Johann Scheerer: Der Mann für handgemachte, analoge Musik

24. Februar 2021, mit Joël KaczmarekSebastian Krumbiegel

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Joël Kaczmarek: Kunst trifft digital.

Sebastian Krumbiegel: Der Podcast.

Joël Kaczmarek: Wie immer mit dem charmanten Popprinzen. Sebastian Krumbiegel.

Sebastian Krumbiegel: Und mit dem noch charmanteren Podcast Joël Kaczmarek.

Joël Kaczmarek: So, Liebe, Freunde und Freundinnen der guten Unterhaltung. Und heute gehen wir mal auf die Seite der Kunst, die vielleicht manchmal auch im Verborgenen stattfindet, die nicht jeder Musikliebehaber gleich sieht, nämlich Produktion. Und zwar, Unser heutiger Gast ist 1982 im Schönen Hennstedt-Ulzburg geboren, ist Musiker und Musikproduzent im Schönen Hamburg. Mit 16 Jahren gewann dieser junge Mann bereits einen Talentwettbewerb mit seiner Schülerband, und Fortan war eine Musikproduzenten-Karriere Die Folge. Der hat super spannende Sachen gemacht, Zum Beispiel hat er produziert für Pete Doherty, Faust, Stella, At the Drive-In-In. Und noch viele, viele mehr. Wir werden ihn löchern wie nix, denn er hat 2005 das Total Geile Analoge Tonstudio Clouds Hill Recordings eröffnet. Er ist auch Buchautor, By The way. Jetzt muss ich nochmal hier, muss noch Mathe-Musik machen. Er hat auch ein spannendes Buch geschrieben. Da werden wir ihn auch löchern, nämlich ein autobiografisches Namens. Wir sind dann wohl die Angehörigen, Die Geschichte einer Entführung. Denn unser heutiger Gast, Johann Scheerer, ist auch der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. Und ich freue mich riesig, mit ihm heute ganz, ganz, ganz, ganz, ganz viel. Vor allem über Musik zu reden. LIEBER Johann, schön, dass Du da bist.

Johann Scheerer: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich auch.

Joël Kaczmarek: Du bist der erste Gast, der so wichtig ist, über den es so viel zu erzählen, gibt, dass wir zwei Lieder brauchen. Siehst du mal.

Johann Scheerer: Hey, schön, dass du hier bist.

Sebastian Krumbiegel: Wir haben viel von dir gehört, natürlich viel Musik, und wir sind gespannt, was jetzt in den nächsten sechs Stunden hier passiert.

Johann Scheerer: Gott, da kann ich ja gar nicht mehr zum Yoga gehen. Heute Abend, das muss ich kurz absagen.

Joël Kaczmarek: Ja, es war so, also, was ich immer mitkriege, so bei unseren Hörerinnen und Hörern, dass die auch total spannend finden, manchmal die Leute hinter den Kulissen zu hören. Also, ich will nicht sagen, dass du unbekannt bist, Ich glaube, in deiner Branche bist du auch Top vernetzt, Aber man kriegt ja manchmal als jemand, der so Musik konsumiert, gar nicht mit, was da alles so dranhängt. Und du bist sozusagen einer der Magiker. Ja,

Johann Scheerer: vor allen Dingen. In Zeiten der digitalen Veröffentlichung hat man ja das Booklet nicht mehr, wo normalerweise drinsteht, Wer die Platte produziert, hat, wer die Technik gemacht hat und wer das Artwork gemacht hat. Und so weiter. Es gibt ein paar Plattformen wie Tidal, zum Beispiel, wo das jetzt mittlerweile etabliert, ist. Da kann man ja auf so einen Info-Button drücken, und dann kriegt man die ganzen Credits sofort zu sehen. Aber ganz so einfach wie CD-Aufklappen Damals ist es nicht mehr.

Sebastian Krumbiegel: Bist du eitel? Möchtest Du gerne... Also, du bist ja keiner, der im Vordergrund steht, der auf eine Bühne geht. Und ich sage ja sehr oft und sehr gern, jeder, der auf eine Bühne geht, Der hat sowieso in irgendeiner Weise eine Persönlichkeitsstörung, hat irgendwie einander Klatsche. Und ich glaube, dass da auch was Wahres dran ist, ohne das jetzt so negativ werden zu wollen. Aber bist du für dich sozusagen, du willst natürlich auch irgendwie, hey, ich bin der Typ, der die Musik gemacht hat.

Johann Scheerer: Ja, also, ich kann eine gewisse Eitelkeit, glaube ich, nicht von der Hand weisen. Ich glaube, ich weiß mittlerweile, ganz gut, was ich kann. Und damit stehe ich auch gerne auf der Bühne und ich weiß auch, was ich nicht kann. Und damit würde ich mich mittlerweile nicht mehr auf eine Bühne trauen. Habe ich eine Zeit lang gemacht, aber würde ich nicht mehr machen.

Sebastian Krumbiegel: Man wächst ja auch mit seinen Aufgaben, ja.

Johann Scheerer: Man wächst mit seinen Aufgaben und mit seinen Einsichten, genau.

Sebastian Krumbiegel: Richtig, ja.

Joël Kaczmarek: Es gibt so zwei schöne Geschichten, die mir gerade in den Kopf kommen. Die eine ist, Im Videospielebereich war es ja auch lange so, Da haben Leute Spiele programmiert und waren aber nirgendswo zu sehen. Und irgendwann haben die gesagt, das ist aber eine Kunst. Wir wollen für diese Kunst auch signieren, wie bei einem Bild. Und das... Dieser Gruppe von Menschen, die das als erstes Mal fortgetragen hat, ist die Firma Electronic Arts entstanden, was heutzutage. Einer der größten Videospielehersteller überhaupt ist, weil sie gesagt haben, wir machen elektronische Kunst. Das zweite, wo man nicht denken muss, ist an Jens Balzer, Ein Musikkritiker, der bei uns war. Der hat vom lustigen Taschenbuch erzählt, dass die ersten, Ich glaube, 150 Ausgaben oder so, standen nicht die Namen der Zeichner und der Autoren, darunter, bis sie das irgendwann durchgesetzt haben. Es wusste auch lange niemand, wer Carl Barks ist, sondern es wusste immer nur, Da gibt es den einen, der besser ist. The Good One, So nach dem Motto.

Sebastian Krumbiegel: Und Erika Fuchs.

Joël Kaczmarek: Ja,

Johann Scheerer: Erika Fuchs. Also klar verstehe ich, was mir so ein bisschen auf die Nerven geht, ist der Kunstaspekt dabei, weil ja irgendwie heutzutage alle Kunst sein wollen. Und ich frage mich, so ein Videospieleprogrammierer ist jetzt für mein Verständnis kein Künstler, sondern ist ein Video... Ja, Pass auf, ich weiß, das klingt eckig an, aber ich finde, es ist jetzt ein Videospieleprogrammierer. Das kann ja ein künstlerischer Beruf sein, und er kann das auch auf eine künstlerische Art und Weise machen. Ich habe viele Künstlerinnen und Künstler in meinem Freundeskreis, und das sind doch Künstler. Und Musiker sind doch Musiker. Und ich will jetzt nicht Jennifer Rostock zitieren, die Band, Aber es gibt da eine Zeile, Was wir machen, ist Musik, wie wir es machen, das ist Kunst. Das finde ich irgendwie ziemlich gut und ziemlich auf den Punkt. Und ich finde, man sollte den Künstlerinnen und Künstlern ihre Kunst einfach mal lassen.

Sebastian Krumbiegel: Aber warum ist dann spieleprogrammieren? Keine Kunst? Oder warum wird sich nicht die Sparte Kunst tun?

Johann Scheerer: Ja, berechtigte Frage, weil wer ist dann der Spieleprogrammierer?

Sebastian Krumbiegel: Du als Produzent bist ja auch oft ein Programmierer sozusagen. Ist der Vergleich hinkt dir?

Johann Scheerer: Ja, ich würde mich aber nicht als Künstler bezeichnen, sondern ich würde sagen, ich bin Musikproduzent. Ich habe eine ganz klare Aufgabe, also, es stimmt nicht, aber ich hätte gerne eine ganz klare Aufgabe. Also, wenn ich im Studio bin mit einer Band, ist natürlich meine Aufgabe je nach Band total unterschiedlich. Aber grundsätzlich geht es darum, denen zu helfen, eine gute Platte zu machen. Welchen Umfang das dann hat, muss man sehen. Ich würde mich nicht mit einer Band hinsetzen und sagen, hört mal zu, ich bin Künstler. Das ist nämlich ein ganz anderes Statement.

Sebastian Krumbiegel: Du meinst Dienstleister sozusagen.

Johann Scheerer: Ja, Ein großer Teil davon ist Dienstleistung. Und in der Kunst, Wenn du wirklich Künstler bist oder Künstlerin bist, dann würde ich sagen, dass das nichts mit Dienstleistung zu tun hat.

Sebastian Krumbiegel: Okay, also, ich muss gerade daran denken, ich habe in dem Podcast von Jan Müller, der uns ja glaube, ich auch zusammengebracht hat. jetzt, weil Jan uns gesagt hat, hey, Cooler Typ in Hamburg. Und ladet ihn mal ein, wenn ihr ihn haben wollt, wenn Ihr das interessant findet. Und der hatte mal Marco Wanda, Den Frontmann oder Sänger oder Namensgeber der Band Wanda, der österreichischen, der Wiener Band. Und der hat irgendwie von sich, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, diesen Kunstappeal voll von sich gewiesen und sagt, ich mache Musik, und ich mache irgendwie mein Ding und irgendwie Kunst. Klingt mir so Hochtrabend und so. Natürlich sind das dann Begrifflichkeiten, über die man streiten kann. Und ich kenne auch wirklich Leute, die sagen, Künstler klingt irgendwie so ernsthaft und so. Und ich mache doch einfach nur Musik und mache doch einfach nur irgendwie, Wie war der Spruch eben? Was wir machen, ist Musik, wie wir es machen, ist Kunst. Das erklärt das eigentlich.

Johann Scheerer: Ist Marco Wanda nicht in erster Linie Alkoholiker und macht dann noch Musik?

Sebastian Krumbiegel: Wenn du das so despektierlich sagen, willst, ja. Ich habe überhaupt nichts gegen Alkoholiker,

Johann Scheerer: bin ja vielleicht selber.

Sebastian Krumbiegel: Du hast mit Pete Doherty zusammengearbeitet, da kannst du ja, glaube ich. Viele Lieder von singen. Ja, das stimmt. Und wir sind alle Grenzgänger in irgendeiner Weise. Und ich glaube schon, dass dieses Ding, wenn du das drauf hast, sozusagen, dein Innerstes nach außen zu kehren, Egal Mit welchen Mitteln, ob du jetzt da Drogen oder Alkohol dazu brauchst oder nicht, Aber das ist für mich irgendwie eine Art von kunstvoller, künstlerischer Entäußerung. Wenn du dein Innerstes nach außen kehren, kannst, wenn du dich nacksch machst auf der Bühne, wenn du dich ausziehst.

Joël Kaczmarek: Du schaffst halt etwas auch. Und gibt es, was von dir preis? Ich überlege gerade, wie meine Definition, ist ja philosophisch, was wir hier machen, Was ist die Definition von Kunst? So ein bisschen?

Johann Scheerer: Ja, ich finde das total richtig, was du sagst. Ich finde es total richtig, dass das ein künstlerischer Umgang ist. Ich finde das auch bewundernswert in vielerlei Hinsicht, wenn Menschen mit Ihrem Leben künstlerisch umgehen. Ich finde nur, dass das Ergebnis nicht immer Kunst ist, sondern das Ergebnis ist eben manchmal Literatur, manchmal Kunst und manchmal Musik. Und ich finde, dass da eben Kunst ein Fachbereich ist, den man den Künstlern lassen sollte. Und Musik ist ein Fachbereich, den kann man den Musikern lassen. Und alle arbeiten sich auf einem künstlerischen Wege dahin.

Sebastian Krumbiegel: Es gibt ja auch das, mir auch weniger. Böse Wort, Kunsthandwerk. Was ja, dann eher so ein bisschen so ein Geschmäckle hat. Ja,

Johann Scheerer: was hat das denn für ein Geschmäckle? Ich glaube,

Sebastian Krumbiegel: Kunsthandwerk ist für mich eher so ein erzgebirgisches Drechselkunst. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Aber Kunsthandwerk ist für mich auf jeden Fall was anderes als Kunst. Am Ende, du.

Johann Scheerer: Riecht so ein bisschen nach Kuckucksuhr immer.

Sebastian Krumbiegel: Genau, das meine ich so ein bisschen.

Joël Kaczmarek: Ich habe an Töpferware gedacht.

Sebastian Krumbiegel: Am Ende ist es scheißegal, muss ich ehrlich sagen. Eines meiner großen Vorbilder, Lindenberg, sagt irgendwie, ich mach mein Ding. Und mir ist eigentlich scheißegal, was ihr darüber denkt. Ich mach das, was ich für richtig halte und gehe meinen Weg. Natürlich gehst du immer oder musst du schon mal, wenn du in einer Band bist, musst du Kompromisse eingehen. Und wenn du irgendwas machst, ich weiß ja nicht, wie du da rangehst, wenn du unterschiedlichste Leute produzierst, mit welchen Erwartungen die Leute zu dir kommen, Ob Sie sagen, wir wollen radiotauglichen Pop machen oder keine Ahnung. Was sind da deine Erfahrungen oder mit welchen Vorstellungen? Also erstmal wirklich die Frage, entschuldige, dass ich jetzt wieder so rumlabere, Die Frage, die mich im Vorfeld auch am anderem interessiert hat, wie kommst Du zu so einem Mann wie Pete Doherty? Warum kommt der zu dir? Und sagt irgendwie, ich will mit dir eine Platte machen? Wie kam das?

Johann Scheerer: Es ist so einfach wie überraschend. Du hast so drei Fragen nacheinander gestellt, die versuche, ich kurz abzuhaken und dann auf die letzte zu antworten. Also, ich kann auf jeden Fall sagen, dass in meinem ganzen Leben noch nie jemand zu mir gekommen ist, um einen Radio-Hit zu bekommen. Leider auch ein bisschen. Finde ich eine heftige Aufgabenstellung. Ich glaube, weil ich es nicht kann. Und weil ich das als Herausforderung sehen würde, an der ich bereit bin, zu scheitern.

Sebastian Krumbiegel: Ist ein Radio-Hit für Dich Kunst?

Joël Kaczmarek: Du überfolgst mich zu viel.

Johann Scheerer: Entschuldige bitte. Da muss ich drüber nachdenken. Entschuldige bitte. Nee, überhaupt muss ich nicht entschuldigen. Ist nämlich eine super interessante Frage. Ich glaube, es liegt auch hier am Weg dahin. Ein Radio-Hit ist keine Kunst. Wenn man will, dass es ein Radio-Hit wird im Vorhinein.

Sebastian Krumbiegel: Am Reißbrett entstehend.

Johann Scheerer: Also ich finde, die wirkliche Kunst ist nicht der Radio-Hit selbst, sondern ist... Der Moment, wo du in deinem Auto sitzt und Radio hörst. Und auf einmal kommt ein Song, den du nicht erwartest und in Anführungsstrichen zerstört oder irritiert. Die normale Musiklandschaft. Das Radio muss ihn aber spielen, weil das Ding so erfolgreich ist. Und das ist ja im Grunde der performative, also der Performance-Aspekt der Kunst, Dass auf einmal dieser Moment da ist. Man denkt so, wow. Aber sich zu überlegen, wir wollen jetzt einen Radio-Hit haben, so bandmäßig, ist ja super. Das ist tatsächlich dann ja. Handwerk. Das kann man ja auch gleich ein Haus bauen. Oder so. Genauso spannend.

Joël Kaczmarek: So, Und jetzt wolltest du dich so ein bisschen durchhangeln.

Johann Scheerer: Genau, ich wollte mich durchhangeln zu, Wie kommt so ein Typ, Also? Ich kann mal genau sagen, wie Pete Doherty zu mir gekommen ist. Das ist nämlich eine banale Geschichte. In dem Studio, Was ich betreibe, ist unten eine Künstlerwohnung. Und ein Bekannter von mir wollte ein Konzert veranstalten mit Pete Doherty und fragte mich, ob ich ihm da helfen kann? Mit Equipment. Konnte ich nicht. Weil ich gar kein Equipment habe, Ich habe keine Beschallungsanlage im Keller oder so. Und war auch sowieso gar nicht da in Hamburg und habe ihm gesagt, du kannst aber ihn gerne da bei unserer Künstlerwohnung unterbringen, Sparst Dir die Hotelkosten. Und dann habe ich drei Tage später, als ich gerade im Urlaub war, Eine SMS bekommen von Pete Doherty, der mich gefragt hat, ob ich nicht sein Solo-Album produzieren will.

Sebastian Krumbiegel: Und wie kam das?

Johann Scheerer: Ich habe ihn dann nachher auch gefragt. Also, ich habe ihn erst mal gefragt, keine Ahnung, hast du überhaupt Songs? Und dann hat er mir so. Handyaufnahmen per SMS geschickt. Da meinte ich, Na, gut, kann ich mir schon vorstellen, wieso eigentlich ich? Und dann hat er gesagt, naja, ich bin da reingegangen in Dein Studio und Hab gesehen, Du hast eine Schreibmaschinensammlung da und eine Bandmaschine. Und es sah alles so schön aus. Und zwar ausgestopfte Tiere. Und es sieht einfach genauso aus wie bei mir zu Hause. Da hab ich gedacht, also Der Typ hat einen Super Geschmack. Das sag jetzt nicht ich über mich, sondern das ist eine Quote. Der Typ hat einen Super Geschmack, DER hat... Scheint ja gute Platten zu machen. Ich fände es cool, wenn der meine Platte macht. Hat übrigens auch gleich gesagt, ich fände es auch super, wenn du das auf deinem Label veröffentlicht. Da gibt es auch eine Downside, Er hat nämlich sein Management nicht, erzählt.

Sebastian Krumbiegel: Konflikt vorprogrammiert.

Johann Scheerer: Also dann fing wirklich der Albtraum an. Dann haben wir nämlich angefangen, uns zu treffen. Haben uns verabredet, Lass mal in zwei Wochen da. IM Clouds Hill Studio treffen, wenn ich aus dem Urlaub wieder zurück bin. Er kam dann auch, war ein paar Stunden zu spät, Aber wie ich dann lernen musste, war das nicht der Rede wert. Und kam er so hoch und guckte mich an und sagte so, are you Johan? Ich so, ja. I thought you were like 50 years old or something. Ich so, nee, ich bin einfach überhaupt nicht 50, sondern viel jünger. Und er so, ah, okay, naja, scheißegal. Dann haben wir uns unterhalten, wie wir das machen und so weiter. Und dann hab ich gefragt, muss ich vielleicht mit irgendeinem Manager einfach auch noch reden und so. Ja, gut, hat er mich mit dem Manager kontaktiert und er hatte damals ein Management-Team in England. Das sind wirklich richtige Arschlöcher. Und die meinten dann so, Pass auf, Wir haben kein Interesse an einem Soloalbum. Wir wissen nicht, wer du bist. Wir wissen nicht, was du machst. Wir wollen eine Reunion von den Libertines und kannst dich ganz hinten anstellen. Da meinte ich, okay.

Sebastian Krumbiegel: Wann war das? Das war sozusagen, während Babyshambles. Ja, genau. 2013, 14, sowas. Genau,

Johann Scheerer: 2013. Und ich habe gesagt, okay, habe ich gehört, aber... Der Künstler will, Glaube ich, einfach gerne ein Album machen. Was soll ich machen? Ich kann es ja einfach mit ihm machen. Dann haben die gesagt, ihr müsst mich nicht bezahlen. Ich sage euch meinen Preis, ich mache die Platte. Und wenn sie fertig ist, könnt ihr mir die abkaufen, meinten die. Okay, alles klar. Und sagten dann noch, But I tell you one thing, if you get in our way, we'll drop you like a stone.

Sebastian Krumbiegel: Oh, oh, oh.

Johann Scheerer: Ja, und ich so, Alter, ey. Und dann haben wir angefangen, aufzunehmen. Und ich hab denen dann irgendwann die Rough Mixer geschickt. Und die fanden die richtig cool. Und dann gab es aber die Libertines Reunion. Und alles war off. Und es gab ein Redeverbot und richtig irre. Und dann hat er sein Management rausgeschmissen, Neues Management kam an Bord. Und dann wurde die Solo-Platte gepusht. Und wir haben die fertig gemacht und dann haben wir sie auch Ende 2016 veröffentlicht.

Joël Kaczmarek: Und war es ein Erfolg?

Johann Scheerer: Das Album ist sehr teuer gewesen, weil wir einfach drei Jahre daran gearbeitet haben.

Joël Kaczmarek: Drei Jahre?

Johann Scheerer: Ja, also mit natürlich dieser Libertines-Reunion-Pause von vielleicht einem Jahr, wo aber auch immer mal wieder ein Wochenende in Hamburg war oder so, Aber dazu muss man sagen, als wir angefangen haben, zu arbeiten, war Pete Doherty in einer Drogenphase. Auf dem absoluten Nullpunkt, würde ich sagen, oder Zenit, also? Er war einfach multitalks, schwerst drogenabhängig. Gleichzeitig alle Drogen genommen, die es gibt. Und mit sojam zu arbeiten, ist... Gar nicht so einfach. Ach,

Joël Kaczmarek: überraschend.

Johann Scheerer: Ja, also, ich wusste das nicht. Ich wusste das nicht. Ich dachte auch, dass er das nutzt, um kreativ zu sein, habe aber schnell verstehen müssen, dass das für ihn eine totale Bürde ist, dass er sagt, ich bin eigentlich viel weniger kreativ mit Heroin und Kokain und Alkohol, und Speed und allem. Dadurch entstehen ja gewisse Zwänge. Du brauchst eben ständig Nachschub und auch jemand wie Pete. Doherty geht in Hamburg zum Drob Inn und kauft sich sein Zeug auf der Straße. Und dann ist das Scheiße, und dann bist du eine Woche off am Kotzen. Und dann kommt dein Paket nicht rechtzeitig an. Und es ist einfach ein Fucking. Albtraum.

Sebastian Krumbiegel: Hast du in dem Moment gedacht, dass du dich in irgendeiner Weise auch, Ich will jetzt gar nicht sagen. Strafbar machst, aber, dass du dich schuldig machst?

Johann Scheerer: Ja, ich habe ihm das deutlich gesagt. Das ist bei Drogenabhängigen, so, Die Fragen mich natürlich immer um Geld. Und immer Podcast du mich mal und so weiter.

Sebastian Krumbiegel: Da haben sich ja die Libertines zerbrochen.

Johann Scheerer: Genau, dass er da bei Carl Barât eingebrochen ist. Ich weiß ja. Ich habe ihm gesagt, Pass auf, Ich werde dir kein Geld leihen für Drogen, und ich werde auch nicht aktiv zu deinem Konsum beitragen. Ich fahre dich nirgendwo hin. Das muss er als selber machen. Ich warte dann so lange. Und das hat einfach zur Folge gehabt, dass ich sehr viel gewartet habe.

Sebastian Krumbiegel: Ja, ja.

Joël Kaczmarek: Warum hast du dich mit so einem Milieu eigentlich, oder so einem Milieu in dein Leben gelassen?

Sebastian Krumbiegel: Ich würde die Frage, wenn sie mir gestellt werden würde, entschuldige, dass ich das jetzt sage, weil es spannend und aufregend ist. Ich muss da wieder ein bisschen an Udo denken, Lindenberg, der auch immer davon geschwärmt hat, in diese Halbwelt abzutauchen, in diese Abgründe. Als wir 1991, 1991 nach Hamburg kamen, hat uns Udo echt da irgendwie in die finsteren Keller geführt. Und wir kamen aus dem Osten und haben nur große Augen gemacht und fanden das natürlich total spannend. Aber entschuldige, Ich wollte jetzt da nicht rein. Nee,

Johann Scheerer: finde ich interessant, weil ich fand diesen Heroin-Aspekt relativ zügig abtönt. Ich weiß nicht, wie es bei Udo Lindenberg war, Aber bei Pete ist schon so, Das ist auch kein Geheimnis, kann ich schon so sagen, dass er körperlich mit seiner Heroinabhängigkeit an einem Punkt war. damals, wo es echt heikel war. Also mit Entzündungen. Und du weißt nicht genau, wo du jetzt reinstechen musst und dauernd bluten und so. Und es ist schon... Schon nicht so cool, aber...

Sebastian Krumbiegel: Bei Udo war es Alkohol ausschließlich. Ah ja,

Johann Scheerer: okay. Also die Antwort auf die Frage ist, Ich kenne nur ganz wenige Künstler oder Künstlerinnen, die so dieses Gewisse etwas haben. Der Typ mit seiner Akustikgitarre und spielt. Ich habe, als wir uns da getroffen haben, in Hamburg, Nach meinem Urlaub, gesagt, kannst Du mir alle Songs vorspielen, die du hast? Ich nehme das hier auf, so wie dieses Setting, ein Mikrofon. Und dann höre ich mir die Mal an, und dann bauen wir ein Album zusammen. Und dann hat er da gesessen und gespielt und ist es magisch gewesen. Einfach nur ein Typ mit einer Gitarre und spielt. Und ich habe in meinem Leben, genau wie ihr, Eine Million Leute mit Gitarre schon gehört. Und es ist in den seltensten Fällen etwas, was man als magisch bezeichnen würde. Ist ja oft nicht so toll oder gut. Oder gut oder wow, ja, hast du schön gesungen, du kannst richtig gut singen und so und toll Gitarre spielen. Aber das war magisch. Und ich hatte einfach, hab wirklich die Verantwortung gespürt, da jetzt eine Platte zu machen.

Sebastian Krumbiegel: Diese Kunst zu konservieren.

Johann Scheerer: Ja, jetzt fängst du wieder mit Kunst. Naja,

Sebastian Krumbiegel: Das ist auch der volle Kanne.

Johann Scheerer: Da ist es wirklich Kunst. Also, da ist es Kunst, weil es so viel mehr ist als Musik. Ich will jetzt auch nicht zu sehr schwärmen, aber ich war einfach maximal überzeugt. davon, dass man eine richtig tolle Platte machen kann. Und? Dazu kommt, Ich fand das Solo-Album, was er vorher gemacht hat, Tolle Songs, aber hat irgendwie nicht widergespiegelt, wie er ist. Er ist ja nun von Stephen Street produziert, Toller, Produzent, erfolgreicher Produzent, weiß, was er tut, legt aber, würde ich sagen, nicht in erster Linie Wert darauf, den Musiker so zu zeigen, wie er wirklich ist, sondern da geht es um eine gewisse Qualität und Produktion. Und mir, Übrigens war das auch die Ansage von Pete. War es einfach wichtig, eine Platte zu machen, die nah an ihm dran ist. Deswegen singt er auch, so schief.

Sebastian Krumbiegel: Wenn ich mal den Vergleich bringen darf, also die legendären American Recording-Platten von Johnny Cash, die Rick Rubin. Eben so produzierte, dass er die Essenz von Johnny Cash, Also wirklich kein Philipp Hans drumherum, eben seine Gitarre. Und maximal noch ein bisschen Mal ein Klavier und vielleicht auch mal eine Geige oder irgendwas. Das ist ja das. Ich war ja nie. Johnny Cash-Fan. Aber diese American Recording-Platten, Da habe ich echt gedacht, Boah ey. Hammer, Hammer, Hammer. Und das ist für mich genau das, was du meinst.

Johann Scheerer: Geht mir übrigens genauso. Ich fand Johnny Cash auch immer, hab ich nicht so richtig geschnallt. Ja,

Sebastian Krumbiegel: so country eben.

Joël Kaczmarek: Aber das ist ein guter Sonn dabei, Diese ganzen False Imprisoned Blues-Geschichten und so.

Johann Scheerer: Ja,

Sebastian Krumbiegel: aber die letzten Dinger sind schon, die gehen tief. Und das ist genau, glaube ich, was du meinst, den Künstler so darstellen, wie er ist. Und nicht zukleistern, verschleiern in irgendwelchen... Du musst niemanden hinter einer Wall of Sound verstecken, Wenn er... Wenn die Essenz desjenigen, schon so ist. Ich bin kein Produzent, aber...

Joël Kaczmarek: Würdest du sagen, es ist dir gelungen?

Johann Scheerer: Ja, ist mir gelungen.

Joël Kaczmarek: Da musstest du so lange nachdenken.

Johann Scheerer: Ja, ich musste kurz nachdenken. Ich musste mich kurz erinnern. An die Platte. Und jetzt, Dann konnte ich das aber so deutlich sagen, weil es tatsächlich einen Kommentar von Stephen Street gab, dem Produzenten. Der Vorgänger. Genau, der Vorgänger-Produzent, der auf Twitter rausgehauen hat, so, Someone should have make him sing. Better oder irgendwie sowas. Also jemand hätte dafür sorgen sollen, dass er besser klingt auf der Platte, dass er gerade singt. Und das habe ich gelesen und dachte nur, Digga, Alter, Du hast es überhaupt nicht verstanden. Und lustigerweise haben ganz viele so darauf reagiert und haben gesagt, Digga, du hast nicht verstanden, hast du den Typen mal live gesehen? Darum geht's doch.

Sebastian Krumbiegel: Hast du keinen Autotune?

Johann Scheerer: Ja, genau. Ja, klar. Hast du keinen Autotune? Habe ich schon. Aber ich fand es nicht so eine gute Idee. Logen. Und dann hat er den Post gelöscht. Tatsächlich. Und ich hatte keinen weiteren Berührungspunkt, aber in dem Moment dachte ich, Genau so war es gedacht.

Joël Kaczmarek: Wie war denn der Ausgang für dich? Also hat Dich das irgendwie wirtschaftlich sehr nach vorne gebracht? Habt Ihr seitdem mehr gemacht zusammen, zu anderen Künstlern dadurch auf dich aufmerksam gemacht? Was war für dich der Outcome?

Johann Scheerer: Also Pete Doherty ist immer ein Name, den man erwähnen kann. Und jeder sagt, ach, der, ah, okay, der.

Sebastian Krumbiegel: Ich komme mir ja selbst schon wie so ein Fanboy vor, wenn ich dich als Erstes darauf anspreche. Aber natürlich ist das irgendwie... Ja,

Johann Scheerer: kein Problem. Meine Mutter kannte den auch.

Sebastian Krumbiegel: Klar.

Johann Scheerer: Also insofern...

Joël Kaczmarek: War komisch, weil es immer nur durch diese Kate Moss Absturz-Dinge auch sehr präsent war.

Johann Scheerer: Ja, ist richtig. Das ist natürlich der große Nerv für ihn, auch. Weil er auch in der ganzen Londoner-Szene so mit Damon Albarn und so, Die finden das alle nervig und sagen, hey, Der Typ war einfach nur bekannt wegen Yellow Press.

Sebastian Krumbiegel: Er ist aber nicht überschätzt. Das muss man ganz klar sagen. Nein,

Johann Scheerer: überhaupt nicht. Er ist nicht überschätzt. Also ja, mich hat das nach vorne gebracht. Es hat unserem Label natürlich eine Gallionsfigur. Ja, tatsächlich. Also Pete Doherty ist aus rein marketingmäßigen Gesichtspunkten ein selbstverständlicher Künstler, der super funktioniert, weil er erfolgreich ist. Und Total Kredibil und Edgy und all diese Marketing-Terms, die man dann noch so benutzen kann.

Joël Kaczmarek: Du hast ja beschrieben, wie das war, und ich glaube, Sebastian hat mir das auch, erzählt. Dass du so in dem Ruf stehst, dem irgendwie sogar halbwegs das Leben gerettet zu haben oder auf so eine Bahn, den geschoben zu haben, die wieder konstruktiver für ihn ist. Habt Ihr irgendwie eine Beziehung zusammen? entwickelt?

Johann Scheerer: Naja, also, das hat er mal gesagt in einem Interview, dass ich ihm das Leben gerettet habe. Das ist vielleicht nicht...

Sebastian Krumbiegel: Du meinst auch so einen Drogenspruch?

Johann Scheerer: Hab ich damals gedacht. Ich hab das abgetan und ich glaub mittlerweile, dass da, was Wahres dran ist. Auf eine vielleicht ein bisschen weniger dramatische Art und Weise wie der Satz. Jetzt klingt, ja, Ich glaube schon, dass das mit ihm hätte schief gehen können, wenn der nicht für drei Jahre da bei mir so eine Art Safe Space gehabt hätte. Und dass da noch eine gute Platte rausgekommen ist, ist irgendwie auch cool. Und eine Beziehung, Ich habe ewig keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt, bestimmt zwei Jahre nichts mehr gehört. Ich kann es dir nicht sagen, meine persönliche Meinung ist, Mit so schwerst drogenabhängigen Menschen kannst Du nicht wirklich eine Beziehung haben. Ich glaube, es gibt da einen großen, gegenseitigen Respekt, aber keine Freundschaft, die jetzt irgendwas zu meinem Leben beiträgt. Oder so.

Joël Kaczmarek: Kann ich verstehen. Also kann ich mir irgendwie lieber vorstellen. Aber wir sind ja jetzt schon Mittendrin gestartet. Lass uns doch mal so ein bisschen rückwärts gehen. Also, dass wir auch mal nachvollziehen, jemand, Der Musik nur konsumiert, weiß, glaube ich gar nicht, was dein Geschäftsmodell ist, Wie irgendwie ein Studioproduzent. Eigentlich arbeitet. Was kostet das? Was verdient der? Von wem? Und so weiter und so fort. Fangen wir mal beim Urschleim an. Ich hatte dir vorgelesen in dem Intro, dass du einen Musikwettbewerb gewonnen hast. Und dann war so ein bisschen der Pfad in Richtung Studio-Betreiber-Produzent auf einmal da. Wie war das aus deiner? Warte?

Johann Scheerer: Aus meiner Warte war das... Ich erzähle es mal aus einer anderen Warte, weil ich finde meines wahnsinnig langweilig. Also ein guter Freund von mir, Thomas Venker, kennst Du bestimmt auch, war mal Chefredakteur bei Intro und so. Ganz toller Journalist, macht das Kaput Magazin mittlerweile und der unterrichtet an der Volkshochschule. Ich weiß nicht, was er da unterrichtet, wahrscheinlich Journalismus oder Schreiben oder irgendwas. Auf jeden Fall wird der dann immer so gefragt, wie sag mal, als du angefangen hast, was war denn dein Geschäftsmodell, wie hast du Dir das so vorgestellt, da mit deinen Fanzines und so. Und dann guckt der die Leute mal und sagt, Leute, Ich hasse einfach aus Bock gemacht. Ich hatte kein Geschäftsmodell. Ich hatte nicht die Idee, dass ich in zehn Jahren Chefredakteur von der Intro bin. Und ich glaube, dass das in unserer Branche ganz oft so passiert. Man macht einfach Sachen aus Bock. Und ich habe das natürlich einfach aus Bock gemacht. Ich habe aus Bock mir irgendwann einen Acht-Spur-Minidisc-Rekorder gekauft und habe dann Songs aufgenommen. Und habe dann irgendwann diesen Acht-Spur-Minidisc-Rekorder verkauft. Und mir einen Computer gekauft, mit Cubase und mit so einem Teil nur anders.

Sebastian Krumbiegel: Also mit einem Mischpult?

Johann Scheerer: Kleines Mischpult.

Sebastian Krumbiegel: Und ein Musikprogramm?

Johann Scheerer: Genau. Und habe dann meine Band aufgenommen. Und habe dann befreundete Bands aufgenommen. Tatsächlich in so einem kleinen Baucontainer. Also das waren so zwei Baucontainer übereinander. Oben war das Studio in Anführungsstrichen, Unten war Proberaum auf. Naja, Jetzt, wenn man den Eierkarton und den Teppich, der an der Wand war, abzieht. Waren das vielleicht 15 Quadratmeter. Und das war so direkt an so einem Bahngleis im Hamburger Schanzenviertel. Das heißt, Alle zehn Minuten war so vor die Bahn so vorbei. Ist auch immer auf den Aufnahmen drauf gewesen. Ich wollte gerade fragen,

Sebastian Krumbiegel: ob das auf den Platten drauf ist. Ja, ja,

Johann Scheerer: genau. Und da, also, wenn man daraus jetzt eine heftige Story machen würde, könnte ich sagen, Unter diesen Bedingungen habe ich gelernt, dass man alles in die Musik mit reinbringen kann.

Sebastian Krumbiegel: Ja, das stimmt aber wirklich. Ja, dass jeder... Das ist genau dieser Magic Moment von dem Jahr. Ja,

Johann Scheerer: es ist auch so. Und wenn ich da jetzt den Sprung machen kann? In die Jetzt-Zeit, Die Musikerinnen und Musiker, mit denen ich jetzt arbeite, Das sind ganz häufig Leute, denen es wichtig ist, einen bestimmten Moment einzufangen. Denen geht es nicht um den Radio-Hit, sondern denen geht es um, hey, lass mal nicht vergessen, dass wir hier Samstag Nachmittag diesen Song aufnehmen. Und wenn Samstag Nachmittag dieser kleine Fehler passiert, ist, Vielleicht lassen wir ihn einfach drin und bauen den Rest der Musik. drumrum. Einfach nur um diesen Moment, Du sitzt im Auto und denkst so, was war das denn? Das erinnert man ja. Und das ist der künstlerische Moment in der Musik. Und das wusste ich aber damals auch nicht.

Joël Kaczmarek: Ist komisch, dass du irgendwie diesen Kurzbegriff so von dir weißt, aber gefühlt davon beseelt, bist.

Johann Scheerer: Er ist eine Hassliebe. Ich will nur auf gar keinen Fall Künstler sein.

Joël Kaczmarek: Was würde das bedeuten? Okay, hast du ja gesehen, dass du dich dann so ein bisschen verstellst, deine Rolle verstellen würdest. Okay, aber ich will mal nicht so unromantisch sein. Ich will auch nicht mehr nur der sein, der sagt, wie Verdienst du damit Geld und so. Aber ich finde trotzdem, die Mechanismen dieses Geschäfts schon interessant, auch mal nachzuvollziehen. Du hast quasi deine Genese gehabt, okay, aus dem Hobby, aus der Passion heraus, dann so, was aufzubauen. Und irgendwann kam wahrscheinlich der Moment, wo du für dich gesagt hast, du willst davon leben, hast keinen Bock, irgendwas anderes noch nebenbei zu machen, Was die Brötchen zahlt.

Johann Scheerer: Ja, also dieser Plattenvertrag, den wir da Ende der 90er Jahre bei Sony Music bekommen haben, weißt du auch, Da haben die noch richtig Geld bezahlt.

Sebastian Krumbiegel: Das waren noch Zeiten, Da war die Musikwelt noch in Ordnung.

Johann Scheerer: Aber echt.

Joël Kaczmarek: Also hieß es, du hast deine Musik für Sony produziert und dafür hast du, von denen Geld gekriegt? Ne,

Johann Scheerer: ich hab das nicht produziert, da war ich Musiker. Wir hatten einfach eine Band und haben da gespielt. Das war 1999, da waren so Bands wie Echt, gerade super groß. Da waren Bands wie Reamonn kamen da gerade hoch und so. Und wir haben einfach Hunderttausende verdient, weil das normal war. Und wir sind nach New York geflogen worden, um das Album zu produzieren.

Joël Kaczmarek: Wie hieß denn deine Band eigentlich?

Johann Scheerer: Score, hieß die Band. Bescheuerterweise. Er hat uns die Plattenfirma zugezwungen. Wir hießen eigentlich vorher am Kahlen Aste. Wir waren so eine Deutsch-Punk-Band. Und dann... Und da haben die gesagt, das muss irgendwie internationaler klingen, obwohl wir auf Deutsch gesungen haben, voll bescheuert. Aber auf jeden Fall haben die gesagt, okay, fliegt nach New York. Und dann war es sogar so, die Tonbänder, auf denen wir damals noch aufgenommen haben, Jetzt nehme ich ja lustigerweise wieder auf Tonbahn auf, aber egal. Aber wir haben eine Kopie mitgenommen und dann wurden die parallel in einem Flugzeug gleichzeitig nochmal nach Hamburg geflogen, falls wir abstürzen. Und das ging noch, das war vor. 9-11, Du konntest einfach noch einen Koffer per Flugzeug irgendwo hinschicken. Und dann haben die wahrscheinlich sogar Business Class die Bänder geschickt. Also das waren Zeiten, Da konnte man einfach richtig Geld verdienen. Wir haben einfach für zwei Jahre richtig Geld verdient. Und ja, dann hatte ich tatsächlich Lust, einfach ein Studio zu machen, was nicht nur ich nutze, sondern was ich auch vermieten kann. Und wenn du mich jetzt fragst, wie das gekommen ist, Keine Ahnung. Ich habe das Gefühl, es war schon immer da. Ich weiß nicht mehr, wann ich den Moment hatte, dass ich Technik interessant fand.

Sebastian Krumbiegel: Da will ich auch nochmal kurz reinhaken, weil du es eben so im Nebensatz gesagt, hast, damals DIE Bänder... By the way, Ich nehme euch wieder auf Bändern auf, also Du bist sozusagen Analog-Freak. Ich habe einmal eine Platte aufgenommen. In Ingo Kraus, sagt Dir was, Candy Bomber Studio in Tempelhof in Berlin. Und wirklich alles analog, und das fand ich total spannend und auch alles live. Welche Platte war das? Tempelhof heißt die Platte. Das ist eine Solo-Platte mit den feinen Herren. Da haben drei Berliner Musiker, Christoph Hahn. Kennst du vielleicht auch, Das ist so ein Stil-Gitarrist, der bei den Swans spielt. Also einfach drei Berliner Typen. Stefan Schulz, Thomas Vieth und Christoph Hahn. Und wir haben diese Platte eben wirklich live aufgenommen. Also Ich habe Rhodes gespielt, Christoph Stilgitarre, Bass und Schlagzeug. Also Stefan Bass und Thomas Schlagzeug.

Johann Scheerer: Muss ich nicht mal anhören, Klingt bestimmt spitze.

Sebastian Krumbiegel: Die klingt wirklich echt abgefahren. Das ist genau das Ding, also, es geht um dich, Aber es ist genau dieser Magic Moment, weil wir haben die Songs eben wirklich live eingespielt. Und bei drei Liedern hat dann Helmut Zerlet noch eine Orgel drauf gemacht, eine Hammond Orgel und wir haben auch bei zwei, Da hat Christoph, glaube ich nochmal eine Gitarre drüber gemacht, aber eigentlich Die Grunddinger waren alle, auch mit Gesang, Alles live. Also eigentlich wie Elvis oder wie eben früher in den Sixties die Platten aufgenommen worden sind. Und das ist eben genau. Dieser Magic Moment, auf den wir gewartet haben und den wir auch gekriegt haben. Hat total gefloppt, hat keine sau interessiert. Aber hey, wir haben da eine Platte aufgenommen und ich bin da immer noch, Ich finde die immer noch geil. Ah,

Johann Scheerer: cool. Ja, das...

Sebastian Krumbiegel: Aber meine Frage an Dich war ja jetzt sozusagen dieses, du nimmst wieder auf Bändern auf, Das ist für dich sozusagen auch ein wichtiger Teil. Deiner Achtung, Trägerwarnung, Kunst.

Johann Scheerer: Oh, da sind wir wieder. So, Jetzt kommt das nächste Thema. Vor dem ich mich sperre.

Sebastian Krumbiegel: Digital ist besser. Liebe Grüße an Jan Müller.

Johann Scheerer: Genau. Analog ist besser. Nee, also Wer gut klingt, hat natürlich recht. Der alte Ärzte-Spruch, jetzt nicht von Die Ärzte, sondern von Ärzten, Wer heilt, hat recht. Wer gut klingt, hat recht. Es ist erstmal egal, wie es aufgenommen ist. Und Leute, die sagen, es muss so oder so aufgenommen werden, das ist alles Schwachsinn. Aber es nicht von der Hand zu weisen, das auf Thomat aufnehmen, natürlich einfach Ach. Einen anderen Workflow hat.

Sebastian Krumbiegel: Du spulst zurück.

Johann Scheerer: Richtig.

Sebastian Krumbiegel: Du kannst zwar reindroppen, aber du kannst nicht irgendwie...

Johann Scheerer: Man muss sich das echt überlegen, ob man reindroppen will, weil wenn man nicht falsch reindroppt, ist echt was kaputt. Also, es ist ja wirklich eine physische Übung. Man muss das üben. Du bist auf Play, hast alles auf Record gemacht. Und dann musst du, Je nachdem, wie schnell das Band läuft, so viel vor der Dropstelle... reinmachen. Deswegen gibt es auch einen Rehearsal-Mode bei vielen Bandmaschinen, weil es echt üben muss. Man muss das üben. Zurückspulen. Warte noch, Ich übe den Drop nochmal kurz. Okay, so müsste es klappen. Und dann steht meistens der Musiker so unter Druck, dass er dann verkackt. Du hast richtig gedroppt, aber dann ist auf einmal eine falsche Note und die ist ja dann da. Die allen anderen ist nicht mehr da. Also junge Bands fragen immer, ist die da nicht irgendwie da drunter oder so? Und ich so, nee, ist leider für immer weg. Sorry. Ich glaube,

Sebastian Krumbiegel: das ist wirklich der Hauptpunkt. Das habe ich noch gar nicht gedacht. Der Workflow, Das sozusagen das Unwiederbringliche.

Johann Scheerer: Genau und jetzt denk mal an die Platte, die du gemacht hast. Du kriegst ja warme Gefühle, wenn du daran denkst. Und wie viel tolle, konzentrierte Arbeit ist es, so eine Platte herzustellen. Ich habe schon viele Platten gemacht, einfach ohne, dass ein Computer an war. Und da sind immer kleine Fehlerchen drin. Manche hörst du, manche hörst du nicht. Manche nerven mich heute, bei manchen denke ich, boah, geil. Und es gibt aber diesen Moment, der dich einfach mit allen verbindet, weil alle wissen, okay, wir müssen in jeder Sekunde zuhören. Ich muss auch als Produzent die ganze Zeit zuhören. Ich muss dieses Lied in- und auswendig können, um zu wissen, ah, okay, du hast ein riesenlanges Solo. Weißt du, wenn ich mit Omar Rodríguez-López aufnehme, Der Typ hat 32 Bar Solo. Und wenn er sagt, Guck, mal hier, da in dem Melodiebogen, Da will ich kurz drei Noten ausbessern. Das musst du wissen, wo das ist. Wenn du das nicht weißt, dann kannst du das nicht machen. Und das... Gibt natürlich eine viel intensivere Beschäftigung mit dem Stück. Gerade so in der Musik, in der ich mich wohlfühle, die nicht statisch Intro, Vers, Chorus und so ist.

Sebastian Krumbiegel: Das habe ich total gut verstanden. Das habe ich jetzt das erste Mal richtig verstanden, übrigens, weil ich habe immer eben auch so dieses, ja, Digital analog am Ende, wie gesagt, wer gut klingt, hat recht, so Punkt, ja. Aber das habe ich eben richtig verstanden. Ja. Also diese, die andere Zeitrechnung sozusagen. Ja,

Johann Scheerer: du komm mal her, du hast einen Fehler. Gemacht in deinem Playback. So, und dann sagst du mir...

Sebastian Krumbiegel: Könnte ich gleich wieder sagen, definiere Fehler. Christoph Hahn hat immer gesagt, wenn du einen Fehler machst, mach ihn nochmal und etabliere ihn. Ja, super.

Johann Scheerer: Ja, super. Richtig gut. Genau. Perfekt. Und der Workflow im Computer ist, Du gehst zu mir und sagst, Johann... Guck mal, Ich habe einen Fehler gemacht. Da siehst du ja schon, was anders ist. Und was mache ich? Ich scroll rein und du zeigst mir, guck mal hier, da habe ich falsch gesungen. Dann klicke ich einen Takt vorher drauf und machst es nochmal. Dauert zwei Minuten. Und die Auseinandersetzung mit dem Stück auf Tonband, wenn alles Visuelle wegfällt, ist eine andere. Ist nicht von der Hand zu weisen.

Sebastian Krumbiegel: Yeah. Danke. Das finde ich total geil.

Johann Scheerer: Freue ich mich gerade. Cool, Das freut mich.

Joël Kaczmarek: Kann man so eine Tonbühne nicht eigentlich einmal duplizieren? Also ist da ein Magnetband? Kannst du die nicht wie früher Kassetten, sozusagen, dass du zwei hast, machst? Dann deinen Drop-in Und wenn du es verkackst, machst du es nochmal im anderen?

Johann Scheerer: Safety-Copy, ja, muss man natürlich vorher wissen. Und es dauert. Es dauert Zeit. Du brauchst eine zweite 24-Spur-Maschine. Man macht manchmal Safety-Copys einfach auf Stereo, aber da hast du nichts von. Also dann hast du im Zweifel einen komisch klingenden Mix. Als Safety-Copy, Was willst du dann nachher mit machen? Also Man könnte das kopieren und zur Seite legen. Machen sicherlich Leute wie Bruce Swedien, wenn Sie mit Michael Jackson produziert haben, auch genau so.

Sebastian Krumbiegel: Du könntest ja theoretisch, wenn es wirklich ausschließlich um den Workflow geht, Könntest du es auch digitalisieren und dann wieder aufs Band zurückspielen. Verstehst du?

Johann Scheerer: Ist korrekt.

Sebastian Krumbiegel: Also, das ist ja dann eigentlich auch legitim. Also, ich möchte echt jetzt wirklich denjenigen sehen, DER mir... Bei einem Blind Date sagen kann, das ist digital, und das ist analog. Das ist Bandmaschine, das ist irgendwie Computer. Zumal es ja heute auch Programme gibt, die das alles simulieren. Und wie auch immer.

Johann Scheerer: Da stimme ich dir zu, wobei ich sagen muss, wenn Sachen auf Band waren, dann digitalisiert werden und dann wieder mit mehr Spur auf Band zurückgespielt werden, ist es oft doch ein deutlicher Unterschied.

Sebastian Krumbiegel: Qualitätsverlust einfach. Ja,

Johann Scheerer: tatsächlich Qualitätsverlust, weil zu viel Band tut dem jetzt auch nicht gut. Also, es gibt ja auch viele Leute, die denken, Band ist das Allheilmittel. Alles wird fetter, alles wird wärmer, alles wird, was auch immer. Stimmt nicht. Also, wenn du auf Tonband aufnimmst und dann auf Band mischt, würde man sich manchmal mehr Transparenz wünschen. Du würdest dir manchmal mehr einen tighteren Bass wünschen, den du mit Band einfach viel schwieriger erzeugen kannst. Es ist nicht so, dass es immer irgendwie geiler ist.

Sebastian Krumbiegel: Wir haben ja die ersten Platten hier in Hamburg im Boogie Park Studios. Wirklich noch mit Bandmaschinen logischerweise aufgenommen. Das war vor digital kompakt.

Johann Scheerer: Die klingen ja richtig, toll.

Sebastian Krumbiegel: 91, 92, 93, Die Ersten Platten, ja. Bis dann eben irgendwann das erste Mal, ja, eben Logic, Irgendwie die Musikprogramme an den Start kamen. Und eben, ja.

Johann Scheerer: Kriegst du?

Sebastian Krumbiegel: Entschuldigung. Nee, bitte.

Joël Kaczmarek: Kriegst du eigentlich noch, solche Bänder zu kaufen? Ja,

Johann Scheerer: bei Thomann. 280 Euro kostenbar.

Joël Kaczmarek: Okay, ist nicht wie bei Polaroids, dass die nicht mehr hergestellt werden.

Johann Scheerer: Polaroids werden wiederhergestellt.

Joël Kaczmarek: Witzig. Dann hast du irgendwann mal für dich gedacht. Kotzt mich an, Die Scheiße. Ich will es doch viel einfacher haben, Oder ist das auch so ein bisschen hasselig?

Johann Scheerer: Ja, jeden Tag. Klar, jeden Tag denke ich, das ist so, boah, Alter.

Sebastian Krumbiegel: Aber das ist interessant. Ich meine, ich denke gerade so, Unser Podcast heißt Kunst trifft digital. Und wir haben viel schon... Nee,

Johann Scheerer: jetzt um Kunst trifft. Analog heißt es ab jetzt. Pass auf, nee,

Sebastian Krumbiegel: nee. Wir haben ja oft darüber nachgedacht, was macht die digitale Welt mit uns, das Schnelllebige. Und genau das, was du eben erklärt, hast mit der... In Anführungsstrichen Sicht auf die Musik oder mit dem Umgang, Eben, wenn du, ja, was du eben gerade alles erzählt, hast, dass du eben nicht das optisch siehst, sondern dass du wirklich einen ganz anderen Zugang zu der Musik hast, weil Du Sie eben hörst. Und weil du auch, wie gesagt, zurückspulen musst und dann reintrumpfst, was du alles erzählt, hast. Das ist ja auch eine Art Entschleunigung, die wir ja manchmal uns wünschen, in der heutigen schnelllebigen digitalen Zeit. Und das finde ich eine interessante Analogie, gerade.

Joël Kaczmarek: Das ist echt geil, hast du recht. Sag mal ein bisschen, was zum Geldverdienen. Also, es ist einfach die Blanke Neugierde. Du Kapitalistenschwein. Ja, ich Kapitalistenschwein.

Johann Scheerer: Na komm.

Joël Kaczmarek: Wie verdient man Geld mit dem Studio? Was kostet es, ein Album zu produzieren? Wer zahlt das? Kostet es bei jedem gleich? Macht es einen Unterschied?

Sebastian Krumbiegel: Kommt ganz drauf an, Wer kommt.

Johann Scheerer: Natürlich kommt es drauf an, Wer kommt. Aber nur deswegen, weil die Leute alle unterschiedlich viel Geld haben.

Joël Kaczmarek: Ist jetzt ein bekannter Künstler, wird es für den teurer? Oder nimmst du da weniger, weil er bekannt ist und dich pusht?

Johann Scheerer: Also das auf gar keinen Fall. Ich mache auf gar keinen Fall irgendeinen Deal, also, warum sollte jetzt eine Band wie, Ich sage jetzt einfach mal Sportfreunde Stiller, die ihre letzten zwei Alben bei mir gemacht haben, Warum sollte so eine Band viel weniger bezahlen, damit ich mit denen werben kann, das fände ich irgendwie pervers. Nö, ich mache das so, Es gibt einen Preis, also. Mittlerweile sind es zwei Studios, Das große Studio kostet... Sage und Schreibe 900 Euro am Tag, Das andere kostet 750 Euro am Tag, Ein Engineer kostet 250 Euro am Tag. Also bezahlst Du um und bei 1000 Euro pro Tag, inklusive Engineer, Da ist unsere Wohnung mit drin, Da ist alles Equipment mit drin, Da ist die gesamte Backline, Alle Instrumente mit drin, fertig. Wenn ich das noch produzieren soll und das jemand ist wie Pete Doherty oder At the Drive-In-In, kostet das immer so ein bisschen, Was ist drin, Was soll das für eine Platte werden? Und so manchmal einfach nochmal 1500 Euro mehr am Tag. Bei einer amerikanischen Band ist das drin. Oder man sagt, hey, wir machen einen Package-Deal, Das ganze Album kostet 25 oder 35. Studio, Produzent, Engineer. Genauso kann es sein, dass eine Band zu mir kommt und sagt, wir wollen unser erstes Album aufnehmen, Wir haben kein Label, dafür haben wir 5000 Euro. Wie geht das? Dann sage ich, puh.

Sebastian Krumbiegel: Wir haben vier Tage Zeit.

Johann Scheerer: Ja, genau.

Sebastian Krumbiegel: Das ist ja auch vielleicht in Ordnung.

Johann Scheerer: Na, klar, also, ich sage denen, Pass auf, Natürlich gehe ich da mit dem Preis runter. Das macht jeder. Ich gehe nicht mit dem Preis runter und sage, Das kostet jetzt nur noch 200 Euro, Sondern ich habe eine Grenze, die ich jetzt nicht nenne, wo ich sonst draufzahle, wenn ich zu billig bin. Das mache ich einfach nicht. Also dann ist es wirklich ein spezielles Modell, da komme ich gleich zu. Und dann sage ich denen, wenn ihr das könnt, dann könnt ihr ein Album an einem Tag aufnehmen. Das hab ich auch schon gemacht mit Bands. Ich hab hier. Bosnian Rainbows, Amerikanische Band. Das ganze Album inklusive Overdubs haben wir in viereinhalb Tagen aufgenommen. Es geht.

Sebastian Krumbiegel: Wir haben Tempelhof auch übrigens in einer knappen Woche aufgenommen. Ja,

Johann Scheerer: man braucht auch nicht mehr Zeit. Also, man muss ja nur vorbereitet sein. Alle müssen wissen, was sie tun. Und dann spielt man einfach das Album ein. Und wenn man keinen Fehler macht, dann ist es ganz schnell fertig. Man muss halt vorher seine Hausaufgaben machen. Der Produzent muss wissen, wie es klingen soll.

Sebastian Krumbiegel: Die Band soll ihren Scheiß können.

Johann Scheerer: Absolut. Dann solche Momente wie, was spielst du da? Ein F-Moll? Hast du da schon immer ein F-Moll gespielt? Habe ich gar nicht gehört. Und so, das darf natürlich nicht passieren, sondern alles muss stimmen. Und im Studio arbeitet man nur noch so an dem Magic Moment. Ich glaube, das könnt Ihr besser. Lass mal zwei BPM schneller oder so. Oder geh mal nicht aufs Crash. Ich glaube, das ist erst da besser. Und wenn das geht, dann braucht man keine Zeit. Dann kann man für 5000 Euro locker. Zwei Alben gleich machen.

Sebastian Krumbiegel: Es gibt doch eine Story von ACDC, Ich weiß gar nicht, Mit welchen Produzenten, die ins Studio gegangen sind, Der Producer wollte irgendwie eigentlich nur einstellen, die haben einmal das ganze Set durchgespielt. Und der Producer sagt dann, okay, Wir können anfangen. Und die Band sagt, hä, wir haben gedacht, das war's jetzt. Ich weiß nicht, ob das eine Mehrheit ist, aber ich glaube, ich hab das irgendwann mal gehört.

Johann Scheerer: Ah ja, schön. Ja, die Zeiten sind leider vorbei, Aber alle zu viel wissen, das ist auch meiner Meinung nach ein großes Problem.

Joël Kaczmarek: Bevor du von deinem Special Deal erzählst, Warum ist denn der Raum aber teurer als die Person, die es macht?

Johann Scheerer: Tja, Weil weil die Person ein Künstler ist. Und die werden immer schlecht bezahlt. Das gehört zum Image.

Sebastian Krumbiegel: Jetzt haben wir dich.

Johann Scheerer: Nee, Spaß. Ja, keine Ahnung, weil das Auto auch teurer ist als der Fahrer oder so. Keine Ahnung.

Sebastian Krumbiegel: So ein Studio ist echt auch viel wert. Ja,

Johann Scheerer: also da stehen irrsinnige Werte drin. Die Mischpulte und die Sachen, die da stehen, Die haben viel Geld gekostet. Ich muss die Kohle irgendwie da reinkriegen.

Sebastian Krumbiegel: Noch mal ganz kurz, also. Ich habe zwar auch wenig Ahnung, aber so ein paar zwölf Zoll. Gespräche. Was hast du für Pulte? Also, weil Ingo Kraus hat wirklich so alte Telefunkenpulte. Diese Rundfunkdinger, mit denen wirklich schon zur Nazi-Zeit aufgenommen worden, ist. Ja,

Johann Scheerer: die Nazis klangen super.

Sebastian Krumbiegel: Geil, das war nicht alles schlecht. Ne, genau.

Johann Scheerer: Also Die geilen Mikros hatten sie. Ist nicht ihr Verdienst gewesen, aber sei es drum.

Sebastian Krumbiegel: Aber was hast du für Equipment? Da stehen?

Johann Scheerer: Na, also, Ich habe einen Neve 8068 Mk II von 1974. 70, das hat mal George Martin gehört, Den Produzenten der Beatles, hat John Lennon Double Fantasy drauf aufgenommen. Hammer,

Sebastian Krumbiegel: ey, Das ist doch auch schon mal ein Ding, wo du dir die Magie ins Haus holst.

Johann Scheerer: Genau, aber es ist doch wirklich so, du weißt das. Ja, das stimmt, aber die Magie kommt nicht in die Songs.

Sebastian Krumbiegel: Nee.

Johann Scheerer: Und das ist der Irrglaube, Die Leute sagen, komm, wir gehen ins Clouds Hill, Da steht das Ding von George Martin, Da können wir eine Platte machen, wie John Lennon, Das funktioniert nicht. Ja,

Sebastian Krumbiegel: aber trotzdem, Ich glaube, wenn du weißt, dass du über das Mikro aufnimmst, von dem schon der und der gesungen hat, dann singst du vielleicht mit einer anderen Haltung.

Johann Scheerer: Ist absolut so, Na, klar. Und man hat weniger Argumente, dass Sachen nicht klingen. Du kannst halt nicht auf die Technik schieben. Also das habe ich tatsächlich lernen müssen. Ich habe dieses Pult irgendwann angeschafft, als mir klar war, relativ zeitig, dass ich dieses Studio als kommerzielles Vermietstudio auch nutzen will. Und da kann man nur zwei, drei Marken von Mischpult haben, Ansonsten kommen die großen Leute nicht. Und dann saß ich da und mir wurde sehr schnell klar, dass alles, was ich ab jetzt abliefere als Produzent. Muss auf eine gewisse Art und Weise stimmen, weil ich nicht sagen kann, ja, sorry, das Pult, Das Mikrofon, der Preamp, habt das Beste rausgeholt, sondern sagen die, also. U2 klang aber besser auf dem Pult, Bob Dylan klang aber besser auf dem Pult, liegt wohl doch an dir. Dann gibt es ein API-Pult, Wir haben Studer A80, Studer A827, So große Bandmaschinen, Viele alte Mikrofone.

Sebastian Krumbiegel: Du gehst nicht so weit, dass du irgendwelche Hallplatten hast?

Johann Scheerer: Ich habe eine Hallplatte. Eine EMT 140.

Sebastian Krumbiegel: Das ist ja echt abgefahren. Eine EMT 240. Weißt du, Wie eine Hallplatte funktioniert, Joel? Eine Hallplatte ist, Du hast sozusagen, das kannst du besser erklären.

Johann Scheerer: Aber Pass auf, Ich erzähle es andersrum. Ich habe in meinem Studio ein Hallgerät, EMT 251. Das nennt sich im Musikerjargon die Weltraumheizung. Genau. Das ist so groß, Ich zeige das Mal hier jetzt für die Podcast. Johann Scheerer zeigt ein Objekt. Größe eines Mittelgroßen Rimowa-Koffers. Und oben sind, so Regler dran, ja. Und es sieht richtig spacig aus. Also, es sieht wirklich aus wie 50er Jahre. Space Design.

Sebastian Krumbiegel: Ich wollte gerade sagen, Baujahr ist irgendwie 50er. Ich glaube schon,

Johann Scheerer: ja. Oder 60er, egal. Und alle sagen, das ist das Heilgerät sehr riesig. Und dann sage ich denen, ja, ihr müsst verstehen, Der Vorgänger von dem Gerät war so groß wie der Schrank. Und zwar wirklich. Und das ist eine Halbplatte. Das musst du dir so vorstellen, wenn der Schrank auf der Seite stehen würde.

Sebastian Krumbiegel: Ein richtiger, großer Kleiderschrank.

Johann Scheerer: Genau. 2,50 meter mal 1 meter mal 50 Zentimeter. Und da drin ist einfach eine Stahlplatte. Und an der sind Tonabnehmer dran. Und da spielst du die Musik rein, dann fängt die an, zu vibrieren. Und am anderen Ende wird es wieder aufgenommen. Und das, was die Halbplatte vibriert, benutzt du als Hall. Wie so früher, so Donner, nur eben viel filigraner. Ja, habe ich.

Sebastian Krumbiegel: Und das ist schon echt, also? Und jetzt nochmal, um das noch weiter zu treiben, Heutzutage hast du einen Computer und kannst auf einem Stick irgendwie tausend verschiedene Hallarten digital irgendwie dir abfordern. Und so hat sich das entwickelt, sozusagen. Ja, die Frage ist natürlich wirklich, ob das jemand hören würde, Ob du dein altes Hallgerät benutzt oder ob du es mit einem Plug-in machst.

Johann Scheerer: Also es gibt Plug-ins, Die Hallgeräte emulieren, Da klingen auch ein paar richtig super, Die benutze ich auch. Interessant wird es ja erst wieder, und da kommen wir zum Anfang, zu der Bahntrasse neben dem Studio und den Fehlern. Wenn da jemand an der Tür klingelt oder ein Hund bellt oder sich jemand neben der Hallplatte unterhält, Dann hört man das auf dem Hall, wenn der Kanal offen ist. Weil die natürlich auf jeden Schall reagiert, auch auf den Schall von außen. Ist zwar in so einem Holzkasten, aber trotzdem. Und da muss man sich, also entweder man sagt, Ruhe, bitte, Wir nehmen jetzt den Mix auf und da ist so. Oder man lässt es und nimmt in Kauf, dass was Unerwartetes passiert. Und das kannst du beim Plugin nicht.

Sebastian Krumbiegel: Kennst Du diese Vierspuraufnahmen? Es gibt ja so Im Netz, findest du ja irgendwie so diese, Was weiß ich, Beatles, irgendwelche von irgendwelchen Songs, wo du Vierspuren hörst, wo du eben wirklich. John Lennon Alleine I read the news today, Oh boy, singen hörst. Und wo du dann teilweise in den Zwischenräumen dir echt lachen hörst und dich unterhalten, hörst. Und das ist alles ja irgendwie auch mit drauf. Und das ist alles sozusagen. Dreck. Und es ist aber geil, weil es eben nicht clean, digital ist. Sauber gemacht ist. Und das ist das, was du glaube, ich meinst, irgendwie mit Lebendigkeit. Ja,

Johann Scheerer: genau.

Sebastian Krumbiegel: Oder ist das jetzt... Nein,

Johann Scheerer: das ist total richtig. Ich seufze nur, weil... Ich weiß auch nicht. Ich sehe, Du magst das, ich mag das. Vielleicht sind wir da beide so ein bisschen emotional, missionarisch in einem guten Sinne auch unterwegs, Aber die heutige Musikwelt ist einfach so weit weg davon, sowas gerade gut zu finden. Das ist einfach ein bisschen schade.

Sebastian Krumbiegel: Aber ich denke, dass das eine... Bewegung ist, dass das in Vans auch wieder zurückkommt. Also es gibt so viele Beispiele.

Joël Kaczmarek: Ich kann mir jetzt gar nicht vorstellen, dass bei euch nicht jemand ins Studio kommt und findet es ungeil. Also so, äh, ist kacke,

Johann Scheerer: Ich sing jetzt lieber wieder in die Büchse. Das stimmt schon, Aber zu unserem Studio kommen ja auch meistens Leute, die deswegen kommen. Oft auf jeden Fall. Sehr, also in der Regel.

Joël Kaczmarek: Aber wenn du mir jetzt so von den Preisen erzählt, hast, dein Special-Modell fehlt noch.

Johann Scheerer: Ja, das Special-Modell ist, Eine Band kommt zu mir und sagt, hier sind unsere Demos, Wir finden Platte XY super, die du produziert. hast, hättest du Interesse daran, unsere Platte zu produzieren. Und wenn ich die Musik super finde, dann kostet das vielleicht einfach gar nichts.

Joël Kaczmarek: Dann machst du sozusagen als Investition in diese Band, um was der Musik zurückzugeben. Oder wirst du dann beteiligt, an denen?

Johann Scheerer: Es gibt alle möglichen Modelle.

Joël Kaczmarek: Wie ist das generell, Wenn Du sagst, du produzierst das, kriegst du dann ein festes Geld für deine Produktionstätigkeit oder wirst Du an? Einnahmen beteiligt?

Sebastian Krumbiegel: Beides eigentlich.

Johann Scheerer: Also, Im besten Fall kriege ich ein Gehalt, kriege 1000 Euro am Tag oder so, oder Kriege 10.000 Euro für die Albumproduktion. Und dann kriege ich Produzentenpunkte, also so Royalties von den Tonträgern, die verkauft werden oder von den Streams.

Sebastian Krumbiegel: Klammer auf, die es gar nicht mehr gibt.

Johann Scheerer: Ja, genau, ist mittlerweile so ein bisschen hinfällig, Deswegen ist das beliebtere Modell heutzutage…

Sebastian Krumbiegel: Cash in the Tash.

Johann Scheerer: Publishing-Beteiligung würde ich jetzt sagen, Cash IN THE Tash, natürlich, klar.

Joël Kaczmarek: Hast du ein gutes… Auskommen für dich? Klingt jetzt so, also bei 1000 am Tag, so kommt ja was zusammen. Und dein Studio, und dies, und das?

Sebastian Krumbiegel: Er arbeitet ja nur zwei Tage im Monat.

Johann Scheerer: Wenn überhaupt. 30 Tage muss ich mich vorbereiten, einen Tag arbeiten.

Joël Kaczmarek: Ist es wirklich so, dass du nicht jeden Tag arbeitest, sondern nur zwei Tage die Woche oder so?

Johann Scheerer: Ich arbeite, ich arbeite sehr, sehr viel.

Joël Kaczmarek: Ich habe auch gerade so gedacht, dass deine Familie mit dich nicht so oft sieht, wenn du mir erzählst, Die Künstler kommen nachts oder acht Stunden später.

Johann Scheerer: Das war eine Phase, ALSO DIESE Pete-Doherty-Phase, Das habe ich auch mit meiner Familie besprochen. War übrigens. Auch interessant, dieser Prozess, durch den ich gehen musste, wie viel ist mir das eigentlich wert? Hier jetzt dreimal acht Stunden zu sitzen und zu warten, es passiert nichts, und ich hätte eigentlich zu Hause sein müssen. Das war ein interessanter Prozess, um für mich herauszufinden, wie sehr will ich das eigentlich. Ich will das schon sehr, aber ich will auch ein präsenter Vater sein. Und wenn ich arbeite, arbeite ich bis 16 Uhr oder bis 15 Uhr und dann hole ich die Kinder ab. Und dann mache ich mit denen was, dann essen wir abendbrot. Und dann bringe ich die ins Bett. Und dann fahre ich wieder ins Studio.

Joël Kaczmarek: Eigentlich müsstest du doch dein Häuschen neben deinem Studio sitzen, Dann wäre das doch einfacher, oder?

Johann Scheerer: Vielleicht sitzt mein Häuschen Ja, neben meinem Studio, weißt du ja nicht. Aber wäre ein ideales Setup.

Sebastian Krumbiegel: Naja, Es ist ja auch ganz cool, wenn du das wirklich trennst. Also, es gibt ja so Geschichten, was weiß ich, Nick Cave hat irgendwie eine Wohnung, wo er wohnt und fährt aber jeden Tag in sein Büro. Und da steht ein Klavier, und dort ist er eben dann, also Ich hab das mal gelesen, jeden Morgen. Irgendwie ist er dann eben um neun oder so oder irgendwie da und schreibt Songs. Und dann sagt er richtig, okay, das ist ja sozusagen meine Bürozeit. Es ist ja eben auch die Frage, wie definierst du das? Wie definierst du Arbeit? Also ich hätte vorhin fast gesagt, ich arbeite permanent. Nennen es aber nicht so, Aber ich versuche permanent irgendwie...

Joël Kaczmarek: Ich glaube, es gilt für jeden hier an den Mikros,

Sebastian Krumbiegel: oder? Ich versuche, wach, durch die Gegend zu rennen und mir Zeilen aufzuschnappen, aus denen vielleicht ein Lied wird oder so.

Joël Kaczmarek: Deswegen hast du heute morgen beim Frühstück, Als ich hier gesagt habe, reich mir mal die Butter, wieder Notizen gemacht. So in der Art.

Sebastian Krumbiegel: Nein, ich will das gar nicht so...

Johann Scheerer: Reich mir mal die Butter, ist okay.

Sebastian Krumbiegel: Schöne erste Zeile, eigentlich.

Johann Scheerer: Machen wir was draus.

Sebastian Krumbiegel: Machen wir einen Radio-Hit draus.

Johann Scheerer: Okay, alles klar. Challenge accepted. Wird wahrscheinlich sogar klappen.

Joël Kaczmarek: Hat Jan Müller eigentlich sein Album bei Dir produziert? Best of haben die letzte Mal. Hat der schon mal bei dir produziert? Mit Tocotronic?

Johann Scheerer: Nein, die sind einfach in Berlin. Die wollen nicht nach Hamburg.

Joël Kaczmarek: So eine Penner, wa? Ja,

Johann Scheerer: ich finde es auch voll. schade.

Joël Kaczmarek: Jan ist ja ein Super Typ, der guckt sich das Geil an. Der ist doch so verliebt in sowas. Das stimmt,

Johann Scheerer: Er hat sich sogar schon mal in Vorauseilendem gehorsam gerechtfertigt und hat dann genau diesen Satz gesagt. Ja, wir waren ja noch nie bei dir zum Aufnehmen, aber wir sind irgendwie da, immer in Berlin. Und es ist auch okay. Also Moses Schneider, der Produzent von den Tokus, Der war schon ein paar Mal bei mir und hat mit anderen Bands da was gemacht, aber naja.

Joël Kaczmarek: Jetzt hast du eben von deiner Familie, von deinen Kindern, erzählt. Und ein Kapitel, was sich bei dir so ein Stück weit aufdrängt, weil du auch ein Buch drüber geschrieben hast, ist sozusagen deine Familie. Also nicht nach unten hin deine Nachkommen, sondern deine Vorfahren, also sprich speziell deine Eltern. Wo man ja so ein bisschen staunt, also Der Nachname ist scherer. Und wenn man zu dir recherchiert, merkt man, du heißt Reemtsma, hast ein Buch drüber geschrieben. Wer sich noch ein bisschen mit deutscher Geschichte auskennt, weiß, dass es da diese Entführung gab. Magst du mal erzählen, was vielleicht auch für Leute, die das nie erlebt haben, Was da passiert, ist?

Sebastian Krumbiegel: Oder magst du das nicht, um ganz klar zu fragen?

Johann Scheerer: Also, ich habe ja vorhin gesagt, kannst gerne alles fragen. Also diese Entführungsgeschichte, die kannst du nachlesen. Oder du erinnerst es noch, wenn du dabei warst, dass mir das zu öde.

Joël Kaczmarek: Ja, ich versuche ja trotzdem mal, Leute abzuholen, die jetzt hier hören und jetzt Auto fahren und wollen nicht irgendwie rechts ranfahren, sich bei Amazon ein E-Book Runterladen und nachvollziehen.

Johann Scheerer: Wieso eigentlich nicht? Die scheiden nicht wieder ein, Die Faulen Schweine. Es gibt diverse Bücher über diese Entführung im Gesamtseinsatz. 2, nämlich eins von meinem Vater und eins von mir. Kann man beide lesen, sind beide gut.

Joël Kaczmarek: Also dein Vater wurde entführt, Punkt. Und es gab eine Lösegeldforderung, Punkt. Aber da hört es bei mir auch peinlicherweise schon auf, muss ich zugeben. Ich weiß nicht, wer das war, wie der Ausgang war. Aber ich glaube, es geht ja vor allem auch um die emotionale Komponente.

Sebastian Krumbiegel: Drum Lass das Thema doch abhaken. Also ich finde wirklich irgendwie, also, wenn du nicht drüber reden möchtest, Punkt aus.

Joël Kaczmarek: Hat er gar nicht gesagt, er hat ein Buch drüber geschrieben. Also irgendwie hat er ja doch, oder?

Johann Scheerer: Ja, also mir ist es, Danke für die Möglichkeit, dieses Thema abzuhaken. Mir ist es nicht unangenehm oder so. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass das nur ganz wenige Leute wirklich interessiert. Jenseits des Klatsch und Tratsch Aspektes. Der ist natürlich in der Musik sehr groß, und wenn du so eine Geschichte im Hintergrund hast. Und für dich in Anspruch nimmst, Musik zu produzieren und mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten, dann ist das etwas, Was bei vielen Leuten, die an der Qualität der Musik nicht interessiert sind, sondern einfach nur am Blambla Drumrum. Einen großen Stellenwert hat, der tierisch nervt. Und deswegen geht mir dieses Thema natürlich auf die Eier, weil ich damit... Abgesehen davon, dass mir das passiert, ist, nichts zu tun, habe.

Sebastian Krumbiegel: Hast du das Buch auch aus therapeutischen Gründen geschrieben oder hast du das geschrieben, um... Damit Penner, wie wir dich nicht mehr fragen.

Johann Scheerer: Also Die Geschichte zu dem Buch ist die, dass ich von dem Lektor eines Verlags angesprochen wurde, Ob ich nicht ein Buch über Pete Doherty schreiben will. Und ich habe mir das überlegt und mir wurde relativ schnell klar, dass ich das nicht will, weil ich da eher ja auch so eine Therapeutenrolle habe. Und da spricht man einfach nicht drüber. Jedenfalls nicht mehr, als wir jetzt gesprochen haben. Und dann habe ich aber darüber nachgedacht, weil ich diese Anfrage sehr... Was ich schmeichelhaft fand, dass jemand sagt, hey, ich finde die Sachen, die du machst, so interessant, ich könnte mir vorstellen, dass Du da ein Buch drüber schreiben könntest, was dann Leute, interessiert. Das war jetzt erstmal eine neue Information für mich, dass das drin ist. Und ich habe überlegt, will ich eigentlich gerne mal ein Buch schreiben und habe dann für mich sehr schnell gemerkt, dass wenn ich mal ein Buch schreiben sollte, ich erstmal dieses Buch schreiben muss. Weil das eine Geschichte in meinem Leben ist, auf DIE DANN doch... Auf eine emotionale Art sehr viel verweist.

Sebastian Krumbiegel: Wie alt warst du, als das war? Ich war 13.

Johann Scheerer: Das war 1996. Ich war 13 und habe dann dieses Buch geschrieben. Es ging relativ schnell und das hatte einen großen therapeutischen Aspekt in dem Sinne, Dass die Lesungen, die ich da gemacht habe, sehr viel Spaß gemacht haben.

Sebastian Krumbiegel: Kann ich nachvollziehen, weil auch ich schrob ein Buch. Also jetzt gar nicht irgendwie therapeutisch, sondern irgendwie... Das war übrigens die Idee von Gunter Buskis und Carsten Friedrichs. Die waren mal in einem Konzert von mir und haben gesagt, ja, war ja gar nicht schlecht, aber also solo am Piano, wirklich ganz alleine am Klavier. Und haben gesagt, war ja cool, aber das Gelaber zwischendurch. Die Ansagen waren irgendwie länger als die Songs. Und ich neige da wirklich dazu, irgendwie dann anfangen zu labern und so. Und haben dann gesagt, hey, die Geschichten, die du erzählt hast, waren ja spannend, schreib das doch mal auf. Und dann habe ich zuerst gesagt, nee, komm, das ist mir viel zu, Ein zu großes Paar Schuhe sozusagen als... Autor oder so. Und dann hat das Tierisch Spaß gemacht und ich habe Sachen aufgeschrieben, eben Kindheit und irgendwelches Zeug, also teilweise therapeutisch, ist wirklich too much, aber hat mir totale Laune gemacht. Ich mache morgen wieder eine Lesung und bin damit ganz gut unterwegs, spiele zwischendurch Klavier und lese da irgendwelche Sachen Draus vor. Und das ist schon geil, Irgendwie sich selbst auch besser kennenzulernen, sozusagen.

Johann Scheerer: Ja, genau. Also genau, Man lernt Sachen über sich kennen, indem man drüber nachdenkt und dann mit anderen Leuten drüber spricht. Und vor allen Dingen. Auch die Reaktionen der Menschen bekommt. Ich glaube, dann wird einem erst klar, wirklich klar, was eigentlich passiert, ist.

Joël Kaczmarek: Ich finde ja bei dir irgendwie so geil, also Unsere Hörer sehen dich Ja, nicht, Aber hier sitzt ein junger Mann vor mir, Mitte der 30er, mit tätowierten Armen, vom Aussehen her. Aber irgendwie total, also Du bist gut angezogen, du siehst irgendwie, wie soll ich sagen, gesellschaftlich akzeptiert. Scheißformulierung, Mir fällt keine Werte, ein.

Johann Scheerer: Finde ich super.

Joël Kaczmarek: Also irgendwie verwöhnst du so ein bisschen die Welt sozusagen der Normalität mit der des Wilden. Und du hast ja eine unfassbare Fucking Tiefe in deinem Denken, in deiner Philosophie. Und du bist auch so ein bisschen Edgy. Und ich überlege die ganze Zeit, dieser Mensch, der du jetzt bist, mit dem der sehr klar und sehr präzise weiß, was er will, wie er sich einordnet, der genau weiß, was er tut inhaltlich, Wurde der 1996 geboren. Oder war der schon vorher da?

Johann Scheerer: Tja, wie soll ich das wissen? Ich hab ja nicht... Ich weiß das.

Joël Kaczmarek: Wenn man Sollbruchstellen im Leben hatte, weiß man das.

Johann Scheerer: Also, ich sag dir mal, Anfang dieses Jahres das. Habe ich mir den Hals gebrochen. Dreimal. Ich habe auf dem Trampolin im Garten eine Rückwärtsseite gemacht, bin auf den Kopf gelandet, Drei Halswirbel gebrochen.

Sebastian Krumbiegel: Können wir ja froh sein, dass du hier sitzt.

Johann Scheerer: Ja, genau. Beziehungsweise, dass ich rauslaufen kann und nicht die ganze Zeit nur noch sitze. Und dann hat das ein paar Tage gedauert, bis man wusste, was man macht. Und letztendlich hat man mir dann hier den Hals aufgeschnitten und hat die letzten beiden Halswirbel und den ersten Brustwirbel verschraubt. Mit so einer Metallplatte, zusammengeschraubt, wieder zugenäht. Das ist jetzt vier, fünf, sechs Monate her, fünf Monate her.

Sebastian Krumbiegel: Ich sehe keinerlei Nabel. Ach, doch, da an der Seite. Ups, ja.

Johann Scheerer: Und das ist ein Moment gewesen, der nicht währenddessen und nicht kurz davor, Da hatte ich echt richtige Todesangst am Abend vor der Operation. Aber danach hat das vieles ins richtige Licht gerückt, Habe ich das Gefühl. Also vieles dadurch hat eine, Das ist so ein Perspektivwechsel, den man einnimmt. So, In erster Linie bin ich richtig froh, dass ich lebe, dass ich laufen kann, dass ich sonst gesund bin.

Sebastian Krumbiegel: Wertigkeiten.

Johann Scheerer: Ja, also, es klingt, so, Das ist im Grunde die Standardgeschichte, die dir jeder erzählt. Nach so einem krassen Unfall oder einem Nahtoderlebnis oder irgendeinem Trauma, was man dann bestenfalls eben überwunden hat. Und natürlich machen dich solche Sachen zu dem, der du bist. Es steht völlig außer Frage. Warum ich mich jetzt gegen diese Frage, die du gerade gestellt hast, irgendwie so ein bisschen wehre, ist, dass ich weiß nicht, wie ich wäre, wenn es anders gewesen wäre oder wenn es nicht passiert, wäre. Und ich weigere mich irgendwie zu sagen, dass. Ich will dem nicht zu viel Raum geben. In meinem Leben. Auch viele Leute sagen dann, hast du damals dann die Musik entdeckt oder so. Ich habe damals, was weiß ich, sehr gerne. Georg Kreisler gehört, Ich habe sehr gerne Die Prinzen gehört und Die Ärzte. Vielleicht hätte ich das einfach auch so weitergemacht. Also, ich will auch auf gar keinen Fall diese Idee verkörpern. Ich hätte durch irgendwie Leid zur Musik gefunden. Oder so. Das finde ich kitschig.

Joël Kaczmarek: Das ist wirklich kitschig, Aber man ist ja manchmal so, dass einen schon die eigenen Traumata prägen und verändern. Und wir haben hier in Hamburg auch einen Podcast aufgenommen mit Sky du Mont. Und da ging es so ein bisschen darum, dass er davon erzählt, hat, dass er kein Heiles Elternhaus hat, das immer gesucht hat und dann dafür... So hat er es, glaube ich, empfunden, Bestraft wurde, wenn er es sich zu aggressiv gesucht hat. Und ich habe zu ihm dann gesagt, dass ich so die Erfahrung gemacht habe, dass gerade Menschen, die aus einer heilen Welt kommen, manchmal aber gar nicht. Die Fähigkeit haben, mit Missständen umzugehen. Also, wenn du ein traumatisches Erlebnis hattest, bist du sozusagen, ich weiß nicht, Wer zum Beispiel erlebt, hat, wie es ist, nichts zu haben, den Haut sowas nicht mehr so um. Weißt du, was ich meine? Du hast so eine gewisse Resilienz gegenüber Schicksalsschlägen, Problemstellungen im Leben. Und in die Richtung habe ich bei dir gedacht, ob... Ob das sozusagen bei dir eine Prägung gegeben hat. Es hat mir gar nicht so, ach, Danach habe ich die Musik entdeckt, das war so mein Heilmittel, wie manche sagen, ich habe die Religion entdeckt oder so. Sondern es wirkt eher so, als wenn du jemand bist, der die Irrwege in seinem Leben schon gegangen ist und kennt, weiß, was da passiert. Und jetzt für sich so ein sehr klares Framework hat, Was er will, was er nicht will. Und trotzdem noch ein bisschen White Space, wo es hingehen kann.

Johann Scheerer: Ja, das stimmt.

Joël Kaczmarek: Ich bin so geschwurbelt, ich wollte nicht so hochgetragen, tut mir leid.

Johann Scheerer: Nö, nö, nö, Das habe ich nicht so empfunden. Okay, also. Real Talk, Das stimmt natürlich, aber die andere Seite, und da geht es eben dann doch um den Einzelfall, weil ich nicht Krebs hatte und den besiegt habe. Oder irgendwie sowas, sondern ich bin mittelbar Opfer eines Verbrechens geworden. Und da sind auch Verbrecher daran beteiligt. Und wenn ich jetzt durch die Welt laufe und sage, das hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Und vielleicht sogar zu einem besseren Menschen. Also den Fame möchte ich den Leuten nicht geben.

Sebastian Krumbiegel: Verstehe. Danke, Ihr Arschlöcher.

Johann Scheerer: Ja, also, das stimmt nicht. Ich habe neulich mal eine Lesung gemacht beim Weißen Ring. Das ist ja so ein Opferschutz. Kenn ich sehr gut. Die hatten jetzt so und so viel das Jubiläum. Und ich habe da gelesen, hier im Hamburger Literaturhaus. Und da gab es nachher noch so ein Gespräch auf der Bühne. Und dann sagte die Interviewerin von irgendeinem Radiosender, Ja, bla, Naja, ist ja zum Glück alles gut ausgegangen. Und ich war völlig baff. Und ich glaube, ich, meine, gemerkt zu haben, dass alle, weiß, nicht, wie viele Leute da waren, 100 Leute da im Literaturhaus, Alles Opfer, ja, weil das ist eben diese Opferschutzgesellschaft, sie alle angeguckt haben und gesagt haben, Moment, mal, so ein Verbrechen, Das geht nicht gut aus. Was sie natürlich meinte, ist, Dein Vater ist nicht ermordet worden. So, ja klar, okay, soweit so gut. Aber was heißt denn gut ausgehen? Also, damit sprichst du ja dem Opfer erstmal das Opfersein ab. Und dadurch gibt es dann auch so eine ganz blöde Opferhierarchie. Sagt so, okay, das ist das Opfer, das wirklich mitgenommen ist, Da ging es nämlich nicht gut aus und da ging es gut aus. Das ist das Gleiche wie bei Leuten, die im Krieg waren. So, Leute, die im Krieg waren, ohne Beine zurückkommen, wird zu sagen, ist irgendwie nicht gut ausgegangen. Die Leute kommen aber teilweise besser. klar, als die Leute, die... Aus dem Krieg kommen und es ist gar nichts Sichtbares, passiert.

Sebastian Krumbiegel: Posttraumatische Belastungsstörungen. Genau,

Johann Scheerer: Und die haben richtige Probleme. Und keiner schnallt es, weil alle sie angucken und sagen, du hast doch gar nichts. Und da gibt es so eine ganz unangenehme Opferhierarchie, die natürlich für diejenigen, die nichts vorzuweisen haben, hart ist.

Joël Kaczmarek: Ich versuche ja auch, diesen Begriff für mich noch zu erfassen, was es bedeutet, Opfer zu sein und ob man das ewig ist oder ob man sowas auch ablegt. Hast du da eine Essenz, die du mit mir teilen kannst?

Johann Scheerer: Also ich glaube, der schwierigste Schritt ist zu merken, dass man das ist. Und das ist vielleicht auch sowas wie zu akzeptieren, dass man Alkoholiker ist oder so. Ich glaube, das hat man sehr lange nicht auf dem Zettel. Und jetzt gerade auch in diesen Corona-Zeiten oder so. Ich glaube, da merkt doch jeder von uns, Jeden Tag wird damit konfrontiert, mit der Idee. BOah krass, Ich krieg, das auf gar keinen Fall, ist, mega unwahrscheinlich. Wieso sollte ich jetzt Corona, Ich setze jetzt keine Maske auf, ich muss da nur Kurz einkaufen. So, Man lebt mit dem Gedanken, Es kann einen eigentlich nicht treffen. Heute morgen auf Facebook von so einem Typen, dem Ich folge, im Post gesehen, stand drin. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Komet die Erde trifft im Jahr 2021, liegt bei 0,003%. Und die Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu sterben, liegt bei 0,002%. Ich gehe mir jetzt einen Helm kaufen beim Einkaufen. Also, ich weiß jetzt nicht, ob die Zahlen stimmen, aber nehmen wir mal an, Die stimmen, wird man natürlich verrückt, dabei.

Sebastian Krumbiegel: Ja, wenn es ein Integralhelm ist, schützt er dich ja gleichzeitig vor Covid-19.

Joël Kaczmarek: Ich finde,

Johann Scheerer: das ist sowieso eigentlich eine gute Idee, ja.

Joël Kaczmarek: Wenn Alu noch verbaut ist, dann auch vor den Wellen der Regierung. Ja,

Sebastian Krumbiegel: genau.

Johann Scheerer: Vor G5 auch, 5G meine ich.

Joël Kaczmarek: Vor der G7 müssten wir uns mal schützen. Mit dem Helm, das wäre doch gut. Sag mal, Eine Frage, die mir auf der Seele brennt, Ich bin nicht ganz sicher, ob Sie unhöflich ist. Ich muss sagen, ich habe starke Abneigung gegen Tabakfirmen. Und dein Daddy ist ja da in dem Bereich quasi doch ein bisschen engagiert gewesen.

Johann Scheerer: Nee, stimmt nicht.

Joël Kaczmarek: Stimmt auch, stimmt doch, oder?

Johann Scheerer: Nee, stimmt nicht.

Joël Kaczmarek: Reemtsma ist doch eine Tabakfirma gewesen, oder? Ja,

Johann Scheerer: das ist richtig. Aber mein Vater hat die in dem Moment, in dem er sie geerbt hat, verkauft und hat das Hamburger Institut für Sozialforschung gegründet, Was dann die Wehrmachtsausstellung gemacht hat. Der hat nicht länger als 24 Stunden mit dieser Tabakfirma zu tun. gehabt.

Joël Kaczmarek: Begleitet dich das noch, dieses Erbe, was dann dein Vater schon abgestoßen hat? War das jemals Berührung für dich?

Johann Scheerer: Also im Nachgang der Entführung, als ich so Teenager auf dem Gymnasium war, Hatte das ein großes Hänselpotenzial.

Joël Kaczmarek: Tut mir leid, dass ich da echt zu schlecht informiert war. Ich lese mal den Namen, reems mal. Ich weiß noch, wie meine Oma in der Nähe war, so eine Fabrik, bist du vorbeigefahren, Es roch immer schön süßlich nach Tabak und so. Tja,

Johann Scheerer: Da kannst du mal sehen, passiert mir öfter.

Joël Kaczmarek: Wahrscheinlich regelmäßig, oder?

Johann Scheerer: Mittlerweile nicht mehr so sehr. Mittlerweile fragen mich die Leute eher, wie Pete Doherty So drauf ist, aber ist schon vorgekommen.

Joël Kaczmarek: Ja, super, das ist schon scheiße. Damit haben wir angefangen und damit hier, Sebastian.

Johann Scheerer: Aber dagegen habe ich nichts. Ich liebe Drogengeschichten, das ist das Schönste. Gehören ja Zigaretten auch dazu.

Joël Kaczmarek: Ist es bei dir? Hast du auch eine?

Sebastian Krumbiegel: Zieh doch mal deine Süchte auf, bitte.

Joël Kaczmarek: Deine Kompensation.

Johann Scheerer: Tatsächlich, Ich glaube, ich trinke ein bisschen zu viel Alkohol. Aber nur ein bisschen. Und denke mir irgendwie auch gerade, also ich rauche nicht. Ich nehme eigentlich, glaube ich, Keine DROGEN UND äh...

Sebastian Krumbiegel: Langweilig.

Johann Scheerer: Ja, ich habe gerade überlegt, ob ich mir jetzt etwas ausdenke, was meine Edginess so ein bisschen betont, die du ja gerade hervorgehoben hast, aber habe ich nicht. Ich trinke ganz gerne mal ein Glas Wein.

Joël Kaczmarek: Auf mich wirkst du extrem gefestigt, muss ich sagen. Ich überlege die ganze Zeit...

Johann Scheerer: Das ist meine Podcast.

Joël Kaczmarek: Naja, Ich überlege die ganze Zeit, manchmal erkennt man... Ich würde nicht sagen, dass ich jeden Menschen erkenne, der therapiert ist und der nicht therapiert ist, Aber bei manchen, die therapiert sind, erkennt man es. Und ich überlege das gerade bei dir, ob du so ein bisschen so eine psychische Stärke hast, die man nur, also Therapie, heißt, für mich ehrlich gesagt auch, sich mit sich selbst auseinandersetzen. Das kann auch Coaching sein, Selbstreflexion. Und du musst da, glaube ich irgendwas haben. schon, wäre so meine These, dass du dich sehr intensiv hinterfragt, hast und mit dir beschäftigt, oder?

Johann Scheerer: Ja.

Joël Kaczmarek: Gut, danke. Kurze Antwort Auf eine Scheiß Lange Frage.

Johann Scheerer: Macht ja nichts, was soll ich dazu sagen, na, klar.

Joël Kaczmarek: So. Jetzt heißt es mir Kunst trifft digital, Wir haben ja schon festgestellt, wir nennen es jetzt in Kunst, trifft analog um. Was mich noch abschließend interessieren würde, ist, Du ergänzt aber Sebastian, falls ich noch was vergessen habe, wie dich eigentlich. Menschen finden. Also findest du digital statt, dass du das als Werk durchgrinst? Das ist wieder eine Scheiß. Frage.

Johann Scheerer: Ja, weil ich dachte, Johann, SAG mal, Wie finden dich eigentlich Leute? Das ist auch eine doppelhörige Frage. Oft ganz okay, manchmal vielleicht ein bisschen nervig.

Sebastian Krumbiegel: Manchmal finden die mich echt scheiße aus.

Johann Scheerer: Wie sie auf dich aufmerksam werden. Achso. Wie kommst du,

Joël Kaczmarek: Also sind sozusagen soziale Medien, findest du da statt? Ist das für Dich auch ein Inszenierungswerk? Ich habe dich ja eingeleitet als, du bist ja nicht. Der Künstler, der Service-Dienstleister im Hintergrund der Kunst, ja? Aber der muss ja aber auch gesehen werden. Wird der digital gesehen oder wie findet man dich?

Johann Scheerer: Man findet mich, indem man mit Musikern spricht, die mit mir zu tun gehabt haben. Das ist eigentlich der beste Weg. Und ich bin auf Instagram, Aber mag das nicht so gerne. Ich mache das, weil man das meiner Meinung nach Heutzutage machen muss.

Sebastian Krumbiegel: Als Tool oder was?

Johann Scheerer: Ja,

Sebastian Krumbiegel: als... Also für dein Business?

Johann Scheerer: Ja, für mein Business. Ich mache das nicht. privat. Auch wenn es manchmal privat aussieht, ist es nie privat. Also, wenn es privat aussieht, ist es gefaked privat. Und ich weiß einfach, wie wichtig das ist, weil wir im Label so viel... Mit Musikerinnen und Musikern zu tun haben, denen wir dauernd sagen, Leute, Ihr müsst euer Instagram-Game hochschießen, Ihr müsst Storys machen, die echt sind, Darum geht's ja, Ihr müsst mehr posten. Und wenn ihr was mitteilen wollt wie Tourdaten, Dann macht zwei Fotos, ein Selfie und einmal die Tourdaten, macht das Selfie als erstes, dass die Leute dann rüberwischen und dann die Tourdaten sehen, weil Selfies besser performen. Es ist einfach die Realität, Jeder von uns steht in Hyperabhängigkeit. Von Algorithmen, die von Leuten programmiert worden sind, Damit wir Sachen kaufen, damit wir auf uns aufmerksam machen, damit wir aufmerksam gemacht werden. Auf andere Leute. Und es funktioniert über Gesichter und über Kommunikation, die wir nicht mehr kontrollieren können, sondern die andere Leute kontrollieren. Es hört sich jetzt an, wie eine Krude Verschwörungstheorie, ist aber leider wirklich total simple. Wahrheit. Und wenn man... Wie heißt es? The Social Game oder so. Neue Netflix-Film über Leute, die in hohen Positionen bei Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest gearbeitet haben, die alle sagen, ja, klar, Die Sachen sind programmiert, damit man was kauft und damit man abhängig davon ist.

Joël Kaczmarek: Hast du doch eine Droge? Wieder, wieder will ich.

Sebastian Krumbiegel: Na klar.

Johann Scheerer: Naja, Also Handy.

Joël Kaczmarek: Ganz schlimme, ganz vielschichtiges Thema.

Johann Scheerer: Genau. Und dann ist es so, also kommen wir... Zurück zu den lockerflockigen Themen in meinem Studioalltag, habe ich eine Zeit lang überlegt, verbiete ich Bands Handys im Studio und verbiete ich es mir auch. Und hatte schon so ein Schild entworfen, dass ich bei meiner Tür kleben wollte, Keine Telefone und so, um kohärent zu dieser Analoggeschichte zu sein, weißt du, so lass mal auf die Musik konzentrieren. Es funktioniert aber in der heutigen Zeit nicht. Und das sage ich als Label-Heini, weil ich weiß, wie wichtig es ist, dass eine Band... Content generiert, während sie im Studio ist. Früher oder später kommt das Label und sagt, Geile, Platte, Geile, Fotos, Geiles, Video. Wie habt Ihr das gemacht? Habt Ihr was aufgenommen? Und wenn die Band da nichts hat, das ist scheiße. So funktioniert einfach dieses Scheiß Musikbusiness zurzeit. Und du kannst Bands nicht sagen, Handy aus, nicht filmen. Es ist einfach ein riesengroßer Reichweite- und Contentverlust. Und ich rede jetzt schon wie so ein Arschloch mit Content und so, Aber das ist leider die...

Sebastian Krumbiegel: Er redet schon, wie du, Joel.

Joël Kaczmarek: Jetzt musst du noch kapitalist werden, Dann sind wir auf einer Ebene.

Johann Scheerer: Ja, es sind vielleicht die... Es sind einfach diese Mechanismen, um die man momentan nicht herumkommt. Und wenn ich jetzt meinen Bands sage, Handy aus und schieße mir selber und denen als allererstes ins Knie.

Joël Kaczmarek: Letzte Frage. Also Du hast jetzt hier eine Plattform. Wen würdest Du eigentlich... Unfassbar gerne mal produzieren. Wäre so dein Traum-Act, wo du sagst, das wäre dir einfach von der Kunst, vom Inhalt her eine riesige Freude, dem was auf den Leib zu schneidern.

Johann Scheerer: Ja, Jimi Hendrix fände ich richtig. Bock. Ich hätte gerne seine beste Platte produziert.

Joël Kaczmarek: Und lebende Leute?

Johann Scheerer: Wer sagt denn, dass Jimi Hendrix lebt? Ja, genau, wer sagt das denn? Bei mir lebt er noch. Gibt's nicht. Weißt du, wenn Du mich vor fünf Jahren gefragt hättest, ob ich mir vorstellen könnte, mit den Leuten zu tun zu haben, mit denen ich gerade zu tun habe. Wir haben so eine Band auf dem Label, die heißt Gone Is Gone. Da ist der Gitarrist von Queens of the Stone Age drin, der Schlagzeuger von At the Drive-In-In, der Sänger von Mastodon. Und ich habe mit denen einmal die Woche so ein Video-Chat und fühlt sich irgendwie normal an. Hätte er sich, glaube ich, vor fünf Jahren, hätte mir das jemand, erzählt, hätte sich Irre angefunden. Hätte mir jemand erzählt, dass ich hier mit dir im Podcast sitze, hätte ich auch gedacht, Wow ey, Der Typ von den Prinzen, crazy. Und jetzt fühlt sich irgendwie völlig normal an, ne? Und deswegen, also... Das passiert einfach, und dann freue ich mich, indem, was kommt. Und so, weißt du, okay, Ich muss doch noch ein bisschen länger antworten, weil mir ein wichtiger Punkt eingefallen ist, Die Erfahrung, die ich gemacht habe und die ich richtig scheiße, finde, Es ist nicht so selten, dass junge Bands zu mir ins Studio kommen und in den ersten zwei Tagen nichts gebacken kriegen, weil Sie total Angst haben, weil Sie wissen, wer da schon alles war. Ich habe mal eine Platte nicht produziert, deswegen. Weil der Typ mir irgendwann gesagt hat, oh, ich kann nicht mehr, Hier war ja oben ein großer Omar Rodriguez-Lopez-Fan, Der war da und dann Pete Doherty war hier und dann Die Killers waren hier auch schon mal, Die Beach Boys waren mal da und so. Und der war gelähmt vor Ehrfurcht und vor Druck, den ich selber gemacht habe. Und vor der Idee, dass er dieser ganzen nicht greifbaren Weltmagie irgendwie gerecht werden muss. Und so. Und das finde ich eigentlich, scheiße, wenn ich jetzt sage, ich würde am liebsten die nächste Platte von Jay-Z produzieren. Wenn ich irgendwie, das stimmt. Würde noch nicht mal stimmen. Es würde noch nicht mal stimmen, weil ich vielleicht gerne die nächste Platte von der Band produzieren würde, die ich noch gar nicht gehört habe, weil die so tolle Songs sind. Ich habe unfassbare Demos gekriegt. Vor einer Woche von einer Band aus England, die keiner kennt. Drei Brüder aus der Stadt Devon, Die Songs schreiben können. Ich habe die auf dem Fahrrad gehört, Das Demo. Ich bin stehen geblieben auf dem Fahrrad und habe laut gelacht, weil mich die Songwriting so umgehauen hat. Und ich hatte heute eine Videokonferenz, mit denen und Hab nur gesagt, Leute, Alter, Was schreibt Ihr denn für Melodien? Gibt's doch gar nicht. Naja, also, mit denen vielleicht.

Joël Kaczmarek: Ich glaube, ich kann sagen, wir gehen. Heute beseelt raus, speziell auch unser Analogie-Liebhaber Sebastian Krumbiegel. Ich fand das auch total spannend, Ich kann nur bei den Geräten nicht mitreden. Also ich glaube, Jan Müller gilt unser Dank, dass er uns zusammengebracht hat.

Sebastian Krumbiegel: Ich wollte sagen, das ist echt geil. Hi Jan, Vielen Dank. Und da merkt man wieder irgendwie meinen alten Spruch mit den Umlaufbahnen, auf denen man sich findet.

Johann Scheerer: Ja, voll.

Joël Kaczmarek: Darum, LIEBER Johann, vielen, Vielen Dank, Dass du dir auch so viel über dich hast gehen lassen. heute.

Johann Scheerer: Sehr gerne, hat mir großen Spaß gemacht. Bin gespannt. Dankeschön.