ich habe mich natürlich als Führungskraft oder als CEO schon sehr verändert über die Zeit. Aus unterschiedlichen Gründen. Das Erste ist, um wirklich zu verstehen, wo ist der Hebel für den Wirkungsgrad? Das ist eins. Und dann, wie erhöhe ich denn den Wirkungsgrad mit den Mitteln, die ich habe? Und deswegen ist es für mich mittlerweile so, dass ich als CEO eine sehr eigene Arbeitsweise habe. Diese Themen, die wir jetzt schon ein paar Mal besprochen haben, Ownership und so weiter, sind mir extrem wichtig. Ich mache eigentlich nur noch zwei Sachen, drei. Das eine ist also ultra-strategische Themen, Firmen kaufen, eine Firma verkaufen. Da beschäftige ich mich natürlich damit, ja. Aber das ist ja nichts Operatives. Im Operativen ist es ein Zielbild zu formulieren. Wer wird diese Firma sein? Daraus ableitend einen Plan, wie man dort hinkommt. Das ist das Erste. Das Zweite ist, ich baue eine Organisation, die so effizient und so nachhaltig erfolgreich wie möglich dieses Zielbild erreicht und diese Position dann verteidigt. Und das heißt, ich mache nur Organisationsaufbau. Und auch da habe ich Regeln. Ich finde das immer, wenn ich Mentoring mache, lausche ich oftmals erst. Dann habe ich so Management-Teams, unabhängig von der Firmengröße, bis zum DAX-Konzern hoch. Die diskutieren dann über Operatives. Und meine Frage, die ich dann immer in den Raum werfe, ist, Muss ein Management-Team, das 100.000 oder 150.000 Menschen führt, genau dieses Thema jetzt diskutieren? Musst du diskutieren, was auf der Tasse für die Hauptversammlung der Aktionäre für ein Logo drauf ist? Oder ist deine Organisation einfach nicht trainiert, selbst Entscheidungen zu treffen? Und deswegen ist die Kernfrage immer für ein Management-Team, die Frage, die jetzt gerade diskutiert wird und im Raum ist, ist es eine Frage, die das Management-Team und nur das Management-Team beantworten kann. Und wenn die Antwort darauf Nein ist, dann beantworte die Frage nicht und schick die in die Organisation zurück. Und glaub mir Joel, 99 Prozent der Diskussionen sind Themen, die nichts in einem Boardroom zu suchen haben. Und deswegen prügele ich die durch und ich entscheide gar nichts. Ich entscheide nichts, was die Organisation entscheiden kann. Und das bringt wieder diese Kultur dieser Entscheidungsfreudigkeit rein. Und das merkst du halt, wenn du 200, 300 Leute bist. Der Laden zieht anders. Du hast kein Gremium oder irgend so einen Scheiß. Du hast eine Person, die ist für ein Thema verantwortlich und die trägt Verantwortung für dieses Thema. Ganz simpel. Also ob das dann heißt, dass es einfach ist, mit mir zu arbeiten oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aber das ist die Art und Weise, wie ich mit meinen Kollegen und Kolleginnen arbeite.

Joel Kaczmarek: Jetzt haben wir das Thema Wirkungsgrad auf die unternehmerische Sphäre angewandt. Betrachtest du das auch bei anderen Elementen in deinem Leben? Nein. Hätte es ja sein können, dass du sagst, mit Beziehungen, wie man mehr aus Beziehungen rausholt oder wie man sportlicher wird oder wie dich dein Wandern glücklicher macht.

Josef Brunner: Ja, doch. Ja, ja. Hast du einen Punkt? Also ob ich es in die Kategorie Wirkungsgrad einordnen würde, weiß ich nicht, aber es passt da rein. Das ist auch eine sehr, sehr gute Überleitung. zu dem vierten Punkt schon. Und zwar der vierte Punkt, der, glaube ich, jetzt da ganz, ganz gut reinpasst, ist die unglaublich große Rolle, die Verhaltensmuster, also Behaviors im Leben spielen. Sie erhöhen den Wirkungsgrad, um da auf deine Frage einzugehen. Das heißt, die passen thematisch da schon zusammen. grundsätzlich gut rein, sind aber für mich ein eigenständiges Thema. Also ich habe unglaublich großen Mehrwert daraus gezogen, Regeln und Verhaltensmustern zu haben. Also deine Frage mit dem Sport als Beispiel. Ich richte am Tag vor dem Wandern schon, die Laufschuhe sind fertig, ich habe so Trailhooker, Trailrunning-Schuhe, die sind da, mein Rucksack ist gepackt, ich habe so einen Wasserschlauch hinten drin mit so einem Wasserbehälter und dass ich auch beim Laufen nie Pause machen muss. Und durch diese Regeln und durch diese Automatismenkann es gar nicht passieren, dass ich mal nicht auf einen Berg gehe,weil das alles schon da ist. Also ich nehme Barrieren runter, mache es extrem einfach,meine für mich wichtigen Regeln einzuhalten,mache jeden Morgen 100 Liegestützen. Das ist so eine Routine, die einfach schon so drin istund dadurch diskutiere ich nicht mehr mit mir selbst. Also ich stehe jetzt nicht auf und sage, Und dann diskutiere ich mit mir selbst, soll ich jetzt Sport machen oder nicht. Na, eigentlich habe ich ja gestern Sport gemacht und ob das überhaupt so gut ist nach dem Hangover, sondern nein, es ist ein Morgen und an jedem Morgen muss das gemacht werden, ja. Und das erhöht natürlich den Wirkungsgrad extrem. Ist aber für mich eine eigenständige Regel. Ich fahre ja wahnsinnig gerne, also immer wenn ich Zug fahren kann, fahre ich Zug. Wenn Zug eine Option ist, nehme ich immer den Zug, weil ich das einfach geil finde. Ist aber vom Essen her scheiße, weil du nur Müll bekommst an den Bahnhöfen und mir Ernährung auch ein ganz, ganz wichtiges Thema ist. Und da stelle ich mir dann immer so, und weil ich auch gerne Müll esse, muss ich noch dazu sagen, deswegen ist es ein Problem, da stelle ich mir dann immer die Frage, würde eine gesunde Person das jetzt essen? Oder würde ein guter Geschäftspartner jetzt so agieren? Und du glaubst gar nicht, welche Kraft in diesem Verhalten steckt, also wenn du diese Regeln hast. Und das sind einfach nur Fragen, die man sich stellt. Und dann sagst du, ja, okay.

Joel Kaczmarek: Also wenn du Verhaltensmuster sagst, dann meinst du eigentlich Routinen und Prozesse, höre ich daraus?

Josef Brunner: Ja, Routinen, Prozesse, wie man sich verhält, das Konstrukt, das Korsett, nach dem du Entscheidungen triffst im Leben.

Joel Kaczmarek: Das Witzige ist ja aber im Leben, dass wir die Antworten alle kennen, wir befolgen sie nur nicht. Wie hast du es denn geschafft, dass deine Verhaltensmuster das ändern?

Josef Brunner: indem sie Regeln sind und keine Vorschläge. Also Liebe deinen Nächsten so, wie du dich liebst oder verhalte dich vernünftig. Das wissen wir ja alle. Es ist ja nicht so, dass das jetzt die Erkenntnis des Jahrhunderts wäre. Aber wir verletzen es, weil es ein Vorschlag ist, ein Ratschlag. Aber wenn das eine Regel wird, dann kannst du damit nicht diskutieren. Und das hört sich vielleicht gar nicht so dramatisch an, aber der Unterschied ist enorm. Eine Regel, und davon habe ich mannigfaltige Sachen wie, wenn jemand zu mir sagt, entweder du machst oder, dann sage ich, ich bin jetzt bei oder. Das ist sofort. Oder wenn jemand mich drängt, eine Entscheidung zu treffen in einem Erstgespräch, ist die Antwort immer nein. Immer. Egal, was das ist. Und du wirst so effizient dadurch, so schnell, aber erziehst im gewissen Maße, ohne dass ich das respektlos meine, dein Umfeld auch. Weil du sagst, okay, den jetzt irgendwie zu pushen, das bringt jetzt auch nicht so viel. Da erreiche ich das Gegenteil. Und dadurch wirst du effizienter und dein Umfeld.

Joel Kaczmarek: Hast du dir einmal aufgeschrieben, die Regeln? Ja. Wo stehen die?

Josef Brunner: Ich habe also in Asana. Mein Leben ist organisiert mit Asana. Da ist mein privates Leben drin. Das Leben aller Portfolio-Firmen ist damit drin. Danach lebe ich. Hört sich fast technokratisch an. Aber da sind auch meine Regeln drin. Alle Regeln, meine persönlichen Regeln. Die Regeln, wie die unterschiedlichen Teams, mit denen ich zusammenarbeite, miteinander arbeiten sollen. Also es gibt kein Gespräch ohne ein Pre-Read. Das sind so Sachen. Dann kannst du mir 80.000 urgent Themen schicken,brauchen Pre-Read. Wir wollen effizient sein,weil das dazu führt, dass 90 % der Meetingsgar nicht stattfinden,weil die Menschen beim Aufschreibenschon drauf denken, ja okay. Und du glaubst gar nicht, wie viele Meetingseine E-Mail hätten sein könnenoder ein Asana-Antrag,versuche ich von E-Mail wegzukommen,eine meiner ganz großen Schwächen,bin ganz schlechtim Beantworten meines E-Mail-Backlogs,aber alle Regeln sind dokumentiertin Asana, meine privaten,die beruflichen und die mit allen Teams.

Joel Kaczmarek: Wie viel hast du ungefähr?

Josef Brunner: Regeln. Privates um die 20, würde ich schätzen. Und das so zwischen 10 und 20 pro Company auch. Die sind natürlich alle relativ gleich. Also kein Meeting ohne Pre-Read. Immer ein Tag zwischen einer Problembeschreibung und einer Entscheidung zur Problemlösung. Das haben sie eigentlich alle. Und darum gibt es eine gewisse Nähe, auch wenn sie immer angepasst sind, an die unterschiedlichen Gruppen und die Teilnehmer.

Joel Kaczmarek: Also das ist wahrscheinlich die unnackbare Frage, aber wie hast du alle diese Regeln gefunden?

Josef Brunner: Durch einen Prozess, der nennt sich Leben. Immer wenn ich wieder irgendwo einen Bock geschossen habe oder irgendwas gemacht habe, das mich nervt. Also zum Beispiel, ich trinke seit x Jahren mittags keinen Alkohol mehr. Also egal, ob das jetzt nochmal Urlaub oder irgendwas, ich trinke keinen Alkohol mittags.weil ich mich den kompletten Nachmittag ärgere, dass ich irgendwie ein Glas Wein oder ein Bier mittags getrunken habe. Weil ich habe dann einfach irgendwie sechs Stunden Produktivität verloren. Und da flippe ich so aus, weil diese sechs Stunden hat irgendjemand anders da draußen Progress gemacht. Und die muss ich aufholen. Und wenn ich mir das dann in einer Regel so verankere, getrieben durch die Unzufriedenheit Und mir diese Situation wieder vor Augen führe, dann zementiert es diese Regel so stark. Oder ich esse halt so wahnsinnig gerne und versuche aber mittags nie Kohlenhydrate zu essen, außer es gibt einen Wiener Schnitzel. Das ist also die Regel, nie Kohlenhydrate, außer es gibt einen Wiener Schnitzel. Und so habe ich halt meine Regeln, die ich quasi aufgrund der mannigfaltigen Ineffizienzen meines Lebens nutze, um einen Tacken wirkungsvoller zu werden.

Joel Kaczmarek: Du hast gesagt, Regeln sind deutlich effizienter als irgendwie Absichten oder Vergleichbares. Das setzt ja eigentlich auch immer voraus, dass es eine Konsequenz gibt oder so ein Rulekeeper. Was passiert bei dir, wenn du eine Regel brichst? Hast du dir Strafen auferlegt?

Josef Brunner: Nein, das habe ich nicht. Aber ich bin ja jemand, der sehr an das Thema Ownership und Accountability glaubt. Und die Konsequenz ist, dieses hundeelendige Gefühl da versagt zu haben. Und jetzt wieder die Brücke, die du ja richtigerweise gebaut hast zwischen dem Wirkungsgrad und den Verhaltensmustern. Dann einfach dieses Gefühl zu wissen, dass irgendjemand da draußen gerade effizienter ist als ich. Wenn du so lange Touren mal gelaufen bist, irgendwie so sechs Tage über irgendwie Alpen oder sowas. Da merkst du, dass es fast unmöglich ist, so einen halben Tag aufzuholen. Also wenn jemand einfach dir 20 Kilometer voraus ist, das geht nur über Brachialität. Und diese Bilder habe ich da vor Augen. Und vor denen habe ich so viel Angst und Respekt und auch Scham, wenn ich da mal eine Regel verletze, dass das genug Schutzsystem ist für mich.

Joel Kaczmarek: Aber das klingt immer so, also ich habe ja auch so Unternehmerparanoia, gegen wen du eigentlich kämpfst, weil man sagt ja auch eigentlich immer, guck dir nicht deinen Wettbewerb an, guck auf dich. Du könntest ja eigentlich auch immer sagen, du konzentrierst dich auf dich und gar nicht so sehr auf das, was links und rechts neben dir passiert.

Josef Brunner: Das tue ich auch. Also ich konzentriere mich sehr auf das, was mich definiert und ausmacht und von dem ich denke, dass es richtig ist. Wir hatten ja vorhin über die konträre Natur dessen, was ich gerne mache, gesprochen. Das ist ja ein Zeichen davon. Auch quasi das Herausfinden, was denn meine Superpower sein kann oder was die sein könnten. Das ist ja sehr auf mich gemünzt. Aber da muss ich sie ja einsetzen. Und dazu brauche ich Competition. Also ich funktioniere auch nicht ohne Wettbewerb. Es ist erstaunlich, ich laufe auch auf dem Berg immer gegen die Zeit. Und wenn ich das nicht tue, dann fühle ich, wie unglaublich langsam ich bin. Und das kotzt mich dann schon wieder an. Und darum, ich brauche immer irgendjemanden, gegen den ich Zum Beispiel finde ich dieses Konzept beim Radfahren total spannend, dass du Menschen hast, die quasi vor den eigentlichen Fahrern, die für den Gewinn einer Etappe vorgesehen sind, fahren. Weil das so viel anstrengender ist, vorne wegzulaufen. Und deswegen projiziere ich mir diese Competition immer. Und wenn ich jetzt irgendwie eine Netflix-Serie schauen würde oder sowas, dann ist die ganze Zeit irgendeine Stimme, die sagt, ja und die bessere Version, also zu einer Frage, gegen wen kämpfst du, gegen die bessere Version von mir, die arbeitet gerade mein Freund oder die denkt oder die liest, die wird gerade besser und du wirst faul und fett und träge und dann mache ich da gar nicht an.

Joel Kaczmarek: Okay, also so Hedonismus gibt es in deinem Leben nicht, so höre ich daraus.

Josef Brunner: Nein, aber es ist dadurch eben sehr, sehr einfach. Weil ich brauche nicht viel, ich brauche keine Ablenkung. Ich bin extrem schnell beim Entscheiden, vor allem in den Alltagsentscheidungen. Da eiere ich halt nicht rum. Ich brauche nicht 20 Minuten, um so eine blöde Speisekarte zu lesen. Also ich bin halt überall schnell und dann gewinne ich Minuten. Und für mich, das mag sich jetzt, als ich darüber spreche, merke ich schon, dass eine gewisse Absurdität da auch in den Zeilen ist. Auf der anderen Seite, es gibt mir halt viel und es gibt mir Bestätigung und Kraft und okay, es geht, weiter geht's.

Joel Kaczmarek: Ich habe eine Reihe bei uns gemacht, die habe ich intern, nach außen habe ich ja keinen Titel gegeben, aber intern hieß die immer die Säulen des Erfolgs, wo ich so versucht habe, die Säulen des Erfolgs von einzelnen erfolgreichen Menschen nachzuzeichnen. Und da bin ich sehr ins Grübeln gekommen über dieses Thema Wettbewerb, weil ich immer dachte, das ist so wie Kämpfen und Kämpfen ist irgendwie eigentlich nicht so gut und Wettbewerb ist immer gegen etwas und ich möchte eigentlich lieber für etwas sein. Irgendjemand hat mir dann eröffnet, du musst ja nicht gegen Menschen sein, du kannst ja sozusagen auch gegen die Zeit, gegen das Gestern sein, also dass du heute besser bist als gestern, was ich dann ganz motivierend fand. Aber ich weiß manchmal nicht, ich bin genauso wie du. Also ich bin unglaublich wettbewerbsorientierter Mensch, aber sehr fair. Also ich mag überhaupt nicht Unfairness. Trotzdem habe ich mein Verhältnis zum Thema Competition noch nicht so bereinigt. Weißt du, was ich meine?

Josef Brunner: Ja, verstehe komplett, wie du das meinst. Zwei Gedanken dazu, wenn ich darf. Wettbewerb ist nichts Schlechtes. Ich finde, Wettbewerb ist etwas inhärent. Gutes, weil gute Wettbewerber sich gegenseitig besser machen. Und die Wettbewerber kämpfen niemals gegen sich, sondern immer für den Kunden, um den Markt. Das heißt, der Wettbewerb holt mehr aus uns raus, weil wir uns einfach mehr bemühen. Also das ist inhärent wirklich positiv. Ich bin auch gegen das Gegenetwas kämpfen, außer gegen den Stillstand. Ich kämpfe wirklich jeden Tag gegen den Stillstand.

Joel Kaczmarek: Da habe ich gerade drüber nachgedacht. Warum ist das so? Weil ich habe genau dasselbe. und dann habe ich zu meinem Gesangslehrer gesagt, ich weiß gar nicht, dann meinte er, Joel, es ist wie bei Bäumen, die wachsen auch immer weiter, die hören doch auch nicht auf. In der Natur ist alles auf Wachstum ausgerichtet. Das fand ich einen interessanten Take. Aber was ist deine Antwort darauf, warum Stillstand sozusagen für dich nicht in Frage kommt?

Josef Brunner: Wir wollen doch alle eine bessere Person oder Version von uns selbst werden. Und die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, indem du nichts machst, ist halt geringer als wenn du etwas machst. Das heißt, wenn du dich entwickeln möchtest und wenn du etwas erreichen möchtest, musst du doch nach vorne marschieren.

Joel Kaczmarek: Aber das heißt für dich auch, es ist nie gut. Also du bist nie gut, du bist nie fertig.

Josef Brunner: Nee. Ich würde sogar sagen, dass das wahnsinnig schlimm für mich wäre. Also wenn du das jetzt mein Leben als Computerspiel auslegen würdest und ich in das letzte Level käme und hätte das Spiel durchgespielt, holy fuck.

Joel Kaczmarek: Was machst du?

Josef Brunner: Was machst du dann? Dann brauche ich ein Leben. Nein, also das wäre für mich ganz schlimm. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich allerdings auslerne, ist auch gering. Von daher gibt es noch viel zu tun.

Joel Kaczmarek: Bist du ein gläubiger Mensch?

Josef Brunner: Überhaupt nicht. Ich bin aber sehr katholisch aufgewachsen. Meine Eltern haben immer gearbeitet. Meine Oma war sehr gläubig. Wir waren ja in einem Familienbetrieb. Meine Oma und meine Großtante, die haben beide bei uns im Betrieb mitgearbeitet. Und meine Oma war extrem gläubig und hat mich da immer in die Kirche mitgezerrt und mit vielen wirklich schlimmen Bildern gearbeitet. Also die war, wenn man es freundlich formuliert, sehr vom alten Schlag. Und deswegen habe ich keine Sympathie zu so einem Regelwerk, das mit so viel Negativität arbeitet. Das heißt allerdings nicht, dass ich etwas gegen Religion habe, überhaupt nicht. Es ist nur für mich etwas, wo ich keine Kraft daraus ziehe.

Joel Kaczmarek: Okay, Religiosität ist dir fern, aber wie ist es mit Spiritualität?

Josef Brunner: Ja, sehr. Also der Stoizismus ist ja, ich habe dir ja vorhin erzählt, dass ich auch durch die Kampfkünste ja versucht habe, irgendwie über dieses Östliche zu irgendeiner Art von Spiritualität zu kommen, das mir aber nicht gelungen ist. Durch das Rastlose keinen Zugang zu mir selbst hatte. Aber ich würde schon sagen, dass der Stoizismus eine gewisse Spiritualität für mich hat. Ich finde es auch Unternehmertum und Teambuilding und Organisationen bauen und so weiter, das ist sehr, sehr spirituell. Also wenn du merkst, dass ein Team ein Team ist und nicht eine Ansammlung von Menschen, die auf derselben Hierarchieebene unterwegs sind, das ist spirituell.

Joel Kaczmarek: Was glaubst du denn, du wirst ja nicht still sterben, also ich glaube, du läufst wie so ein Vata-Männchen und irgendwann fällst du einfach tot oben.

Josef Brunner: Das Duracell-Bunny, kennst du das noch?

Joel Kaczmarek: Ja, genau, so heißt es. Vata war der andere, ne? Duracell-Häschen, stimmt. Was glaubst du denn, was kommt, wenn die Lichter für dich ausgehen?

Josef Brunner: Dann wirst du wirklich philosophisch hier. Also, ich glaub, das kommt nichts. Over. Ich glaub, du öffnest dich.

Joel Kaczmarek: Ich glaub, du öffnest dich. Ich glaub das nicht. Aber es ist interessant. Ich kam auf die Frage, sie dir zu stellen, über deinen Lernwunsch. Weil du meintest, wenn das Endspiel erreicht wäre, holy fuck, hast du, glaub ich, gesagt. Da hab ich gedacht. Wenn man das lebensübergreifend sieht, wird es ja noch spannender. Wenn man in der Dimension denkt, ich werd bestimmt noch mal wiederkommen. in einem anderen Körper, vielleicht in einer anderen Zeit, in anderen Situationen. So betrachte ich Leben oft, dass ich glaube, dass man Erfahrungen sammelt. Weil du kennst ja den Spruch, das Leichentuch hat keine Taschen. Aber ich glaube, wenn du so als Seele aufsteigst, die Erfahrungen, das Wissen nimmst du schon mit. Und dann wird es ja spannend. Dann hat ja jemand wie du sozusagen einige Leben gut gemacht. in einem, hätte ich jetzt gesagt.

Josef Brunner: Wie heißt es so schön? Plan for the worst, hope for the best.

Joel Kaczmarek: Was ist dein letzter Punkt?

Josef Brunner: Die wirklich herausgehobene Rolle von Organisationen. Und da haben wir jetzt ja schon ein paar Mal drüber gesprochen. Aber wenn du mit Gründerteam sprichst oder auch mit Investoren, kommen ja sehr, sehr viele Dinge, die immer gleich sind. Und eine Sache, die sie alle gebetsmühlenartig wiederholen, ist das Team und wie wichtig das Team ist. Das ist für mich aber nur die halbe Wahrheit. Das eigentlich Wichtige ist die Organisation. Und da ist ein großer, großer Unterschied zwischen einem Team und einer Organisation. Organisationen entwickeln sich unabhängig von den handelnden Personen. Ein Team bedeutet manchmal, dass es personenzentrisch wird. Also ich habe drei geile Gründer, zwei tolle Gründerinnen und einen tollen Gründer, die ergänzen sich, die sind komplementär, bla bla bla. Das ist personenzentrischer Gedanke. Wenn du aber eine Organisation hast, also Kultur, Purpose, Werte, Schnelligkeit in der Entscheidung, dann können sich die handelnden Personen ändern oder ändern sich zwangsläufig die handelnden Personen, weil deine Organisation im Mittelpunkt steht. Und das ist ein feiner Aber fundamentaler Unterschied, auch ein ganz, ganz anderer Ansatz, Unternehmen zu bauen, weniger auf die Leute zu schauen, auch so hart es jetzt wiederum klingt, sich von Menschen wieder zu trennen, wenn die Menschen nicht in die Organisation passen, anstatt zu sagen, die Personen sind aber gut. Und deswegen muss ich jetzt vielleicht die Organisationen-Tacken anpassen. Und aus meiner Sicht wird viel zu sehr unterschätzt, wie viel Investment, Fokus und Repetition so eine Organisation braucht. Und deswegen jetzt in den Firmen, die ich jetzt mache, bin ich da absolut hartes Wort, aber ich glaube, es stimmt kompromisslos der Organisation gegenüber.und stelle die wirklich ins Zentrum. Weil die sorgt dafür, dass die Leute wirklich happy sind. Dass die Leute dabei sind, dass sie einen Purpose haben. Zahlt wieder auf diesen Wirkungsgrad ein. Und das habe ich erst relativ spätso bei der dritten Firma, bei Julex ging es ein bisschen los. Voll verstanden dann bei Relayer und seitdem wirklichein ganz großes Fokusthema für mich selbst verstanden.

Joel Kaczmarek: Und damit ich einmal richtig verstehe, was alles unter der Themenklammer Organisation, also diesem Wort, für dich steht, also da lerne ich jetzt Kultur, Werte, Teamgefüge, wie man quasi miteinander umgeht, das ist quasi alles für dich, was in Organisationen drin steht?

Josef Brunner: Ja, alles Nicht-Operative ist die Organisation. um das mal ein bisschen konkreter zu machen. Es gibt bestimmte Roles und Responsibilities in einer Company. Im Idealfall gehst du durch eine Firma durch und fragst eine Person, die du triffst, für was bist du hier verantwortlich? Für was trägst du die Verantwortung? Was ist dein Beitrag zum Unternehmenserfolg? Im Idealfall bekommst du eine Antwort. In der Realität, lauf mal durch Companies durch und frag mal, warum bist du hier? Keine Ahnung. Also das ist erschreckend. Je größer Firmen werden, desto mehr wischiwaschi wird dieses Thema. Roles, Responsibilities. Die Unternehmen verlieren die Disziplin, die werden fett. Die setzen wirklich organisatorisches Fett an. Und das führt bei den Menschen zu Unzufriedenheit. Du bist ja nicht gerne irgendwo und weißt nicht, warum du da bist und was du machen sollst, weil du ja gar nicht erfolgreich werden kannst. Für dich selbst. Und gleichzeitig sind die meisten Menschen ja nicht scheiße. Das heißt, die machen dann was. In der Politik nennt man das Bürokratie. Wenn du halt jedes Jahr 20.000 neue Beamten irgendwo hinsetzt, die machen ja irgendwas. Die schicken ja Faxe irgendwo hin in unserer Politik. Und deswegen, also das ist eine Komponente. Roles, Responsibility, Accountability versus Responsibility. Ganz, ganz wichtiger Teil einer Organisation, die operativ effizient ist. Dann das Thema, wie gehen wir miteinander um? Also Kultur, was wir vorhin hatten. ist ein ganz wichtiges Thema dabei. Und das bedingt dann oder definiert, wie die Firma operativ performt. Der Fokus, wenn du aber mit den meisten CEOs da draußen sprichst oder Leadership-Teams, liegt immer auf dem Operativen. Ja, da müssen wir das noch fixen und das. Und deswegen sind die immer in so einem Hamsterrad und fixen die ganze Zeit, machen so Firefighting. Anstatt wie ein Stoiker mal zurückzugehen und sagen, okay, ich schaue mir das jetzt mal von außen an. Ich sage, okay, es ist ein organisatorisches Thema, es ist die Konsequenz, ich lasse mal dieses Feuer hier brennen und kümmere mich darum, dass meine Organisation mal fliegt. Und deswegen mache ich bei den Companies immer Offsites für Organisatorisches und bei den organisatorischen Offsites darfst du nichts Operatives besprechen. Ich fahre auch in Offsites, die organisatorischer Natur sind, sind an anderen Orten mit teilweise eigener Kleidung. Also das ist da Regeln, du ziehst es an, du bist in diesem Modus. Hab die Jacke an, darf nichts Operatives sagen. Überall Regeln, Verhaltensmustern, dass du gar nicht auf diese Idee kommen kannst.

Joel Kaczmarek: Das sind sozusagen mentale Programmierung beziehungsweise so geistige Abkürzungen, die du da mitnimmst, ne?

Josef Brunner: Genau. Bilder, Umgebungen, so viele, wie sie sagen, wiedererkennbare Attribute schaffen, die die Menschen in diesen Modus bringen. Und das ist total spannend, was dann passiert, weil wenn du, diese Gruppe kann ja dann nichts entscheiden, operatives. Und das heißt, du drückst das immer in diese Organisation runter und die weiß dann am Anfang gar nicht, was soll sie jetzt da machen. Und dann entscheiden sie halt was. Und dann merken sie, scheiße, das geht ja irgendwie weiter. Und wenn sie Glück haben, ist die Entscheidung richtig. Wenn sie Pech haben, ist sie falsch. Aber dann hilfst du denen und sagst, okay, was lernen wir jetzt daraus? Und darum ist dieses, könntest du es auch Mentoring nennen, Menschenentwicklung, egal mit welcher Beschreibung du dich da wohlfühlst, aber da würde ich 90 Prozent meiner Zeit investieren als CEO.

Joel Kaczmarek: Die Realität sieht wahrscheinlich genau umgekehrt leider manchmal aus.

Josef Brunner: Genau.

Joel Kaczmarek: Hast du so Schlüsselmomente im Kopf, wo du die Relevanz dessen verstanden hast? Weißt du, wo ich meine? Wo es so geknallt hat oder wo du so einen Aha-Effekt hattest?

Josef Brunner: Ja, dazu muss ich sagen, dass ich auf die Idee mit dem Coach, der mich jetzt sehr, sehr lange begleitet, nicht selbst gekommen bin. Ich war in meinen früheren Tagen jemand, der sehr gerne sehr, sehr schnell zu Entscheidungen kam. Und das mache ich jetzt gar nicht mehr. Vorhin kurz beschrieben, es liegt immer ein Tag zwischen einer Problembeschreibung und einer Entscheidung. Immer. Und also eigentlich wahnsinnig langsam, wenn du so willst. Deswegen muss ich ja die Anzahl der Entscheidungen auch so reduzieren, damit das Ganze noch funktioniert. Aber dieser Moment ist mir wie so viele Weggabelungen in meinem Leben noch sehr, sehr präsent. Ich war über eine Kollegin von mir, mit der ich über eine gewisse Schwierigkeit in einer Teamkonstellation gesprochen habe. Die hatte mich mit dem Stephen Murphy verbunden, war Executive bei Procter & Gamble und hat wilde Sachen gemacht, hat dort Procter & Gamble in Saudi-Arabien aufgemacht. Hat dann die Operations im Oman aufgemacht, hat dann Supply Chain geleitet, also wirklich viel, viel gesehen und ist da ins Board gekommen und macht jetzt seit ein paar Jahren nur noch Coaching. Eine unglaubliche Waffe, ein wahnsinnig wertvoller Mensch in meinem Leben. Und sie kannte den und hat mich dann mit ihm verbunden und ich war am Flughafen sehr, sehr hektisch und habe eigentlich sehr respektlos mit ihm gesprochen. Das war Tegel, wenn du dich erinnern magst, musstest du ja immer dann da ewig in dieser Schlange stehen, bist du da durch dieses, jedes Gate hat ja seine eigene Security. Da stand ich da in der Warteschlange, weil ich ja so unglaublich busy bin. Und auf der anderen Leitung war absolute Ruhe, absolute Stabilität, eine Selbstreflexion, die mich in diesem Telefonat entschleunigt hat. Und da habe ich gesagt, das brauche ich, das ist gut. Und so kam das. Und so hat sich dann das über die Zeit entwickelt. Und vielleicht ist es anmaßend, aber ich glaube, dass der Steven und ich, der macht eigentlich alle Portfoliofirmen von mir, die sattelfest im Englisch sind. Wir haben uns, glaube ich, gegenseitig sehr, sehr viel gegeben und sind vielleicht beide ein bisschen besser geworden durch das gegenseitige Engagement.

Joel Kaczmarek: Lieber Josef, ich glaube, heute sind auch viele Leute besser geworden durchs Zuhören mit dir. Ich habe so das Gefühl, es ist ein guter Punkt, mal Pause zu machen und mal innezuhalten und das Revue passieren zu lassen, was du alles erzählt hast. Eine Sache beschäftige ich noch. Wenn du 100 Liegestütze jeden Morgen machst, machst du die alle am Stück?

Josef Brunner: Ja, die habe ich alle am Stück gemacht. Wir haben jetzt ja auf deiner netten Frage schon über mein biblisches Alter gesprochen. Und es gibt eine Sache, die mich ja total nervt, obwohl sie gegen meinen Stoizismus geht oder ein wenig gegen meinen Stoizismus geht, ist das Altern. Und ich merke, dass ich den Körper nicht mehr ganz so schinden kann, wie ich das früher gemacht habe. Das führt dazu, dass ich die Liegestütze jetzt in zwei Reps mache. Weil ich ein, ja, ich will dich nicht anlügen, aber ich glaube ein halbes Jahr meinen rechten Arm kaum bewegen konnte. Weil ich durch, es war eine Regel und du machst es, auch wenn es weh tut. War natürlich irre schlau. Eine Regel ist eine Regel, ja. Also jetzt, es sind zwei Sets jetzt.

Joel Kaczmarek: Da bin ich ja ein bisschen beruhigt, dass auch du sozusagen eine Gotthard-Dämmung verspürst.

Josef Brunner: Ich fall auseinander.

Joel Kaczmarek: Lieber Josef, vielen Dank.

Josef Brunner: Danke, hat Spaß gemacht. Hoffentlich ist für die Zuhörerschaft das ein oder andere wertvolle Stückchen Information dabei gewesen.

Joel Kaczmarek: Alles andere würde mich wundern und bleibt gesund.

Josef Brunner: Danke.