Stefan Jürgens (Schauspieler): 5 Dinge, die ich gerne mit 20 gewusst hätte

29. November 2024, mit Joël Kaczmarek

Dieses Transkript wurde maschinell erstellt. Wenn dir ein Fehler auffällt, schreib uns gerne zu diesem unter redaktion@digitalkompakt.de.

Joel Kaczmarek: High Five, Leute, hier ist Joel und ich habe wieder eine großartige Person am Start, die mir ihre fünf Dinge verrät, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. Und ihr wisst ja, ich bin ja immer hinterher, dass ich bei interessanten Menschen, die viele verschiedene Dinge gesehen haben, versuche, möglichst viel zu lernen. Und mein heutiger Gast, der liebe Stefan Jürgens, ist so ein jemand, denn das ist ja wirklich ein extrem vielseitiger Künstler. Ich habe Stefan schon im Vorfeld gesagt, dass ich noch so alte Fangarde seiner früheren Sachen bei RTL Samstag Nacht bin, aber seitdem hat sich ja unfassbar viel getan. Also viele von Ihnen kennen ihn als Schauspieler, zum Beispiel aus der Fernsehserie Soko Wien, aber seit 2021 konzentriert er sich auch verstärkt auf Musik und hat ein ganz tolles Live-Programm. Ich würde es mal als so eine Kombination aus Poesie, Musik und durchaus auch so eine gewisse scharfzüngige Komik verpacken. Und von daher bin ich mir sehr, sehr sicher, dass heute ein richtig schönes Potpourri an Inhalten zusammenkommt. Von daher, lieber Stefan, ich freue mich sehr, dass du da bist. Moin, moin. Moin, moin.

Stefan Jürgens: Ich danke sehr für die Einladung.

Joel Kaczmarek: Ich habe ja eben gerade schon im Vorgespräch dich gefragt und dann meintest du, ja, ist eigentlich schon mein erster Punkt. Deswegen, das ist ja das Erste, was mich mal neugierig macht. Als Unternehmer, der ich ja bin, habe ich ja immer so eine gewisse Ungewissheit, also so eine gewisse Unsicherheit auch und ich habe mich immer gefragt, wie das so in der künstlerischen Zunft ist, wenn man wie du zwischen so vielen Kontexten eigentlich agiert, also Theater, Musik, Comedy, Komik, vielleicht auch mal so ein bisschen fast schon gesellschaftlich angehauchte Themen, wie gehst du denn damit um?

Stefan Jürgens: Naja, also erstmal muss ich zu der ganzen Fragestellung fünf Fragen oder fünf Dinge, die ich gerne schon gewusst hätte mit 20, sage, ich habe lange überlegt. Ich habe lange überlegt, also mindestens eine Viertelstunde heute Morgen, weil ich eigentlich jemand bin, der grundsätzlich per se erstmal sagen würde, ich wollte mit 20 keine Dinge wissen, die ich heute weiß. Das wäre immer sehr der erste Impuls gewesen, weil mein ganzes Leben sich eigentlich darauf aufgebaut hat, mit den Erfahrungen, die man macht, umzugehen und nach ihnen zu lernen. und Manchmal stelle ich es mir erschreckend vor, dass ich bestimmte Dinge schon mit 20 gewusst hätte, die ich heute gewusst habe. Dazu gehören ja auch die Dinge, die vielleicht nicht so gut gelaufen sind. Insgesamt glaube ich, deine Frage zieht sich vorhin auch ab, wie geht man mit der Klarheit um, was alles im Leben passieren kann und wie man sich durchwalzt ab und zu. Mein erster Punkt ist, Geduld zu haben. Das ist das allererste, was ich gerne mit 20 schon gewusst hätte. Wie gut es wäre, wenn man sich geduldig zeigt. Also geduldig zeigt, auch gegen sich selber. Nicht immer diesen Druck zu haben, permanent Dinge zu erledigen und erfüllen zu müssen, sondern mit einer gewissen Selbstliebe auch sich zuzuschauen und seine eigenen Fehler zu akzeptieren. Ich habe im Leben gelernt, dass all die Dinge, die passieren, die spannendsten Dinge immer sind, die man nicht auf dem Plan hat. Also man macht sich mit 20 einen Plan, ich gehe zur Schauspielschule, ich werde Schauspieler, ich möchte gern Bühnenstar werden und, und, und. Und dann ist man mit 30 plötzlich im Fernsehen und macht Comedy-Shows. Das ist das Erste. Da weiß man schon mal gar nicht mehr, wo es lang geht. Das heißt, die Dinge, die passieren, die unterwegs passieren, die man nicht auf der Rechnung hat, die einem vielleicht sogar unheimlich klingen am Anfang. Das sind die Dinge, auf die man sich einlassen sollte. Also diese Neugierde und diese Offenheit und mal gucken, wo es einen hinträgt. Und das ist, finde ich, eine der größten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Wenn ich mich auf den Plan verlassen habe, dann ist meistens was anderes rausgekommen. Und ich habe hin und wieder schon damit gehadert, dass es nicht das wurde, was ich am Anfang dachte, bis ich irgendwann begriffen habe, manchmal auch vielleicht einen Hauch zu spät, wie gut das eigentlich ist, was ich gerade tue. Und dazu gehört eben die Zuversicht, dass alles irgendwie guten Weg geht. Und die Neugierde und die Abenteuerlust pflegen, pflegen, pflegen, pflegen.

Joel Kaczmarek: Weißt du, was ich dann aber auch immer so schwierig finde, wenn es so viele Abzweige gibt? Also bei dir zum Beispiel, ich bin so ein auditiver Typ, so ein vordringliches Thema, was mir bei dir immer auffällt, du hast eine total geile Stimme. Und ich stelle mir dann so deine Situation vor, 90er Jahre, RTL Samstag Nacht, auf irgendeinem Wege da hinzukommen, können wir ja gleich nochmal drüber quatschen, wie das eigentlich so zustande kam. Du sitzt da und sagst, okay, wo gehe ich denn jetzt eigentlich lang? Ich könnte jetzt links rumgehen in Richtung Fernsehen, vielleicht sogar Moderation, Schauspiel, was in die Ecke. Ich kann geradeaus weitergehen, mache was mit Comedy. Ich kann rechts rum abbiegen, da hat mich gerade einer gefragt, ob ich nicht auch Lust auf Synchron hätte. Ach, und Mensch, hinter mir liegt ja auch noch das Thema Theater, da könnte ich auch nochmal hingehen. Wie hast du denn für dich immer Entscheidungen getroffen, was von den allen Unwägbarkeiten sich richtig anfühlt?

Stefan Jürgens: Also die erste Entscheidung zum Theater zu gehen war eine sehr freiwillige und eine selbstbestimmte, weil ich an der Schule auf meinem Gymnasium der Schüler war, der am meisten Zeit in der Schule verbracht hat, allerdings nicht im Unterrichtsraum, sondern in der Theateraula. Und der Wunsch, dann irgendwie zum Theater zu gehen oder zur Theaterschule zu gehen, war ein eingewählter Wunsch. Den habe ich auch voll umsetzen können. Und das ist auch wieder so ein Beispiel dafür. Man denkt sich, das ist eigentlich meins, genau da will ich hin. Bei mir war das, ich stand wie der Ochse vorm Berg, ehrlich gesagt. Ich wusste gar nicht, wie mache ich das überhaupt? Ich war 18, hatte überhaupt keine Ahnung, wie man das macht. Also habe ich ins Branchenbuch geguckt, wo man sich ausbildet. lassen kann zum Schauspieler. Das nächste war Bochum, das war 30 Kilometer weg von meiner Heimatstadt. Das konnte ich mit der S-Bahn erreichen. Also bin ich da hingefahren, habe da angesprochen bei dem Sekretariat und gesagt, du bist ja wunderbar, kommst in zwei Wochen, dann sind die Aufnahmeprüfungen. Dann habe ich ein bisschen was ausprobiert, bin da hingefahren und bin zu dieser Schule gekommen völlig ohne Erwartungen. Das heißt, ich wollte einfach mal gucken, wie das vor sich geht. Und dieser komplett nicht vorhandene Druck hat dazu geführt, dass ich gleich am Anfang genommen wurde, weil ich frei aufspielen konnte. Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich mich auf meine inneren Qualitäten und auch auf meine äußeren Qualitäten verlassen könnte, dann wäre das Nummer zwei gewesen, was ich gerne damals schon gewusst hätte. Denn dann hätte ich viele Krisen oder viele Fragen oder viele Minderwertigkeitskomplexe, die man im Laufe der Zeit aufbauen kann, gar nicht erst überstehen müssen. Das wäre auch so ein Punkt.

Joel Kaczmarek: Da muss ich jetzt ja mal als Fan sozusagen fragen, wie bist du denn eigentlich dann zu diesem ganzen RTL-Wahnsinn gekommen? Also ich hatte ja auch mal Olli Dittrich irgendwie im Podcast, da haben wir auch viel über Ditsche geredet, aber auch über diese alte Zeit. Ich habe da noch so viele Bilder von euch im Kopf und das war ja wirklich so eine ganze Entourage an Leuten, die da irgendwie zusammenkamen. Was ist die Geschichte dahinter?

Stefan Jürgens: Bei mir war die Geschichte, ich war acht Jahre schon bereits am Theater und ich war ziemlich frustriert am Theater, weil ich war so ein bisschen der Theatersoldat. Das heißt, ich war in jedem Stück vorhanden, aber meistens waren es tragende Rollen, also kleine Rollen, die irgendwas durch die Gegend tragen mussten. Ich habe mich nicht richtig durchgesetzt in dem Zeitalter mit 28, 29, da war ich noch viel mit anderen Dingen noch beschäftigt und mit mir beschäftigt. und irgendwann kam dann der Punkt, dass ich tatsächlich, da war ich in Köln am Theater und saß in der Kantine abends um 12 Uhr und war stumpf betrunken und war frustriert und war am Mosern und plötzlich, da gab es so einen hellen Moment, das ist einer der entscheidendsten Momente meines Lebens gewesen tatsächlich. wo ich mal einen kurzen Moment lang wie in so einer Meditation gegen mich getreten bin und mich angeschaut habe. Und der Punkt der Wahrheit war bitter, weil ich dort einen knapp 30-jährigen nörgelnden Kantinenschauspieler sah, der ich nie werden wollte und mich in einer gewissen Weise als bereits gescheitert angesehen habe und habe gesagt, das kann nicht wahr sein, das kann nicht dein Leben sein jetzt. Und das hat so weit getragen, dass ich tatsächlich am nächsten Morgen wieder nüchtern zu meinem damaligen Intendanten gegangen bin und ihm die Kündigung auf den Tisch gelegt habe. Mit schwerem Herzen und mit Herzklopfen natürlich. Und bin dann da raus. Der hat mich nur groß angeguckt. Dann sagte ich, okay, akzeptiere ich. Das war für die nächste Spielzeit. Dann bin ich da raus und dachte, was machst du jetzt eigentlich? Und dieser merkwürdige Moment des Mutes, den ich quasi nicht geplant hatte, sondern der in mir quasi wuchs und dann ausbrach, das war eine der elementarsten Zündungen meines Lebens. Weil ich damals das Glück hatte, die Erfahrung zu machen, dass daraus nur Gutes entstand. Ich war dann drei Monate lang etwas in Fragestellung, was passiert ist. Meine damalige Freundin und später erste Frau wurde schwanger auch noch in der Zeit. Und ich stand dann da und dachte mir, na toll, was macht man jetzt? Familienplan nächstes Jahr, kein Job mehr und nichts. Und es waren harte zwei, drei Monate. Dann hörte bei ihr die Übelkeit auf und bei mir ging das Telefon. Weiß Gott warum. Also mit anderen Worten, das alte chinesische Sprichwort, wenn du irgendwo ein Fenster zumachst, dann dreh dich um, es geht irgendwo ein anderes wieder auf. Genau das ist in meinem Leben sehr, sehr oft passiert. Und das habe ich mit 30 das erste Mal erlebt. Wenn ich das mit 20 schon gewusst hätte, wäre vielleicht auch einiges einfacher geworden.

Joel Kaczmarek: Wer war dran am Telefon?

Stefan Jürgens: Es gab mehrere Anrufe, aber einer davon war der berühmte Anruf von Hugo Egenbalder. Ich habe Sie hier sehen, da in so einem Stippjahr und ich würde Sie hierhin einmal kennenlernen und wir haben hier so eine, und dann haben wir uns getroffen, weil ich fand den ja ganz spannend. Weil ich das Glück hatte, auch damals in der Offenheit zu sein, dass ich erstmal jeden, der mir irgendwie interessant vorkam, auch kennenlernen wollte. Wir haben uns dann hingesetzt und hat er mir was von dem Konzept erzählt. Und ich dachte mir, vielleicht ist das gar nicht so schlecht. mal so. Aus zehn Jahren Theater, wo sich alles nur in einen eigenen Nabel dreht. Und damals war es ja eine extreme Form des Regietheaters. Das war der Nabel der Welt und nichts draußen durfte passieren und und und. Vielleicht hörst du einfach mal auf und machst mal ein bisschen Quatsch. Und dann hat er mich eingeladen zu einem Come Together. Da waren berühmte Figuren wie Dietrich und Boning etc. schon dabei. Und wir haben uns dann, glaube ich, zwei Tage lang in irgendeinem Studio in Hürtgerscheure, wo dann später auch die Sendung aufgezeichnet wurde, zu einem Probegespräch. Unsinn getroffen, zwei Tage lang. Und ich bin da reingekommen und habe Wiegert in seinem grünen Grasanzug gesehen und Olli in seinem karierten Quatschanzug und Mirko, der rumhampelte. Und irgendwie habe ich gesagt, ich muss hier ganz schnell wieder raus. Und dadurch, daraus wurden dann bekanntlich fünf Jahre.

Joel Kaczmarek: Ja, aber cool, wenn ich mich richtig entsinne, ich war sogar, fällt mir gerade ein, du sagst, ich war auch in der Theater-AG und solche Formate waren für mich aber irgendwie die Sachen, weshalb man sich da irgendwie so dieses Kurz-Sketch-Formate und so.

Stefan Jürgens: Ja, aber ich hatte das gar nicht auf dem Schirm. Ich wollte eigentlich ernsthafter, großer Theaterstar werden. Ich hatte auch kein Fernsehen oder Film auf dem Schirm. Ich wollte einfach nur ins Theater. Aber wie das dann so ist, der Leidensweg muss dann irgendwann mal so groß werden, bis man dann diesen Weg möglicherweise, also das ist auch ein Punkt, wir müssen ja hier nicht durchnummerieren, nicht an Dingen festhalten, von denen man glaubt, sie müssen kapiert werden oder müssen geschafft werden, nur weil man meint irgendwie, man hat jetzt seinen Plan und daran muss man festhalten. Bei mir war es damals aus der Not so, dass ich gelernt habe, ich muss mal hier loslassen. Und wenn ich heute mit meinen 61 Jahren zurückblicke und zum Beispiel zurückblicke, dass ich die letzten zwei, drei Jahre fast ausschließlich Theater gespielt habe und dieser Kreis sich auch wieder geschlossen hat, dann weiß ich umso mehr Gelassenheit und Zuversicht, dass alles schon seinen Weg geht. ist der beste Ratgeber.

Joel Kaczmarek: Jetzt war ja dein erster Punkt, dass du gesagt hast, Geduld. Geduld zu haben, auch mit sich selbst. Sind wir mal ehrlich, ist die Scheiße an Geduld nicht, dass man die gar nicht lernen kann, sondern dass die irgendwie so mit dem Alter kommt? Oder hast du für dich so einen Pfad gefunden?

Stefan Jürgens: Da steht aber, die Frage ist ja nicht, fünf Dinge, die ich in 20 Jahren gewusst hätte, die man aber noch nicht wissen kann, sondern Wenn das jemand gerne gewusst hätte. Ja, natürlich, das geht gar nicht anders. Also meine Geduld, die habe ich nicht mit dem Schaumbelösser gefressen, sondern mit kleinen, kleinen Teelöffelchen einzeln hineingebracht im Laufe der Jahrzehnte, muss man ja sagen. Sagen wir mal so, es gibt natürlich schon bestimmte Vorentscheidungen oder sagen wir mal Tendenzen durch Erziehung etc. Also eine gewisse Disziplin, die man von zu Hause aus lernt, eine gewisse Stringenz, die man von zu Hause aus lernt, gegen die ich bestimmt nichts sagen möchte, nur man kann alles übertreiben. Und bei aller Disziplin, die man vielleicht von zu Hause aus lernen kann und sollte, möglicherweise sollte man auch lernen, mal fünfe gerade sein zu lassen, also die Luft unter die Flügel zu bringen. Man hat so ein bisschen das Gefühl, dass man immer so in eine Richtung des Funktionierens gedrängt wird, auch in seiner Kindheit. Ich habe aus den Erfahrungen immer versucht zu lernen und auch meinen Kindern irgendwie ein bisschen beizubringen, dass sie sich auch ein bisschen umschauen und die Dinge mal auf sich zukommen lassen. Also ich glaube, dass das auch eine Generationsfrage ist, die heute ganz anders gelöst wird. Ich glaube, dass die Generation, die heute heranwächst, sehr viel flexibler ist, glaube ich. Auch flexibler sein muss. Wahrscheinlich auch, deshalb auch eine größere Freiheit hat, sich umzuschauen und mal zu sagen, ja, vielleicht mache ich das, vielleicht mache ich das nicht. Das wird ein bisschen von meiner Generation immer so, als die wissen gar nicht, was sie wollen oder die haben gar keinen Biss. Ich finde das kompletten Blödsinn, ganz im Gegenteil. Es ist genau die richtige Zeit, genau so zu sein und zu realieren, weil wenn man sich festlegt auf irgendwas, wird man in dieser Welt sehr, sehr schnell auch in irgendeine Schublade gesteckt.

Joel Kaczmarek: Da hast du total recht. Ich ertappe mich auch dabei, wenn man seinen Kindern dann immer sagt, komm, sei doch mal ein bisschen geduldiger. Während du es aussprichst, weißt du schon, kann gar nicht. Wie soll das Kind geduldig sein? Und dass man die so zum Funktionieren bringt. Das ist eine ganz schöne Formulierung. Weil ich finde, das ist echt ganz oft, dass man so, ist ja auch ein bisschen das Gemeine, wenn du so zum Beispiel ein Kind, was Angst hat vor der Schule, neue Klasse und dann bringst du es da hin und du weißt ja schon, was wird. Weil vielleicht hast du es schon mal durchgemacht. Du kennst sozusagen die Etappen schon. das Kind aber nicht und ihm dann aber diese Erfahrung zu lassen und zu sagen, ja, weiß ich, dass du da jetzt durch musst und ich gucke dir zu, da ist schon, glaube ich, ganz viel dran. Deswegen ist es interessant formuliert, wie du es gerade gesagt hast.

Stefan Jürgens: Es liegt ja auch nichts mehr auf dem Weg. Ich meine, ich komme noch aus einer Generation, da war es eigentlich noch so, dass ein Mensch einen Job machte und der hat ihn dann sein Leben lang finanziert und ernährt und möglichst seine Familie auch noch. Die Zeiten sind ja nun wirklich vorbei. Ich bin ein sehr dankbarer Mensch, dass ich einen Beruf gewählt habe, der Wie du das am Anfang schon erwähnt hast, bereits nach kurzer Zeit zeigte, wie viele verschiedene Artige Wege er gehen kann. Ich weiß, du hast gefragt, wie ich zu bestimmten Dingen gekommen bin. Ich bin mit 21 auf der Schauspielschule gewesen und das erste Mal Vater geworden. Das war krass, das war wirklich krass. Meine Kollegen sind abends feiern gegangen, das bin ich meistens dann auch noch, aber danach habe ich mich noch um andere Dinge gekümmert, beziehungsweise musste ich mich auch darum kümmern, wie ich mit 21 auf der Schauspielschule Geld organisiere, um meine Tochter, die auf die Welt kam, mit zu finanzieren. Und ich war in Bochum, war auf der Schauspielschule und dachte mir, hm, Also vom BAföG wird es nicht funktionieren. Kellnern kann ich auch nicht, weil das kommt mit meinen Stundenplänen nicht zusammen. Und dann fiel mir ein, es gibt in Dortmund ein WDR-Studio, ein Landesstudio, da werden Nachrichten aufgezeichnet. Also bin ich da hingefahren und habe gesagt, ja, habt ihr irgendwas für mich? Dann haben sie mich so angeguckt, kommen Sie mal ins Studio, sagen Sie mal ein paar Sachen und eine ganz interessante Stimme eigentlich. Nachrichten. Sie lesen Nachrichten bei uns. Ich sage, wie, Nachrichten? Ja, also Mittagsnachrichten, 12 Uhr Mittagsnachrichten. Dann haben wir so ein Nachrichtenmagazin, da brauchen wir eine Sprecher oder eine Sprecherin. Das machen sie jetzt viermal in der Woche, wenn sie können. Das ging dann nicht viermal in der Woche, aber dreimal in der Woche. Und dann habe ich das, glaube ich, ein halbes Jahr gemacht und habe richtig Geld verdient. Und dachte, alles gut, super. So sind die Dinge dann auch gekommen. Also vieles ist auch aus der Not entstanden, sozusagen.

Joel Kaczmarek: Ich überlege gerade, warst du das, der bei Samstag Nacht immer neben Esther Schweins diese Nachrichten gesprochen hat?

Stefan Jürgens: Also da warst du doch ein bisschen jünger als 15, wenn du das nicht mehr warst, ja.

Joel Kaczmarek: Aber das warst du doch, oder?

Stefan Jürgens: Ja, das war ich. Ich sah etwas anders aus, um nicht zu sagen jünger.

Joel Kaczmarek: Ja, siehst du, da hat sich doch der Kreis geschlossen. Aber sowas ist doch irgendwie ganz lustig, dass du dann dafür quasi eine Eignung hast, die du dir auf völligem Umweg geholt hast. Sowas finde ich ja geil. Aber da warst du ja wirklich früh gezwungen, sage ich mal, den Umwegen des Lebens so ein Stück zu vertrauen. Also so dieses, du hast ja gerade ganz schön gesagt, so Wind unter den Flügeln, da warst du ja richtig sozusagen früh unter Zugzwang.

Stefan Jürgens: Ja, das wäre der zweite Punkt vielleicht. Bei mir sind die Punkte, wie gesagt, ich habe am Anfang gesagt, ich bin ein bisschen skeptisch mit diesem, was man mit 20 schon gerne gewusst hätte. Deshalb sind die Sätze, die ich dazu finde, eigentlich eher ein bisschen kryptisch beziehungsweise übertragen zu verstehen. Unter anderem nämlich genau, worauf du anspielst. Die Niederlagen oder die Probleme, die Sorgen, die Dinge, die nicht funktionieren, sind wahrscheinlich die wichtigeren Dinge, die man im Leben an Erfahrungen sammelt. Oder wie man jemand gesagt hat, man lernt nicht aus guten Erfahrungen, man lernt vor allen Dingen aus den schlechten. Und mit 20 hätte ich gerne die Zuversicht gehabt, die ich heute habe. Zu sagen, wenn irgendein Problem entsteht, gibt es eine Lösung. Also das ist für mich zum Beispiel auch ein Mantra geworden. Es gibt immer eine Lösung. Es gibt für alles immer eine Lösung. Das mag nicht hundertprozentig wasserdicht sein bei ganz bestimmten Dingen, aber in den meisten Fällen des Lebens sind die Probleme, die entstehen, die im alltäglichen Bereich bestehen, lösbar und finden in der Regel auch von selbst so eine Lösung. Das ist auch eine Erkenntnis sicherlich, die ich gerne mit 20 gehabt hätte.

Joel Kaczmarek: Ich finde das ja so faszinierend, was für Pfade es da eigentlich immer gibt. Ich erinnere mich, hast du mal von Dale Carnegie Sorge, der ich nicht lebe gelesen? Nein. Fantastisches Buch, also ich meine, wenn du nicht zu Sorgen neigst, dann brauchst du es nicht lesen, aber mir ging es so, ich hatte dieses andere Buch von ihm gelesen, Wie man Freunde findet, das ist ja so ein aus den 20ern Rhetoriker, was auch super ist, also egal ob für Verkaufen oder für Miteinander, Socializing kann man ganz viel lernen. Und bei dem Buch habe ich mich immer so schwer getan, weil ich fand, also auch wenn es sexistisch klingt, das klang für mich immer wie so ein Hausfrauentitel, Sorge dich nicht lieb, wo ich denke, ihr habt doch gar keine Sorgen, was soll das? Und als ich es gelesen habe, einfach mal ergab sich irgendwie War nämlich genau so eine Geschichte drin, wie du die auch beschrieben hast. Also A habe ich gemerkt, doch, doch, du sagst nicht ganz schön viel. Und B beschreibt er genau sowas, wie die irgendwie eine Farm hatten, dann war irgendwie hier Weltkrieg und er sollte eigentlich eingezogen werden, beziehungsweise alle Männer, die auf der Farm hätten arbeiten können, waren gar nicht da. Dann sollte irgendwie das Land abgerissen werden, weil eine Autobahn durchgebaut werden sollte. Der Brunnen war versiegt und so weiter. Und er saß so da und dachte sich, ach du Scheiße, wie soll das denn eigentlich mit meiner Familie noch weitergehen? Und two years down the road, der Krieg endete. Die haben eine andere Wasserader gefunden. Die Autobahn wurde abgebrochen, weil der Weg zu teuer wurde. Also das sind ja manchmal so die faszinierenden Geschichten. Aber wenn du drin bist Ich stelle mir das unglaublich schwer vor. Was war denn so dein Durchhalte-Moment, dass du gesagt hast, ich springe vom Dach oder saufe mir einen an? Das ist ja schwer, was du so beschrieben hast.

Stefan Jürgens: Ich habe ein großes Glück gehabt in all den Phasen, auch in denen es mal nicht lief. Auch das hatte ich mit 20 noch nicht. Das hätte ich auch gerne. Das gehört auch zu den Punkten dazu. Die Gewissheit des eigenen Durchhaltevermögens. Das weiß man erst später. Man weiß ja erst, wenn die Probleme kommen oder wenn es schwierig wird. Und die fangen ja meistens schon in der Pubertät an. Also die Verzweiflungen und die Niederlagen und die Niederschläge. Und dann klappt es mit dem Mädchen nicht. Dann ist man unglücklich. Ich habe erst sehr spät, oder sagen wir mal, ich habe durch diese Zeiten auch als früher Vater und und und gelernt, In richtig festen Krisenphasen nicht drei Meter nach vorne zu gucken, sondern nur die nächsten 50 Zentimeter. Das ist etwas, was ich in meinem Leben mittlerweile auch extrem verinnerlicht habe. Also in Momenten, wo es schwierig wird, nicht immer den langen Weg zu suchen. wie ich da rauskomme, sondern sagen Schritt für Schritt für Schritt für Schritt für Schritt mit der Gelassenheit, dass eins nach dem anderen dann auch einen Sinn ergibt. Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich mich auf mein Durchhaltevermögen verlassen kann, weil es gab natürlich Zeiten. Wo ich gesagt habe, warum machst du das alles hier und wofür machst du das alles hier? Auch übrigens mit meiner Musik. Ich habe viele Jahre Musik gemacht für mich zu Hause im Kämmerlein. Ich habe die nie nach draußen gebracht, weil ich die Zeit nicht fand oder vielleicht auch den Mut nicht hatte. Alles Mögliche. Aber ich habe trotzdem immer weitergemacht und irgendwann wusste ich auch wofür. Also das scheint sich jetzt im ersten Sinne zu widersprechen, weil das ein langfristiges Ziel ist. Aber ich glaube, langfristige Ziele, die man auch haben muss, erreicht man nicht, indem man sie permanent vor Augen hat, sondern Schritt für Schritt geht.

Joel Kaczmarek: Hm, jetzt hatte ich mir jetzt deinen zweiten Punkt notiert, da zahlst du das ja drauf ein, verlässt dich auf deine inneren und äußeren Qualitäten. Und ich glaube gerade im Schauspiel ist es ja komischerweise so, dass man da ganz viel mit Unsicherheiten kämpft, oder?

Stefan Jürgens: Oh ja, oh ja, oh ja und das mag jetzt für jeden anders sein, aber bei mir gehört zu der äußeren Unsicherheit auch immer Hat immer dazugehört am Anfang und das gehört auch zu dem Punkt, den ich mit 20 gerne schon gewusst hätte. Die anderen kochen auch nur mit Wasser. Und die Sorgen und die Ängste und die Hemmungen, die man haben kann als junger Mensch, auch später vielleicht noch. Also diesen Kampf, sich zu zeigen, sich zu präsentieren, verbunden vielleicht mit der Angst zu versagen, die betrachtet man oder habe ich als junger Mensch eher sehr solitär betrachtet, also auf mich bezogen. Und bei diesem großen, tiefen Blick nach innen vergisst man schnell den Blick nach draußen und sagt, übersieht, dass es den anderen ähnlich geht. Das ist aber so ein inneres Gefühl, das man schlecht für sich nach innen transportieren kann, nämlich das Wissen des anderen um die gleichen Probleme. Man sieht sich dann immer nur selber und denkt, die anderen gehen da so wunderbar mit um. Gerade in einem Beruf wie meinem, wenn man anfängt, auf die Bühne zu gehen, wenn man sich präsentieren muss. Ich war am Anfang sehr gehemmt und das führte auch dazu, dass ich mich in den ersten fünf, sechs Jahren am Theater nicht durchsetzen konnte. Ich hatte zwar Talent, da bin ich ziemlich fest von überzeugt. Auch das hat bei mir dementsprechend ja auch nachgesagt. Aber ich fand noch nicht den Weg, die Box richtig zu öffnen, sagen wir es mal so. Und die habe ich auch deshalb nicht so richtig gefunden, diesen Weg, weil ich mich zu sehr auf andere und ihre Leistung konzentriert habe. Ich habe mich zu sehr verglichen. Und das ist einer der entscheidendsten Punkte, die ich in frühen Jahren gerne schon gelernt hätte. Vergleich dich nie, sondern geh den Weg, den du für richtig hältst.

Joel Kaczmarek: Wie hast du die Box dann aufgekriegt?

Stefan Jürgens: Nach und nach. Ich denke auch durch Momente, die plötzlich einem vergewisserten, hui, da klappt ja was. Also durch Erfolgserlebnisse letztendlich auch. Aber die sind auch nur entstanden, weil ich Gott sei Dank das Glück hatte, durchzuhalten, über diese Strecken zu kommen. Meine Töchter sind beide Schauspieler geworden. Und ich weiß, als meine jüngste Tochter irgendwann zu mir kam, da war sie glaube ich 16 oder 17, Und sagte, du, Papa, ich glaube, ich möchte auch Schauspielerin werden. Dann habe ich sie so angeguckt und gesagt, ja, okay. Oder, ich sage, oder? Oder Psychologie. Eins von beiden. Dann habe ich zu ihr gesagt, du, Liebling, ich glaube, mach Psychologie. Dann hat sie mich groß angeguckt und gesagt, wieso? Und das ist meine tiefste Überzeugung bis heute. Wenn du einen Ausweg hast in diesem Beruf, dann nimm dir einen Ausweg. Weil wenn du die Möglichkeit einer Hintertür hast in diesem Beruf, wirst du den nicht durchhalten. Da bin ich fest und überzeugt, auch heute. Und das meine ich damit. Also ich hatte keine Möglichkeit oder sah keine Möglichkeit, etwas anderes zu machen. Das hat mich in dieser Konzentration gehalten. Und das überwindet dann auch die Krisen. Und es gibt große Krisen, sowohl existenzieller Krisen am Theater, wenn man da mit 2,50 Euro am Tag rausgeht, Als Anfänger, das sind schwere Zeiten, die man da erlebt. Und es gibt auch Phasen. dann, ich bin mit 30 selbstständig geworden, da war nicht immer alles sauber danach, wo man dann mal ein halbes Jahr kaum Beschäftigung hat und so. Also da kann schon, oder die Karrieresprünge nicht so erreicht, die man sich gerne vorgestellt hätte. Wenn man da eine Möglichkeit hat, was Zweites zu tun, geht man ganz schnell aus der Hintertür wieder raus und übrigens auch zurecht. Und insofern ist das ein ganz wichtiger Punkt.

Joel Kaczmarek: Aber das ist interessant. Ich habe erst gedacht, als du das meintest, so nach dem Motto, der Beruf sei so schwierig, sei so unwirtlich, macht so wenig Spaß, dass wenn du was Besseres hast, mach das. Das ist gar nicht gewesen, sondern eher, wenn du eine Alternative hast, dann stehst du es gar nicht durch, weil die Alternative einfacher ist als das da sozusagen. Verstehe.

Stefan Jürgens: Ja, zumindest gibt sie dir ja immer die Möglichkeit an das Fluchtversuch. Und ich habe schon mit 30, mit 40, mit 50 und auch mit 60 gesagt, naja, wenn ich was anderes könnte, dann würde ich vielleicht was anderes machen. Aber ich kann nichts anderes. Ja. Und letztendlich will es ja auch nicht an, weil der Beruf natürlich alles andere als scheiße ist oder wunderbar ist, aber er braucht eben auch diese, glaube ich, diese Kompromisslosigkeit.

Joel Kaczmarek: Ja, ich habe das ja im Business-Bereich auch oft. Also wenn dich so ein Investor fragt, dann was ist denn dein Plan B? Also ich glaube, ein guter Unternehmer sagt, ich habe keinen Plan B, sondern ich gebe hier alle Ressourcen auf das Ding, weil es ist so etwas Mentales. Wenn du dir mental schon erlaubst, es gibt da noch eine Alternative, ich könnte jetzt auch in der Beratung was machen, bla bla bla, dann bist du am Arsch da. Deswegen verstehe ich das echt gut, was du da meinst.

Stefan Jürgens: Ja, es fokussiert ja auch deine Wissbegierigkeit und Lernbegierigkeit. Also zu sagen, warum geht das nicht, dann muss ich lernen. Aber in diesem Punkt, in meinem Beruf, in dieser Berufung oder in diesem Ruf, dem ich folge, wie auch immer in jedem Beruf, das ist für jeden Beruf wahrscheinlich immanent, ich rede jetzt von meinem und da sage ich also bitte keine Auswege.

Joel Kaczmarek: Was hast du eigentlich für Eltern, was haben die gemacht?

Stefan Jürgens: Mein Vater ist gelernter Elektromeister gewesen, der dann viel in Großbaustellen auf der Welt unterwegs war. Die haben so Induktionsöfen gebaut, die er dann irgendwie montagemäßig geleitet hat. Also der war dauernd weg im Leben. Also ich habe den erst richtig kennengelernt. Also er war schon in meinem Leben vorhanden, aber wirklich, der war mal sechs Monate in Indien, dann war er vier Monate in Südafrika. Also bis zu meinem zwölften Lebensjahr war der eigentlich permanent unterwegs. Meine Mutter ist Kauffrau gewesen und ist dann aber, wie das früher so in den Familien so war, bei der Geburt meiner Schwester, die älter ist als ich, aus dem Beruf herausgetreten und hat sich um Familie gekümmert.

Joel Kaczmarek: Und hattest du, also es klang vorhin so ein bisschen so, als wenn deine Eltern in einer anderen Stoßrichtung unterwegs waren, als du es vielleicht manchmal gebraucht hättest. Habe ich das richtig rausgehört? Oder weil du eben was gesagt hast, wie man sagt den Kindern mal, wie sie funktionieren sollen. Und manchmal ist es auch ganz gut, die mal sich finden zu lassen.

Stefan Jürgens: Naja, ich will das jetzt, sagen wir mal so, meine Eltern waren jetzt nicht die klassischen Eltern, die gesagt haben, der Junge wird Schauspieler, Hände über den Kopf, kommt überhaupt nicht in Frage. Das war bei uns nicht so. Ich hatte nur einen einzigen Ding mit meinen Eltern, weil ich mit 16 schon wusste, das ist mein Beruf oder 17, das wird er. Da stand ich ein Jahr vorm Abitur und habe gesagt, so, alles klar, ich gehe von der Schule ab, ich werde jetzt Schauspieler. Das war natürlich bei uns zu Hause aus einem relativ bürgerlichen Haushalt kommend nicht so ganz angesagt. Und hörte zu Diskussionen, die dann in dem Deal mündeten, du machst dein Abitur und alles andere überlassen wir dir. Und dann habe ich gesagt, okay, das ist ein Deal, weil es gab ja, wie gesagt, auch diese Theateraula in der Schule, die ich wirklich gut benutzen konnte, um mich auszuprobieren. Also habe ich dann mit Hach und Krach ein Abitur hingelegt. Ich glaube, da könnte man mit heute, ich weiß nicht, ich glaube 3,6 hatte ich irgendwie. Also es war ganz schlecht. Also gerade mal so durchgerutscht und dann auch noch in Nordrhein-Westfalen, was ja in Bayern sowieso nicht akzeptiert wird. Und das war der Deal. Ansonsten haben mich meine Eltern eigentlich auf dem Weg nicht aufgehalten. Was ich aber damit meinte vorhin ist, dass man natürlich in bestimmten Prozessen, also in der bürgerlichen Entwicklung 1963 geboren ist, bestimmte grundsätzliche gesellschaftliche, bürgerliche Traditionen hat, wie Disziplin, Durchhalten, das musst du machen, dies musst du machen, jenes musst du machen. Und ich eigentlich lange, lange gebraucht habe, um zu erkennen, dass der Weg, den meine Eltern auch in bestimmten gesellschaftlichen Formen gegangen sind, gar nicht meiner ist. Also sprich, Sicherheitsdenken für mich nicht so entscheidend war und im Gegensatz dazu von mir auch ab und zu über Bord geschmissen werden musste, um meine Ziele zu erreichen, mehr zu riskieren. Ich habe in meinem Leben einiges riskiert, glaube ich, was meine Eltern auch, als sie noch das sehr betrachtet und begleitet haben, das durchaus sehr kritisch gesehen haben. Ich hatte das Glück, eine große Schwester zu haben, die vier Jahre älter war, als ich und die zu Hause schon eine Menge durchgesetzt hatte, auch mit viel Krach durchgesetzt hatte. Als ich dann so 15, 16 war, haben sie mich in Ruhe gelassen, weil sie, glaube ich, diesen ganzen Prozess nicht nochmal erleben wollten. Das hat mir eine gewisse Freiheit gegeben und die habe ich dann auch ausgenutzt.

Joel Kaczmarek: Ich finde das toll, was für eine Resilienz du ja eigentlich auch entwickelt hast. Also ich habe gerade nochmal bei diesem Punkt nachgedacht, was du meintest, verlass dich auf deine inneren und äußeren Qualitäten, sei dir auch deines Durchhaltevermögens gewiss. Also ich verstehe das wirklich, dass es A so ein Passionsthema ist, ich glaube du hast was gemacht, wofür du Leidenschaft hattest. Dann der fehlende Plan B, deswegen halt so gar nicht so eine Alternative. Und wenn dann sich mal sozusagen sukzessive Erfolgserlebnisse einstellen, dann kommst du ja auch auf den Pfad. Also so stelle ich mir das prototypisch, wünscht man sich das ja für seine Kinder. Wissen, was man möchte, da rein investieren und so. Es sah drin bestimmt nicht so einfach aus, könnte ich mir vorstellen. Aber so in der Retrospektive finde ich das einen tollen Weg, den du da gemacht hast.

Stefan Jürgens: Ich bin sehr dankbar darüber, dass ich heute an einem Punkt sein darf, der mir erlaubt zum Beispiel zu sagen, dass ich mit 20 nicht mehr Sachen hätte wissen wollen, als ich damals gewusst habe. Und zwar nicht, weil mein Leben immer nur rosig abgelaufen ist, sondern weil ich heute an dem Punkt sein darf, in dem ich sage, ich bin mit mir im Reinen. Ich habe viele Dinge erlebt und viele Dinge falsch gemacht. Ich habe sehr viele Menschen verletzt in meinem Leben. Auch das gehört alles zu dem Weg dazu. Aber ich habe den Weg gefunden, das wieder gut zu machen mit mir selber und auch mir selber zu verzeihen letztendlich. Und bei den Menschen, bei denen es nötig war, das natürlich auch zu tun. Ich bin ganz glücklich über die Summe der Erfahrungen, die ich heute zur Verfügung habe, um auf bestimmte Dinge zu reagieren. Und dazu gehören ganz massiv, wie ich schon anfangs gesagt habe, natürlich auch die schlechten Erfahrungen. Also wenn ich darüber nachdenke, was für Stürme und Krisen in meinem Leben hinter mir liegen, dann sehe ich heute, ja, ehrlich gesagt, gut, dass die alle passiert sind. Ich möchte eigentlich keine missen. Ich möchte schon das Gefühl missen, das ich bei Ihnen hatte. Aber dann wäre ich heute auch nicht an dem Punkt, wo ich sagen würde, dann wäre auch meine Freudemöglichkeit, die ich heute entwickelt habe, nicht so groß.

Joel Kaczmarek: Da bin ich ja mal jetzt zutiefst neugierig, wie ist es dir denn gelungen, dieses Verzeihen zu erzeugen? Also vor allem dir selbst gegenüber auch.

Stefan Jürgens: Ja, wie ist das gelungen? Gute Frage. Ich war, glaube ich, als ich 20 war, ein sehr verschlossener Mensch. Auch das ist wieder ein Punkt, ob man den jetzt ausschaltet oder nicht. Ich hätte mit 20 gerne gewusst, dass ich keine Angst haben muss davor, mich offen zu machen. Also meine Gefühle mitzuteilen, sie zu leben, mitzuteilen und vor allen Dingen auch Hilfe zu erbitten. Ich komme so aus einem Bereich heraus, da ich war am Anfang in meinen anfänglichen Lebensjahren, auch Berufsjahren eigentlich immer der Meinung, ich musste das alles selber schaffen. Das war sicherlich eine der, also diese Fähigkeit, die hätte ich gerne mit 20 tatsächlich gehabt, jetzt auch rückblickend. das Gefühl zu haben, also die Möglichkeit zu haben, emotionale Möglichkeit zu haben, einfach zu sagen, ich weiß nicht weiter, hilf mir. Das habe ich mir damals nicht zugestimmt. Ich habe immer gedacht, ich muss das irgendwie selber lösen. Jahrelang bin ich mit Problemen selber rumgelaufen, anstatt sie offen zu legen bzw. mit Menschen zu teilen. Das ist etwas, was ich im Laufe der Jahre gelernt habe und lernen durfte. Und über diese Öffnung, die dadurch passiert ist, also sich Menschen wirklich zuzuwenden und die Erfahrung zu machen, gut damit aufgefangen zu werden und die Erfahrung damit zu machen, du, das geht mir doch genauso, im Spiegel dann plötzlich jemand zu sehen, der diese Fehler machen darf, weil sie alle anderen auch machen. Dafür habe ich lang gebraucht. Ich bin lange in meinem Leben mit einem ganz falschen Perfektionismus, was meine eigene Person angeht, herumgelaufen. Das habe ich am Anfang ja schon mal kurz erwähnt. Und diese Erfahrung, dass man sich davon lösen kann, die führt zur größeren inneren Ruhe. Und irgendwann stellt man fest, es ist alles nicht so schlimm, was dir so alles so passiert und passiert ist. Ich denke, ich kann es nur so blümerant ein bisschen ausdrücken, weil es ist ein langer Prozess, der dann irgendwann an den Punkt kommt, wo man sich dann plötzlich sagt, Moment mal, da gibt es noch jemanden, mit dem muss ich noch mal reden. Und so haben sich dann so Kreise geschlossen. Und heute sage ich mir, ja, wenn was vorliegt, wenn was zu entschuldigen ist, Man kann auch über Karma reden in dem Fall. Warte nicht damit. Warte nicht damit. Ich komme aus einem Elternhaus, wo es wahrscheinlich wie vielen in meiner Boomer-Generation ähnlich gegangen ist. Da gab es so klassische Familienverhältnisse. Vater war meistens weg und wenn er nach Hause kam, dann brauchte er Ruhe. Und die Mutter hat sich um alles gekümmert. Und ich habe vor meinem Vater irgendwann in späten Jahren mal gestanden und habe ihm gesagt, du hast dich in meinem Leben noch nie bei mir für irgendwas entschuldigt. Und das kann nicht sein. Jeder Mensch hat Grund. Ich habe eben bei meinen Kindern schon sehr oft entschuldigt. Und habe darüber gelernt, wie gut das tut. Wie wichtig das ist, um mit sich selber auch ins Klare zu kommen. Weil man packt ja die Dinge, die man gerne nicht so hat, die packt man ja gerne weit weg. Aber da unten wachsen die und vergiften die übrigen Wurzeln, die man auch hat und auch die guten.

Joel Kaczmarek: Richard schien Kloß im Hals. Wie hat er reagiert?

Stefan Jürgens: Ja, er hat es aufgenommen und er hat sich auch bemüht danach. Das hätte ich vielleicht früher machen müssen. Aber immerhin, wir haben es hingekriegt.

Joel Kaczmarek: Ja, aber auch Respekt. Also da gehört aber eine ganz schöne Größe zu. Also ich weiß ja nicht, ob du es genau so gesagt hast wie jetzt gerade.

Stefan Jürgens: Ich war sehr wütend. Das war eine sehr wütende Situation. Das ist rausgebrochen. Also wie viele Dinge ja dann manchmal im Affekt passieren. Wir sitzen dann aber ganz tief rum und kommen dann endlich raus. Und ich war selbst überrascht. Aber ich wusste im gleichen Moment auch, nein, es muss jetzt auch mal sein. Gut.

Joel Kaczmarek: Geil. Finde ich gut. Ich weiß auch, was du meinst. Also irgendwie, wenn ich, ich habe gerade, als du so erzählt hast vorhin, habe ich so an meine Kindheit zurückgedacht und eine der unangenehmsten Dinge bis heute ist mir, dass auf meinem Zeugnis in der neunten oder zehnten Klasse, bei meinen Zeugnissen war es immer so, da gab es die Noten und oben gab es immer so einen Beschreibungstext, so einen Fünfzeiler, wo ich mir immer dachte, bei 20 Leuten hat so ein Lehrer ganz schön was zu tun. Und da stand in diesem Text bei mir drin, Joel versieht die Beiträge anderer Mitschüler mit abfälligen Kommentaren. So. Und es ist so, dass es in so einem Ding drinstehen kann. Und ich habe es erst sehr spät verstanden, warum das so war. Also ich glaube, einerseits, von manchen Dingen war ich vielleicht ein bisschen gelangweilt, also ich war hier und da unterfordert. Aber B, ich habe viele Dinge, die Leistung betrafen, immer als so ein Nullsummenspiel betrachtet. Nullsummenspiel heißt ja, wenn der eine was wegnimmt zu sich, dann fehlt es dem anderen. Also es ist nicht so, eigentlich sagt man ja, Wissen und Liebe sind die einzigen Dinge, die mehr werden, wenn sie geteilt werden. Und ich habe das immer als so ein Wettbewerb betrachtet. Bis du dann irgendwann merkst, so ist es gar nicht so sehr, sondern im Gegenteil kommst du eigentlich viel besser voran, wenn du mit den Leuten, ist ja jetzt nicht, weil der Nachbar eine Eins kriegt, kriegst du eine Vier oder so, so ist es ja nun nicht. Und das ist ulkig, wenn man das dann so in der Retrospektive feststellt. Und ich glaube, das war in so einem ähnlichen Stoßeck wie deinem, so eigentlich ein bisschen gelassener sein, was einen selbst angeht, um Hilfe bitten, auch mal zu sagen, dass man was nicht weiß. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, wenn der Schwul jemand eine Frage gestellt hätte, also vielleicht hätte ich mich nicht gemeldet, aber zu sagen, ich weiß das nicht, ist mir immer schwer über die Lippen gegangen. Deswegen verstehe ich dich.

Stefan Jürgens: Ja, diese Hilfestellung, die kann ja auch sehr existenziell sein. Also diese eigene Scham zu überwinden, in Problemen zu stecken, das ist wahrscheinlich eine Disposition, die unterschiedlich bei jedem ist. Bei mir war sie sehr stark. Man steckt nicht in Problemen. Absurd, wirklich absurd. Vor allem, wenn man ein Leben lebt, von dem man sagt, man macht die Tür auf und man guckt, in welche Richtung man geht und die kann jeden Tag nicht wechseln. Also da muss man auf viele Probleme eigentlich vorbereitet sein, weil das ist ja ganz klar, das sind ja alles unsichere Wege. Bin mit 30 zum Fernsehen gegangen und war plötzlich Comedy-Star, was immer das ist. Kam aus einem ernsthaften Theater raus und dachte, ich probiere das mal. Und wurde plötzlich mit Kentucky-Schreit-Ficken auf der Straße assoziiert. Das war am Anfang für mich gar nicht so leicht. Weil ich immer dachte, ich wollte mal Shakespeare spielen und habe Shakespeare gespielt. Da kommt dann auch so komische Muster raus. Der Balder hat das immer ganz wunderbar gemacht. Stefan, du bist wie eine Zicke am Strick. Ich bin überhaupt nicht komisch, hast du am Anfang gesagt. Wenn du das so durchhältst, dann brauchen wir genau das. Wenn die Leute über dich gelacht haben, hattest du ein Problem. Also ich habe da echt eine lange Phase für gebraucht. Also diese Unsicherheiten zu akzeptieren und rauszugehen und nicht alles auf der sicheren Nummer zu haben, das ist ein ganz entscheidender Punkt eigentlich im Leben.

Joel Kaczmarek: Sag mal, wie ist es dir ergangen, wenn du da so eine Art Olymp, was jetzt Bekanntheit oder Erfolg erklommen hast, ja? Misst du dann alles Danachkommende immer daran? Also bist du dann an so einem Punkt, dass du sagst, wenn ich jetzt Soko mache, wenn ich jetzt irgendwie Theater wieder mache, wenn ich Musik mache, das muss immer dieses Level sein. oder konntest du das mental irgendwie voneinander trennen?

Stefan Jürgens: Das habe ich, glaube ich, nicht so verglichen. Ich habe das Ergebnis, also sagen wir mal die Qualität des Ergebnisses verglichen, das schon. Also ich habe nicht verglichen, hat das den gleichen Effekt draußen oder hat das den gleichen Stellenwert an Publicity. Das war es eigentlich nicht. Aber für mich war eigentlich immer wichtig dass das, was wir machen oder das, was ich mache, eine Qualität hat. Und bestimmte Qualitäten kann man ablesen. Ich bin zum Beispiel, auch das ist ein sehr relativ prägender Moment gewesen, ich bin mit 20 oder 19 auf die Schauspielschule gekommen. Und zwar in einer Situation, in der ich niemals ein Theaterstück auf der Bühne live gesehen hatte vorher. Also ich habe kein Theater gesehen. Ich habe Theater nur gespielt vor 16 Jahren. Und hatte nie ein Theater gesehen, von innen. Also ich habe mal die Kinder- und Jugendtheater in Dortmund am Ostwall gesehen, der Lokomotivführer, aber ich habe nie ein klassisches Stück gesehen, keine Schauspieler, nichts. Was etwas absurd ist. Und dann bin ich nach Bochum auf die Schauspielschule gegangen und bin von dem Moment an das erste Mal ins Theater gegangen und habe das Bochumer Ensemble gesehen. unter dem damaligen Intendanten Peimann, mit dem ich jetzt auch meine letzte Arbeit witzigerweise gemacht habe, was wieder den Kreis schließt. Und habe das erste Mal Theater gesehen in einer Qualität, die es damals in Deutschland vielleicht ein oder zweimal sonst noch gab. Und das hat meinen Qualitätsanspruch natürlich extrem geformt, von Anfang an. Ich wollte immer so gut werden wie die und die waren verdammt gut, die Schauspieler. Auch das war eine Messlatte, die in meinem Leben von dem Moment an immer oben lag und die man natürlich in den ersten Jahren sehr schwer erreichen kann. Also das Ziehen und Drücken und Strecken, das war immer auch Thema in meinem Leben.

Joel Kaczmarek: Was macht denn eigentlich einen Schauspieler gut und was nicht? Ich habe mich das immer gefragt, ob es da was Handwerkliches gibt, was man sehen kann. Oder ob das einfach so ein bisschen so ein Savoir-vivre sowas ist, was du so spürst, was du gar nicht transportieren kannst. Also wenn du jemanden anguckst, woher weißt du heute, dass die besser waren als 80 Prozent der anderen auf den Bühnen?

Stefan Jürgens: Nee, ich weiß nicht, dass die besser waren als 80 Prozent als die anderen auf der Bühne. Das sind wir beim Vergleichen. Das ist nicht interessant. Sie waren gut. Sie waren gut, weil sie mich überzeugt haben, weil sie handwerklich gut waren, weil sie inhaltlich gut waren, weil sie mir Charaktere zeigten, die mich interessierten, weil sie mich ansprachen und weil sie in dem Moment für mich, das muss nicht bei jeder Rolle sein, aber in manchen Punkten extrem authentisch rüberkamen. Also die Parameter für einen guten Schauspieler, ich glaube, die sind relativ offen. Die findet jeder für sich anders aus. Also ein reiner Konsument würde das vielleicht nochmal anders beschreiben. Der sieht vielleicht gut aus, keine Ahnung. Da gehört vieles dazu. Für mich als wertender Schauspieler war es natürlich die Intensität der Darstellung. Und das war einfach, deshalb sage ich nicht vergleichend, besser als andere, sondern die waren top. Und mit diesem Anspruch bin ich aufgewachsen. Heute sage ich immer nur, vergleichen ist uninteressant, weil jeder bringt was anderes mit. Es gibt ja natürlich in der direkten Wahrnehmung die Möglichkeit zu sagen, hat mich nicht überzeugt oder wie auch immer. Aber ich würde jetzt nie sagen, die waren jetzt besser als 80 Prozent aller anderen, weil es gibt immer Leute, die immer besser sind. Das ist auch ganz klar. Wenn man anfängt, sich zu vergleichen, ist man im Eimer.

Joel Kaczmarek: Wie hast du das geschafft, loszulassen? Das ist doch, glaube ich, die ultimative Schauspielkrankheit eigentlich auch.

Stefan Jürgens: Keine Ahnung. Es ist relativ spät bei mir der Gedanke entstanden, oder die Sicherheit entstanden, auch in Phasen der Unsicherheit, der Probenarbeit, und, und, und, wird das was? Es ist relativ spät, aber dann doch der Gedanke gekommen, wenn dich das selber überzeugt, dann geh raus damit, dann ist es okay. Egal, was die anderen nicht sagen. Und sich selbst zu überzeugen, kann man ja spüren. Das lernt man ja. Man weiß ja, wenn es gut ist. Also zumindest nach einer gewissen Erfahrung, nach einer gewissen Zeit von Erfahrung, weiß man, es ist okay. Das passt. Das funktioniert. Der Inhalt dieses Stücks oder des Monologs oder der inneren Befindlichkeit, den kapiere ich und ich glaube, den kann ich spielen. Wenn man das weiß, dann kann ich rausgehen. Vorher allerdings nicht.

Joel Kaczmarek: Ich erinnere mich, dass Jan-Josef Liefers mal zu mir sagte, da haben wir ein Interview geführt zusammen mit Sebastian Krumbiegel, und er meinte, Jungs, ich bin ab dann erfolgreich geworden, als ich gelernt habe, anderen den Erfolg zu gönnen. Dann kam das so ein bisschen karmisch wieder, so ungefähr.

Stefan Jürgens: Darauf wollte ich vorhin hinaus. noch, das ist nämlich genau der Punkt, weil du sagst, du hast deine Mitstreiter in der Schule mit abfälligen Kommentaren belegt. Ich glaube, das kennen wir alle. In diesem Beruf, in meinem Beruf. ist der Gossip massiv. Und wenn man in Österreich jetzt übrigens ist, gehört das zum tagtäglichen Handwerk. Das ist fast wie Smalltalk. Das Gräpseln über andere. Das ist nicht immer ernst gemeint, manchmal schon. Es gibt auch Phasen, in denen man das, glaube ich, als Schutzmechanismus benutzt. Ey, hast du den gesehen? Das wäre ja furchtbar. Also wenn man sich so, ich weiß nicht, so freistrampelt, vermeintlich freistrampelt und sich dabei eigentlich wie im Sumpf immer tiefer in den eigenen Graben hineinwühlt. Das merkt man aber erst später. Neid, Missgunst. Etwas einem anderen nicht gönnen, das gehört vielleicht auch zu der Liste dazu, die man mit 20 hätte wissen wollen. Das sind Faktoren, die mich im Leben definitiv zerstören, in jedem Fall zurückhalten und im schlimmsten Sinne zerstören. Weil sie vermutlich, und das meine ich jetzt gar nicht esoterisch, obwohl es sicherlich auch esoterisch ist oder karmisch rüberkommt, weil sie meinen eigenen Pool an an positiver Energie vergiften. Und das war auch ein langer Lernprozess in meinem Leben. Definitiv. Sich über jemanden zu freuen, der einen Erfolg hat, ist für seinen eigenen Erfolg viel, viel sinnvoller und nutzbarer als Missgunst oder Wut, dass man selber nicht dabei war oder was auch immer man sich da herausdenken kann.

Joel Kaczmarek: Ja, das Komische ist ja sogar, also ich weiß nicht, vielleicht, das sagt ja, das sage ich es mehr über mich aus, als jetzt über so eine Gesellschaft wahrscheinlich, aber ich beobachte es schon bei vielen Menschen, dass es manchmal mir einfacher fällt, Dinge zu sehen, die dann schlecht sind an der Leistung, als Dinge, die gut sind. Also du nimmst so eine Paradegeschichte und trotzdem siebst dir so eine Sache raus, wo du dann merkst, aber das…. Und es ist so ein ganz komisches Phänomen, was wahrscheinlich irgendwie mit einer Unsicherheit zu tun hat oder vielleicht auch so mit einer gewissen Beruhigung, weil wenn jemand ja so outstanding gut ist in etwas, ja, dann beruhigt es einen ja auch, wenn man da so einen kleinen Flaw findet irgendwie.

Stefan Jürgens: Ja, weil der wächst dir dann nicht über den Kopf, ne? Das Problem ist nur, dass du dann auch nicht in alle Höhen wachsen kannst, wenn du so Ich glaube, dass über sich selbst hinaus zu wachsen, heißt auch, das Wachstum der anderen genießen zu können. Ich glaube, das gehört absolut zusammen. Es gibt ja tatsächlich Menschen, wo man das Gefühl hat, meine Güte, die wachen morgens auf und lachen. und lachend wieder ins Bett. Was ist denn das? Da muss doch irgendwas sein. Manchmal, es gibt ja wenige, aber das sind Leuchttürme und die gibt es. Und es gibt ein paar wenige, die das auch wirklich verinnerlichen. So weit bin ich noch nicht. Über das Wasser laufen tue ich noch nicht. Aber das sind absolut die Inspirationen für mein Leben an Menschen, wo ich sage, möglichst nah ran in die Nähe und viel davon abgucken. Weil in der Regel sind das auch Menschen, die die wirklich durchs Leben gehen, auf eine gute Art und Weise. Und bei allem, was man tut, in welchem Job auch immer man ist, das ist vielleicht jetzt dem Alter geschuldet, das wird irgendwann alles mal ein bisschen relativer. Und am Ende entscheidet sich, ob du ein glücklicher Mensch bist, nicht darüber unbedingt, in welchem Job du realistisch bist. Das gehört sicher auch dazu. Aber auch da gibt es auch die Möglichkeit zu sagen, ich mache was ganz anderes, wenn das nicht funktioniert. Die Fähigkeit, sich umzudrehen und was Neues zu tun, die haben wir alle. Und wir wissen es aber nicht. Wir wissen es nicht immer, weil wir die Angst und die Hemmungen mit der Realität verwechseln. Die Realität sieht anders aus. Die Realität lässt mich morgen mein ganzes Leben komplett neu machen. Umkrempeln, was anderes versuchen. Ich kann überall hingehen, ich kann alles machen, solange ich ein freier Mensch bin, auf zwei Beinen stehe, gesund bin und zwei gesunde Hände habe, gibt es eine Menge Möglichkeiten. Aber die Fähigkeit dazu, sich diese Offenheit zu erreichen, die ich übrigens auch nicht habe, also ich will jeden nicht als Guru erscheinen, um Gottes Willen, aber ich arbeite daran, mich noch flexibler zu bekommen. Weil Flexibilität ist, glaube ich, der Schlüssel in unserer Welt.

Joel Kaczmarek: Es ist lustigerweise der letzte deiner Punkte, zu dem ich dich nochmal befragen wollte. Du hast so, ich habe mir jetzt dritten Punkt aufgeschrieben, gesagt, nicht an Dingen festhalten, von denen man glaubt, sie müssen verstanden werden. Und gerade wenn man ja so selbst von etwas überzeugt ist, und ich glaube auch im Schauspiel, ich könnte mir das so vorstellen, dass du ganz oft so Nummern hast, Ich stelle mir das bei RTL Samstag Nacht auch immer so zu. Du hast zehn Sketche und von dem einen, den liebst du. Und dann denkst du, wow. Und der ist es aber gar nicht, den das Publikum dann honoriert. Also ich glaube, in deinem Beruf muss man ganz oft loslassen können. Und das fällt ja vielen Menschen aber so schwer. Was war da denn dein Weg hin?

Stefan Jürgens: Naja, try and error. Also das ist wunderbar. Das müssen wir unbedingt machen. Aber es kommt kein Mensch. Das ist auch komisch. Ja, da müssen wir was anderes machen. Ich habe keine Ahnung. Ja, dann machen wir halt wieder was anderes. Ich habe in meinem Leben schon eine Menge Dinge probiert, die völlig nach hinten losgegangen sind. Gott sei Dank sind auch einige richtig nach vorne losgegangen. Also letztendlich kommen wir jetzt zu dem fünften und wichtigsten Punkt. Das ist quasi die Quintessenz, glaube ich, von allem. Nimm dich selber nicht so wichtig. Das klingt wie ein Kalenderspruch. Und ich glaube auch nicht, dass ich das mit 20 oder 30 oder 40 kapiert hätte, was in diesem Satz wirklich liegt. Aber er ist tatsächlich die Quintessenz von allem. Weil da liegt alles drin. Da liegt Zuversicht drin, da liegt Geduld drin, da liegt Wertschätzung der anderen drin, da liegt Empathie drin, da liegt alles drin. Nimm dich selber nicht zu wichtig. Stell dich nicht in den Mittelpunkt all dessen, was in deinen Gedanken vor dich geht. Und die Welt wird einfacher. Das Leben wird einfacher.

Joel Kaczmarek: Ja, es ist ganz ulkig. Ich habe das bei ganz vielen Menschen, dass ich mal auch so beobachte, dass sie über manche Sachen gar nicht lachen können, dass sie sich über manche Sachen gar nicht lustig machen können.

Stefan Jürgens: Schade eigentlich.

Joel Kaczmarek: Ja, wirklich. Und ich sitze da manchmal so da und denke, ich warte dann immer drauf, bis mir irgendwann einer mal richtig einen an den Karren fährt. und dann sage ich in meinem Kopf immer schon diesen Spruch, ich sage so, du Ich nehme ja nicht mal mich selbst ernst. Wie soll ich dann diese Kiste hier ernst nehmen? Gerade so on a big scale. Meinst du, irgendeiner von uns beiden erinnert sich in fünf Jahren noch dran? I don't think so. Ich erlebe so eine gewisse Verbissenheit bei manchen Menschen.

Stefan Jürgens: Ja, die hat man ja selber auch zwischendurch immer wieder mal. Absolut. Und ich habe sie ganz stark gehabt mit 30, 40. Verbissen. Das muss klappen. Ja, es muss gar nichts. Möglicherweise klappt was ganz anderes. Aber wie gesagt, das kann man mit 20 nicht haben. Vielleicht wäre es auch falsch, wenn man es hätte. Ich meine, was wären das für Monster, die das mit 20 Ich komme nochmal zurück zu diesem Gedanken, weil ich wirklich heute Morgen darüber nachdenke, was wolltest du wirklich Vielleicht eins noch, dass die Mädels sehr viel Wenn man mit 20 auf der Suche ist, die Mädels, ich bin halt ein Cis-Mann, ein heterogener Cis-Mann, das mag für jedes Geschlecht anders sein. Ich kann nur von meinem reden. Ich war immer sehr schüchtern. Ich habe in meinem Leben herausgekriegt, dass die Mädels sehr, sehr viel empathischer und durchlässiger und geduldiger sind. als ich das immer für möglich gehalten habe und wahrscheinlich auch als Männer das waren früher, keine Ahnung, oder heranreifende Jungs. Das wäre vielleicht so ein Tipp gewesen, den ich mir damals gerne gegeben hätte. Aber ansonsten alles andere, wie gesagt, ich glaube, was für ein Monster müsste man sein, wenn man das mit 20 schon könnte? alles, um Gottes willen.

Joel Kaczmarek: Ja, natürlich. Natürlich, ja. Nevertheless, ich finde, der Punkt sozusagen, den du damit gemacht hast, der ist trotzdem auch einer, der, finde ich, unglaublich viel Beruhigung stiftet. Weil ich habe mal so einen Facebook-Beitrag von irgendjemandem gelesen, da stand so, wenn du deinem 20-jährigen Ich nur vier Wörter geben könntest in die Vergangenheit senden, was würdest du schicken? Und dann schrieben die alle immer, drei Worte, glaube ich, kauf Apple-Aktien, kauf Amazon-Aktien, heirate nicht den Typen oder heirate nicht Bernd, sowas, ne? Und ich saß da und habe gedacht, ich würde da nichts schicken. Also ja, ich habe mir mal irgendwie den Rücken verletzt bei einer blöden Sportübung. Das wäre ganz nett gewesen. Aber hätte ich mir den Rücken nicht verletzt, hätte ich nicht die ganzen anderen Methoden kennengelernt, wo es mir jetzt viel besser geht. Und das finde ich ein unglaublich beruhigender Faktor, mit 30 sowas gelesen zu haben oder 35 zu sagen, okay, wenn ich mir 15 Jahre in die Vergangenheit nichts sagen will, dann kann ich von den nächsten 15 Jahren auch ausgehen, dass da auch nichts dabei sein wird, wo ich irgendwie falsch abbiegen kann.

Stefan Jürgens: Ich würde viel Worte vielleicht schicken. Keine Sorge, wird schon. Ja.

Joel Kaczmarek: Ja, gefällt mir. Das halten wir als Schlusswort für heute fest. Also lieber Stefan, ich gehe da mal durch, weil ich finde sowas zum Schluss vorzulesen auch nochmal toll. Ich habe dir sogar schon zweimal fünf hier quasi abgerungen. Also Punkt eins, Geduld zu haben auch gegen sich selbst. Punkt zwei, verlass dich auf deine inneren und äußeren Qualitäten und die Gewissheit des eigenen Durchhaltevermögens. Punkt drei, halte nicht an Dingen fest, von denen du glaubst, sie müssen verstanden werden. Punkt vier, die Dinge, die nicht funktionieren, sind wahrscheinlich die wichtigeren. Punkt 5. Es gibt für alles immer eine Lösung. Punkt 6. Die anderen kochen auch nur mit Wasser. Punkt 7. Vergleich dich nicht, sondern geh den Weg, den du für dich für richtig hältst. Punkt 8. Du musst keine Angst haben, dich zu öffnen und Hilfe zu erbitten. Punkt 9. Neid, Missgunst und Nichtgönnen halten dich zurück oder zerstören dich sogar. Und Punkt 10. Nimm dich selber nicht so wichtig.

Stefan Jürgens: Wow! Hätte ich besser gar nicht formulieren können. Hast du gut zusammengefasst. Ich bin einverstanden, ja.

Joel Kaczmarek: Geil. Also dafür, dass es dir schwer fiel, war es sehr ergiebig. Lieber Stefan, es war mir ein großes Vergnügen. Vielen, vielen Dank.

Stefan Jürgens: Gleichfalls.