Peter Prange – Über Medien, Manipulation und Propaganda

13. Oktober 2021, mit Joël KaczmarekSebastian Krumbiegel

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Intro & Outro Speaker: digital kompakt. Heute aus dem Bereich Kunst und Prominente mit deinen Moderatoren Joël Kaczmarek und Sebastian Krumbiegel.

Sebastian Krumbiegel: Los geht's.

Joël Kaczmarek: Kunst trifft digital.

Sebastian Krumbiegel: Der Podcast.

Joël Kaczmarek: Wie immer mit dem gebildeten Popprinzen Sebastian Krumbiegel.

Sebastian Krumbiegel: Und mit dem charmanten eloquenten Pop-Papst Joël Kaczmarek.

Joël Kaczmarek: Nee, der Pop-Papst bist wenn dann du. Der Podcast,

Sebastian Krumbiegel: okay. Nochmal, nochmal, nochmal.

Joël Kaczmarek: Kunst trifft Genital. Ja,

Sebastian Krumbiegel: wir fangen falsch an, das ist immer das allergeilste.

Peter Prange: Kunst trifft Genital.

Sebastian Krumbiegel: Komm, das lassen wir so drin.

Joël Kaczmarek: Hast du, lieber Sebastian, um mal die Anmoderation zu unserem potenten Gast heute zu beginnen, schon ein Buch von ihm gelesen?

Sebastian Krumbiegel: Nein, aber ich habe Verfilmungen gesehen von einem Buch, das Bernstein... Amulett. Und das ist ein Zweiteiler gewesen, der im deutschen Fernsehen verfilmt worden ist. Und wir haben zwar eben im Vorgespräch gehört, dass unser Gast, der heute da ist und man kann sich vielleicht schon vorstellen, ein Schriftsteller, dass er sagt, ja, das Buch ist natürlich viel geiler als der Film. Ich kann dazu nichts sagen. Ich sage ja immer allen Leuten, bevor sie sich einen Film angucken, lest euch das Buch durch, bevor ihr den Film seht, weil ihr habt dann euren eigenen Film im Kopf. Und das finde ich immer besser. Aber ehe wir jetzt lange rumlabern, hey, liebe Leute, die uns da draußen zuhört, wir haben heute zu Gast einen Schriftsteller, einen sehr erfolgreichen Schriftsteller, der viele, viele Bücher veröffentlicht hat, die mich persönlich wirklich über das, was ich gelesen habe, wirklich echt ernsthaft interessieren, weil es sehr viel mit deutscher Geschichte zu tun hat. Herzlich willkommen, lieber Peter Prange.

Peter Prange: Hallo ihr beiden, freue mich, dass ich heute hier sein darf.

Joël Kaczmarek: Wir machen mal einen kleinen Ritt, dass wir schon mal ein paar deiner Werke vorstellen. Also das Bernstein-Amulett hat der liebe Sebastian ja gerade schon erzählt. Und dann gibt es natürlich eine ganze Dekalogie, das ist, wenn ich mich nicht täusche, zehn, ne? Deka sind zehn, die du zu historischen Themen aufgebaut hast. Und zwar... Oh Gott, ich muss ein bisschen ablesen, weil alle kriege ich nicht zusammen. Die Principessa, die Philosophin, die Rebellin, die Gottessucherin, Himmelsdiebe, der Kinderpapst, Ich, Maximilian, die Rose der Welt. Waren es zehn? Habt ihr mitgezählt?

Peter Prange: Noch nicht, nein, es fehlen noch zwei. Es ist eine geplante Dekalogie und der bescheidene Ansatz bei der ganzen Sache ist, tausend Jahre europäische Kulturgeschichte in zehn historischen Romanen zu erzählen, wobei jeder einzelne historische Roman eine geistige Wende. einleitet etwas, ein Ereignis, das unser Denken, Fühlen, Handeln, Empfinden von uns Europäern heutzutage maßgeblich nachhaltig beeinflusst hat.

Joël Kaczmarek: Ja geil, also viele von dir werden sicher noch der letzte Harem kennen, aber vor allem natürlich Unsere wunderbaren Jahre, der ja auch sehr erfolgreich verfilmt wurde. Und was natürlich sehr spannend heute sein wird, ist, du hast ja ganz viel Wissen über diese Umbruchpunkte, die du gerade genannt hast. Was davon sieht man dann vielleicht auch in der Gegenwart? Also hast du dann auch so einen Blick entwickelt für genau solche Momente? Da sind wir neugierig drauf. Und fangen wir nochmal an. Wie kommt man denn dazu, solche, und ich weiß ja wovon ich rede, was man dann an Recherche da reinstecken muss auch, tiefgründigen Bücher zu schreiben?

Peter Prange: Ob die Bücher tiefgründig sind, weiß ich nicht, aber ich bin tief in die Geschichte eingetaucht, was mich selbst ein wenig irritiert hat, weil ich war eigentlich nie an Geschichte besonders interessiert. Ich war in Geschichte in der Schule mittelmäßig, wenn es hochkommt, und Geschichte um der Geschichte willen hat mich wirklich nie interessiert. Das Einzige, was mich immer interessiert hat, waren Geschichten, die mit unserer Geschichte heute zu tun haben, nämlich wie wurden wir, wer wir sind? Sehr primitiv gefragt, eine sehr einfache Frage, die aber unendlich schwierig zu beantworten ist. Und bei dieser Suche nach meinen eigenen geistigen Wurzeln, dass ich heute der bin, der ich bin, der so empfindet, wie ich empfinde, der so redet, wie ich rede. Da bin ich immer weiter in die Geschichte zurückgegangen und habe auf der einen Seite die von dir angesprochene Dekalogie in Angriff genommen, 1000 Jahre europäische Kulturgeschichte in 10 historischen Romanen, aber vor allem bin ich natürlich ein Kind des 20. Jahrhunderts, des deutschen 20. Jahrhunderts und deshalb ist sozusagen der zweite Strang dessen, was ich tue, eine deutsche Pentalogie, also 5 Bücher, in denen ich versuche ein Panorama des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu entwerfen, also ein Wühlen in meiner eigenen Ursuppe, in meinem eigenen Plusquamperfekt, wenn du so willst. Weil mich das schon eigentlich als Kind immer interessiert hat. Für mich gab es als Kind kaum was Schöneres, als wenn ich zu meinem Vater morgens, sonntags morgens ins Bett krabbeln durfte mit sechs, sieben Jahren. Ich habe gesagt, Papa, erzähl mir was von früher. Und ich habe das große Glück gehabt, dass ich in einer Familie groß geworden bin, wo man über die Krieg- und Nachkriegszeit sehr offen erzählt hat.

Sebastian Krumbiegel: Das ist ja selten eigentlich.

Peter Prange: Das ist selten in der Generation. In vielen Familien ist da große Schweigen. Aber das liegt vielleicht bei meiner Familie auch daran, dass mein Vater bereits mit 17 Jahren in den Krieg eingezogen wurde. Er war ein Opfer. Und mit 21 kam er aus dem Krieg zurück und sah sich dann genötigt, als ältester überlebender Sohn, seine Eltern und seine Geschwister zu ernähren. Und deshalb konnte er relativ frei von diesen Zeiten erzählen. Und das war für mich immer wahnsinnig spannend zu hören, wie diese Welt, ich bin 1955 geboren, zehn Jahre vorher ausgesehen hat. Die gleichen Orte, die gleichen Menschen auch in einer völlig anderen Perspektive zu erleben. und die haben mir die unglaublichsten Sachen von damals erzählt, wie beispielsweise, dass es einen Metzgerhund gegeben hat in der Nachbarschaft und der war der Beweis dafür, dass man sogar einen Hund zum Anzeigen Antisemiten erziehen kann. Man hat diesem Hund ein Stück Fleisch, das war ein beliebtes Spiel in der Nachbarschaft, ein Stück Fleisch vorgeworfen. Dann hat er sich nach Hundeart und Hundenatur auf dieses Fleisch gestürzt. Und wenn man sagte, ist vom Jutt, hat er eine Vollbremsung gemacht und ist dann mit geifernden Flätzen davor stehen geblieben und hat das nicht mehr angerührt. Und das sind so Sachen, die eingeflossen sind, dann auch in meine Romane. In Unsere wunderbaren Jahre habe ich diese Szene mit drin. Nur da habe ich das dann dramaturgisch so... umverwandelt, dass das der Hund des Bürgermeisters ist und deshalb die Besatzer durch diesen Hundetrick merken, dass der Bürgermeister ein Nazi war, der vorher sich versucht hat, davon also eine saubere Weste zu machen. Und diese ganzen Geschichten, mit denen habe ich mich schon als Kind total vollgesogen, weil dieses Vertrautsein im Fremden und das Befremdende im scheinbar vertrauten. Das ist etwas, was mich Zeit meines Lebens fasziniert hat. Und wenn ich dich angucke, Sebastian, du kommst ja aus der ehemaligen DDR, das war für mich auch so ein Faszinosum. Wir haben alle eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur. Und trotzdem waren wir in den Jahren der Teilung einander so fremd, als wären wir auf anderen Planeten.

Sebastian Krumbiegel: Was man heute teilweise noch merkt.

Peter Prange: Was man heute zum Teil noch merkt. Und in meiner Kindheit, ich weiß, wenn ich dann schulfrei, also wenn ich krank war, dann gab es Schulfunk. Und dann hat man dann im Schulfunk dann so spannende Geschichten gehört von tapferen SBZ-Jungen, also sowjetische Besatzungszonen hieß das ja damals noch, wie die dann sich geweigert haben, zur Jugendweihe zu gehen und wollten stattdessen sich konfirmieren lassen. Und dann durften sie deshalb nicht mehr aufs Gymnasium.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe beides gemacht, ja.

Peter Prange: Beides.

Sebastian Krumbiegel: Also das war für mich der Trick sozusagen, zweimal Geschenke abfassen. Also Konfirmation und Jugend. Ganz schön kapitalistisch.

Peter Prange: Aber dafür kriegst du jetzt ein Kurzzitat um die Ohren. Nämlich, das ist die Gnade der Späten gewohnt. Das magst du sagen. Das hättest du 15 Jahre früher, hättest du das. das nicht erlebt.

Sebastian Krumbiegel: Ich bin mir da nicht so sicher übrigens. Also über DDR reden ist ja wirklich immer sehr schwierig, weil wenn wir uns als Leute, die aus der DDR kommen, von Leuten wie euch erzählen müssen, wie wir gelebt haben. Das ist wirklich sehr schwierig. Also für mich liegt es immer extrem fern, diese Zeit in irgendeiner Weise zu bagatellisieren und diesen Willkürstaat irgendwie schön zu reden. Aber ich werde total elektrisch und werde irgendwie sofort, kriege ich sofort irgendwie Zahnfleisch bluten, wenn ich höre, dass irgendjemand uns sagt, wie schlimm das alles war. Natürlich waren wir kein demokratischer Rechtsstaat, muss man ganz klar sagen. Aber natürlich kann ich von mir sagen und ich kenne viele Leute, die das genauso sagen, dass wir trotz alledem eine erfüllte Kindheit hatten, dass wir ein schönes Leben hatten und dass wir natürlich uns eingerichtet haben in diesem System. Und ich weiß immer, wenn ich davon anfange zu reden, dass das total schwer ist, weil natürlich dann Leute ankommen, die wirklich darunter gelitten haben, die unter Stasi gelitten haben, die unter dem ganzen Wandel gelitten haben. Die sagen dann, hey du und jetzt kommen wir wieder zu dem Ding, Gnade der späten Geburt. Du hast ja die Hardcore-Zeit gar nicht miterlebt, die 50er, 60er Jahre, die Stalin-Zeit und so. Und das stimmt natürlich, aber ich verwehre mich trotzdem extrem dagegen, wenn Leute ankommen.

Peter Prange: Und zwar mit allem Recht. Das verstehe ich bestens, weil es war dein Leben. Es war dein Leben und das willst du dir nicht von solchen Sachen sozusagen über die objektiven Verhältnisse dein privates, eigenes Leben kaputt reden lassen. Und ich habe dafür... Das glaube ich in Anspruch nehmen zu können, noch ein ziemliches Verständnis. Ich war mal in diesem DDR-Museum hier irgendwo in Berlin und das, wo man so all diese Sachen, die eben in der DDR wichtig waren für den Alltag und da war dann eine Frau mit Tränen in den Augen und sagt, oh je und auch die alte Kittelschürze. Und die alten Milchflaschen. Ja, aber ich habe das verstanden. Das war dann natürlich, das war ihr Leben, da war sie eine junge Frau. Und dann war da irgend so ein, weißt du, sie dann da und rollte mit den Augen, na, wie kann man so eine Kittelschürze schön finden? Nein, die fand nicht die Kittelschürze schön, sondern die fand die Zeit schön, in der sie die Kittelschürze getragen hat. Ganz normale Nostalgie.

Sebastian Krumbiegel: Also zu der ich auch stehe.

Peter Prange: Und ich habe mich, da kann ich mal sozusagen, bin ich ein aufrechter Ossi gewesen im Westen. Nach der sogenannten Wende hatten wir in Tübingen, ich lebe in Tübingen, das ist ja nun wirklich ganz diametral entgegengesetzt im äußersten Westen, gab es eine Diskothek und die haben dann so eine Säule gehabt und da haben sie oben einen Trabi draufgesetzt, pink angemalt. Und das habe ich wirklich als obszön empfunden. Das ist eine Beleidigung der Menschen, die vorher 10, 15 Jahre keinen größeren Traum gehabt haben, als mit so einem Auto zu fahren. Und das jetzt sozusagen als Gadget für eine Diskothek dahin zu stellen, das ist eine unglaubliche Rücksichtslosigkeit den Gefühlen der Menschen gegenüber, die darin ihre Träume mal verwirklicht haben. Und das sind alles die Dinge. Ich habe ja einmal einen Roman geschrieben, wo ich mir wirklich angemaßt habe, dann auch die DDR-Perspektive ein bisschen nachvollziehbar machen zu können. Das heißt, das Bernstein-Amulett dieser Roman. Und da habe ich eine Geschichte geschrieben vom Zusammenbruch bis zur Wiedervereinigung. Eine deutsch-deutsche Familie, die über ganz Deutschland verteilt gewesen ist. Der Film, den ich gesehen habe. Der Film, ja. Hat entfernt auch etwas mit dem Roman zu tun. Und ich habe mich da wirklich reingelesen. Ich habe ganz, ganz viele Zeitzeugenberichte gelesen. Also ich habe jetzt nicht so sehr historische Darstellungen davon gelesen, weil die äußerlichen Fakten, die hat man sich schnell drauf geschafft. Aber wir haben die Menschen ihre historische Wirklichkeit erlebt. Darum ist es mir gegangen. Und ich habe da bergeweise von ganz ungeschminkten Zeitzeugenberichten gelesen. Also die Menschen einfach handschriftlich. notiert haben, wie sie beispielsweise den 17. Juni erlebt haben, wie sie den Mauerbau erlebt haben und so etwas, nicht redaktionell behandelt worden. Damit habe ich mich vollgesogen, um aus dieser Perspektive heraus überhaupt schreiben zu können.

Joël Kaczmarek: Dann bin ich ja mal neugierig, um auch mal auf dein aktuelles Thema zu kommen, nämlich wenn dieser Podcast hier erscheint, dann ist es auch in den Buchläden schon verfügbar, der Traumpalast, dein neuestes Werk, wo du im Prinzip die 20er Jahre dir anschaust und dort die Entstehung des Films. Vielleicht mal vorgegriffen, bevor wir auf das Thema gehen, weil das natürlich hochgradig aktuell ist, wenn man sich mit Medien beschäftigt. Wonach suchst du denn deine Themen aus? Also wie kommst du darauf, ob du jetzt über die DDR schreibst, über die NS-Zeit, über die UFA? Was sind für dich die Hebel, das zu finden?

Peter Prange: Das sind ganz eigene Fragestellungen, die ich immer habe. Also es sind immer Fragen, die ich habe, auf die ich keine Antwort habe. Und wenn ich eine große Frage habe, auf die ich keine Antwort habe, schreibe ich ein Buch drüber. Und da ich das besser über eine Erzählung machen kann als über einen Sachtext, werden das dann Romane. Ich versuche dann einfach, mich in diese Zeiten hineinzuversetzen. Also ich habe ein Buch geschrieben, das heißt Eine Familie in Deutschland. Und das ist der Versuch, die ganze Nazizeit, vom ersten bis zum letzten Tag, vom Tag der sogenannten Machtergreifung. die keine war, da können wir gleich vielleicht noch drauf zu sprechen, bis zum Tag der Kapitulation am Beispiel einer Familie in Wolfsburg. Da erzähle ich auch die Entstehung.

Sebastian Krumbiegel: Die auch keine Kapitulation war, sondern eine Befreiung. Können wir nachher auch nochmal drüber sprechen? Natürlich, absolut.

Peter Prange: Es war eine Befreiung, dass wir zur Kapitulation gezwungen wurden. Und die Geschichte spielt im Wolfsburger Land, erzählt auch die Geschichte des VW-Werks, wie das als das deutsche Auto der damaligen Zeit entstanden ist. Und wie das natürlich auch die ganze Welt da verändert hat im Wolfsburger Land. Wolfsburg hieß übrigens bis 1945 gar nicht Wolfsburg, sondern Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben. KdF-Wagen war der Kraft-durch-Freude-Wagen, das war die offizielle Bezeichnung des Volkswagens. Und bei Fallersleben, weil das der einzige Ort in der Gegend war, der überhaupt einen halbwegs bekannten Namen hatte, im Kampf von 2000 Menschen. Und der Oberbürgermeister von Wolfsburg, einer der größten Fans meines Romans, hat sich an mich gewandt mit einem Brief und darin geschrieben, das hätte ihn alles sehr gerührt. Weil in seinem Geburtsurkunden hat er noch drinstehen, geboren in der Stadt des KdF-Wagens in Fallersleben. Aber jetzt zu deiner Frage, wie ich auf die Themen komme. Diesen Roman über diese Nazi-Zeit habe ich einfach aus dem ganz simplen Frage herausgestellt. Wie hättest du dich verhalten, wenn du nicht die Gnade gehabt hättest? 1955. mitten hinein ins westdeutsche Wirtschaftswunder geboren worden zu sein?

Sebastian Krumbiegel: Beste Frage, finde ich wirklich die allerbeste Frage, weil es ist so leicht, rückblickend zu sagen, ich wäre damals aber im Widerstand gewesen.

Peter Prange: Ich traue mir keine zwei Meter über den Weg, was die Zeit anbelangt. Ich habe das doch erlebt, wenn Goebbels seine Sportpalastrede hätte, und nicht nur hier wollt ihr den Totalkrieg, sondern andere Sachen wie sowas. Und wir gehen in diesen Krieg wie in einen Gottesdienst. Ja, verdammt nochmal, da läuft einem kalt den Rücken runter. Und wenn dann hunderttausend Menschen da stehen und schreien, sie keil, Den Tod vor Auge schreien, die sie keil. Was für eine dämonische Faszination des Bösen geht da von einem aus? Und ich wurde auch mal von einem Journalisten gefragt, wen hätten Sie in der Geschichte gerne mal kennengelernt? Und die Standardantwort, die er erwartet hat, war Jesus Christus, Wolfgang von Goethe oder Mozart. Ich habe gesagt, Adolf Hitler. Ich hätte das gerne erlebt, wie hätte dieser Mann auf mich gewirkt, auf mich armes kleines Würstchen. Hätte ich mich dieser Dämonie entziehen können oder nicht? Und das war diese Frage, die mich dazu...

Sebastian Krumbiegel: Zumal das damals ja auch die Zeit war, dass Goebbels und Hitler wirklich angefangen haben, Medien klassisch zu nutzen. Also der Volksempfänger und überhaupt allgemein dieses ganze Image, dieses ganze Styling, dieses ganze Schwarz-Weiß-Rot. Das war ja ein Geniestreich, was Promotion betrifft.

Peter Prange: Also vom PR haben die was verstanden. Du kennst dich ja auch mit PR aus, Sebastian. In dem Tagebuch von Josef Goebbels steht ein Satz von erschreckender Luzidität. Das Wesen der Propaganda ist Wiederholung. Wiederholung, Wiederholung. Gucken wir uns das orangefarbene Monster im Weißen Haus an, das bis vor einem halben Jahr da gewesen ist. Du kannst den letzten Scheiß erzählen, wenn du das nur oft genug wiederholst, fangen die Leute an es zu glauben. Und diese Frage, wie hätte ich mich in dieser Zeit der totalen Beeinflussung, wie hätte ich mich verhalten, das hat mich dazu gebracht, einen Roman zu schreiben über eine Familie, in der es alle Facetten gibt und der Familienroman hat eben den großen Vorteil, dass ich die größte Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit an Lebensoptionen, wie man damals leben konnte, auf allerengstem Raum miteinander in Beziehung setzen kann. Und das habe ich dadurch dekliniert. Und so komme ich eigentlich auf alle Themen, die ich habe. Das sind diese Sachen, die mich interessieren. Das Bernstein-Amulett, mein erster Roman. Ich habe mich lange geweigert, selber Romane zu schreiben. Ich habe früher mit Übersetzungen mein Geld verdient.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe auch ein paar Sachbücher geschrieben. Ja,

Peter Prange: das habe ich auch gemacht. Aber ich habe vor allem Übersetzungen gemacht und habe immer gesagt, ich übersetze lieber gute Bücher, als dass ich schlechte schreibe. Und ich habe der Welt nichts mitzuteilen. Also warum soll ich ein Buch schreiben? Und dann gab es aber einen Tag, dass alles umgedreht hat. Ich kann meine Schriftstellerwertung auf die Minute genau bestimmen. Und das war am 19. August 1989 um 21.45 Uhr.

Sebastian Krumbiegel: 21.45 Uhr, heute schon.

Peter Prange: Und am 19. August, weißt du es noch, Sebastian?

Sebastian Krumbiegel: Ungarn, glaube ich.

Peter Prange: Das war der Tag, an dem die DDR-Bürger in Ungarn durch den Zaun nach Österreich gewandert sind. Und da fiel es für mich wie Schuppen von den Augen. Dieser Maschendrahtzaun war die Karikatur des Eisernen Vorhangs, der West und Ost voneinander getrennt hat. Da wusste ich in dieser Sekunde, hiermit ist eine geschichtliche Epoche am Ende. Und in der Sekunde hatte ich die Vision von einer Geschichte, die ich selbst gern gelesen hätte, nämlich eine Familie kommt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges irgendwo in Deutschland zu einer Familienfeier, zu einer Hochzeit zusammen. Dann schlägt die Faust Gottes in Gestalt des Kriegsendes in diese Familie hinein, versprengt die Mitglieder. über ganz Deutschland und die brauchen ein halbes Jahrhundert, um wieder zusammenzufinden. Also die deutsch-deutsche Geschichte am Beispiel einer Familie. Und das habe ich dann geschrieben. Und das war dann eben der Roman Das Bernstein-Amulett. Und das war meine Geburt als Schriftsteller.

Sebastian Krumbiegel: Ich finde das total spannend, dir da zuzuhören, weil ich gerade gedacht habe, man könnte diesen Slot auch aus heutiger Sicht noch fortführen, Part 2 bringen sozusagen. Weil natürlich gerade die Situation, die damals war, das Ungarn. was ja für uns Ossis das Tor zum Westen war, weil wir da hingefahren sind, wir konnten uns da Westplatten kaufen, wir konnten da irgendwie Queen haben zum Beispiel in Budapest gespielt, wo ich leider nicht hingehen konnte als großer Queen-Fan, weil ich in der Zeit bei der Armee war. Aber das war damals sozusagen die progressive Sicht auf den Westen, das war ein bisschen das Schaufenster, wo wir hingefahren sind. Der Gulasch-Kommunismus. Genau. Wenn man das aber weiterdenkt, wenn man jetzt sozusagen darüber nachdenkt, was heute sozusagen aus dem demokratischen Ungarn geworden ist und was da für Zusammenhänge auch sind, ja, warum ist das denn so, dass ausgerechnet... dieses Land heute so dermaßen rückschrittlich ist und dermaßen wirklich auch demokratiefeindlich ist teilweise, dass Orban wirklich, was da an Antisemitismus abgeht und was da wirklich an schrägen Sachen abgeht, das finde ich eine ganz interessante Idee. Vielleicht ist es ja wirklich ein neuer Slot für ein oder wie gesagt ein zweiter Teil.

Peter Prange: Ja, das Problem bei mir ist nur die verrennende Restlaufzeit, die mir als Autor noch zur Verfügung steht. Und ich bin mit meiner Verlegerin mal meinen Zettelkasten durchgegangen und schon bereits bei den Ideen, die ich heute habe, müsste ich ungefähr 120 werden. um die alle aufzuarbeiten. Und das ist natürlich fürchterlich, wenn ich jetzt noch neue Ideen hier von euch mitbekomme. Aber ich rede mal mit meinem Hausarzt, vielleicht kriegt er mich auf 130 Jahre hoch. Dann könnte das vielleicht was werden.

Joël Kaczmarek: Wie lange schreibst du eigentlich an so einem Buch?

Peter Prange: Unterschiedliche Zeiten. Ich meine, wenn ich keine Schreibblockade habe, dann schreibe ich, aber auch erst, wenn ich ein wirklich stehendes Konzept habe. Also Treatment-mäßig. Ich meine, Romane, die erzählen immer große Geschichten, also umfangreiche und komplexe Geschichten mit vielen Handlungssträngen und auch reichhaltigen Personal. Dafür mache ich mir eine Art Treatment, wie für einen Film. Szene für Szene, dass ich weiß, wie der Gang der Handlung ist. Und wenn ich das habe, ab dann kann ich auch mit meinem Verlag erst über Termine sprechen, weil dann sind die wichtigsten kreativen Fragen gelöst.

Sebastian Krumbiegel: Und wirst du manchmal überrascht, während du schreibst, dass auf einmal was anders passiert? Ja,

Peter Prange: das Treatment mache ich sozusagen, entwickle ich erstmal nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Das muss also Wendepunkte und so weiter haben und Auflösungen. Aber dann kommt's. das eigentliche Schreiben und da lasse ich mir Szene für Szene in die Figur jedes Mal reinfallen, für die diese Szene jetzt am wichtigsten ist, die am meisten betroffen ist. Und da kann es dann passieren, und da kriege ich früher regelmäßig Schreibblockaden, dass auf einmal ich an eine Stelle komme, nach 200 Seiten oder so etwas, wo eine tolle dramaturgische Wende ist, ich aber auf einmal spüre, die passt eigentlich gar nicht mehr zu dieser Figur. Weil die Figur hat sich ja über 200 Seiten entwickelt und die wird dann wie ein Freund, den du näher kennenlernst. Das ist ja was Eigenartiges. Du erfindest eine Figur, konfrontierst die mit Problemen, die du auch erfunden hast, lässt die in der Problemlösung auch in der Weise durchlaufen, die du erfunden hast und trotzdem wird dir dadurch die Figur immer näher und vertrauter wie ein Freund und wie du bei einem Freund auch wissen würdest, das würde der nie machen. Das wäre zwar eine gute Idee, aber der würde das nicht machen. So geht das dann mit den Figuren. Und früher... war mein Fehler, dass ich dann gesagt habe, ich muss aber mit Gewalt diese dramaturgische Wende machen. Und dann habe ich da rumgemurkst, um die Figur irgendwie dahin zu kriegen. Und das ist dann immer in die Hose gegangen. Und dann schrieb ich langsamer und langsamer und langsamer, bis dann sozusagen die einzelnen Buchstaben nur noch wie verklemmte Fürze aus der Schreibmaschine kamen, weil mir dann gar nichts mehr einfällt. Und ich dann manchmal ein Vierteljahr gar nichts mehr schreiben konnte. Und bis ich dann begriffen habe, nee, wenn die Figur mir sagt, das mache ich nicht mit. ist das eigentlich was Positives. Weil die dann nämlich, und wenn ich mich dann wirklich konzentriere und sage, scheiß was auf die gute dramaturgische Idee, weg damit, überlege, also was würde der denn jetzt hier machen in dieser Situation? Und dann fällt dir meistens sehr schnell was ein. Und dann hat man nämlich eigentlich das, was Literatur ausmacht, nämlich eine Synchronicität von Überraschung und Logik. Gute Pointen funktionieren immer dadurch, dass sie zeitgleich sowohl überraschend als auch logisch sind. Überraschend aus der Sicht des Lesers oder Zuschauers, weil es Eine Lösung ist die, man selbst nicht drauf gekommen ist, aber logisch im Sinne der Psychologie desjenigen, der gerade handelt. Und das sind so Sachen, da muss man aber erstmal lernen, sich selbst auch zu vertrauen. Und das Vertrauen hatte ich am Anfang nicht und wenn ich eine gute Dramaturgie hatte, war ich heilfroh, dass ich die schon mal hatte und habe dann rumgekrampft und rumgemurkst.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe ja gelesen, dass du wirklich so ein Arbeiter bist, der sozusagen früh um neun sagt, ich setze mich jetzt hin und fange an zu schreiben. Also wenn ich das auf mich beziehe, kann ich natürlich auch versuchen, das auch so zu machen. macht das auch manchmal so und sagt dann eben, ich beschließe jetzt ein Lied zu schreiben und warte nicht darauf, dass die Muse mich küsst und dass dann eben irgendwas angeflogen kommt, weil das entwickelt sich dann genauso, während ich es mache. Und es gibt solche Leute wie Nick Cave zum Beispiel, das ist auch so ein Mann, der in London eine Wohnung hat oder ein Haus hat und da wohnt und dann aber ein Büro hat, in dem sein Klavier steht und da geht er jeden Morgen um neun hin und macht erstmal irgendwie drei Stunden Ich schreibe jetzt ein Lied. Und das ist natürlich dann doch zielführend, weil Joël gerade fragte, wie schnell du schreibst, wie lange ein Buch dauert. Kannst du das sagen? Kannst du irgendwie sagen, oder ist das auch unterschiedlich, dass du sagst hey, es fließt jetzt tierisch, tierisch, tierisch und du schreibst innerhalb von, ich habe keine Ahnung jetzt, von einem Monat irgendwie so ein...

Peter Prange: Nichts dergleichen, nein. Es ist so, die entscheidenden Ideen, die kommen überein. Für die kann man überhaupt nichts. Die erwischen einen weiß der Teufel wo. In der Badewanne, beim Spaziergang, beim Fernsehgucken, beim Knutschen oder was weiß ich. Und deshalb bin ich auf diese Ideen eigentlich gar nicht stolz, weil die kriege ich ja geschenkt. Oder sie sind auch... umgekehrt vielleicht eine Heimsuchung, weil diese Ideen bedeuten ja dann hinterher viel Arbeit. Aber was ich machen kann, ist, wenn ich so weit bin, dass ich die Geschichte auf der Reihe habe und sozusagen diese Durchbruchsideen irgendwann sich alle eingestellt haben, das kann ich nicht kalkulieren und berechnen. Aber wenn ich das dann hab und hab das dann treatmentmäßig auf die Reihe gebracht und das ist für so einen Roman wie der Traumpalast sind das beispielsweise 100 Wordseiten. Das ist richtig viel. Bei anderen Leuten ist das schon ein ganzer Roman. Wenn ich das Szene für Szene vor Augen habe, erst ab dann Kann ich sagen, ich schaffe jetzt so und so viel und ich bin kein Schnellschreiber. Ich schreibe drei bis vier, manchmal fünf Seiten, aber im Schnitt eigentlich vier Seiten am Tag. Das mal ein bisschen mehr, ein bisschen weniger, aber vier Seiten im Durchschnitt auf der Basis eines solchen Treatments. Und das kann man mit Disziplin dann auch machen. Und deshalb jeden Tag vier Seiten. Wenn du das vier Tage die Woche machst, sind es 28 Seiten. Mach ein bisschen noch für Korrekturen. Sind es 25 Seiten, sind 100 Seiten im Monat. Und das für fünf Monate hast du 500 Seiten.

Joël Kaczmarek: Es ist nicht langsam. Also ich habe eine Biografie geschrieben, ich war so bei sieben bis acht Seiten am Tag und da kannte ich ja die Fakten und musste dann nur die Sätze so, dass die geschmeidig sind. Ich finde das ziemlich viel.

Peter Prange: Ja, also aber erst auf der Basis, dass ich wirklich diese Handlung stehen habe. Sonst schaffe ich das nicht. Ich schreibe nie ins Blaue hinein. Dafür sind meine Geschichten zu komplex. Das kann ich nicht machen, weil dann kommt irgendwann ein Knoten, bei dem ich nicht mehr weiter weiß. Das muss ich auf dieser Treatment-Ebene erst gelöst haben.

Joël Kaczmarek: Verfolgen die dich im Kopf, die Figur? Ja, absolut. Träumst du auch so?

Peter Prange: Natürlich. Also den Sein gibt es ja im Schlaf. Das sind alles so Sachen, an die ich früher nicht geglaubt habe. Und das hat wirklich was auch mit Alter und Lebenserfahrung und Selbsterfahrung zu tun. Ich war mal einmal zu Gast auf dem früheren Traumschiff als Autor an Bord und da hatte ich so eine Schreibblockade. Da habe ich rumgemurkst an einem Thema. Ich kam und kam und kam nicht raus. Und da war ein Kammersänger, ein Kollege von dir, der hat gesagt... Richte dich nicht so auf, jetzt lass einfach mal, das Unterbewusste arbeitet von alleine weiter. Und da ist wirklich was dran. Und man muss irgendwann auch mal die Größe haben, an sein eigenes Unterbewusstsein zu glauben. Und deshalb ist Selbstvertrauen auch etwas extrem Wichtiges, nicht Selbstbewusstsein, geschweige denn Größenwahn. Aber selbst Vertrauen, seinen eigenen Ideen zu vertrauen und darauf zu vertrauen, wenn ich das Gefühl habe, das ist eine gute Figur und das ist ein guter Handlungsansatz, dann kommen die anderen Sachen irgendwann. Die kommen, die arbeiten in einem nach, wo ich gar nicht damit rechne. Das Beispiel dafür ist dieses Heureka-Erlebnis von Archimedes in der Badewanne. Dann sagen die Leute, ach so, ich muss mich in die Badewanne setzen, dann kommt das Ergebnis. Der sollte ja das Volumen einer Krone berechnen und dafür gab es keine mathematische Formel. Und er hat rumgemacht und ist nicht drauf gekommen, ist nicht drauf gekommen. Und irgendwann hat er den ganzen Scheiß beiseite gelegt und hat einfach ein Entspannungsbad gemacht. Und dann sieht er auf einmal, wie sein Körper, der Wasserspiegel steigt, die Verdrängung, sozusagen das Volumen kennzeichnet. Und das war dieser Heureka-Moment. Und das passiert bei uns eigentlich immer, bei Leuten, die kreativ tätig sind. Aber man muss sich dann auch selbst trauen. Und ich habe das früher dann falsch gemacht, dann habe ich mit preußischer Disziplin mich zum Schreibtisch geprügelt, auch dann in diesen Situationen. Und jetzt um fünf nach neun muss die Idee da sein, mit dem Erfolg, dass ich bis abends da nur rum, manchmal dann ich drei Stunden gebraucht habe, bis ich mich getraut habe, den Computer einzustellen, weil ich so mit Angstschweiß davor gesessen habe, weil ich wusste, das wird wieder ein Tag des totalen Scheiterns. Und abends nichts fertig gebracht, außer den ganzen Scheiß wieder in die Mülltonne geschmissen, den du produziert hast. Nachts nicht schlafen können, zehn Kilo abgenommen. Das tut manchen Menschen ganz gut.

Sebastian Krumbiegel: Wollte ich gerade sagen, das muss man am Anfang zu schreiben.

Peter Prange: Du kannst nicht mehr lachen, du kannst nicht mehr lächeln, du kannst dein Kind nicht angucken, du kannst deine Frau nicht küssen, kannst gar nichts. Das ist die Hölle. Und das habe ich jetzt zum Glück so in den letzten Jahren, weil meine Bücher auch zunehmend persönlich werden. Vor allem ab unseren wunderbaren Jahren, was in meiner Heimatstadt spielt.

Sebastian Krumbiegel: Was die Geschichte ist, der D-Mark vom Anfang bis Ende, oder war das das? Genau,

Peter Prange: das ist also die Geschichte der Bundesrepublik vom ersten bis zum letzten Tag der D-Mark. Aber auch wieder so ein Heureka. Moment, als ich auf die Idee gekommen bin, beziehungsweise in diesem Fall zwei Heureka-Momente. Der erste war am 2. Januar 2001. Das war der Tag, an dem wir alle zum ersten Mal mit Euro bezahlt haben. Da stand ich an der Ladenkasse mit diesem komischen Ein Starter-Set, diesen Plastikschläuchen, wo dann die müssen. Und dann unterhielt man sich über das Geld. Und da fiel mir ein, wir hatten doch schon mal neues Geld, 1948. Der Gründungsmythos der Bundesrepublik, das berühmte Kopfgeld. Jeder bekam 40 Mark in die Hand gedrückt und konnte damit sein Leben aufbauen. Wie in der Bibel. Was hast du gemacht mit deinen Talenten? Und gleichzeitig dachte ich, kann man entlang des Geldes auch die Geschichte der Bundesrepublik erzählen? Weil das Geld ging immer der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung voraus. Erst war die Zweiteilung des Geldes, dann die Zweiteilung des Landes. und Umgekehrt, nach dem Mauerfall, die DDR-Bürger, kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr. Also auch erst wieder die Wiedervereinigung des Geldes, dann die Wiedervereinigung der Nationen.

Sebastian Krumbiegel: Die Währungsunion, ja.

Peter Prange: Und dann hatte ich aber das Problem, ich wusste nicht, wo ich diese Geschichte verorten sollte, noch mit welchen Figuren ich sie zum Leben erwecken konnte. Deshalb blieb es dabei, weil ich Angst hatte, eine didaktische, pädagogische Geschichte zu schreiben. Also ich habe hier eine gute, abstrakte Idee und mache da einen schlechten, abstrakten Roman daraus, weil die Figuren dann nur so erfundene Pappkameraden sind, die ich dann da durch die historische Geschichte laufen lasse. Das ist total, was du meinst. Das ist mir zuwider und deshalb habe ich diese Idee abgelegt. Schade drum, muss man auch mal können. Und dann hat die geruht über zehn Jahre, bis vor acht Jahren meine Mutter gestorben ist. Und ich habe dann völlig überraschenderweise in dem Nachlass meiner Eltern Liebesbriefe aus der Anfangszeit der Bundesrepublik gefunden. Wie gesagt, ich komme aus einer Familie, in der viel erzählt wurde. Fiel mir dann bei der Lektüre der Liebesbriefe die Geschichten ein, die mein Vater mir erzählt hat. Wie beispielsweise, als er aus dem Krieg zurückgekommen ist, musste seine Familie ernähren. Er hatte ja nichts gelernt mit 17 Jahren als Rekrut in den Krieg. Der konnte ja gar nichts. Volksschulbildung, ein bisschen in einem Schulladen verkauft. Aber er hat sich was einfallen lassen. Obwohl er selbst nicht tanzen konnte, ist er über die Sauerländer Dörfer gezogen und hat den Bauernjungen das, was er sich unter Tanzen vorstellte, beigebracht und hat dafür Fressalien gekriegt. Oder ein Onkel von mir, der auch nur eine Schulverkäuferlehre hatte, nur Volksschulbildung, hat hinterher eine Wirtschaftswunderkarriere gemacht mit 200 Schuhgeschäften, einer der größten Schuhfilialen in Deutschland. Aber eine Tante... die ein Hiob-Schicksal gehabt hat. Im Krieg, fanatisiert durch die Nazis, ist die an die Front gegangen als Flak-Helferin, hat sich dann schwängern lassen von einem Gefreiten aus der Uckermark, ist damit nach Hause gegangen. Der Mann ist in Russland gefangen worden, drei Jahre Kriegsgefangenschaft, der kommt zurück, sein erstes Kind ist drei oder vier Jahre alt. Die Frau wird schwanger, ist im fünften Monat, packt morgens neben sich, der Mann an dem Folgen seiner Inhaftierung als Kriegsgefangener tot. Und die hat in ihrem ganzen Leben nur solche Sachen gehabt. Und da auf einmal wusste ich, Das sind die Figuren, an denen... kann ich meine Geschichte erzählen. Und dann habe ich entlang dieser Familien, Bekannten, Freunde, Verwandten-Geschichten dann Unsere wunderbaren Jahre geschrieben. Und das Verrückte war, erst nachdem ich die Entscheidung getroffen habe, dieser Stoff muss in meiner Heimatstadt Altena spielen, ist der Groschen, buchstäblich der Groschen gefallen, dass in meiner Heimatstadt die Rohlinge der D-Mark produziert worden sind. Muss man sich mal vorstellen. Das ist doch wie ein Zeichen des Himmels, dass die Geschichte genau dahin muss. Und das hatte ich leider völlig vergessen, obwohl ich mit diesen Rohlingen früher selbst gedealt habe in meiner Jugend. Es gab immer Leibesvisitationen bei den Arbeitern, die diese Rohlinge hatten, durften nicht rausgeschmuggelt werden. Aber viele haben die doch rausgeschmuggelt. Und da konnte man ja eigentlich nichts mit anfangen. Die hatten ja keine Prägung, waren ja nur diese Metallplättchen. Aber es gab zwei Zigarettenautomaten in Altena, die wussten das nicht. Und dann konnte man also, wenn man so ein Plättchen für 10 Pfennig kaufte, eine Packung Rothändle für eine Mark da erlösen. Und damit habe ich wiederum meinen Haschischkonsum damals finanziert. Und das war wahrscheinlich wieder der Grund dafür, warum ich mich da nicht an erinnert habe.

Sebastian Krumbiegel: Und der hat für deine Kreativität gesorgt, ja.

Peter Prange: deshalb ist das mit Abstand mein persönlichstes Buch, das ich je geschrieben habe. Und das habe ich dann auch am schnellsten geschrieben. Also das habe ich wirklich wie in Trance geschrieben, weil das ist unglaublich, was das auch dann wieder das Unbewusste, was auf einmal alles wieder hochkommt, was ich alles noch weiß aus der Zeit, wovon ich gar keine Ahnung mehr habe, dass ich das weiß. Das kam beim Schreiben alles hoch. Ich habe das geschrieben wie in Trance. Ich habe dieses Buch von tausend Seiten, das habe ich mit Vorbereitung allen Zipp und Zapp in 14 Monaten geschrieben. So habe ich noch nie ein Buch in meinem Leben geschrieben und werde ich auch nie wieder ein Buch in meinem Leben schreiben.

Joël Kaczmarek: Ich finde das total charmant, Peter, wie bei dir so Professoralität und irgendwie Volksnähe zusammenfließen.

Sebastian Krumbiegel: Und auch Besessenheit, finde ich. Ich finde die Art von Besessenheit ja großartig. Ja,

Peter Prange: Professoralität ist ja natürlich klar. Ich lebe jetzt seit 40 Jahren in Tübingen. Das ist laut meiner persönlichen Definition die Stadt mit der größten Klugscheißerdichte pro Quadratmeter in Deutschland. Jeder Taxifahrer ist rehabilitiert, jede Wurstfachverkäuferin ist promoviert. Und den Oberklugscheißer sehen wir alle drei Tage im Fernsehen, unser Oberbürgermeister, der Herr Palmer. Und die haben, als ich dann aus dem Sauerland kam, haben die gesagt, so ein wie dich, der hat uns hier gerade noch gefehlt. Du bist hier goldrichtig. Aber die Bodenständigkeit kommt natürlich von ganz was anderem. Meine Eltern hatten ein kleines Bettengeschäft und ich habe meinem Vater immer bei der Auslieferung geholfen, schon ab sieben, acht Jahren. Und das jetzt... werde ich wieder seriös, war eigentlich meine schriftstellerische Grundausbildung. Ganz ohne Quatsch.

Sebastian Krumbiegel: Durch die Storys, die du gehört hast. Genau,

Peter Prange: weil das Einzige, was mich an Literatur interessiert, ist, wie im wirklichen Leben, warum ticken Menschen so, wie sie ticken. Ich finde, nichts ist so spannend, aber auch nur annähernd so spannend, wie Menschen in ihren Beklopptheiten, in ihrem Verhalten, in ihrem Hass, in ihrer Liebe, in ihren Leidenschaften. Und ich habe damals schon als kleiner Junge, mit sieben, acht Jahren, meinen Vater begleitet. Und wo bringt man die Sachen hin? Ins Schlafzimmer. und kaum bist du bei den Menschen im Schlafzimmer, öffnen sie sich in einer Weise, wie sie das sonst nirgendwo tun.

Sebastian Krumbiegel: Aber da möchte ich auch mal eine Brücke bauen, weil das lag mir schon die ganze Zeit auf der Zunge. Ich habe gelesen, dass du Erotologe bist.

Peter Prange: Ja, Erotologe, schön, dass du das richtig zitiert. Erotologe. Ja, nicht Erotomane. Entscheidender Unterschied, Theorie und Praxis.

Sebastian Krumbiegel: Okay, aber jetzt bitte erklär mir das mal. Das war ein Studiengang oder hast du das in der Praxis gelernt oder in der Theorie?

Peter Prange: Das war höchstens ein Privatstudiengang, aber als Studiengang gab es das nicht. Nein, das war so.

Joël Kaczmarek: Also Erotologisch und von Erotik, ja?

Sebastian Krumbiegel: Ja,

Peter Prange: in den frühen 80er Jahren habe ich meine Staatsexamina gemacht. Ich habe also drei Hauptwächer studiert, Romanistik, Germanistik und Philosophie. Heute würde man sagen Salonwissenschaften. Das war genau die Zeit, als man keine Chance mehr hatte, mit diesen Fächern Lehrer werden zu können. Bis dahin. war es immer so, wenn dir nichts einfällt, also ich würde zwar lieber in den Verlag gehen oder Journalismus oder so, aber wenn alle Stricke reißen, kannst du halt Pauker werden. Aber das war damals nicht mehr. Und da ging mir der Arsch auf Grundeis. Weil ich hatte wirklich Schiss, wovon soll ich denn leben? Und dann, weil ich auch ein eher ängstlicher Mensch bin, habe ich dann eine Dissertation angefangen, weil dann war ich nicht arbeitslos. Na, wenn ich nichts zu tun hatte, dann habe ich an meiner Dissertation gebastelt und sonst habe ich damals schon angefangen, eben frei für Verlage zu arbeiten, Übersetzungen gemacht und Verlagsgutachten, Klappentexte geschrieben und so ein Zeug. Aber das wollte ich mir dann halt möglichst interessant machen, diese Zeit und jetzt nicht über ein Gedicht von Goethe, die 500. Abballenung schreiben, sondern ich dachte eben immer, wie bei meinen Büchern auch, das, was mich interessiert, die Fragen, die mich interessieren. Und damals gab es viele Peepshows in Deutschland, in jeder Fußgängerzone gab es Peepshows. und mich hat irritiert, Dieser Widerspruch, dass auf der einen Seite wir eine unglaubliche Veröffentlichung von Sexualität haben, FKK-Strände und sowas, das sind in der DDR noch mehr als bei uns und gleichzeitig diese unglaubliche Kontrolle über Sexualität. Das ist eigentlich ein Widerspruch. Und dann bin ich auf die These gekommen, wahrscheinlich liegt das daran, die Veröffentlichung der Sexualität setzt eigentlich voraus, dass diese Selbstkontrolle schon so funktioniert. Weil sonst hätten wir Sodom und Gomorra und alle würden übereinander herfahren. Und das heißt, das ist nicht so, weil wir alle so unglaublich sexy drauf sind, haben wir diese sexuelle Freiheit. Nein, weil wir unsere Triebe so sehr unter Kontrolle haben, können wir uns diese Öffentlichkeit leisten. Und da wollte ich wissen, wo hat das angefangen? Und das hat angefangen im französischen 18. Jahrhundert. Dass man auf der einen Seite im Gegenzug zur theologischen Tradition erstens gesagt hat, wir wollen das Glück auf Erden schon haben. Das Paradies auf Erden, das war eine unglaubliche Provokation zur theologischen Tradition. Da war das irdische Yamata dafür da, sich für das jenseitige Paradies zu qualifizieren. Und dann noch das Glück in der eigenen Leiblichkeit. Das war natürlich das Allerschlimmste. Und dann habe ich so Bücher gelesen, wie beispielsweise Le Diable au corps, der Teufel im Leib. Das drückt ja genau das aus. Das ist der Stachel des Fleisches, der in uns löckt. Und dann habe ich gesehen, wie aber schon in diesem 18. Jahrhundert sozusagen zeitgleich mit dieser Propagierung, der Luststeigerung, des Anspruchs, ich habe das Recht, glücklich zu sein und sogar in meiner Sexualität glücklich zu sein, hinter dem Rücken der eigenen Vernunft diese Triebbremsen eingebaut wurden. Und diese Sachen wie Onanieren führt zu Blindheit oder Rückenmarkschwund oder sowas, das ist nicht eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Das ist genau gleich parallel in dem 18. Jahrhundert erfunden worden, sodass man sozusagen mit medizinischen Argumenten die theologischen Vorbehalte wiederholt hat. und das also auch da schon abzusehen war, erst... Wenn man die eigene Triebhaftigkeit unter Kontrolle hat, kann man sich diese Explosion leisten. Und meine These war, die propagierte Luststeigerung mündet einen in eine Triebkontrolle. Das ist diese Dialektik der Aufklärung auf sexueller Basis. Darüber habe ich meine Doktorarbeit geschrieben, war sehr schön. Und mein Körnchen und Sterblichkeit habe ich mit dieser Doktorarbeit, nicht mit meinen Romanen, sondern mit der Doktorarbeit erlangt. Weil in der letzten gedruckten Ausgabe des Brockhaus... ist unter dem Stichwort Pornografie der Eintracht weiterführende Literatur. Peter Prange, das Paradies im Boudoir, Glanz und Elend der erotischen Aufklärung.

Joël Kaczmarek: Aber ich habe noch nie so darüber nachgedacht, du hast komplett recht. Ich sehe das immer in den USA. Wenn man, wie ich ja, in den Videospielen nicht abgeneigt ist, finde ich es eine unglaubliche Ironie, dass Amerikaner Sexszenen signifikant härter zensieren als Gewaltszenen. Also muss man mal darauf achten. Es ist total okay, jemanden umzuschießen, aber wenn du so, weiß ich nicht, GTA spielst, Prostituierte im Auto war ja damals so ein Thema, das geht gar nicht.

Peter Prange: Und du hast dabei auch das Phänomen, dass die Verbalerotik in amerikanischen Filmen extrem und exzessiv oft ist.

Joël Kaczmarek: Ja, stimmt.

Peter Prange: Aber wer ein Nippel wird gezeigt. Also völlig gaga.

Joël Kaczmarek: So, aber jetzt mal der Traumpalast. Ich habe vor 30 Minuten schon aufgegeben, diesem Gespräch hier noch eine signifikante Struktur zu geben. Aber einen Ansatz frage ich noch. Ein Buch, was ist die Geschichte dahinter und dann wollen wir natürlich auch mal einen Blick auf die Gegenwart, weil wir sagen, heißt ja auch Kunst trifft digital, das interessiert uns ja natürlich auch, was man aus dem Traumpalast für die Gegenwart lernen kann.

Peter Prange: Also wie ich auf diese Geschichte gekommen bin, eigentlich durch eine Familie in Deutschland, die Geschichte der Nazizeit und das führt natürlich sofort zu der Frage, wie kann es denn eigentlich möglich sein, dass ein Kulturvolk wie Deutschland mit Kant und Goethe und Schiller und Hegel und so weiter im geistigen Gepäck, wie kann ein solches Volk dieser Barbarei verfallen?

Joël Kaczmarek: Die, by the way, auch alle ziemliche Rassisten waren, die du gerade genannt hast. Ja,

Peter Prange: gut, aber das ist sozusagen immer aus der jeweiligen Perspektive zu betrachten. Wir können nicht mit heutigen Maßstäben die Menschen der Vergangenheit beurteilen. Und wie ist es möglich, dass eben diese Kulturnation einer solchen Barbarei verfällt? Das führt natürlich in die 20er Jahre und meine Deutung der 20er Jahre ist, die Weimarer Republik war das größte Freiheitsexperiment, das es je auf deutschem Boden gegeben hat. Mit dem Ende des Kaiserreichs gab es die Revolution. wurde die Republik ausgerufen. Es gab erstmals freie Wahlen, nicht nur für Männer oder Stände oder sonst was, sondern für alle Männer und Frauen, egal welchen Standes, ein Mensch, eine Stimme. Gleichzeitig aber auch eine Befreiung in der ganzen Gesellschaft, eine Befreiung in den Künsten, Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus, die Befreiung in der Musik. Amerikanische Jazzmusik ist erstmals hier rübergekommen. Alles revolutionäre Sache, bis hin auch Freiheit in der Liebe. Wir haben in den 20er Jahren eine Libertinage wieder erleben. die seit dem französischen 18. Jahrhundert eigentlich nirgendwann mehr gewesen ist. Mit offenen Dreierbeziehungen, mit polyamorösen Verhältnissen, Homosexualität zwischen Männern und Frauen, alles durchgespielt, alles, womit wir heute noch glauben, sehr progressiv zu sein, alles in den 20er Jahren. Ich bezeichne die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts eigentlich als das Versuchslabor des ganzen 20. Jahrhunderts. Das ist dadurch exerziert worden, aber wir erleben dann am Ende des Jahrzehnts auf einmal einen völligen Rückfall. Und zwar ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise, einen völligen Rückfall dieser Menschen aus ihrem Freiheitsrausch. Weil, meine These, diese Menschen waren ja im Gebrauch der Freiheit nicht geübt. Und als die wirtschaftliche Drucksituation sehr stark war, haben sie die Kehrseite der Freiheit kennengelernt, nämlich Unsicherheit. Und Unsicherheit macht die Menschen empfänglich für Angebote, wie man mit einfachen Mitteln wieder Sicherheit herstellen kann. Und das war genau der Punkt. Und zack,

Sebastian Krumbiegel: kommt der Führer und sagt, da geht's lang.

Peter Prange: Und das war die Chance. Und Hitler, das kann man nachvollziehen, das habe ich also im historischen Studium, kann ich das untermauern, hat gezielt auf die Chaotisierung der Verhältnisse hingearbeitet. Er hat einmal gesagt, die Zeit ist noch nicht reif für mich, weil das Chaos noch nicht so weit ist. Und hat abgewartet, bis es so weit war, dass die Menschen so verunsichert waren, dass sie ihre eigene Freiheit preisgegeben haben. Und das ist, dass ich habe eben gesagt, wir kommen vielleicht nochmal auf den Begriff der Machtergreifung zu sprechen. Die Machtergreifung von Hitler war keine Machtergreifung, sondern ein Mythos, den Hitler selbst erfunden hat. Weil Hitler ist in freien Wahlen gewählt worden. Und deshalb sind die 20er Jahre für mich eine Entwicklung vom Freiheitsrausch in die kollektive Selbstentmündigung. Und diese Geschichte, wie will ich die erzählen? Da wird es natürlich schwierig, so einen abstrakten Gedanken in eine Geschichte hineinzubringen, dass man die erlebbar macht. Weil es geht mir immer in meinen Romanen zu zeigen, wie Menschen Geschichte erleben. Nicht wie sie Geschichte reflektieren oder so, wie sie sie erleben, durchleben, durchleiden und manchmal auch ihre Vorteile aus der Geschichte ziehen.

Sebastian Krumbiegel: Und deswegen Ufa?

Peter Prange: Da kommt ein Zwischenschritt und der ist jetzt wieder ein Geschenk des Himmels. Ich habe dann überlegt, mit was für Figuren und dann in meinem ersten Roman das Bernstein-Amulett. Das fängt mit einer Hochzeit an und die Eltern des Bräutigams sind ein auffälliges Paar. Sie ist eine ehemalige Ufa-Schauspielerin, die im Rollstuhl sitzt. Und er ist ein ehemaliger Lebemann und Finanzjongleur, der zum Zeichen seines frühen Lebensmantels noch eine Nelke im Knopfloch hat. Aber die ist so falsch, wie das Gebiss in seinem Mund. Es ist ein gebrochener Mann. Und da habe ich mich gefragt, was ist mit diesen Figuren eigentlich? Die kommen nur ganz klein im Bernstein-Amulett vor. Da habe ich so pittoresk da hingesetzt. Und die sind mir eingefahren. Und da habe ich gesagt, das war dann auch so eine Intuition, wo ich dann gesagt habe, jetzt sofort erste Idee folge ich und die ist gut. Das wusste ich. Eine Schauspielerin Ufa, 20er Jahre, ist klar, dass das eine große Sache war, aber genau das wusste ich überhaupt nicht. Und dann habe ich eben gesagt, so die Geschichte dieser Ufa-Schauspielerin möchte ich wissen. Da habe ich dann eine junge Frau rausgemacht, Halbjüdin, die eigentlich Journalistin werden will und dann auf Umwegen zum Film findet, nämlich als Journalistin soll sie über ein Showformat, das es damals gegeben hat, vergleichbar heute Karaoke, wo sich Leute auf der Bühne zum Affen gemacht haben als Schauspieler. Die mussten dann irgendwelche Sketche auf Zuruf produzieren und der Witz bestand darin, dass sie sich zum Affen gemacht haben. Und diese Rahel kommt als Journalistin in so eine Kneipe rein und soll darüber berichten. Dann kommt sie auf die Bühne und macht das so gut, dass sie dadurch für einen Film entdeckt wird. So wurde sie Schauspielerin. Und ihr Gegenpart, mit dem sie vorher schon zusammen war.

Sebastian Krumbiegel: Der Knopfloch, der Nelkenmann mit dem falschen Gebiss.

Peter Prange: Das ist ein Bankier, ein Lebemann, der vorher der totale Frauenabräumer ist, der sich in diese Frau verliebt und der ist der Finanzdirektor der UFA. Und deshalb kann ich aus dieser doppelten Perspektive, aus der wirtschaftlichen wie aus der künstlichen Perspektive, ...perspektive, das Bindeglied zwischen den beiden ist die historische Figur Erich Pommer. Das war der bedeutendste Produzent, den es je in Deutschland gegeben hat. Ein jüdischer, deutscher Produzent, der Filme gemacht hat wie Dr. Caligari, wie Metropolis, wie Dr. Mabuse, Der blaue Engel und, All diese großen ikonografischen Filme der 20er Jahre sind von Erich Pommer produziert worden. Der ist der Spiritus Rektor dieser ganzen Zeit gewesen. Und dann habe ich mich eben mit der UFA genauer beschäftigt und dabei war es... Unglaubliches entdeckt, nämlich, dass die UFA erfunden wurde von jemand anderem als von General Ludendorff. Muss man sich vorstellen. General Ludendorff, der zweitmächtigste Militär des Kaisersreichs, der hat die UFA erfunden und zwar als Propagandamaschine des Militärs, um die gesunkene Kriegsbegeisterung wieder zu schüren in Deutschland. Und als dann der Krieg verloren war, gab es einen Herrn von Staus, das war der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, die waren engagiert finanziell in der UFA und haben gesagt, was machen wir denn jetzt hier mit diesem Scheißunternehmen? Mit Propaganda kannst du kein Geld verdienen, machen wir jetzt. Dann hat er gesagt, Kunst und Unterhaltung, das könnte die Zukunft sein. Und dann hat der dafür gesorgt, dass jemand wie Herr Pommer Geld in Hülle und Fülle hatte und hat dann diese großartigen Sachen gemacht. Das heißt, diese Freiheitsexplosion erleben wir hier auf dem Gebiet der Kreativität, der filmischen Kreativität. Die Freiheit explodiert in diesen großartigen Filmen, die damals entstanden sind. Diese Explosion führte zum Größenwahn, weil dann wollte Erich Pommer und die UFA mit Hollywood konkurrieren. Und daran sind sie 1927 finanziell kaputt gegangen. Sie waren pleite. Und jetzt gab es nur einen, der sie retten konnte und das war Alfred Hugenberg. Alfred Hugenberg war der größte Pressezar der damaligen Zeit und gleichzeitig der Vorsitzende der rechtsradikalen DNVP, der Deutschen Nationalen Volkspartei. Und dieser Mann saß seit zehn Jahren wie die Spinne im Netz und wollte die UFA haben, weil er nämlich bei der Gründung der UFA ausgebotet worden war. Der wollte sich damals schon beteiligen, weil er kapiert hatte, der Film ist die Zukunft, wurde aber ausgebotet von Ludendorff. Und der hat sich dann die UFA unter Nagel gerissen 1927 und dann hat er die umgekrempelt und 1933 war die UFA bereits gleichgeschaltet, noch bevor die allgemeine Gleichschaltung der Kultur erfolgte. Und dieser Hugenberg war der erste Wirtschaftsminister von Hitler. und der hat dann die UFA praktisch dem Hitler auf dem... silbernen Tablett serviert und ab dem Moment war die UFA das, was sie ursprünglich werden sollte, nämlich eine Propagandamaschine, nicht mehr für das Kaiserreich, sondern für die Nazis.

Sebastian Krumbiegel: Jetzt lassen wir noch die Idee weiterführen, was du heute am Anfang gesagt hast, dass du gesagt hast, du betrachtest historische Dinge, die passiert sind und versuchst eine Brücke zur heutigen Zeit zu schlagen. Es ist ja ein alter Hut, dass viele Leute sagen, Die 20er Jahre, die Geschichte der Weimarer Republik, es ist zwar nicht so extrem, dass sich das heute so eins zu eins wiederholt, aber es gibt durchaus Parallelen. Und heute wissen wir ja auch, dass viele Menschen nach dem sprichwörtlichen starken Mann rufen und dass viele Menschen eben mehr Ordnung, mehr Sicherheit brauchen und dass dabei die Freiheit vor die Hunde geht. Also ist das für dich immer auch ein Gedanke, den du im Hinterkopf hast und den du dann sozusagen versuchst, indem du Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählst, heutige Zeiten zu reflektieren?

Peter Prange: Das würde ich nicht machen. Ich möchte erst einmal diese vergangene Zeit richtig in ihrem eigenen Funktionszusammenhang verstehen. Aber ich glaube, wenn man sich damit beschäftigt hat, könnte man sensibilisiert werden für die Mechanismen, die heute greifen. So rum, dass wir in der Weise aus der Geschichte lernen können. Das Prinzip, das damals tätig war und das ein Stück weit auch heute zu beobachten ist. Ich habe ja gesagt, es ging mir um die Frage, wie konnte es zu Hitler kommen in dieser Kulturnation. Die Antwort ist in einem Satz, die Verführbarkeit von Menschen in prekären Zeiten. Wenn die Zeiten prekär sind oder als prekär empfunden werden, das ist aber für den Einzelmenschen dasselbe, dann wird er ängstlich, weil er Sicherheit verliert. Die Zukunft ist nicht mehr berechenbar. Ich weiß nicht, wie ich morgen mein Geld verdienen soll, wie ich meine Kinder ernähren soll und sowas. Und je größer die Unsicherheit wird, umso eher sind die Menschen bereit, auf ihre Freiheit zu verzichten. Und das ist etwas, was wir heute ja auch beobachten. Wir haben eine Verunsicherung gehabt bei der Finanzkrise, wir haben eine Verunsicherung gehabt bei der Eurokrise, wir haben eine Verunsicherung gehabt bei der Migrationskrise und wir haben eine Verunsicherung bei Corona. Und immer in diesen Zeiten der Verunsicherung sind die Menschen tendenziell bereit, ihre Freiheit wieder zu opfern. Und das ist dann gar nicht von außen auferlegt, das muss gar nicht von außen durchgedrückt werden, sondern die Menschen, so wie eben, wie ich gesagt habe, Hitler war das Ergebnis einer Selbstentmündigung des deutschen Volkes. Die Menschen sind dann bereit, sich selbst zu entmündigen, die Freiheit wieder jemand anders zu geben, weil Freiheit immer verknüpft ist ja mit Verantwortung. In Zeiten von Unsicherheit habe ich das Gefühl, ich kann eigentlich die Verantwortung für mein eigenes Leben nicht mehr meistern. Dann bin ich bereit, sie in fremde Hände zu geben. Und dann ist der Punkt da für Demagogen, die sagen können, hier, ich habe die Lösung, schließ dich mir an, dann brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen, dann wird alles wieder gut.

Joël Kaczmarek: Bei Corona war ja eigentlich fast sogar so ein Gegentrieb, dass es so eine ganze Ecke an Leuten gab, die gesagt haben, jetzt kommt hier der Staat. Da gibt es eigentlich ganz lustige Beispiele mit dieser Luca-App ja auch, dass sich Leute tierisch aufgeregt haben. Nein, ich nehme nicht die Corona-Warn-App, die durchschnorcheln alles und dann fragt man die, hast du die Luca-App? Ja, hab ich. Wenn man mal Digitalisierung auch betrachtet, ist es dann... Immer noch so, weil da hast du ja auch nochmal ganz andere, das müsste ja eigentlich auf Steroiden dann passieren.

Peter Prange: Also erstmal kann man geschichtlich feststellen, jeder Trend hat immer einen Gegentrend. Aber man muss natürlich die Proportionen sehen. Wenn wir heute, haben wir ein paar Querdenker, aber das ist ja eine verschwindend kleine, also ein Teil an der Bevölkerung.

Sebastian Krumbiegel: Aber sehr laut.

Peter Prange: Sehr laut, aber nicht sehr stark. Weil der größte Teil der Bevölkerung, da gibt es ja gesicherte Zahlen dazu, die haben ja auch in Zeiten des Lockdowns noch gesagt, die Maßnahmen müssen eigentlich viel härter werden. Es war ja überhaupt nicht so, dass der Großteil der Bevölkerung sich dagegen versperrt hat. Auch was Datenschutz anbelangt, die heilige Kuh vor fünf Jahren noch, man durfte doch gar nichts machen. Das waren die Datenschützer, die ein besseres Instrumentarium verhindert haben. Das waren aber nicht mehr die Menschen. Die Menschen waren alle durch die Bank bereit, auf ihre Datenschutzrechte zu verzichten und hätten... liebend gerne irgendwelche digitalen Möglichkeiten gehabt, mit der Verknüpfung eben diesen Corona-Bedrohung entgehen zu können. Aber ich glaube, dass diese These, dass Freiheit gekoppelt ist an Sicherheit, solange ich mich sicher fühle in meinem Leben, will ich maximale Freiheit haben. Ist diese Sicherheit aber gefährdet, dann bin ich sehr schnell bereit, meine eigenen Freiheitsrechte von mir aus aufzugeben.

Joël Kaczmarek: Wo findest du diese Ästhetik der Gedanken? Das ist ja faszinierend. Also diese Hypothesen entwickelst du dir selber, nimmst du die aus Gesprächen mit?

Peter Prange: Ich bin ein alter Mann. Ich meine, irgendwas zu irgendwas muss das Alter ja gut sein. Also ich bin ein Geschichtenerzähler, aber natürlich bin ich auch ein reflektierter Mensch. Ich habe ja auch mal Philosophie studiert, dass ich mich zwischendurch auch mal frage, ja, was heißt denn das jetzt eigentlich alles? Ich schreibe erstmal die Geschichten und lasse mich dabei leiten von der eigenen Faszination für die Geschichte. Und der Geschichte folge ich und ich verfolge sie in alle ihre emotionalen Verwirrungen. Und das ist ja auch das, was mich interessiert. Ich glaube nicht, dass der Mensch ein rationales Wesen ist, sondern die Rationalität des Menschen ist lediglich ein Ausführungsorgan seiner Emotionalität. Und deshalb verfolge ich so Menschenschicksale, wie sie nun mal sind und nicht nach rationalen Kriterien, aber hinterher gucke ich mir das dann doch an und versuche daraus eine Abstraktion zu machen. Und was ist denn etwas, was ich daran erkennen kann? Dieser Zusammenhang von Freiheit, Verantwortung und Sicherheit, das ist glaube ich, wenn man das in drei Begriffen mal beschreiben will, eigentlich die große Bewegung, die wir da in den 20er Jahren erlebt haben und etwas, was ich... heute bei uns auch wieder erkennen lässt. Aber es gibt auch große Unterschiede. In den 20er Jahren konnte dann Hitler an die Macht gelangen, weil die Institutionen alle unterwandert waren. Die Institutionen haben nicht standgehalten.

Sebastian Krumbiegel: Er hat ja auch viel weggeräumt, muss man ja auch klar sagen. Aber sie haben sich auch wegräumen lassen. Ja, na klar. Ich glaube, wir hätten uns alle wegräumen lassen.

Peter Prange: Aber die Institutionen, also Gewaltenteilung, die Gerichtsbarkeiten, alles das ist ja sehr schnell unterspült worden und ist auch leichtfertig unterspülbar gewesen. Und das hält heute wesentlich mehr Stand, als das früher der Fall war. Das haben wir auch in Amerika erlebt. Ich meine, selbst so ein Irrer wie Trump, der sich einen Scheißdreck um Demokratie und Grundrechte und dergleichen gekümmert hat, ist aber gegen die Institutionen nicht angekommen.

Sebastian Krumbiegel: Wenn ich da kurz einhacken darf, weil das war jetzt gerade vor ein paar Tagen die Meldung, dass... Texas, glaube ich, ein neues Abtreibungsgesetz verabschiedet hat. Und zwar dadurch, dass der Supreme Court durch Trump mit wirklich extrem, ich möchte mal sagen, nicht konservativen, sondern reaktionären Menschen besetzt worden ist. Das heißt, dass heute in Texas und auch in einigen anderen Bundesstaaten, in Vereinigten Staaten Abtreibungen bis zur sechsten Woche, wo viele Frauen das gar nicht merken, dass sie schwanger sind bis dahin, ab da ist es schon verboten. Auch wenn durch Vergewaltigung, durch Inzest, wenn dadurch irgendwie eine Schwangerschaft stattfindet. Es ist heute dann in diesen Staaten nicht mehr möglich. Und das liegt daran, dass Trump eben genau das geschafft hat. Dass er den Supreme Court, also diese Institution, wirklich dann verändert hat. Und dadurch demokratische Grundrechte mit Füßen tritt.

Peter Prange: Aber er hat sich nicht durchsetzen können. Gott sei Dank. Also auf dem Wege war er.

Sebastian Krumbiegel: Er hat sich schon da durchgesetzt, dass jetzt die Gesetze so gemacht werden.

Peter Prange: Aber der oberste Gerichtshof hat ja sämtliche Klagen von ihm wegen Wahlbetrug abgeschmettert. Und sogar die Richter, die er selbst noch ernannt hat. Aber ich gebe dir völlig recht, wenn der jetzt noch vier weitere Jahre gehabt hätte. Und da müssen wir echt sagen, Corona sei Dank. Ohne Corona wäre Trump an der Macht geblieben. Das ist überhaupt keine Frage. Und dann hätte der natürlich diesen Prozess weiterverfolgt, dass er sämtliche Institutionen systematisch mit seinen Leuten besetzt hätte. Und dann sähe die Welt nochmal ganz anders aus. Aber das ist gerade sozusagen nochmal 5 vor 12 ausgebremst worden.

Joël Kaczmarek: Sagt man aber eigentlich, dass der schon sozusagen die Kräfte sammelt für den nächsten Anlauf.

Peter Prange: Ja, das tut er. Und leider mit guten Aussichten, nachdem das jetzt derartig chaotisch gelaufen ist in Afghanistan.

Joël Kaczmarek: Ja, Krieg und US ist ja auch mal so ein Thema. Was hast du so gelernt über deine eigene Lebensrealität heute, wenn du dir den Traumpalast anguckst? Was hast du da für dich mitgenommen in der Gegenwart? Kannst du da Sachen auch abstrahieren und sagen, damit gehst du dann anders mit deiner Welt um?

Peter Prange: Wir sollten immer mitreflektieren, was es bedeutet, wenn wir... uns unserer eigenen Freiheit begeben. Nämlich im Endeffekt, dass wir das, was wir jetzt dann tun, nämlich unsere Stimme abgeben, irgendwann nicht mehr dürfen. Und das sollte doch jedem sehr schwer zu bedenken geben, wem er seine Stimme gibt. Ich finde, es gibt eine wunderbare Definition von einem westdeutschen Kabarettisten aus den 60er Jahren. Werner Fink hieß der. Und der hat mal gesagt, ich finde jede Regierung gut, bei der ich mich auf die Straße... und sagt, was für eine Scheißregierung. Also das ist für mich so ein ganz einfaches Kriterium. Überall, wo ich sagen darf, was ist das für eine Drecks- und Scheißregierung, ist die Regierung in Ordnung. Ob sie mir persönlich gefällt oder nicht, das ist doch wirklich das Entscheidende. Und deshalb, wenn ich diesen Mist höre, wir leben in einer Merkel-Diktatur oder so etwas, das ist doch hanebüchen. Diese Menschen haben vom Freiheitsrecht noch... keinen blassen Schimmer, wenn sie das Tragen einer Schutzmaske mit dem Entzug von Freiheit vergleichen. Das ist einfach nur noch idiotisch und kindisch und kann man nicht ernst nehmen, wenn es nicht so gesellschaftspolitisch relevant wäre.

Joël Kaczmarek: Was machst du eigentlich außer Buchschreiben? Berätst du auch? Ich finde, dein Wissen würde ja eigentlich prädestinieren, es auf andere Kontexte zu übertragen.

Sebastian Krumbiegel: Du saugst die ganze Zeit auf, ich merke das schon. Ja, das finde ich schon geil.

Peter Prange: Ich war mal Unternehmensberater.

Joël Kaczmarek: Echt?

Peter Prange: Ja, guck. Wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe nach meiner Promotion und während meiner Promotion ebenso alle möglichen schriftlichen Sachen gemacht. Gutachten geschrieben, Übersetzung gemacht und so. Und dann hat ein Freund von mir den Auftrag, ein Heft für den Playboy zu machen. Und zwar, der sollte sein wie der Playboy, geschrieben sein mit hübschen Mädchen, aber den Playboy selbst zum Gegenstand haben. Und darin sollte geworben werden für Firmen, dass sie im Playboy werben. Und da habe ich die Texte für geschrieben, weil ich war ja staatlich geprüfter Erotologe. Habe ich dann auch einen Aufsatz geschrieben über Erotik und Werbung, ewig lockt das Weib und so etwas. Und das ist einem ehemaligen Mövenpick, Generaldirektor und damaligen Ministerpräsidenten. Marketing-Professor aufgefallen und der hat dann gesagt, er wollte schon immer mal ein Buch schreiben mit jemandem aus der Kultur über Visionen in Management und Marketing. Damals war es ein bisschen Mode, solche Themen auch mal aus philosophischer Sicht zu beleuchten. Und ich war damals in der Lebensphase, wo ich gesagt habe, also Learning by Earning. Ich habe alles Mögliche gemacht, womit ich halt Geld verdienen konnte. Und das war immer so Buchstaben aneinanderführen. Und Wirtschaft fand ich schon immer gut. Ich war gerne in Kneipen. Und dann habe ich gesagt, dann lerne ich meine Wirtschaft auf andere Weise kennen. Und dann haben wir dieses Buch geschrieben, das hieß Zukunft im Kopf. Und das war ein erfolgreiches Wirtschaftsbuch. Und dann hat dieser Herr Kasimir Marja, ein gebürtiger Ungar, hat dann gesagt, und jetzt machen wir zusammen Veranstaltungen. Und dann stand ich da, die Hosen gestrichen voll, vor... Hunderten von Bankern, Unternehmern und habe denen dann Vorträge über Personalführung und solche Sachen, strategische Ausrichtung, Entwicklung von Einmaligkeitsprofilen, Unternehmensverfassungen, Leitbildern. Das waren so die Tätigkeiten, in denen ich mich da bewegt habe.

Joël Kaczmarek: Das macht aber auch total Sinn, weil was du vorhin gesagt hast mit irgendwie das Verhältnis zwischen Eigenverantwortung, Freiheit und Sicherheit, das kannst du auf Unternehmen einzuhalten und übertragen. Absolut, ja, ja. Natürlich.

Peter Prange: Ich habe auch in dieser Tätigkeit als Unternehmensberater, habe ich viel für meine schriftstellerische Tätigkeit gelernt, weil als Berater wird man immer ins Haus geholt, wenn Feuer am Dach ist. Und da lernt man Menschen natürlich auch wieder in besonderer Weise kennen. Und dieses Verhältnis von Freiheit und Verantwortung ist natürlich etwas, da habe ich mich viel damals mit beschäftigt und habe immer gepredigt, ihr könnt Verantwortung nur fordern von Menschen, denen ihr vorher Freiheit gegeben habt. Du kannst nicht jemanden zur Verantwortung ziehen, wer vorher nicht die Freiheit der Entscheidung gehabt hat. Also wenn ihr wollt, dass die Leute eigenverantwortlicher handeln, müsst ihr sie frei handeln lassen, auf eigenes Risiko. Und das waren so Themen, die ich sozusagen auch mit meinem philosophischen Background dann einigermaßen sinnvoll in Unternehmen dann auch einbringen konnte.

Joël Kaczmarek: Woher kommt deine Empathie?

Peter Prange: Ich habe Bluthochdruck. Seit 25, aber ohne Scheiß, genau seit ich nichts anderes mehr mache als Bücher schreiben. Ich jage mich emotional immer so auf die Palme tagsüber beim Schreiben, weil ich durchlebe alles das, was meine Figuren erleben. Und im Roman wird halt intensiver gelebt und vor allem verdichteter intensiv gelebt als im normalen Leben. Und wenn ich nicht so intensiv in meine Figuren reingehe, dass ich das selbst miterlebe, dann merke ich am nächsten Tag, das ist jetzt... Dünne Suppe kannst du mal gleich nochmal neu schreiben, wenn ich mal so routiniert was runterschreibe. Das ist einfach nichts. Ich muss da rein. Aber deshalb bin ich eben auch immer so auf der Palme am Abend, dass ich dann also erstens seit 25 Jahren jetzt Blutdruckmittel nehme und zweitens zwei Liter Bier in mich hineinleiten muss.

Sebastian Krumbiegel: Das ist eine sehr kluge Kombi.

Peter Prange: Ja.

Joël Kaczmarek: Ich habe gerade auch gedacht, deine 130 sind durch so Bluthochdruckmittel aber stark gefährdet.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe gerade nochmal darüber nachgedacht, wie du sozusagen wahrgenommen wirst und wie du auch medial wahrgenommen wirst. Also mal eine komische Frage vielleicht. Feiert dich das Feuilleton? Feiert dich Boulevard? Heißt dich das Feuilleton, sagen die irgendwie trivial?

Peter Prange: Genau.

Sebastian Krumbiegel: Aber das Boulevard feiert dich?

Peter Prange: Ja, feiern ist jetzt übertrieben. Du bist ja ein erfolgreicher... Ich bin erfolgreich. Vor allem mögen mich Leserinnen und Leser. Das ist mir das Allerwichtigste. Davon leben wir ja letztlich. Aus welchen Gründen die mich lieben, kann ich natürlich nie so genau sagen.

Sebastian Krumbiegel: Hättest du gern, dass das Feuilleton sagt, hey geil,

Peter Prange: Peter Prange ist so der... durchschnittlich waren und jetzt im Feuilleton die genummern sind. Also, nee.

Sebastian Krumbiegel: Beides ist schon geil. Also ich habe jetzt gerade jetzt, wenn ich das wieder mal von mir anfangen darf, ja. Wir diskutieren innerhalb der Band zum Beispiel darüber, gehen wir zu einer Sendung von Florian Silbereisen oder beschädigen wir damit uns als Band imagemäßig, ja. Wir bilden uns eine Meinung und gucken da und dann kommt immer das Argument von irgendjemandem in der Band, der sagt, ja, wir können das ruhig machen, weil es kommt ja auch gleichzeitig Aspekte zu uns. Wir haben sozusagen beide Fronten. Das ist natürlich das Nonplusultra. Das ist natürlich irgendwie, also natürlich muss Musst du auch auf deine Glaubwürdigkeit achten. Du musst irgendwie gucken, dass du dir nicht Leute verprellst. Aber am Ende denke ich immer, solange du dein Ding machst, wenn du natürlich dann wirklich das Glück hast, eben die Kultur dich feiert und das Föhrtorn dich feiert und dich aber gleichzeitig die Leute sich Tickets und Tonträger kaufen und dich feiern, dann ist eigentlich alles cool. Und deswegen war die Frage, ich wusste es wirklich nicht übrigens, weil so wie du hier redest, hätte ich auch gedacht irgendwie, ey, das Föhrtorn, das sagt, hey, der Prang, der ist ja irgendwie... Nein,

Peter Prange: ich äußere mich ja hier viel reflektierter, als ich das in meinen Büchern tue. In meinen Büchern habe ich ein sehr einfaches Prinzip. Ich möchte komplexe Geschichten einfach erzählen, ohne simpel zu werden. Das ist aber im deutschen Feuilleton einfach und simpel identisch. Weil ich einfach die Geschichten einfach erzähle, dass auch wirklich sehr einfache Menschen, die aber nicht doof sind, aber die nicht so gebildet sind, die keinen großen historischen Background oder so, ich bilde mir ein, dass meine Bücher auch sehr einfache Menschen lesen können. Ich kenne auch in Tübingen, ich lebe ja da in Tübingen, sehr viele Professoren, die meine Bücher lesen. Die ganzen Klugscheißer. Ja. Und die können auch was da drin entdecken. Aber das Feuilleton ist eher so gestrickt, wenn einer verständlich und einfach erzählt, dann ist es ein Simpel. Deshalb komme ich im Feuilleton nicht vor. Dank meiner Dissertation brauche ich das auch nicht mehr, weil ich habe über meine fabelhafte Dissertation innerhalb von einer Woche eine große Besprechung in der Neuen Zürcher Zeitung, in der FAZ, gab es. Mehr ist ja sowieso nicht zu holen. Deshalb ist es mir eigentlich das Schönste, wenn ich merke, dass ich die Menschen erreiche, wenn ich die Menschen wirklich berühre. Und ich glaube, das tue ich bei recht vielen Menschen. Und mein Narzissmus reicht nicht so weit, um den Beifall von Leuten zu erheischen, deren größte Kunst darin besteht, kompliziert zu sein. Weil kompliziert sein kann jeder Idiot oder sagen wir jeder intelligente Idiot. Aber einfach sein, das ist meiner Meinung nach wirklich die Kunst. Also ich erzähle wirklich sehr komplexe Geschichten in der Verwobenheit auch individueller Schicksale mit komplizierten, oft schwierigen historischen Zusammenhängen, erzähle die aber so, dass die dann hinterher einfach konsumierbar sind. Und das setzt bei mir sehr viel Schweißarbeit voraus. Ich schwitze bei der Arbeit, aber diesen Schweiß soll keiner mehr riechen hinterher.

Sebastian Krumbiegel: Im Ergebnis.

Joël Kaczmarek: War das nicht Goethe, der gesagt hat, es tut mir leid, dass ich dir so einen langen Brief geschrieben habe, ich hatte keine Zeit, um einen kurzen zu schreiben?

Sebastian Krumbiegel: Mark Twain war das. Ich hatte gerade ein Flashback. Wir hatten vor einem Jahr, glaube ich, Sebastian Fitzek im Podcast, was für mich ein total interessantes Gespräch war, weil ich ihn auch damit konfrontiert hatte. Ich hatte vorher mitgekriegt, dass Denis Scheck ihn irgendwie total zerrissen hatte. Und habe ihn eben auch gefragt und er hat sehr ähnlich geantwortet wie du. Und natürlich, ich kenne die Argumentation auch immer.

Peter Prange: Sebastian und ich kennen uns seit 20 Jahren.

Sebastian Krumbiegel: Sag wirklich liebe Grüße. Das war für mich ein interessantes Gespräch damals. Und ich habe jetzt so ein bisschen Flashback gehabt. Also ja, wundert mich nicht, dass ihr euch kennt und ich glaube, ihr mögt euch auch.

Joël Kaczmarek: Aber warum findest du digital gefühlt fast nicht statt? Wie kommt es, dass du nicht irgendwie eine riesige virtuelle Followerschaft hast?

Peter Prange: Ich glaube, das hat sowas mit der Altersstruktur meiner Leser zu tun. Also es ist mehr und mehr zu sehen. Ich merke das bei jeder Lesung. Das sind eigentlich nur noch Silberhaare, die da zu Lesungen kommen. Die Leute sind zum Teil eben auch schon bei Facebook, aber das sind nicht die, die da ständig kommentieren, die ständig liken. Die gucken da mal rein und so. Aber das ist auch bei Sebastian völlig anders. Der hat eine Leserschaft, die sind zwischen 15 und 30 im Wesentlichen. Und das sind natürlich alles total netzaffinen Leute.

Joël Kaczmarek: Aber ich finde, du hast ja diesen Kneipencharme. Also dich will man ja zum Kumpel haben, aber von dir kann man sich auch irgendwie gefühlt in der Philosophie alles erklären lassen. Also eigentlich finde ich, du hast auf jeden Fall das Entertainer-Gen, um virtuell zu funktionieren. Aber klar, die Teenies erreicht man nicht mehr, auch in meinem Alter nicht. Also keiner, der am Tisch sitzt. Aber eigentlich würde ich denken, du müsstest als Präsenzmedium total gut funktionieren.

Peter Prange: Ja, also wenn du hier einen guten Rat zu, wie heißt der hier, Markus Lanz oder so hast, dann sag ihm das. Nein, ich bin sehr zufrieden und dankbar. Also ich habe auch Zeiten gehabt, in denen es mir finanziell schlecht ging, wo Bücher nicht gelaufen sind. Und ich weiß, was für ein unglaubliches Privileg es ist, mit dem einzigen, was ich halbwegs kann und dem einzigen, was ich auch wirklich will, nämlich Geschichten erzählen, dass ich davon wirklich ordentlich leben kann und das jetzt schon seit über 20 Jahren. Da gibt es eine Handvoll Menschen in ganz Deutschland, die das können. Und ich meine, bei euch im Musikgeschäft ist es ähnlich. Ich habe einen Cousin von mir, der hat so ein One-Hit-Wonder gehabt vor 20, 25 Jahren. Das war eine Insel mit zwei Bergen. Der hat das gemacht, war dann ein halbes Jahr Nummer eins rauf und runter. Und danach ist das wieder abgestürzt. Der war zum Glück klug genug, dass er sich dann ein schönes Produktionsbüro gebaut hat und produziert jetzt andere damit. Aber das sind dann solche Höhen und Tiefen. Ich meine, das muss man erst mal aushalten. Auch diese Achterbahnfahrt, das ist heftig. Und dass ich das jetzt seit 20 Jahren machen kann, empfinde ich wirklich als ein geschenktes Sinn.

Sebastian Krumbiegel: Ich habe da ja eine ähnliche Demut, muss ich ehrlich sagen. Weil wir machen das mittlerweile seit 30 Jahren und es ist schon nicht normal, dass du das wirklich so lange durchhältst und dass du auch als Band so lange zusammenhältst. Auch mit allen Höhen und Tiefen natürlich. Aber ich versuche immer, und das sagen wir uns auch bandintern immer wieder, wirklich wie viel Glück wir gehabt haben und wie demütig wir gegenüber unserem Schicksal sein sollten.

Peter Prange: Ja, und das ist auch... Stört mich dann bei so manchen, die dann so raketenmäßig hochschießen und denken dann, das sei alles nur ihre Genialität. Nein, ich kenne so viele Leute, die richtig gut sind, aber die schlicht und ergreifend nicht das Glück gehabt haben, mit irgendeiner Idee zur richtigen Zeit da gewesen zu sein, sondern einfach zur falschen Zeit da war. Und deshalb in der Versenkung verschwunden sind, obwohl sie super Sachen gemacht haben. Natürlich, wir sind ja alle überdurchschnittlich begabt, aber wir sind alle keine Genies. Um wirklich dann auch noch was... Ja, deine Kollegen schon. Ich meine jetzt hier die hier versammelten.

Joël Kaczmarek: Peter, ich sehe schon, mit dir kann man Pferde stehlen und viel Spaß haben.

Peter Prange: Ich bin mein Leben lang geritten.

Joël Kaczmarek: Echt?

Peter Prange: Ja. Deshalb also Pferde stehlen. Entschuldigung.

Joël Kaczmarek: Nee, ich habe sogar selber mich dabei ertappt, dass ich meiner Tochter so oft Pferdebücher vorlese, dass ich so dachte, man sagt ja immer, das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Irgendwas muss ja da dran sein.

Peter Prange: Da ist was dran.

Joël Kaczmarek: Also ich glaube, wir könnten das hier noch locker signifikant fortführen. Man sagt ja immer, ein Podcast soll eine deutsche Fluginlandslänge haben oder Mallorca maximal. Von daher, vielleicht müssen wir dich nochmal einladen.

Peter Prange: Das würde mich sehr freuen. Das hat mir Riesenspaß gemacht, um bei euch zu sein.

Sebastian Krumbiegel: Ich bin richtig glücklich, dass das so schön war. Darf ich das sagen? Joël hat ja gesagt, ja, ich weiß nicht und so. Und ich habe gesagt, ey, der Typ ist echt ein interessanter Kerl. Und habe wirklich gekämpft, dass du hierher kommst. Und bin da richtig glücklich, dass du das gemacht hast, weil ich wieder echt was gelernt habe jetzt. Und weil ich mich da wirklich drüber freue.

Peter Prange: Das rührt mich fast zu Tränen. Nein, freut mich aber richtig. Ohne Quatsch. Danke.

Joël Kaczmarek: Danke, dass du da warst.

Intro & Outro Speaker: Danke fürs Zuhören beim digital kompakt Podcast. Du merkst, hier ziehst du massig Wissen für dich und dein Unternehmen heraus. Wenn du mit uns noch erfolgreicher werden möchtest, abonniere uns auf den gängigen Podcast. Und hey, je größer wir werden, desto mehr Menschen können wir helfen. Also erzähl doch auch deinen Kolleginnen und Kollegen von uns. Bis zum nächsten Mal.