Jupiter Jones-Sänger Nicholas Müller: Wie du deine Ängste überwinden kannst

6. Juni 2025, mit Joël Kaczmarek

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Joel Kaczmarek: High Five Leute, hier ist Joel und wie immer, ihr kennt das Spiel, eine spannende Person verrät mir ihre fünf Dinge, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. und heute ist das aus dem Bereich Kunst, könnte man sagen. Denn der liebe Nicholas Müller, den hattet ihr bestimmt alle schon mal im Ohr, der ist heute nicht still, weil so heißt einer seiner bekanntesten Songs mit seiner Band Jupiter Jones, sondern der erzählt heute ganz, ganz fleißig, nämlich von seinen fünf Dingen und ich kann dir sagen, heute wird eine emotionale und tolle Folge und deswegen, lieber Nicholas, freue ich mich total, dass du da bist. Hello!

Nicholas Müller: Danke dir, ich freue mich auch. Schauen wir mal, wie weit das mit der Tiefgründigkeit reicht.

Joel Kaczmarek: Was würdest du so sagen, wenn du jetzt mal zurückschaust auf dein Leben bisher, so die Biografie von dir, die dann so bei Hugendubel oder im Buchladen im Regal steht, was würde da bisher draufstehen?

Nicholas Müller: Schulabbrecher, Musiker, irgendwas mit Worten. Ich glaube, im Grunde genommen wäre es tatsächlich eine einigermaßen standardmäßige Musikerbiografie, so ehrlich gesagt, weil das uns ja alle auch so ein bisschen eint, dass wir im Leben schon mal hier und da was erlebt haben.

Joel Kaczmarek: Deine Vita ist die, vor der ich als Kind immer Angst hatte. Also ich wurde immer so gedrillt auf Schule muss gut sein, Karriere, Geld verdienen und du sagtest gerade Schulabbrecher, Musiker. Wie war denn so diese Reise aus dem Innenleben? Ist es wirklich so bewegt, wie es sich anhört oder

Nicholas Müller: Das ist ein sehr individuelles Empfinden. Für mich war es gar nicht so bewegt. Also ich habe eigentlich immer das gemacht, bei dem ich gedacht habe, wenn ich auf so ein Leben blicke, das mich einigermaßen glücklich machen soll, dann müsste jetzt eigentlich das passieren. Ob das jetzt Sinn gemacht hat oder nicht, da sprechen wir tatsächlich auch später noch drüber. Ich habe einen Punkt, der genau darauf abzielt. Also ob das jetzt Sinn gemacht hat oder nicht, das war erstmal nicht so wahnsinnig wichtig für mich. Es war für mich wichtig, was zu tun, was sich wie das andere sinnvoll anfühlt. Irgendwas, was mich mit Sinn erfüllt. Dass das teilweise natürlich katastrophale Auswirkungen auf mein Leben hatte und auf meinen Alltag und so ist auch völlig klar. Das Witzige für mich daran ist, dass ich eigentlich ein wahnsinniges Sicherheitsbedürfnis habe. Also ich bin wahnsinnig gerne sicher in dem, was ich tue und in dem, was ich habe. Also ich sage das immer, ich muss gar nicht jetzt irgendwie den Eurojackpot leer räumen mit 136 Millionen Euro und ganz sicher sein, dass jetzt nie wieder irgendwas finanziell passieren kann. Ich bin so der Typ, ich hätte gerne diese 5000 Euro Sofortrente aus der Glücksspirale, weißt du? Ja. Also einfach in dem Wissen unterwegs sein. Ich bin nicht reich am Ende, aber ich werde auf jeden Fall auch nicht irgendwie von jetzt auf gleich komplett abschmieren. Und dafür waren die Entscheidungen, die ich vorher getroffen habe, teilweise ganz schön fragwürdig, muss ich sagen. Das stimmt wohl.

Joel Kaczmarek: Ey, wie bist du denn da so durchgekommen? Also gerade Schulabbrecher, das ist ja so, wo dir die Urängste reingezimmert werden aus der Family in der Regel. Ja, wenn der Schulabschluss gut, dann ist der ganze restliche Pfad auch okay.

Nicholas Müller: Da fangen wir vielleicht mal beim Schulabbrecher an. Das ist tatsächlich auch schon fast das falsche Wort. Ich bin dem katholischen Klostergymnasium verwiesen worden irgendwann, weil ich weil ich eine andere Vorstellung hatte als die anwesenden Patres und so. Und daraufhin haben meine Eltern beschlossen, dass ich dann jetzt besser doch in unserem 600-Seelen-Heimatdorf da wieder zur Hauptschule gehe und da meinen Hauptschulabschluss mache. Das hielt ich dann doch auch ein bisschen für dolle wild, hab dann nochmal meine mittlere Reife nachgemacht und dann einfach keinen Bock mehr gehabt, aber auch wegen des Schulsystems. Und ab da, also es war eigentlich ein großes Durchschlagen. Ich hab hier und da mal so eine Ausbildung gemacht, alles im sozialen Bereich und hab dann aber recht früh tatsächlich angefangen mit meiner Band, mit Jupiter Jones, so viele Shows, zu spielen, dass das auch nicht mehr ging. Also ich habe in meinem Leben schon sehr, sehr viele Kneipen gesehen, aber auch ganz viele von hinter der Theke, weil ich halt einfach mich jahrelang mit Gastrojobs durchgeschlagen habe und mit der Hilfe meines Vaters tatsächlich. Also wenn der nicht hier und da noch ein bisschen was zugeschustert hätte. Also ich hatte mir das neulich nochmal so vor Augen gehalten. Ich glaube, ich hatte in jedem Monat so zum Leben 250 Euro. Das war es. Ich war auch ganz lange gar nicht krankenversichert und so. Also es war wirklich, es war einigermaßen abenteuerlich, ja. Und dann irgendwann ging es halt. Irgendwann haben wir ein Plattendeal bekommen und ab da ging es so wahnsinnig schnell, weil von dem Zeitpunkt, an dem wir diesen Deal unterschrieben haben bei 4Music, bei der Sony damals, zu dem Zeitpunkt, an dem wir plötzlich das meistgespielte deutschsprachige Lied im Radio hatten, 2011, 2012, also es war wie hingespuckt. Also das ging so schnell dafür, dass wir vorher wirklich neun Jahre lang versucht haben zu überleben. Das hat tatsächlich was mit mir gemacht. Also dieses drauf hinarbeiten und dann plötzlich aber mit so einem überwältigenden Erfolg konfrontiert werden, das war was anderes, ja.

Joel Kaczmarek: Ja, okay. Ich will dich jetzt noch ein bisschen näher kennenlernen, bevor wir zu deinen fünf Dingen kommen. Und da will ich das nochmal tiefer miterleben mit dir. Neun Jahre arbeitet man sich den Arsch ab und dann auf einmal kommt so ein Schnipsen quasi vom Universum.

Nicholas Müller: Ja, dann kommt so ein Hansel von der Plattenfirma und hat ein Stück Papier dabei und das ist

Joel Kaczmarek: Vielleicht kannst du ja mal beschreiben, wie es dir danach auch ging. Also ich meine, viele heben ja auch ab. Also es ist ja auch gar nicht so einfach, mit sowas dann klar zu kommen.

Nicholas Müller: Da bin ich ganz stolz drauf. Deswegen sage ich es auch ganz oft. Ich glaube, das ist mir tatsächlich nie passiert. Demut ist dann immer so ein großes Wort. Wenn Menschen von sich selbst sprechen und dann das Wort Demut in den Mund nehmen, dann fühlt sich das immer so an, als wären die alles andere als demütig. Aber ich glaube, das habe ich recht früh gerafft. Also A, dass das was ganz Besonderes ist und B, was auch genauso schnell wieder weg sein kann. Deswegen benehme ich mich mal besser nicht wie ein Arsch, weil irgendwann werde ich die Leute um mich herum wahrscheinlich dann doch nochmal ganz gern um mich herum haben. Da ich ja schon eingangs gesagt habe, dass ich ein großes Sicherheitsbedürfnis habe, das war natürlich auf einen Haufen ganz viel Sicherheit, weil ich plötzlich wusste, ich muss nicht jeden Monat wieder darum bangen, dass alles gut geht. Dann wiederum natürlich aber auch die absolute Erfüllung meines Traums. Auch wenn ich das nie laut ausgesprochen habe, war das völlig klar, irgendwas mit Musik das Einzige ist, was mich wirklich glücklich machen würde. Als das funktioniert hat, hat es sich sehr, sehr unwirklich angefühlt und zeitgleich aber auch tatsächlich ein Meilenstein von der Sorte, der dir sagt, okay, deine Talente, die kann ich tatsächlich weiterbringen. Also es ist nicht so, dass du dich irgendeinem Bildungssystem irgendwie anheimwerfen musst, das sagt, du musst jetzt unbedingt irgendwas ganz Krasses lernen, sondern das war so, ey, du bist selber eigentlich offensichtlich wertvoll genug, um gehört zu werden und das war sehr, sehr schön.

Joel Kaczmarek: Ich habe vor kurzem, ich habe das Gefühl, ich zitiere das andauernd, habe ich so ein Einstein-Zitat gehört, der so sinngemäß gesagt hat, jeder Mensch ist ein Genie, aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, wie gut er auf einen Baum klettern kann, dann wird er sich immer dumm vorkommen. Und das ist es so ein bisschen, dass irgendwie wir oft danach dazu neigen, so Schema F und die Passformen. Also ich kann das total nachvollziehen. und gleichzeitig frage ich mich, wenn du sagst, hier Sicherheitsbedürftnis hoch, kann ich voll fühlen? Wie ging es dir denn, weißt du so, Silvester nach Jahr 5, guckst zurück, Scheiße, ist noch nicht abgehoben. Silvester nach Jahr 6, guck zurück, Scheiße, 7, Scheiße, 8, Scheiße, Jahr 9. Also gab es immer nochmal den Punkt, wo du sagst, okay, vielleicht mache ich dann doch nochmal eine Bankkauflehre?

Nicholas Müller: Den Punkt gab es zwischendrin, aber muss ich auch ganz ehrlich sagen, in der Zeit eigentlich weniger als dann später, als dann so der erste Erfolg quasi da war und dann auch ja irgendwann natürlich naturgemäß wieder rum war, habe ich ganz, ganz oft wirklich, also hätte ich mich mal irgendwie verbeamten lassen oder so, wäre das ein Traum. Ist ja fast das berufliche Äquivalent zu dieser Glücksspiralen-Geschichte. Du bist auf jeden Fall bis an dein Lebensende irgendwie aufgefangen und festgehalten. Ja, nee, damals, ey, aber das war ja auch noch Sturm und Drang. Also da war ich, als wir losgelegt haben, das war 2002, da war ich gerade 20, 21 Jahre alt, gar nicht dazu in der Lage, mir großartig Gedanken über mein späteres Leben und Sterblichkeit und Altersarmut und solche Sachen zu machen. Das ist ja auch ganz gut.

Joel Kaczmarek: Da kommen wir auch gleich hin. Genau an den Punkt. Und sag mal so aus persönlichem Interesse raus, weil ich auch mal Lust auf musikalische Dinge habe, ich frage mich mal, wie sieht eine Karriere im Musikbereich aus, wenn man Ü40 ist und Nachwuchs hat? Weil da kannst du ja nicht irgendwie sagen, drei Monate gehe ich jetzt mal auf Tourlaub, wie Udo immer sagt, Udo Lindbergh, ich bin dann mal weg, so.

Nicholas Müller: Ja, das stimmt, absolut. Die Karriere sieht tatsächlich gesünder aus. Die Band Jupiter Jones besteht ja im Kern aus zwei Menschen. Das ist Sascha, unser Gitarrist und ich. Wir sind beide Väter. Er hat eine neunjährige Tochter, ich habe eine jeden Moment, oder eine achtjährige Tochter, ich habe eine jeden Moment elfjährige Tochter. Wir achten da doll drauf. Also wir achten drauf, dass wir nicht zu lange weg sind. Das ginge auch ehrlich gesagt gar nicht mehr. Also ich kann nicht mehr wie Anfang 20 für drei Wochen in irgendeinen klapprigen MB100 springen mit drei Kreuzzeichen und ein bisschen gutem Willen im Gepäck in der Hoffnung, dass wir wirklich irgendwo ankommen und dann da auf dem Boden pennen. So, das kann ich nicht mehr. Wir gehen jetzt so mittlerweile irgendwie maximal zehn Tage am Stück auf Tour. Das reicht auch ehrlich gesagt. Also es klingt doof, aber wir proben herzlich wenig, weil wir gerade auch wieder schreiben, wir proben dann immer für Shows. Das heißt, die Band konsumiert glaube ich noch genauso viel Zeit wie früher, aber wir wissen das besser einzuteilen. Wir machen dann immer so Blöcke draus und das ist gut, dass wir gesund bleiben. So haben wir schon mal gelernt auf schmerzhafte Art und Weise, dass wenn das vernachlässigt wird, ist es halt einfach das Ende der Band. Fertig. Und das ist glaube ich bei wirklich allen Bands so. Manche halten es länger aus, manche weniger lang. Aber ich hatte lange, lange Jahre eine wirklich, also eine schwere, ernste Angsterkrankung, die mich teilweise komplett vom Leben abgeschnitten hat. Also es gab Phasen, da bin ich nochmal als Erwachsener zu meinem Vater zurückgezogen und habe bei dem auf der Couch rumvegetiert, weil ich immer jemanden brauchte in meiner Nähe. Das ist ja dann oft so, dass das dann am Ende die Eltern sind. tatsächlich, weil man es allen anderen irgendwie, weil man der Meinung ist, man kann es allen anderen nicht zubuten. So, die haben mich, die haben mich gemacht. Dann lebt jetzt damit, was ihr so gemacht habt. Ich bin da immer sehr, sehr verstanden worden. Es waren Menschen, die ganz klar gerafft haben, es gibt Angst, es gibt Depressionen, es gibt eine Paralyse dadurch. Aber genau diese Paralyse, dieses irgendwie sich gelähmt fühlen und gar nicht mehr raus können und vor allem Angst haben, in erster Linie vom Tod, aber auch eben all diese Zukunftsängste und so, die haben sich so hoch aufgestapelt, dass ich da gar nicht mehr dahinter blicken konnte. Das hat dazu geführt, dass es irgendwann mit mir nicht mehr ging. Und dann haben wir uns, das wissen wir aber auch, zu dem Zeitpunkt einigermaßen unglücklich voneinander getrennt. So die Lösung wäre eigentlich gewesen, wisst ihr was, jetzt scheißen wir mal hier auf die Erfahrungen, die andere Leute gemacht haben wollen und denken uns, vielleicht kann man ja doch mal einen jahrlangen Pause machen und dann weitersehen. Das hätte gereicht, hat sich gezeigt. Ich habe mich dann selber ein Jahr lang rausgezogen. Danach ging es mir echt viel, viel besser. Immer noch nicht gut, aber viel, viel besser. Es hätte gereicht. Mein Kind ist 2014 zur Welt gekommen. Da bin ich also auch 2014 aus der Band ausgestiegen.

Joel Kaczmarek: Und was hast du so für ein Verhältnis mit deinem Vater in der Zeit?

Nicholas Müller: Also ich muss sagen, dass ich überrascht bin, wie gut er es irgendwie verarbeitet hat und wie gut er auch verstanden hat, dass es das gibt und dass ich das habe, was ich da hatte. Also eine hundsgewöhnliche Angststörung, wie Millionen von Menschen, die auf der ganzen Welt haben. Ich glaube, alleine in Deutschland sprechen wir von zwölf Millionen Betroffenen mittlerweile. Ich bin halt in der Eifel aufgewachsen, so richtig am Arsch der Heide. Da gibt es noch, also ich finde ein sehr verqueres Männerbild vor allen Dingen. Also ein sehr klassisches, aber dementsprechend auch ein sehr krankes Männerbild. Dieser Mythos psychische Erkrankung wird da auch noch hochgehalten. Das gibt es nämlich eigentlich gar nicht. Das ist tatsächlich noch ein Mythos an vielen Stellen in der Eifel. Und trotz dieser Verhältnisse hat mein Vater das absolut bedingungslos akzeptiert und mir auch absolut bedingungslos geholfen in jeglicher Hinsicht. Also immer. Das muss ich ihm echt hoch anrechnen. Wir sind nicht Vater-Sohn-Paar, das sich abends hinsetzt und irgendwie drei Stunden lang von früher schwelgt. Da wird auch viel geschwiegen, aber in dem ganzen Schweigen hat er mir sehr, sehr gut geholfen.

Joel Kaczmarek: Und sag mal, wie bist du denn rausgekommen oder bist du rausgekommen aus deiner ganzen Angststörung, aus deinen Panikzuständen, die du hattest?

Nicholas Müller: Ja, Gott sei Dank. Und das auf ganz handelsübliche Art und Weise, ehrlich gesagt. Also es war echt, es war so eine Mischung aus Therapie. Bei mir hat eine kognitive Verhaltenstherapie am dollsten geholfen. Das erklärt die ganze Angst ja auch schon. Also du musst erst mal raffen, was Angst ist und dass sie da ist und dass sie das ist, die mit deinem Körper. Also das für all diejenigen, die es Gott sei Dank nicht kennen, aber Panikattacken machen halt ganz, ganz starke körperliche Symptome. Die auch ganz oft missgedeutet und missverstanden werden, sowohl von den Betroffenen als auch von ÄrztInnen. Also die klassische Panikattacke ist eben, also ich vergleiche es immer mit dem Moment, wenn du so eine Treppe runter gehst und dann rutschst du auf einer Stufe aus und knallst dann so eine Stufe tiefer und bleibst aber stehen und hältst dich fest. Dieser Zustand von absoluter Alarmbereitschaft ohne echtes Problem, das auf so eine halbe bis dreiviertel Stunde, eine Stunde, das ist so individuell, da kann man sich gar nicht so richtig festlegen. Aber in der Regel dauert es so lange, bis der Körper alle Hormone einmal rausgewaschen hat. Das ist eine Panikattacke. Also das Herz beschleunigt sich, man fängt an zu schwitzen. Ich hatte ganz oft auch ganz starke körperliche Schmerzen durch so einen Verspannungszustand. Die ganzen Sinne schärfen sich. Es ist ja ein sehr urzeitlicher Instinkt. Man will ja Für alles mögliche gewappnet sein und man sieht besonders gut, man hört besonders gut, man nimmt alles total krass wahr, was natürlich macht, dass auch alles total verschwimmt. Weil genau die Skills, die du brauchst, um wegzurennen und dich dann irgendwo ins Gebüsch zu schlagen oder hinter einem Felsen zu verstecken vor irgendwelchen Fressfeinden, das ist ja nicht, wenn ich hier irgendwie, weiß ich nicht, in der Gemüseabteilung stehe. Für mich ein total übersteuertes Gefühl, dass alle Fäden in die Hand nimmt und die auch nicht mehr loslässt.

Joel Kaczmarek: Okay, also du hast gesagt, Gesprächstherapie war ein Baustein und dann habe ich dich so ein bisschen unterbrochen. Entschuldige, was wolltest du noch dazu sagen?

Nicholas Müller: Plus einfach das Leben, das dann da so passiert ist. Also ich habe so ein paar Dinge erlebt, die mir gezeigt haben, dass ich nicht so fragil bin, wie ich dachte. Ich habe durch die Angsterkrankung und durch den Fakt, dass ich so lange nicht krankenversichert war, habe ich Abhängigkeit zu Beruhigungsmitteln entwickelt. Eine ganz starke über zwölf Jahre. Und das habe ich dann irgendwann entzogen, weil ich merkte, ich muss auch. Das war eine ganz, ganz lange Elendereise. Es hat drei Monate wirklich gedauert. Und ich hatte da zwei, dreimal eine Situation, da hätte ich easy sterben können, bin ich aber nicht. Und mit dem Wissen tatsächlich so, okay, alles klar. Also es ist nicht so, dass jede Anstrengung, ich hatte zwischendrin Angst, Treppen hochzulaufen, weil ich dachte, dass das mein Herz überfordert. Und dann plötzlich bist du in einer Situation, wo du wirklich dem Tod näher als dem Leben warst für einen Moment und merkst, ach so, und ich bin jetzt einfach wach geworden und einfach noch hier, dann ist es vielleicht gar nicht so gefährlich, dieses Leben, wie ich dachte. Und seitdem ist gut. Aber das ist nicht der Weg, den ich allen gerne empfehlen möchte. Es geht einfacher.

Joel Kaczmarek: Was hast du denn schon? Du hast ja wirklich schon mehrere Leben gelebt hier mit deinen 43.

Nicholas Müller: Ja, ja, ja, genau. Oder eins mit vielen Stationen.

Joel Kaczmarek: Gut, dann würde ich sagen, machen wir uns mal auf in Richtung die 20 blicken. Was war das erste Ding, was du gern schon mit 20 gewusst hättest?

Nicholas Müller: Das, was ich eben meinte, was so toll ist, dass man an einem Punkt gerät, an dem man merkt, okay, krass, deine Talente sind wirklich was wert. Ich war jetzt in nichts jemals der Vorzeigetyp. Mein Körper ist eine Katastrophe, ich bin super unsportlich, ich bin oft genug total ungeschickt. Ich hatte jetzt nie irgendwie diese Erfolge, die wirklich in Form von Pokalen oder sonst was messbar gewesen wären. Deswegen war es total schön zu raffen. Und das muss ich auch immer allen sagen, wenn die an sich zweifeln und mit sich hadern. Ey, das, was du machst, ist total gut. Da bist du die einzige Person, die das wirklich so kann, wie du das gerade machst. Dann wiederum, dass ich mich ganz oft unnötig hintendran und so ein bisschen doof gefühlt habe. Nur weil mir so ein dusseliger Abschluss fehlt, wo ich mir, also weiß ich nicht, ich gucke mir manchmal die Abiturientia an und denke mir, aha, okay, wenn das ist die Mindestvoraussetzung, dann hätte ich das wohl auch gekriegt. Ich glaube, ich hätte das sogar hingekriegt, irgendwie noch was zu lernen, was zu werden und trotzdem mit der Musik weiterzumachen. Und was für mich auch nicht mehr zählt, damit habe ich auch aufgehört, ist dieses Blödsinge darüber nachdenken. Es hat ja alles seinen Sinn. Ich habe das jetzt so und so gemacht, aber dafür habe ich ja dann diese tolle Karriere als Musiker hingelegt. Das stimmt. Sowas funktioniert in meinem Kopf gar nicht. Ich kann mir das gar nicht so ausrechnen. Ich denke mir, mir fehlt was. Mir fehlt was. Mir fehlt ein Studium, mir fehlt ein Expertenwissen und mir fehlen unter anderem zwei Zähne, weil ich nicht krankenversichert war.

Joel Kaczmarek: Geht es da ein Stück weit um Bestätigung oder geht es da um den Zugang zu Wissen?

Nicholas Müller: Zugang zu Wissen finde ich wahnsinnig wichtig. Raffe ich auch nicht, wie Menschen das freiwillig an sich vorbeigehen lassen. Ich spreche jetzt nicht von Menschen, die es vielleicht einfach nicht können, sondern von Menschen, die es könnten, die es aber freiwillig nicht tun. Das aber ja, es ist auch so ein Bestätigungsding. Das echte Leben, das wissen wir alle, gibt es ja gar nicht her, man unterhält sich ja nicht ständig über seinen Schulabschluss, aber irgendwie, weiß ich nicht, vielleicht bin ich pfiffiger als ich denke und brauche was Messbares, ich brauche mehr Urkunden in meinem Leben. Ich halte mich für ein ganz cleveres Kerlchen, aber es steht nirgends niedergeschrieben, also meine Schulzeugnisse sind alle eine absolute Katastrophe, aber ich habe tatsächlich, dazu habe ich später auch noch einen Punkt, dann erkläre ich dir das noch genauer.

Joel Kaczmarek: Okay, okay, okay. Hast du mal drüber nachgedacht? Müsstest du dich nicht auf ein Fachgymnasium einschreiben können und Abitur noch machen?

Nicholas Müller: Ja, doch, klar. Aber das ist das Ding. Ich schreibe auch zum Beispiel, ich schreibe keine Lieder, wenn ich keinen Zweck dazu sehe. Ich schreibe Gedichte, wenn es mir ganz schlecht geht. Dann wird manchmal ein Lied daraus. Aber ich setze mich zum Beispiel nicht hin und schreibe ein Lied einfach so fürs Notizbuch, sondern ich schreibe immer für eine Veröffentlichung mittlerweile. Und ich glaube, so ging es mir mit diesem Abendgymnasium auch. Weil, machen wir uns nichts vor, bis ich das Ding dann habe, bin ich irgendwie 46, 47 oder so, dann Muss ich aber tatsächlich auch gerade ehrlich gesagt einigermaßen hart ums Überleben kämpfen hier, weil seit Corona, wir haben uns immer alle immer noch nicht erholt finanziell. Das heißt, ich kann mir das gar nicht leisten, dann auch noch zu studieren zu meinen fünf Jobs, die ich gerade eh schon habe. So doll, so schlimm ist es dann doch nicht.

Joel Kaczmarek: Dieses jeder Mensch ist ein Genie, muss quasi nur finden, wo drin. Da glaube ich auch dran. Würdest du sagen, es hat immer mit Passion zu tun? Weil das ist so einer der meistgesagten Tipps, die ich hier höre. Folge der Leidenschaft.

Nicholas Müller: Ja, da stehe ich auch dahinter. Das finde ich auch wichtig, absolut. Also es ist natürlich auch immer die Frage, wo die Leidenschaft dich hinführt. Es gibt auch Leidenschaften, die ich für völlig doof halte, aber das ist ja auch dann jeder Person selbst überlassen, was die für gut und wichtig halten. Ich glaube, das ist tatsächlich, das ist ein Ding, dem kann ich einigermaßen bedingungslos folgen. Nämlich ja, wenn es dich glücklich macht, immer mit dem Zusatz, wenn es nicht alle anderen unglücklich macht, dann mach es. Versuch es halt zumindest. So viele Dinge scheitern daran, dass Menschen das nicht einfach mal ausprobieren. Ich meine jetzt eben nicht Bungee-Jumpen oder Fallschirmspringen oder so, sondern manchmal einfach auch die kleinen Dinge. Was würde denn eigentlich passieren, wenn ich jetzt einfach mal ein Jahr lang in irgendeiner Einrichtung für Menschen mit Behinderung arbeite? Ich kann mir das nicht vorstellen. Dann machst du es nicht und hast vielleicht irgendwie die beste Erfahrung deines Lebens. Das geht ja von bis, was würde jetzt passieren, wenn ich jetzt einfach meinen Rucksack packe und nach Neuseeland ziehe? Vielleicht wird es richtig kacke, aber dann steigst du halt in den Flieger und kommst zurück und dann fängst du ein Jahr später an zu studieren. Herrgott, mach's halt.

Joel Kaczmarek: Komm, wir werden uns da im zweiten Punkt.

Nicholas Müller: Das merke ich ganz, ganz doll in meinem Leben heute, auch als Vater. Ich hätte gerne gewusst, dass ich meine Mutter nur noch vier Jahre lang habe. Das ist wirklich ein Punkt, der mich beschäftigt. Da geht es ganz, ganz viel um Schuld, um so ein Verpassen und das finde ich wahnsinnig ungerecht, dass es das geben muss. Es ist auch eine grausame Vorstellung, aber in dem Moment hätte es total geholfen.

Joel Kaczmarek: Was hättest du denn anders gemacht, wenn du es gewusst hättest?

Nicholas Müller: Ich hätte der Sache mit weniger Angst und mit weniger Hoffnung begegnen können. Und das wäre ganz gut gewesen. Auf der einen Seite hat die Angst mich, hat aus jedem schönen Moment einen schlechten Moment. Also meine Mutter hatte natürlich wie alle irgendwie Krebs. Und die Angst vor diesem Ungeheuer, vor diesem Monster, hat halt eben gemacht, dass wir keinen schönen Moment mehr zusammen hatten. Das war wahnsinnig traurig. Die waren alle belastet und überschattet. Und die Hoffnung hat wiederum gemacht dass ich mich an einer Vorstellung festgehalten habe, die mich später fast den Kopf gekostet hat. Nämlich, dass alles wieder gut wird. Und ich finde, dass das eine Form von Ehrlichkeit ist, die immer schmerzt, wenn sie gelehrt wird und wenn man die lernt, aber die wahnsinnig wichtig in einem Leben ist. Es gibt Momente, die sind frei von Hoffnung. Und das ist okay, das müssen wir uns und dem Moment zulassen.

Joel Kaczmarek: Wie war es denn eigentlich mit dem Tod deiner Oma? Also das war relativ dicht an deiner Mutter?

Nicholas Müller: Genau, die ist kein Jahr vorher gestorben und das war das, was ich meinte, dieses Matriarchat, in dem ich da aufgewachsen bin, das war ein Gutes. Das war eine tolle Kindheit und eine tolle Jugend und die beiden waren da zu weiten Teilen tatsächlich hauptverantwortlich, dass sie so toll sind. Mein Papa, wie gesagt, auch toller Typ, aber Die beiden haben schon eine Menge für mich und mit mir gemacht. Ich glaube, dass es dieser Doppelschnapp war, also zweimal hintereinander großes Elend, das halt gemacht hat, dass ich danach auch nicht mehr so war, wie ich vorher war. Man muss sich diesen Zusammenbruch gönnen, aber man muss auch eine Zeit haben, da wieder rauszukommen. So Rekonvaleszenz war halt nicht. Meine Oma war weg und kurz darauf dann meine Mama und das nicht schön. Nee.

Joel Kaczmarek: Feel you. Komm, wir machen weiter mit deinem dritten Ding.

Nicholas Müller: Jetzt kommt ein ethisch-moralisches Dilemma, wem ich den Hals umdrehen muss, um den aufkeimenden Faschismus aufzuhalten. Das hätte ich gerne gewusst mit 20. Aber ich sage es gleich zu Anfang, bevor jetzt gleich wieder irgendwelche ganz, ganz schlauen Strategen um die Ecke kommen und sagen, siehste, ich sage es doch. Genau so viel linke Gewalt wie rechte Gewalt. Nein, natürlich meine ich nicht, ich möchte niemanden den Hals umdrehen, ich möchte die mit dem Bildungssystem tackeln oder weiß ich nicht. Oder ich möchte gerne drei Stunden lang mit denen in einem Raum haben und versuchen, ihnen zu erklären, warum ihr Weg ins Nichts und nur in Elend und Verderben führen wird. Sowas, genau.

Joel Kaczmarek: Ich habe ja viel Zeit mit Sebastian Krumpigl von den Prinzen verbracht, bezeichne ihn als Freund, also ich mag den richtig gern. Der Kampf gegen rechts ist ja, würde ich mal sagen, seine Triebfeder schlechthin.

Nicholas Müller: Ein großer Antifaschist, der Mann, ja.

Joel Kaczmarek: Ich habe mich mit dem unterhalten, habe dann mal so sinngemäß gefragt, was kann man denn dagegen tun oder was kann man denn dafür tun, dass es den Leuten besser geht. Ich habe immer so eine Haltung, ich glaube, das hat auch Erman im Podcast gesagt, dass er meinte, nee, mit Nazis diskutiert man nicht.

Nicholas Müller: Nee, macht man auch wirklich nicht. Ich kann das auch nicht mehr, ich habe da auch jegliches Verständnis verloren. Das war früher schon wenig, mittlerweile ist es, also ich meine in Zeiten, in denen Bildung mit jeder Schwelle für alle zugänglich ist, also wirklich, und gerade dieses Ding, meine Tochter… durch das Schulsystem, das sie besucht hat, im zweiten Schuljahr gelernt, was die Shoah war. Das war krass früh, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite haben die es so toll gemacht, dass sie jetzt da auch nicht mit ihrem ersten Kindheitstrauma rausgegangen ist. Also die haben jetzt nicht zusammen schön das Liste geguckt oder so. Das war es halt eben nicht. Und wir können es alle, wir haben gesehen, dass es eine schwachsinnige Idee ist und wie doll das gegen alles Menschliche geht, was da passiert. Und Menschen, die das immer noch nicht realisieren und akzeptieren wollen, das sind einfach keine guten Menschen. Und ich sehe auch keinen Wert darin, mit denen zu diskutieren. Wirklich nicht. Ich sehe einen großen Wert da drin in Geschichten wie Exit, die halt wirklich die Menschen helfen, aus der rechten Szene auszubrechen. Weil ich auch weiß, wie oft das einfach so, dass die auf so eine soziale Rutsche geraten. Der Opa war Nazi, der Papa war Nazi. Wir haben alle irgendwie die Doku, die Familie Ritter-Doku aus Köthen bei Stern TV gesehen. Klar wird das Ding quasi in die Wiege mitgegeben. Deswegen ist es toll, dass Menschen sich darum kümmern, Menschen aus der Situation wieder rauszuhelfen. Aber diskutieren habe ich auch dran gegeben. Ich kann es auch nicht mehr. Ich muss dann sofort anfangen zu beleidigen. Das ist ja auch keine echte Diskussion dann.

Joel Kaczmarek: Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass das kein Thema ist, was man über den Intellekt löst. Das sind Menschen, die einsam sind, die traurig sind, die verängstigt sind, die in der Bezugsgruppe sind, die sich stark fühlen wollen und die gesehen werden wollen.

Nicholas Müller: Oder es steckt halt einfach eine Diagnose dahinter. Es gibt ja diese romantische Vorstellung von wegen, ey, guck mal, das ist ein ganz strammer Nazi, jetzt setz den doch mal mit einer Holocaust-Überlebenden in ein Zimmer und lass die mal erzählen, wie es damals so war, dann kommt er da schon geläutert wieder raus. Das gibt's ja so. Also ich meine eben, du kannst dir ja Schindlers Liste angucken. Du kannst ja, wenn du möchtest, wir hatten vor kurzem noch, ich vergesse den Namen leider immer, eine fantastische Botschafterin, möchte ich sie fast nennen, die Holocaust-Überlebende, die hat jetzt gerade den Westfälischen Friedenspreis verliehen bekommen. Die war hier in Münster, die kann ganz viel darüber erzählen. Das gibt es halt eben alles, das war das, was ich eben auch meinte, es ist auch niedrigschwellig zugänglich.

Joel Kaczmarek: Meinst du Margot Friedländer?

Nicholas Müller: Genau, die meine ich, Margot Friedländer. Es gibt bestimmt irgendwie auch eine Togolino oder eine sonst was Folge. Also es geht wahrscheinlich schon wirklich im ganz frühen Alter los, diese Empathie zu lernen, die es braucht, um kein Faschist zu werden, keine Faschistin. Und ich glaube, dass es einfach Menschen gibt, denen das abgeht. Und ich glaube, dass das noch nicht mal so ein klassischer Opportunismus ist, so ein Kapitalismus-Auswuchs oder sonst was. Das ist so ein Gegner, den wir uns alle wünschen. Irgendwie werden wir da schon einen guten Grund für finden. Ich glaube, es gibt einfach Menschen, die sind so.

Joel Kaczmarek: Die Frage ist ja so ein Stück weit noch, was ist das Motiv dahinter? Also du guckst jetzt von 43, 23 Jahre zurück und sagst, einer von fünf Dingen, was ich mir nur aussuchen kann, ist hier der Kampf gegen rechts. Was ist denn die Triebfeder dahinter? Warum ist dir das so wichtig?

Nicholas Müller: Mein Verständnis von Gerechtigkeit und mein Verständnis von Gleichheit. Ich raffe das nicht, wie eine Herkunft machen kann, dass ich Menschen als weniger wert empfinde. Und Gleiches gilt für Geschlecht, Gleiches gilt für jede Frage der Identität. Und dann auf der anderen Seite einfach tatsächlich der gesunde Menschenverstand, der mir zeigt, dass jedes Elend auf der Welt irgendwo im erweiterten Sinne aus dem Faschismus rausgeboren wurde. Also ich meine, so offensichtlich wie es jetzt gerade ist, ist es nicht immer. Du kannst nicht nach Amerika gucken und kannst dir denken, guck mal, ein Faschist an der Macht, du kannst nicht Konntest früher vielleicht nicht nach Amerika gucken und denken, Faschist an der Macht. Du konntest früher nicht nach Russland gucken und denken, ah guck mal ein Faschist an der Macht. Alle in unterschiedlichen Gewändern, aber wenn man es dann mal irgendwie mit dem Wikipedia-Artikel zum Thema Faschismus abgleicht, dann ist es fast deckungsgleich. Aber es ist doch schon immer so, es ist doch schon immer, nee Wahnsinn bringt Faschismus hervor, Faschismus bringt noch mehr Wahnsinn hervor und dann läuft es irgendwie scheiße. Das haben wir schon so oft gelernt, schon so oft gesehen, bringt es was offensichtlich nicht. Es ist noch nicht mal der Punk in mir, das ist der Mensch in mir, der das so krass dumm findet, weil es so viele Belege dafür gibt, dass Faschismus nur Elend bringt.

Joel Kaczmarek: Dein vierter Punkt wartet auf uns.

Nicholas Müller: Mein vierter Punkt wartet auf uns. Also es geht ja um mich. Und deswegen hätte ich gerne mit 20 gewusst, dass ich ADHS habe. Weil das hätte krass viel geändert, glaube ich. Vor allen Dingen, was die Akzeptanz meiner selbst, mir selbst gegenüber angeht.

Joel Kaczmarek: Was ist mit ADHS bei Erwachsenen eigentlich so gemeint? Also wie, weißt du, woran merkt man das?

Nicholas Müller: Also ich merke das an einer permanenten Gedankenflut tatsächlich. Also es ist nie nur ein Gedanke, sondern es laufen immer mehrere parallel. Und das aber auch einigermaßen unsortiert. Man könnte jetzt meinen, dass ich tierisch effizienter, schneller Dude bin. Bin ich gar nicht, weil ich manchmal mir selber im Weg stehe. Also auch solche Gespräche wie das hier sind wahnsinnig anstrengend, weil ich manchmal mitten im Satz wirklich überlegen muss, Fuck, wie bin ich denn hier jetzt nochmal hingekommen, damit es nicht ganz unangenehm wird. Für mich ist es tatsächlich ein krasser innerer Monolog, der einfach nie die Klappe hält. Ich finde, das populärste Beispiel ist immer das, das vom Schlafen gehen. Meine Freundin und ich, wir gehen eigentlich fast immer gemeinsam ins Bett. Also wir sind super aufeinander getaktet. und bei ihr ist es aber so, die legt sich hin, dann liest die noch, liest wahnsinnig viel, irgendwie mit dem Plan 52 Bücher im Jahr zu lesen, liest dann noch so 10 Minuten und dann ist die dreist genug das Buch zuzuschlagen, mich anzugucken und zu sagen, so ich schlafe dann jetzt mal, als wäre das eine Entscheidung. Also dann dreht die sich um, macht die Augen zu und pennt. Und ich liege daneben und bei mir ist Und ich irgendwie habe schon vier Baldrian und fünf Sprühstöße Melatonin genommen. Und das, also es ist immer was los. Es ist wirklich immer was los. Und warum ich das so gern schon mit 20 gewusst hätte, ich bescheue mich nämlich total vor dieser medikamentösen Therapie. Ich möchte das eigentlich noch nicht mal probieren, weil ich Angst vor den Wirkstoffen habe. Das ist überhaupt nicht meine Baustelle. Ich hätte das total gerne damals schon gewusst, weil ich dann auch gewusst hätte, dass es Dinge gibt, die ich für normal gehalten habe, obwohl sie sich so nicht normal angefühlt haben. Und deswegen habe ich mich irgendwie total speziell gefühlt. Stimmt da gar nicht. Die Dinge sind einfach nicht normal. Das Leben ist nicht so, wie es mir immer vorgekommen ist, sondern wenn du nicht auf dem neurodivergenten Spektrum unterwegs bist dann sind Sachen viel sortierter, als sie es für mich sind. Es herrscht gar nicht so viel Chaos, wie ich immer dachte. Ich weiß, weil ich das mittlerweile bin, ich wäre in ganz, ganz vielen Momenten schon früher viel sanfter zu mir gewesen. Besonders in den Momenten, in denen ich mich überfordert gefühlt habe, derweil Menschen um mich herum einfach ganz normal weitergemacht haben und ich dann immer gedacht habe, bin ich dumm oder was? Was ist denn los? Was ist denn mit mir verkehrt? Und dann umgekehrt aber auch in Situationen, in denen Menschen um mich völlig durchgedreht sind, um mich herum und ich gedacht habe, hä, was ist denn jetzt mit euch? So, weil die plötzlich mit einem Chaos konfrontiert waren, das in mir eh schon ständig die ganze Zeit abgelaufen ist. Deswegen habe ich gedacht, ist doch jetzt, Moment mal, es gibt keinen Grund auszuflippen, lass uns mal einen klaren Gedanken fassen. Du kommst dir halt häufiger schon mal ganz landläufig verrückt vor. Tatsächlich, ja.

Joel Kaczmarek: Ja, es ist komisch. Irgendwie ist es ja auch so, wenn man den Dingen einen Namen gibt und wenn man ein Verständnis für hat. Also mir geht es immer so, auch wenn ich mitkriege, warum jemand gerade arschig zu mir ist. Wenn ich es verstehe, fällt es mir viel leichter.

Nicholas Müller: So gehört es sich ja auch. Ich meine, das verlangen wir ja eigentlich auch für uns alle. Jetzt ist natürlich auch keine Lösung, ständig rumzurennen und über seine eigenen Gefühle zu sprechen. Weiß ich, dass das auch nicht funktioniert. Vor allen Dingen, man sollte ja auch darauf achten, dass nicht ständig der Fokus nur auf der eigenen Person liegt. Aber eigentlich müsste das so. Also ich kann nicht versuchen, alles zu verstehen. Ich kann nicht versuchen, Hitler zu verstehen. Der hat auch eine schwere Kindheit gehabt oder was und war traurig, weil er mit seiner Malerei nicht weitergekommen ist. Dann wird man schon mal zum Völkermörder. Kann ich ja nicht. Aber eben bei solchen alltäglichen Dingen hilft das eigentlich total. Einmal kurz zu sagen, könnte jetzt ein kurzer Moment schwierig werden, weil ich habe ADHS zum Beispiel. Es ist so viel Menschliches da draußen unterwegs, was wir zur Besonderheit hochjubeln. Dabei haben wir es heimlich alle. Noch so ein Ding. Ich bin gesichtsblind. Weißt du, wie schlimm das ist? Ich stelle mich ständig Menschen zum wiederholten Mal vor. Das sind auch so Sachen. Und das erkläre ich dann lieber. Wir haben neulich auf der letzten Tour in Dresden im Beatpool gespielt. Und kommen da an und da casten der Veranstalter und Inhaber da. Mega guter Typ. Wahnsinnig guter Typ. Superspannender Charakter und so. Und hat so viel für die Stadt und für die Kultur da getan mit seinem Laden. Und wir haben da auch schon dreimal gespielt, glaube ich, vorher. Ich komme da rein, gehe auf ihn zu, reiche ihm die Hand und sage, hallo, ich bin Nicholas. Und er guckt mich an und sagt, ja, ich weiß. Und ich denke mir so, ach scheiße, schon wieder. Und dann erkläre ich das lieber, als wie der Depp zu wirken, dem das egal ist, dass er Menschen schon mal getroffen hat. Ist es ja gar nicht. Ich finde, ich feiere den Typen ja. Das darf er auch ruhig wissen. Ich habe ihn halt nur nicht erkannt. Und ich glaube, dann gibt es auch weniger Nazis und so. Das Ganze steckt riesigen Bogen. Wenn wir alle ein bisschen mehr erklären, warum wir gerade speziell sind, dann sind wir vielleicht weniger speziell.

Joel Kaczmarek: Na komm, ein Punkt fehlt uns noch, der fünfte.

Nicholas Müller: Also ich hätte mit 20 schon gerne gewusst, dass eigentlich alles echt okay wird. Ich hätte mich aber trotzdem gerne zu dem Zeitpunkt schon dafür entschlossen, mich ein bisschen besser um mich selbst zu kümmern. Also auch das wieder sehr konzentrisch um mich herum, aber das hätte total geholfen. Und ich glaube, dass das vielen Menschen helfen würde. Und ich frage mich manchmal, kann man sich bestimmt auch mit einer Flasche billigen Rotwein in so einen Philosophen-Stammtisch mitsetzen? Ich frage mich, ob es Menschen gibt, denen man das sagen dürfte. Wenn man sich die anguckt und denkt, Alter, boah, eigentlich darf ich das nicht verraten. Eigentlich darf ich das nicht. Ich habe da so eine ganz besondere Verbindung zu Gott oder Göttin, zum Universum, weiß ich nicht. Irgendjemand quatsche ich einmal die Woche und der verrät mir so ein paar Sachen. Und jetzt setz dich mal hin, bei dir wird alles richtig gut. Das wird okay. Es wird nicht mega geil und du wirst auch nicht der beste Typ der Welt irgendwie so in jeglicher Hinsicht. Das wird schon, es wird okay.

Joel Kaczmarek: Im Gespräch hast du gleich auch gesagt, die in der zwölften Klasse sitzt und sich den Kopf zermartert, wo führt es hin? und diese ganzen Ängste. Und ganz ehrlich, ich finde, vieles davon kennen wir selber auch gar nicht mehr. Welche Ängste du hast als junger Mensch, wenn du aufs Leben guckst.

Nicholas Müller: Die meisten Sachen davon waren völlig schnurzpiepegal. Also das ist wirklich bis hin zu dem Punkt, an dem dieses Abi-Ding von eben, ich unterrichte an einer Hochschule. Also das im Hauptfach mit einem Realschulabschluss. Das geht.

Joel Kaczmarek: Sagen wir mal, bevor ich jetzt gleich deine Punkte zusammenfasse, was echt herausfordernd wird, weil die so vielschichtig sind. Was ist eigentlich mit deinen ganzen Tätowierungen, die du am Körper trägst? Was für eine Geschichte steht dahinter?

Nicholas Müller: Manchmal eine ganz große, manchmal eine ganz dumme. Ich habe mir vor zwei, drei Jahren erst den Satz, saudumme Idee, Ausrufezeichen von meinem rechten Oberschenkel weg, also nicht weglasern, sondern überstechen lassen. weil ich mir den selber mal in einem fahrenden Tourbus da drauf tätowiert habe. Die meisten, allerallermeisten meiner Tätowierungen sind überhaupt nicht lange geplant. Manchmal sogar tatsächlich eher so, dass ich von heute auf morgen einen Termin hatte. Ich nutze ganz oft die Chance. Ich finde das total nervig, irgendwie drei Monate auf so einen Termin zu warten. Ich liebe so Walk-In-Studios. Ich liebe es auch, wenn wir auf Tour sind, mich schon nach dem Konzert im Backstage tätowieren lassen und so, weil zufälligerweise ein Tätowierer da war, der dann noch seine Maschine geholt hat und solche Geschichten. Aber jedes Tattoo, also ich habe keins, bei dem ich denke, das sieht aber schön aus, die haben schon auch alle eine Geschichte. Kann aber auch sein, dass ich mir da das Leben auch wieder leichter oder schwerer mache, als es sein müsste, weil ich mir einfach zu jedem dann auch immer eine Geschichte ausdenke, obwohl es vielleicht einfach nur optisch was Feines ist. Mache ich aber auch nur, weil es halt für immer da ist. So gehe ich ja nicht Klamotten kaufen oder so.

Joel Kaczmarek: Also, Nicholaus Müller, Nummer 1, jetzt ist die letzte Fahrt, dein Abi zu machen, aber viel wichtiger, deine Talente sind wirklich was wert. Nummer 2, nutze die Zeit mit deinen Lieben. Es gibt Zeiten für den menschlichen Zusammenbruch und die müssen wir noch nehmen. Es gibt genauso auch Momente, die sind frei von Hoffnung und das ist okay. Punkt Nummer 3, wir sind alle gleich wertvoll, egal wo wir herkommen oder wie wir angelegt sind, solange wir niemandem schaden. Dein Antifaschismus-Statement. Ja, ja. Punkt Nummer 4. ADHS. Wenn du weißt, was in dir vorgeht, kannst du besser und verzeihender mit dir umgehen. Und Punkt Nummer 5. Alles wird eigentlich echt okay. Also danke. Mit dir war das mehr als echt okay.

Nicholas Müller: Das freut mich. Mit dir auch. Das war sehr schön.

Joel Kaczmarek: Cool. Vielen, vielen Dank dir und dann sprechen wir uns irgendwie mal bald wieder und gucken dann nochmal zurück.

Nicholas Müller: Du wolltest einen Song mit mir schreiben. Vielleicht mit Sebastian Krumbigl zusammen. Wer weiß.

Joel Kaczmarek: Ich kann dich mal fragen.

Nicholas Müller: Ja, mach mal.

Joel Kaczmarek: Ich denke darüber nach, ob ich für jeden meiner Gäste einen Song hinterher schreibe. Vielleicht schreiben wir deinen einfach zusammen.

Nicholas Müller: Das wäre, das fände ich ganz toll. Ich wäre am Start.