
Tocotronic-Bassist Jan Müller: 5 Dinge, die ich gerne mit 20 gewusst hätte
14. September 2024, mit Joël Kaczmarek
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Joël Kaczmarek: Achtung, wenn du lieber alles beim Alten lassen willst, dann schalte jetzt ab.
Jan Müller: Na los, komm.
Joël Kaczmarek: Einmal gelauscht, für immer berauscht. Das Leben ist kurz, wahnsinnig kurz, viel zu kurz.
Jan Müller: Ganz wichtige Erkenntnis, die ich irgendwann gelernt habe, es ist überhaupt nicht wichtig, wie schnell ihr lauft, sondern dass ihr dabei Spaß habt. Man muss nicht von jedem geliebt werden. Ich würde sogar sagen, besitzbelastet.
Joël Kaczmarek: Gib mir fünf oder mehr, gib mir alles, was du mir sagen kannst Und sag, was hast du gelernt? Vom Fallen und Aufstehen, Suchen und Versehen Hi5-Leute, hier ist wieder euer Joël Kaczmarek und ich habe eine tolle neue Persönlichkeit, die mir heute ihre fünf Dinge verrät, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. Und zwar ist das mein guter alter Freund, der liebe Jan Müller. Den kennt ihr bestimmt, denn er hat eine großartige Band namens Tocotronic, selbst einen elitären Podcast namens Reflektor, den macht er mit Studio Bummens zusammen und ich kriege von allen Musikern und Musikinteressierten immer Lobhudeleien, die schwärmen davon, was für einen großartigen Podcast er macht, kann ich nur teilen. Und er hat auch ein schönes Buch geschrieben, das heißt nämlich Vorglühen ist bei Ullstein erschienen, zusammen mit dem lieben Rasmus Engler. So und ihr merkt schon, Jan ein Kreativer und das liegt mir immer am Herzen auch mal die Sphären etwas aufzumachen. Weil da passieren natürlich ganz andere Dinge im Kopf und in der Erfahrung und im Leben, als das immer nur bei meinen Business-Hanseln ist, mit denen ich ja sehr viel zu tun habe. Ich liebe sie, aber genauso finde ich auch den Blick über den Tellerrand gut. Und daher Podcast, Buchautor und Musiker, also wenn heute nicht tolle Dinge zusammenkommen, dann weiß ich auch nicht. Von daher, that being said, lieber Jan, schön, dass du mal wieder da bist.
Jan Müller: Ja, vielen Dank für die Einladung. Freut mich sehr, hier sein zu dürfen.
Joël Kaczmarek: Bin ja auch immer neugierig. Ich frage ja gerne immer am Anfang, wie leicht oder schwer es den Leuten gefallen ist, fünf Dinge zu finden. Wie war das bei dir?
Jan Müller: Also, als du mich fragtest, dachte ich... Oha, das ist ja eine große Frage. Da kann ich jetzt ungefähr dann nochmal 20 Jahre drüber nachdenken. Und das habe ich aber nicht so gemacht. Ich dachte, das muss man vielleicht mal so ein paar Tage zu sich kommen lassen, im Hinterkopf behalten. So habe ich das auch gemacht, ohne jetzt so ganz aktiv am Schreibtisch zu sitzen und das aufzuschreiben. Und irgendwann habe ich mich hingesetzt und dann wirklich in fünf Minuten, so, das sind die Dinger.
Joël Kaczmarek: Mir ging es immer so dabei, als ich das für mich selber überlegt habe, so ein, zwei, spring einen an. Und bei den anderen, da will man dann so ein bisschen irgendwie so das einwalken, einmassieren, so mal gucken, ist es die Richtung oder die und dann legt man vielleicht auch manchmal sowas zusammen. Ging das auch so oder hat es bei allen so deine Herausforderung?
Jan Müller: Ich hatte so das grundsätzliche Problem, ich hoffe, dass es mir gelungen ist, das zu umgehen, wahrscheinlich nicht ganz. Ich wollte nicht in so Kalenderspruch-Weisheiten abgleiten. Weißt du, wie, ich fühle mich generell nicht so als Ratgeber-Typ, aber mal sehen, mal sehen, auch wo man dann im Gespräch bei hinkommt.
Joël Kaczmarek: Willst du uns eigentlich mal verraten, wie alt du bist, während wir das hier aufnehmen, dass wir mal wissen, wie viele Jahre zwischen 20 und heute liegen? Ja, ich bin 1971 geboren, also 52 Jahre bin ich jetzt alt. Okay, also 32 Jahre, da hat man aber, glaube ich, einiges an. Da müsste ich dich fast zehn Dinge fragen wahrscheinlich. Ja, spannend. Und vielleicht letzte Frage, bevor wir richtig reintauchen. Was ist so die Sphäre, aus der du gezogen hast? Also war das mehr so Privatleben, Lebensführung, war es berufliches, war es kreatives? Wo hast du so deine Punkte her rekrutiert?
Jan Müller: Schon eher privat tatsächlich, ohne jetzt so... Ganz zu privat werden zu wollen, aber ich habe das eher aus dem Privaten gezogen, weil mich das doch schon, dass die Themen sind, die mich tiefer beschäftigen. Ich habe ja auch ein paar Folgen von dir reingehört, fand das sehr interessant, sehr lehrreich auch tatsächlich, aber habe gemerkt bei diesen Leuten, die für Business stehen, mit denen du da gesprochen hast, dass die auch von ihren Gedanken her, glaube ich, sehr stark im Business verankert sind und irgendwie ist das, glaube ich, bei mir ein bisschen anders.
Joël Kaczmarek: In meiner Welt ist es ganz oft so, dass es gar nicht so eine Trennung gibt. Also da wird dann irgendwie abends noch Mails gemacht. Also ich habe mir das sehr abgewöhnt, weil ich merke, das tut mir nicht so gut. Aber viele, und das verstehe ich auch, wenn du Unternehmer bist, dann machst du ja Dinge. Selbstständig arbeitest du ja selbst und ständig, sagt man immer. Aber idealerweise ja Dinge, die dir Spaß machen. Also von daher, aber anyway, ich schweife ab.
Jan Müller: Nee, aber das ist ein guter Punkt. Und das ist ja in meiner Welt genauso. Also ich meine. Das, was ich mache, ich muss ja auch davon leben und diese Nichttrennung, diese neoliberale Nichttrennung von Beruf und Privatleben ist eine krasse Sache, mit der ich natürlich auch ganz stark auseinandergesetzt bin und worüber ich auch wirklich mehrfach im Jahr nachgrübel.
Joël Kaczmarek: Mir ist hängen geblieben, als du einmal mir davon erzählt hast, wie es nach so einem Konzert ist. Ich glaube, du hast mir erzählt, dass du Hörbücher hörst, um danach runterzukommen, weil ich glaube, deine Erzählung war damals so, man schwebt so auf Wolke sieben, du bist noch so voll von den ganzen... Hormonen gepusht und dann kannst du gar nicht schlafen und viele fallen ja dann auch so in dieses in die Falle rein, mit den Leuten abends noch eine Party zu machen und dann gehst du trinken und das kannst du natürlich nicht, wenn du eine Tour hast, die in den Abend machen, aber kannst du schon, aber es ist nicht so förderlich.
Jan Müller: Man kann es aber nicht mehr in meinem Alter.
Joël Kaczmarek: Und habe ich das richtig abgespeichert? Ich meinte, du hättest gesagt, du machst Joggen, Yoga und Hörbücher.
Jan Müller: Yoga auf keinen Fall.
Joël Kaczmarek: Okay, dann hast du...
Jan Müller: Joggen ist mein Sport tatsächlich. Ich bin so Sport ist. Ich bin nicht von Haus aus sportaffin, aber Joggen finde ich genau das Richtige, um irgendwie zu sich selbst zu kommen. Und ja, Hörbücher tatsächlich auch, weil es mir noch nie gelungen ist, auf Tournee ein Buch zu lesen. Nicht mal Zeitung bekommt man vielleicht noch hin oder ein Micky-Maus-Heft, aber ein Buch, das ist irgendwie nicht die Zeit dafür, wenn man unterwegs ist.
Joël Kaczmarek: Lass uns reintauchen. Was ist dein erster Punkt?
Jan Müller: Okay, also ich muss mal vorab sagen, als du mich gefragt hast und ich dann anfing, so ein bisschen darüber nachzudenken, da fiel mir ein, Als ich 20 war, das war 1991 und im Jahr 1991 ist mein Bruder gestorben nach einer zweijährigen Krebskrankheit und als ich 20 war und deshalb ist das so, dass vielleicht die Situation, als ich jetzt direkt 20 war, eine sehr spezielle war in meinem Leben und ich da natürlich viel erfahren musste, dadurch auch viel gelernt habe und so und deshalb habe ich mir so ein bisschen die Freiheit genommen. Jetzt mich nicht so ganz auf diese 20 zu fixieren, das kann auch was sein. Der erste Punkt ist, glaube ich, eher was, was ich so als 18-Jähriger noch nicht wusste und vielleicht ist mein anderer Punkt das so mit 22. Ich habe das so ein bisschen freier gesehen. Ich habe auch gesehen, die allererste Folge, die ihr hattet, da wart ihr noch 25. Ja,
Joël Kaczmarek: hast du mich ertappt.
Jan Müller: Ja, deshalb, genau, das wollte ich nur so dazu sagen, weil ich das dann natürlich wieder so.
Joël Kaczmarek: Wie alt war denn dein Bruder?
Jan Müller: So wow im Kopf, der war drei Jahre älter als ich, ist um 23 gestorben und. Genau, man verdrängt das ja so im täglichen Leben, aber mir hat das, diese Fragestellung auch wieder natürlich präsent gemacht, was denn da los war bei mir und ja. Und wie schnell das alles ging damals, ne, 1992 ist mein Bruder gestorben und ein Jahr später schon haben wir dann Tocotronic gegründet, also das war alles sehr dicht beieinander. Gut, aber mein erster Punkt ist, das klingt jetzt wahnsinnig spießig, aber ich wusste es wirklich nicht, ich weiß nicht, mit 20 vielleicht schon, aber mit 18 wusste ich es nicht und heute weiß ich es, es ist blöd, alles vollzuschmieren. Wände voll zu schmieren, Räume voll zu schmieren, also Sachen voll schmieren ist blöd. Das wusste ich nicht. Ich dachte, das ist gut und ich habe wirklich viel voll geschmiert mit dem Schriftzug meiner damaligen Band. Die hatte den bescheuerten Namen Meine Eltern. Halb Hamburg war damit zugepflastert. Heute treffe ich noch manchmal Leute, die sagen, ah, du hattest ja mal diese Band Meine Eltern. Da war ja alles voll geschmiert in der Stadt. und voll mit Edding, mit Sprühdose und mit allem. Ich glaube, es ist verjährt, deshalb kann ich jetzt offen darüber reden. Ich schäme mich dafür. Es ist wahnsinnig. blöd und ich finde es richtig nervig irgendwie, dass ich wohne in Berlin-Mitte, dass alles vollgeschmiert ist. Es geht mir auf die Nerven. Nennt mich spießig. Ich finde auch so, wenn dann gesagt wird, ja, ist ja Teil der Hip-Hop-Kultur, Graffiti. Ey, schönes Graffito meiner... Meinethalben. Ich habe nichts gegen Kunst und nichts gegen Banksy und gegen all das, aber dass wirklich alles vollgeschmiert ist mit schlechten Tags,
Joël Kaczmarek: mit dummen Sprüchen, das geht mir auf die Nerven und ich bekenne, ich wusste das nicht als junger Mensch. Das Interessante ist ja die Motive dahinter. Was war dir denn wichtig, das zu tun? Worum ging es dir denn dabei? Du, ich glaube, die Grundlage ist erstmal so, narzisstische Persönlichkeitsanteile, würde ich sagen. Man möchte gesehen werden.
Jan Müller: Das ist der eine Punkt. Ich komme aus dem Punk-Background. Man lehnt natürlich die bürgerliche Gesellschaft ab. Das ist das andere.
Joël Kaczmarek: Warum wird die da eigentlich abgelehnt?
Jan Müller: Die bürgerliche Gesellschaft, ja das ist eine schwierige Frage. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich ja sehr verändert. Ich spreche ja jetzt, als ich 20 war oder 18 war, eigentlich noch von den 80er Jahren. Das war das Zeitalter vor dem Mauerfall, das Zeitalter vor den krass hedonistischen 90er Jahren, wo dann alles scheißegal war. Ich glaube, man lehnt die bürgerliche Gesellschaft. Ab als junger Mensch. Ich habe sie abgelehnt, weil sie restriktiv und hierarchisch war. Und das war damals, glaube ich, noch anders, als es heute ist. Aber natürlich haben jetzt auch junge Menschen jedes Recht der Welt, irgendwie gesellschaftskritisch zu sein, die Gesellschaft kritisch zu betrachten. Genau, aber ich weiß auch nicht, ob das überhaupt eine Rolle spielt bei den Leuten, die jetzt mit irgendwelchen blöden Tags irgendwie alles vollschmieren. Das ist vielleicht auch einfach nur noch dieses narzisstische Ding.
Joël Kaczmarek: Ja, ich meine, heutzutage ist wahrscheinlich dieses ganze Bürgerliche, also ich glaube, es hat sich geändert, plus was noch hinzukommt, ist durch Social Media sind alle Menschen so sediert, habe ich den Eindruck. Also es ist so entweder angestachelt oder sediert, also irgendwie ist man in so einem Dschum drin, man vereinsamt ja auch so und ich finde, es hat so Effekte. Also 80er, 90er Jahre war so Fernsehen das vordringliche Medium, Zeitung, Radio und da hast du natürlich eine ganz andere Informationsarchitektur irgendwie gehabt und auch gar nicht so diesen Vergleich links und rechts und auf einmal hast du diesen ewigen Schwall um dich rum. Deswegen man glaube ich ganz anders in so Watte gesteckt ist, im Positiven wie im Negativen. Kriegst irgendwie viel mehr mit, aber auch irgendwie macht es dich traurig, man macht sich wütend, man brüllt dich und so weiter. Das ist ja was wahrscheinlich hinzukommt so. Und jetzt überlege ich mir aber trotzdem noch, also der 18-jährige Jan hatte einerseits sozusagen ein Freiheitsbedürfnis und gesehen zu werden, so die beiden Elemente. Wie würdest du das denn heute ausleben, ist ja dann so die spannende Frage, wenn du dich sozusagen ein bisschen befreien willst und irgendwie deinen Platz in der Welt claimen.
Jan Müller: Ich glaube, ich muss meinen Platz in der Welt gar nicht mehr claimen.
Joël Kaczmarek: Ich habe gar nicht das Bedürfnis. Ich finde eher so ein bisschen, ja wahrscheinlich habe ich das Bedürfnis, sonst würde ich keine Podcast machen und nicht in einer, ich korrigiere mich direkt, würde ich keine Podcast machen und nicht in einer wahnsinnig lauten Rockband spielen. Also ich denke mal, dadurch habe ich meinen Weg gefunden, das zu tun und hoffentlich ohne andere Menschen zu belästigen. Aber ich schäme mich auch manchmal, wenn wir so ein Open Air spielen und man weiß, da gibt es Anwohnerprobleme, dann denke ich. Ja, ich verstehe die Anwohner. Das ist echt irgendwie ungehörig, jetzt hier so laut durch die Stadt zu plärren. Aber das ist eigentlich das Charmante an deinem ersten Punkt, dass es ja eigentlich so ein bisschen den Widerstreit darstiegelt. Auf der einen Seite gesehen werden wollen, sich frei fühlen und auf der anderen Seite die Freiheit der anderen als die eigene Grenze irgendwie kennenlernen und vielleicht manchmal überschritten zu haben.
Jan Müller: Ja, auf jeden Fall.
Joël Kaczmarek: Witzig, guck, was so rauskommt, wenn man mit einem Punker redet. Was ist dein zweiter Punkt?
Jan Müller: Mein zweiter Punkt. Ist auf jeden Fall auch dann eigentlich, bevor mein Bruder erkrankte, weil da habe ich das dann schon begriffen, aber das ist ein Empfinden, was ich bis heute habe und manche finden das vielleicht dann auch trist oder falsch, aber ich sehe das so und diese Erkenntnis musste ich aber irgendwann erst gewinnen, das Leben ist kurz, wahnsinnig kurz, viel zu kurz. Es ist vielleicht nicht so opportun, das zu sagen, weil es ja jetzt gerade viel in den Medien, so lebensverlängernde Maßnahmen und so und ich bin dafür. Nicht für Unsterblichkeit, auf gar keinen Fall. Aber es wäre schön, wenn wir alle, vorausgesetzt es gibt genug Platz dafür auf der Erde, wenn wir alle so tausend Jahre hätten, das wäre eine Zeit, mit der würde ich gut zurechtkommen. Weniger nicht. Um auch mal die Sache in Ruhe angehen lassen zu können, weißt du.
Joël Kaczmarek: Und wenn du dich damit wohlfühlst, erzähl doch mal, wie war denn dein Gemütszustand, als dein Bruder dann so plötzlich gegangen ist? Also ich meine, zwei Jahre ist eine lange Zeit, wo man sich sozusagen damit auseinandersetzt wahrscheinlich, aber in dem Alter ist es ja trotzdem brachial.
Jan Müller: Es ist schrecklich, also ist natürlich erstmal für meinen Bruder schrecklich und für die Eltern ist es das Allerschrecklichste, also neben den Toten, für die Eltern ist es das Allerschrecklichste. So kann ich jetzt, wo ich selber Kinder habe, glaube ich auch noch besser nachvollziehen, wie krass das ist, die eigenen Kinder zu überleben. Also das wünscht sich glaube ich kein Elternteil. Aber jetzt für mich dann, ich war dann ja so nicht die Hauptperson, in gar keiner Hinsicht, sondern angehöriges Geschwisterkind, ist es natürlich auch schwierig, weil... Weil das eben die Zeit war, ich habe das eben angedeutet mit den Graffitis und so, wo ich rebellierte. Und da checkt man natürlich, es gibt was Wichtigeres. Dadurch habe ich, glaube ich, auch diese Rebellion nicht wirklich zu Ende geführt. Und deshalb, dann hat es aber vielleicht auch sein Gutes, deshalb spiele ich wahrscheinlich heute noch in einer Rockband und bin berufsjugendlicher geworden.
Joël Kaczmarek: Also hat das ein bisschen so konservierende Gründe, also Effekte auch bei dir gehabt?
Jan Müller: Ja, weiß ich nicht, vielleicht. Also es ist auf jeden Fall,
Joël Kaczmarek: nein, es gibt heftigere Schicksale, aber ich, genau, ich wünsche das niemandem, das erleben zu müssen.
Jan Müller: Das klingt gerade so, als wenn du dich als eine Randfigur betrachtest. Ich glaube, der Bruder ist doch schon was hochgradig Persönliches, oder? Ja,
Joël Kaczmarek: nein, nein, natürlich. Aber natürlich ging es in erster Linie nicht um mich. Ich war ja gesund. Das ist auch okay, wenn bei einer Erkrankung sich dann die Eltern erstmal auf etwas anderes fokussieren müssen. Meine Eltern haben das schon alles hinbekommen und so.
Jan Müller: Aber es ist natürlich so, so eine Situation ist natürlich jeder Mensch überfordert.
Joël Kaczmarek: fühlt man sich dann schlecht. Also ich kenne das immer, ich habe das nur im Fernsehen aufgeschnappt und ich bin ich bin jetzt nicht militärisch groß geworden, aber in Kriegssituationen ist es ja ganz oft so, die Schuld der Überlebenden, dass wenn Leute sozusagen zurückbleiben, die schaffen es aus dem Gefecht und die Kameraden nicht, dass man dann sich richtig noch so mit Schuldgefühlen fühlt. Ist es in so einer Situation auch so?
Jan Müller: Auf jeden Fall, auf jeden Fall. Und das dauert Jahrzehnte, damit klarzukommen.
Joël Kaczmarek: Echt, ja?
Jan Müller: Ja, würde ich sagen.
Joël Kaczmarek: Und was war dann der Effekt, als du gemerkt hast, diese Vergänglichkeit, die Kürze des Lebens, was hat das mit dir gemacht?
Jan Müller: Das... Prägt mich eigentlich, würde ich mal sagen. Das beschäftigt mich und das führt mich dazu, dass ich mich auch in gewisser Weise getrieben fühle und ich bin damit noch nicht durch. Ich hoffe, dass ich dann irgendwann, wenn ich ein bisschen älter bin, diese Erkenntnis auch nochmal relativieren kann. Aber erstmal ist sie so und ich nehme mir auch die Freiheit, das einfach so zu sagen, auch durchaus ein bisschen provokativ, weil natürlich gesagt wird, das ist doch jetzt sehr egozentrisch zu sagen, du willst tausend Jahre alt werden, aber ich sage das einfach mal oder du würdest gerne. Wird es natürlich nicht werden. Aber ich sage einfach mal,
Joël Kaczmarek: doch, das ist ein Wunsch, den ich für mich aufstelle. Was wäre denn mit 1000 Jahren anders als mit vielleicht 90 bis 100, die realistisch sind in der derzeitigen Zeit? Ich hätte einfach ein bisschen mehr Zeit. Ich meine, wie lange dauert das irgendwie Krieg und Frieden zu lesen oder Ulysses oder so? Habe ich beides noch nicht gelesen? Will ich noch lesen? Wann soll ich das denn machen? Hast du das gelesen? Nee, habe ich nicht. Siehst du. Ich weiß, was du meinst. Du brauchst auch die 1000 Jahre. Oder eine Band, wo ich Audio-Hörbücher auf Tour höre, sozusagen. In fünffacher Geschwindigkeit, ja. Machst du das? Nein, also Hörbücher nicht. In fünffacher Geschwindigkeit hören, nein.
Jan Müller: Aber manchmal politische Inhalte oder so. Aber es ist eine Unart, muss ich mal dazu sagen. Leute, wenn ihr diesen Podcast hier in zweifacher oder anderthalbfacher Geschwindigkeit hört, macht das nicht. Schaltet zurück auf 1.0.
Joël Kaczmarek: Ja, das macht schon was mit dem Gehirn und mit der Aufmerksamkeitsspanne, das stimmt. Aber es ist ganz interessant, weil ich verstehe, was du meinst. Also war der Effekt, dass du gemerkt hast, es kann schnell vorbei sein, deswegen fühle ich mich getrieben, ich möchte viel konsumieren, viel erleben, sozusagen viel in meinen Erfahrungsrucksack packen, weil es könnte ja jederzeit zuschlagen. Habe ich das richtig verstanden?
Jan Müller: Wie meinst du viel konsumieren, viel erleben? Nee, nee, das gar nicht. Ich fühle mich einfach getrieben. Ich bin jetzt gar nicht so, ich packe jetzt gar nicht mein Leben so voll. Ich fühle mich nur... dennoch getrieben, ohne eigentlich so besonders viel. Ich bin jetzt nicht so ein Typ, der jetzt irgendwie nachmittags nach Mallorca fliegt und dann einen Tag später auf den nächsten Workshop geht. Also es ist mir schon wichtig, mein Leben im normalen Tempo zu absolvieren. Aber gerade deshalb fühle ich mich so getrieben. Dann denke ich, es ist schon wieder ein Jahr rum.
Joël Kaczmarek: Das ist ein interessanter Widerstreit irgendwie. Auf der einen Seite so ein Müßiggang, will ich es gar nicht nennen, aber so eine gesunde Lebens... Pace vielleicht, Geschwindigkeit und auf der anderen Seite das Gefühl getrieben zu sein, weil man ja nicht so viel schafft. Ist interessant. Wer treibt dich denn eigentlich? Also getrieben sein heißt ja, jemand ist hinter dir her. Weißt du, was ich meine? Oder wird es zu abstrakt?
Jan Müller: Ja, natürlich, der Tod. Der uns ja alle viel zu früh ereilt.
Joël Kaczmarek: Hast du so eine Art Bucketlist, wo du sagst, bis ich in die Kiste hüpfe, will ich das und das erlebt haben?
Jan Müller: Nee, außer die Bücher noch lesen, die ich eben genannt habe.
Joël Kaczmarek: Die beiden? Spannend. Ist ulkig. Hast du eine Bucketlist? Nee. Ich habe mal übernachtet, ob ich mal ein Unternehmen mache mit sowas.
Jan Müller: Ja,
Joël Kaczmarek: ich hatte die Idee, so eine Art Plattform, jeder Mensch kann sozusagen die fünf oder zehn Dinge aufschreiben, die er erlebt haben möchte, bis er sozusagen, bis er bis Schicht ist und dass die Idee ist, dass man dann halt bei anderen Leuten schauen kann, was die erleben möchten und denen dabei helfen kann. Weißt du, ich habe zum Beispiel überlegt, was fände ich, also ich habe manchmal auch quatschige Sachen, da habe ich gedacht, ich fände eigentlich lustig, mal so Apfelstrudel mit Arnold Schwarzenegger zu essen und mit dem eine Stunde zu quatschen, das fände ich irgendwie cool.
Jan Müller: Das ist auf deiner Liste, bei fünf Sachen. Das ist dann dumm,
Joël Kaczmarek: oder vielleicht bei 20. Nö,
Jan Müller: why not? Mir fällt gerade auch was ein. Also doch, ich habe auch solche Punkte. Zum Beispiel, ich habe mal, bevor wir Kinder hatten, mit meiner Frau eine wundervolle USA-Reise gemacht, vor Corners, diese ganzen Naturparks. Und das möchte ich, möchten wir auf jeden Fall mit unseren Kindern wiederholen. In naher Zukunft, genau. Das muss gemacht werden. Hoffe ich sehr, dass dieser Verbrecher jetzt nicht die nächsten US-Wahlen gewinnt. Aber auch dann werden wir es irgendwie hinkriegen.
Joël Kaczmarek: Ich meine, die spannende Frage ist ja so ein Stück weit, bei Punker hätte ich jetzt vermutet, dass du Atheist bist.
Jan Müller: Nein, auf gar keinen Fall.
Joël Kaczmarek: Weil ich finde, es spielt ja auch ganz viel damit zusammen, was hat man für eine Hypothese, was danach kommt. Mein starker Glaube ist, dass man nach oben geht und dann sich ein neues Leben aussucht und auch wieder nach unten geht. Dass man so ein bisschen, man sagt ja immer so schön, das Leichentuch hat keine Taschen, also du kannst keine weltlichen Dinge mitnehmen. Aber wo ich stark dran glaube, ist, dass man so Erfahrungen und Wissen mitnehmen kann. Also wenn du jetzt neu geboren bist, weißt du nicht mehr, wie die Mathematik funktioniert. Ja, aber... Aber ich glaube, wenn man sozusagen so in der Nachwelt ist, glaube ich schon, dass man sagt, ah, okay, jetzt habe ich das mal erlebt, wie das ist, irgendwie bekannt zu sein. Oder jetzt habe ich mal erlebt, wie das ist, hart zu arbeiten. Okay, so ein krasses
Jan Müller: Glauben jetzt an Wiedergeburt oder Nichtendlichkeit habe ich nicht. Aber ich bin so dazwischen, ich bin da schon sehr agnostisch orientiert. Ist vielleicht auch was, was dann für die zweite Lebenshälfte noch sehr interessant ist, Glauben, Religion und so sich damit auseinanderzusetzen. Habe ich auch eher am Rande gemacht bisher.
Joël Kaczmarek: Es gibt eine schöne Kurzgeschichte, die heißt The Egg, also das Ei. Und die hat der Autor geschrieben, der auch der Marsianer geschrieben hat. Der schreibt ja sehr gute Bücher. Ich kann mir den Namen nochmal nicht merken.
Jan Müller: Ich kenne nur den Film. Film ist mir ein bisschen zu MacGyver-mäßig. Aber ich dachte, ah, müsste ich mal das Buch lesen.
Joël Kaczmarek: Soll sehr gut sein. Ich habe immer einen besseren Freund davon. Und das ist The Egg. Hat so sinngemäß die Handlung. Dann kommt ein Typ, wacht irgendwie auf und sagt so hoch, wo bin ich denn hier? Ja, hallo, bist du im Himmel? War ein LKW. Scheiße, doof gelaufen. Vorbei. Aber alles gut. Ging schnell. Machst dir keine Sorgen. Bin ich jetzt im Himmel? Ja, könnte man so sagen. Bist du Gott? Naja, irgendwie so. Du würdest mich wahrscheinlich so nennen. Und der Case ist dann, dass er halt sagt so, ja, oh Gott, was ist jetzt? Ja, gehst gleich wieder runter. In zehn Minuten, du wirst eine chinesische Bäuerin irgendwie im 5. Jahrhundert. Hä, wie was? Es gibt also Wiedergeburt, die hatten recht, die Buddhisten. Ja, kann man so sagen. Und dann, da steckt so ganz viel drin im Prinzip. Ja, Zeit ist nicht linear. Und die Message von der Geschichte, weil die kann man echt lesen.
Jan Müller: Das interessiert mich total jetzt. Also solche leicht übersinnlichen Storys finde ich immer toll, wo eigentlich die Welt ist, wie sie es ist, aber es gibt ein fantastisches Element, das hat ja H.G. Wells, einer meiner Lieblingsschriftsteller, der die Zeitmaschine geschrieben hat und kriegt der Welt, der hat das glaube ich sein Prinzip, immer nur eine fantastische Sache in die Geschichte, sonst wird es irgendwie so zu viel und das klingt so genau nach dem, was ich gerne lese.
Joël Kaczmarek: Ja, das Schöne war, dass sozusagen so die Message war, die Seele kommt immer wieder auf die Erde, um diese Erfahrung zu machen und der merkt dann erst ab beiden Seiten, weil er meinte, oh Gott, ich war also auch mal Hitler. Dann sagst du, ja, du warst mal Hitler und du warst auch irgendwie eine Million Juden. Wenn man anfängt so zu denken, weil ganz oft kommen ja auch so Fragen auf, warum passieren manchen Leuten solche schlechten Sachen oder warum sterben die so früh oder warum haben manche so viel Glück, obwohl sie Ärsche sind oder whatsoever. Wenn man das auf so einer kosmischen Ebene, auf so einem sehr langen Traktor sieht, dann wird es auf einmal ganz interessant, dass du vielleicht mal merkst, ah, okay. Vielleicht lerne ich gerade mal die andere Seite kennen von einer Erfahrung, die ich im vorigen Leben auf der ausführenden Seite gemacht habe. Und ich schicke dir mal den Link oder packe dir mal die Shownotes auch zu der Kurzgeschichte. Und wie gesagt, wenn man so denkt, also wenn man mit der Hypothese mal rangeht, sich zu sagen, alles klar, was ist denn so, was ist eigentlich mein Lebensziel für dieses Leben jetzt gerade? Was will ich mitnehmen? Welche Erfahrungen will ich machen? Dann hat man auf einmal so einen ganz anderen Blick auf Dinge. Und ich beneide ja auch immer, ich habe das selber eigentlich auch. Ich merke immer, wenn Leute so einen starken Glauben an Dinge haben, dann gehst du halt auch viel gelassener an Sachen ran, weil du dich so ein bisschen getragen fühlst. Naja, gut.
Jan Müller: Ja, einerseits ja, finde ich gut, aber für mich wäre das nichts. Zu starker Glauben würde mich auch zu sehr im Denken einschränken.
Joël Kaczmarek: Was ist denn eigentlich deine Glaubensrichtung, wenn du sagst, kein Atheist?
Jan Müller: Wie gesagt, ich habe mich noch nicht so intensiv mit Religion auseinandergesetzt, aber im Moment bin ich eigentlich der Meinung, who knows. Deshalb meinte ich agnostisch. Ich weiß es nicht, aber ich will auch nichts ausschließen. Ich finde, gewissen moralischen Kompass, den uns jetzt... das Neue Testament mitgibt, nicht verkehrt. Und in anderen Religionen kenne ich mich viel zu wenig aus, um das wirklich beurteilen zu können.
Joël Kaczmarek: Hast du mal Contact gesehen mit Jodie Foster damals?
Jan Müller: Ja.
Joël Kaczmarek: Da ging es immer so um diese Frage, gibt es irgendwie Leben im Weltall? Dann hat die immer sich so schön niedergekniet zu den Kindern und hat gesagt, wäre ganz schön viel Platz für uns alleine, oder? Und das fand ich immer so einen netten Leitspruch. Ja, ganz schön viel Platz für uns alleine. Naja, schöner Exkurs. Hast du einen dritten Punkt?
Jan Müller: Ja, auf jeden Fall. Also, wichtiger Punkt, was ich als Jugendlicher nicht Ich wusste, was ich jetzt aber weiß, man muss sich um seinen Körper kümmern. Das hängt natürlich auch mit dem zweiten Punkt zusammen. Und ja, wusste ich nicht. Habe keinen Sport gemacht, habe Sport abgelehnt sogar, was viel mit dem Schulsport zu tun hatte. Wenn man modern sprechen würde, würde man sagen, mich hat der Schulsport traumatisiert. Das würde ich für lamoyant halten, aber ich habe den Schulsport gehasst und mich dafür weigert und das hat auch dafür gesorgt, dass ich bestimmt noch bis zehn Jahre nach dem Abitur Sport abgelehnt habe. Und das ist natürlich total dumm. Irgendwann habe ich dann Sport gemacht, weil ich eben diese Erkenntnis hatte, man muss sich um seinen Körper kümmern, aber nicht mit Genuss. Jetzt tue ich das mit Genuss. Leider zu selten, weil wir wissen alle, wie das ist. Wenn man arbeitet und Familie hat und so, dann fällt sowas hinten runter. Aber genau, man muss sich um seinen Körper kümmern, nicht nur mit Sport, auch mit Ernährung und so.
Joël Kaczmarek: Was war denn der Wake-up-Moment? Also was war... Man hört ja da geistig so ein Sonst dahinter. Man muss ihm seinen Körper kommen, man kommt mal sonst. Was war so dein Wake-up? Muss ich wieder persönlich werden? Tatsächlich die Erkrankung meines Vaters. Der hat das irgendwie für sich anders gesehen, was viele Gründe hat, das wird jetzt zu weit führen. Ich glaube auch eine Sporttraumatisierung, weil der ist 1936 geboren,
Jan Müller: ist im Dritten Reich noch zur Schule gegangen. Im Dritten Reich waren Sport fünf Hauptfächer, muss man sich mal reinziehen. Er war Brillenträger, also ohne Sport warst du da gar nichts in dieser Nazi-Ideologie und ich glaube, sein Schulsporttrauma hat länger angehalten als meins. Und ja, als er dann krank wurde, er ist im Jahr 2007 gestorben, habe ich gemerkt, ich glaube, ich habe es schon vorher gewusst, aber da war nochmal so ein Ding, da habe ich irgendwie gemerkt, nee, ich muss das anders machen für mich.
Joël Kaczmarek: Naja, ich finde, wenn man im jungen Alter ist, dann hat man ja auch so das Gefühl, mir kann gar keiner was. Man kriegt ja Einschläge mit manchmal bei Bekannten oder sieht was in der weiteren Familie. Und denkt sich immer so, ja, mir geht's ja gut, ich bin ja fit und mir passiert sowas ja nicht. Und man staunt ja dann schon. Also ich erinnere mich noch, als ich so zwischen 18 und 20 war, wenn ich meinen besten Kumpel zu Besuch war, haben wir uns nachts um 12 teilweise bei Burger King noch das Essen geholt oder einen Hamburger oder einen Döner, Pizza, hat mich nicht gejuckt, konnte ich nachts um 12 essen, hab geschlafen wie ein Stein, alles gut. Heute Abend, wenn ich um 8 Uhr Abendbrot esse, dann liege ich schon im Bett und denke so.
Jan Müller: Ja, ich finde ja auch... gesundes Essen in unserem Alter. Du bist ein bisschen jünger als ich, aber man merkt einfach, wie gut es dem Körper tut. Trotzdem, ich wohne in Mitte Prenzlauer Berg und mich nervt es trotzdem so diese mega Selbstoptimierungsideologie und hier und dann. So ganz komme ich da nicht rein, auch beim Sport nicht. Also es gibt ein ganz schönes Lied von einer Band aus Berlin hier, Isolation Berlin. Das heißt, ich hasse Fußball und tu das mal in die Shownotes. Das verdeutlicht das vielleicht noch, was ich so... Das ist ein bisschen mein, wenn ich Sport kritisch betrachte. Ist, glaube ich, auch für uns Männer besonders schwierig, weil Sport so sehr mit dem Wettbewerbsgedanken verbunden ist, was gar nicht nötig ist. Ich jogge immer bei mir um die Ecke auf so einer Tartanbahn. Und wenn ihr Bock habt zu joggen, liebe Hörerinnen und Hörer, ganz wichtige Erkenntnis, die ich irgendwann gelernt habe, es ist überhaupt nicht wichtig, wie schnell ihr lauft, sondern dass ihr dabei Spaß habt. Und wenn man dann da halt... Vor allen Dingen am Wochenende ist das so, auf dieser Bahn ist und dann siehst du dann da diese Machos ankommen, die dann, ich schaffe es zu überholen und so. Dann denke ich so, das ist doch nicht die Idee dabei hier. Ich verstehe auch den Wettbewerbsgedanken und so, aber ich finde, man kann Sport auch anders betreiben.
Joël Kaczmarek: Bist du jemand, der ehrgeizig durchs Leben geht? Also bist du sozusagen von Wettbewerb, von Gewinnen getrieben oder ist dir das scheißegal oder irgendwas dazwischen?
Jan Müller: Ach, ich glaube, ich habe viel Ehrgeiz, auf jeden Fall. Aber ich hoffe eher in der Sache, als jetzt darum irgendwie besser zu sein als jemand anderes. Das ist mir wirklich völlig egal.
Joël Kaczmarek: Ich habe so eine Reihe, die habe ich bei uns intern, haben wir die immer Säulen des Erfolgs genannt, wo ich so mit erfolgreichen Menschen gesprochen habe und habe so versucht, ihre Säulen nachzuzeichnen. Was macht denn die eigentlich erfolgreich? Und dieses Thema Wettbewerb gewinnen, habe mich da immer sehr intensiv beschäftigt, weil ich eine ganze Zeit lang irgendwie so dachte, naja, das ist ja so, es ist so ein Nullsummenspiel. Ich finde gar nicht so geil daran. Wenn ich etwas gewinne, weil dann jemand anders was verliert, also ich brauche das nicht, dass ich jemand anderen irgendwie, es ist natürlich als Motiv im Kopf super stark, wir gegen die Verbrüderung und so weiter und so fort, aber ich finde es eigentlich so ein bisschen schade, so zu denken und dann hatte ich die Leute auch mal gefragt, bist du ehrgeizig und begann so ein Top und dann waren alle mal so, ja, ja, ich habe jetzt keinen Sport gemacht, ich weiß noch, die eine war segeln mit 13 auf so einer Jolle auf der Ostsee und dann kamen irgendwie die großen Schiffe und das Schiff ist gekentert und dann musst du die halt mit 13 da alleine wieder rein und dann wäre sie abgesoffen und so, ne. Da lernst du was über das Leben und so. Also Schwimmer sind sowieso oftmals sehr gute Unternehmer. Und dann kam aber so die Perspektive auf, dass die mir gesagt haben, naja, es geht ja nicht immer darum, dass du gegen andere gewinnst, sondern manchmal auch gegen dich oder gegen deine Grenzen. Und damit war es für mich dann wieder so ein bisschen, dass ich gesagt habe, ah, okay, damit kann ich irgendwie besser leben, weil dann fühlt es sich nicht so destruktiv an.
Jan Müller: Ja, aber ich sage mal so, in dieser Gesellschaft, in der wir leben, ist natürlich der Wettbewerbsgedanke sehr tief in uns drin. Ganz banales Beispiel, ich spiele wahnsinnig gern Mensch ärgere dich nicht. Ich spiele auch wahnsinnig gern Monopoly. Monopoly ist ja ein sehr bösartiges, toll satirisches Spiel auch so. Und ich spiele es trotzdem gern, aber da spürt man natürlich sofort, wie böse dieses Spiel ist. Weil es ja darum geht, andere fertig zu machen. Bei Mensch ärgere dich ist das auch, Mensch ärgere dich nicht ist das auch so, aber nicht ganz so offensiv. Irgendwann habe ich mal gemerkt, das ist eigentlich gar nicht schön so. und es gibt ja Und glücklicherweise auch jetzt solche Spiele, wie ist der Begriff dafür, wo man gemeinsam zum Erfolg kommt.
Joël Kaczmarek: So wie Escape Games zum Beispiel.
Jan Müller: Da ist das generell so. Aber ich meine auch Brettspiele so. Obstgarten heißt eins zum Beispiel. Da kämpft man natürlich auch gegen jemanden, gegen einen komischen Raben. Aber man spielt mit den Mitspielern gemeinsam. Da dachte ich, ach wie schön das ist so. Und das wäre natürlich auch schön, wenn unsere Gesellschaft vielleicht insgesamt mehr diesen Spirit bekäme, dass man gemeinsam etwas erreicht.
Joël Kaczmarek: Ja, da hast du vollkommen recht. Lustigerweise fällt mir gerade ein, ich habe meine Masterarbeit damals über Computerspiele geschrieben und ich habe über Gegnerschaft geschrieben. Also worüber wir hier reden, ist ja eigentlich Gegnerschaft. Und das war ganz faszinierend, weil ich dann so, ich habe so durchdekliniert, gegen was kann man eigentlich alles spielen? Gegen einen anderen, gegen sich selbst, gegen die Zeit und gegen das Spiel selbst. Und das ist wirklich, weil du hast eigentlich vollkommen recht. Und man merkt ja auch manchmal, das hat manchmal fast so etwas Transgenerationales. Es gibt es ja, dass man irgendwie Traumata vererben kann. Ich merke das immer bei Filmen zum Beispiel, so leicht anderer Dreh, aber ich habe die Tage mir mal so Netflix hier dieses, wie heißt das, Bad Moon oder so angeguckt, was so deren Star Wars Pendant sein soll.
Jan Müller: Ich habe gar keine Ahnung von Fernsehserien, da kann ich nicht mitreden, aber erzähl mal.
Joël Kaczmarek: Was mir nur auffällt war ist, und wenn man die Schemata immer verstanden hat, sieht man die immer wieder, dass du merkst, das ist so ein amerikanisches Ding, dass die ihr Urtrauma wieder aufwärts stehen lassen. Das ist immer so. Also Nation ist da, Großer kommt, gefährdet die und da muss man sich wehren, stark gegen schwach. Dann denkst du dir so, ja, kennt man ja irgendwoher das Ding. Da waren irgendwie so ein paar Engländer, die haben was besiedelt, ihr habt rebelliert, der Kleine gegen den Großen und jetzt hast du natürlich Angst, dass wieder jemand kommt, dir was wegnimmt. Das finde ich ulkig, dass das dann sich immer so wiederholt. Stimmt,
Jan Müller: auch in allen Blockbuster, Marvel-Filmen so. Wahnsinnig langweilige Erzählung. Wirklich schlecht, dass das in fast allen Filmen so ist.
Joël Kaczmarek: Ja, ist auch genauso, wenn man einmal so romantische Komödie verstanden hat, die ist auch mal gleich. Aber das mag ich. Ja, ich auch. Gegensätzliches Paar lernt sich kennen, irgendwie kriselst du, man merkt aber, da ist was, es gibt so eine emotionale Anführung, dann kommt der krasse Break, weil einer von beiden hat irgendwas super gemeines gemacht, der Clash kommt und dann nach hinten so die Konklusion, ah, sie finden wieder zusammen, alles wird gut. Und das ist immer das gleiche Schema, aber ich meine, nevertheless, manchmal ist ja, wie sagt man hier, Wein aus alten Schläuchen auch gut. Ja,
Jan Müller: ja, ja. Romantische Komödie auf jeden Fall.
Joël Kaczmarek: Ja, und da teile ich bei dir. Romco, wie die, glaube ich, immer sagen auf Englisch.
Jan Müller: Romcom.
Joël Kaczmarek: Aber was ich noch interessant finde, du hast ja vorhin erzählt, dass Schulsport dir so ein Trauma gemacht hat. Woran lag das? Was war es bei dir, dass du Schulsport so beschissen fandest?
Jan Müller: Da denke ich heute noch drüber nach. Ich konnte das einfach nicht. Fußball spielen, so ran an den Mann und so. Das, was als Mann von einem verlangt wird. Ich konnte das nicht. Ich hatte da irgendwie Hemmungen. Und so kam ich dann die ganze Schulzeit nie mit dem Ball in Kontakt. Und das ist natürlich, irgendwann bist du dann einer... Einer der Deppen, da gibt es ja auch so Rituale, dann wird gewählt, dann werden die Mannschaften gewählt, dann gibt es ein Lied von uns, auch von Tocotronic, das beschreibt, als letzter auf der Bank heißt das. Und ich konnte es einfach nicht, das war jetzt keine Entscheidung, ich war einfach nicht dabei und Fußball hat mich auch nicht interessiert. Jetzt lieben meine Söhne Fußball und ich interessiere mich dafür, ist okay, aber mich hat es nicht interessiert.
Joël Kaczmarek: Ich weiß, manchmal ist es ja auch so, Erfolgserlebnisse machen, glaube ich, ganz viel aus. Also ich weiß, meine Horrorsportdisziplin war zu... Bodenturnen. Das konnte ich gar nicht. So Handstand, also Rolle ging ja noch, aber dann irgendwelche Salty, Handstand, Kopfstand, furchtbar. Und Geräteturnen war aber dein Ding. Da war ich top. Wirklich? Ja, Rek war ich das Schlimmste, wenn dann dieses Pferd aufgebaut wurde. Ja, ich weiß noch, wenn man so Handstandüberschlag über irgendwelche Kästen machen sollte und so. Die fand ich schon ein bisschen mutig so, aber das war okay.
Jan Müller: Ich glaube ja, das ist heute alles viel besser mit dem Sportunterricht. Ich glaube, die Kinder dürfen da ein bisschen mehr das machen, was sie wollen. Also hoffe ich zumindest und was ich so mitbekommen habe bisher aus der Schule, aber würde sogar so weit gehen, das war schon sehr so noch auch in den 80er Jahren noch aus dem Nationalsozialismus geprägt. Diese Sachen sitzen tief, auch was die Kindererziehung betrifft und so. Also diese Zeit von 1933 bis 1945, die hat da sehr viel Schaden angerichtet.
Joël Kaczmarek: Ich meine, sind wir mal ehrlich, manchmal ist es auch erschreckend, wie kurz man manche Dinge weiß, die so basic und generisch sind. Also ich hab die Tage, hab ich mir auf Netflix gab's so eine ganz lustige Parodie mit Jerry Seinfeld, wo die so diesen Wettbewerb zwischen Kelloggs und oh, wie ist die andere Firma, hab ich schon wieder vergessen, also so zwei Serialienhersteller aufbereiten. Dann holt sich Kelloggs hier Jack LaLanne dazu. Und ich wusste gar nicht, dass das ein echter Mensch ist. Ich hab zu Hause so einen Entsafter, Jack LaLanne's Power Juicer. Dann hab ich mal geguckt, wer das ist und das war so ich glaub 30er Jahre geboren, der dann in den 50er, 60er Hat angefangen zu sagen, nee, Zucker ist nicht so geil zu essen und wir sollten uns mal viel bewegen. Und wenn man sich mal überlegt, das ist jetzt nicht lange her, von 50 Jahren, da meinte meine Frau so, ja, sie kennt so alte Videos, wo dann Hausfrauen in Kleidern und Pumps geschminkt Sport machen. Und das finde ich manchmal, das ist bizarr, wie spät einem das erst bewusst wurde, dass Bewegung wohl wichtig ist und dass irgendwie Adipositas vielleicht auch so Energiehaushalt, Zucker, Fette und so weiter. Also, ich meine, gefühlt ist es ja so, jedes Jahr wird irgendwas Neues, Superkrasses entdeckt, wo du dir so eigentlich einen Kopf fasst und denkst, okay, wow, warum wussten wir das noch nicht? Aber bei dir habe ich auch rausgehört, als ich Yoga meinte, da gingen bei dir so die Schotten runter. Ist das so dein Hasssport?
Jan Müller: Nein, Hasssport nicht. Das soll jeder machen, wie er will und das ist sicher auch super. Und ich will auch keine Klischees befeuern hier vor dem Mikrofon. Aber nee, es ist einfach nicht mein Ding und es gibt ja eine große, große Diskussion um kulturelle Aneignung und so. Und ich finde, sei mal vorsichtig bei kultureller Aneignung mit solchen Sportarten.
Joël Kaczmarek: Ja, es ist ja manchmal auch ulkig, was daraus gemacht wird. Also eigentlich ist ja Yoga Meditation und Bewegung, aber es ist ganz faszinierend, da bist du wieder an so einem Punkt, 1000 Jahre alt und die wissen so viele Sachen, die wir erst in den letzten 50 Jahren irgendwie auf die Kette gerichtet haben. Nein, nein, es ist eine gute Sache und ich wäre mir jetzt auch zu blöd, da so dagegen zu polemisieren, aber ich musste auch nicht in alles reinkommen. Ich habe mal Pilates gemacht, fiel mir ein, 10er Jahren, nee, 0er Jahre war das, in so einem Fitnessstudio in Hamburg,
Jan Müller: super Pilates-Trainer, hat mir richtig Spaß gemacht und dann bin ich hier nach Berlin, also ich wohnte damals schon halb in Berlin und dann... Dann war da aber das Pilates-Konzept völlig anders und hat mir überhaupt nichts gegeben. Da war das eher so Yoga-mäßig dann nämlich. Also es kommt, glaube ich, auch immer darauf an, wie und mit wem und man das macht.
Joël Kaczmarek: Ja, ich glaube auch, wollte ich gerade sagen, weil manchmal, wenn du auch von kultureller Aneignung sprichst, das ist ja mit so Kodizes auch manchmal versehen. Also ich glaube, jeder hat dann so ein Bild, Berlin Mitte, Stillkaffee, Yogamatte über der Schulter. Hallo, ich habe einen Hamburger Freund, der sagt immer, ja, hier in Berlin, da gehe ich ja in jeden Coffeeshop und sage dann immer, ich hätte hier gerne die Jan Müller links gedreht, bitte. Also dieses riesige Angebot, also was du auch in diesem Optimierungswahn so beschrieben hast, das heißt manchmal ist es ja auch mit so einem Lifestyle mittlerweile aufgeladen,
Jan Müller: ja, von daher das kann ich schon verstehen.
Joël Kaczmarek: Aber ist doch alles okay, war ich schon auch als Witz gemeint mit der kulturellen Anleitung, also ich. Aber es ist was dran. Ich finde es gibt ganz andere Sachen, gerade so deshalb im Jahr 2024, über die man sich aufregen sollte und die man wirklich bekämpfen sollte und ey. Wenn jemand Yoga mag oder gerne vegane Jackmilch trinkt, das ist doch alles voll in Ordnung. Letzte Frage zu dem Punkt. Also ich habe jetzt schon rausgehört, du betrachtest dich jetzt nicht als Leistungssportler, sondern du lange als notwendiges Übel und dann langsam die Liebe dazu entdeckt. Was ist denn so deine Routine, wenn du sagst, man muss sich um seinen Körper kümmern? Was tust du denn mittlerweile, um dich darum zu kümmern?
Jan Müller: Ja, das wäre schön, wenn ich Routinen habe. Ich vergesse das immer wieder, diese Erkenntnis. Und dann kümmere ich mich darum. Also ich habe da keine wirklichen Routinen. Routine ist so ein Wort. Routine. Es ist interessant jetzt, Entschuldigung, während ich rede, fange ich an nachzudenken. Mit dem Begriff Routine habe ich glaube ich totales, fremdele ich total. Ich wäre gut, Routinen zu haben, aber ich habe aus Gründen, die ich nicht weiß, in meinem Leben viel getan, um Routinen zu vermeiden.
Joël Kaczmarek: Das ist ja geil. Dann formulieren wir es mal anders. Wenn du XYZ gemacht hast, bist du zufrieden, weil du das Gefühl hast, was Gutes für dich getan zu haben. Was wäre das bei dir?
Jan Müller: Naja, erstmal kein Mistessen. Und dreimal die Woche Sport wäre schon gut. Schaffe ich nicht. Was heißt schaffe ich nicht? Mach ich nicht. Schaffe ich natürlich. Mach ich nicht.
Joël Kaczmarek: Und dann ist dein Ding laufen. Oder hast du auch noch andere Sachen?
Jan Müller: Nee, nur laufen.
Joël Kaczmarek: Ganz befreiend, hier mal so Leuten, glaube ich, auch zu zeigen. Es ist auch in Ordnung, wenn man nicht irgendwie immer so diese Power-Raketen ist, die du auf Social immer siehst, wo jeder irgendwie 200 Klimmzüge kann und siebenmal am Tag sowas macht.
Jan Müller: Sollen die alle machen, aber genau. Ich frage mich,
Joël Kaczmarek: wann denken die denn mal ein bisschen nach, wenn die die ganze Zeit ihren Körper selbst optimieren. Das braucht ja auch Zeit. Ja, ist lustig, dass man dafür gar nichts so einräumt. Was ist dein vierter Punkt? Die Erkenntnis, dass man, ich glaube, die hatte ich so irgendwie, ich glaubte die zu haben, so mit 16, 17, 18 als Punk, aber ich hatte sie nicht wirklich,
Jan Müller: sondern ganz tief war sie eben nicht da. Man muss nicht von jedem geliebt werden. Das finde ich. Finde ich ganz wichtig. Dagegen so ein bisschen, ich meine jetzt nicht irgendwie, sei problematisch, sei schwierig, das meine ich überhaupt nicht, aber man muss nicht von jedem geliebt werden.
Joël Kaczmarek: Wie kriegst du das hin, sowas auszuhalten?
Jan Müller: Das ist schwer, aber da muss ich schon sehr schwer gegen vieles, was tief im Inneren in mir drin ist, angehen, aber das ist wirklich so ein Satz, den ich mir manchmal vergegenwärtigen muss.
Joël Kaczmarek: Meine Mama, das ist wirklich ein guter Leitsatz von ihr, ich habe das irgendwie so im Bild, wie wir in Charlottenburg hier am Volkspark irgendwie lang noch im Grün und ich bin mit meiner Oma immer da spazieren gegangen, aber gefühlt habe ich immer diesen Satz von ihr im Ohr, weißt du, ein Drittel mag dich, ein Drittel bist du egal und ein Drittel kann dich nicht leiden. Ist immer so, von daher akzeptiere ich das. Das fand ich eine total befreiende Geschichte. Oh, ist trotzdem schwer zu mich, wenn ein Drittel mich nicht leiden kann.
Jan Müller: Ich hoffe es sind nur 20 Prozent.
Joël Kaczmarek: Ja, stimmt schon, aber ist ganz komisch, dass irgendwie... Ich weiß nicht, wie es dir so geht, interessiert mich mal deine Perspektive zu hören. So was anderes, was mir im Kopf geblieben ist, war, als ich in der siebten oder achten Klasse war, wurde gestreikt gegen Schulausfall. Und dann saß ich so da und dann...
Jan Müller: Gegen Schulausfall gestreikt, das ist ja verkehrt rum. Ja, dankeschön,
Joël Kaczmarek: dankeschön. Dann saß ich so da und dann haben die Lehrer gesagt, passt mal auf, ihr könnt jetzt streiken gehen, aber wenn hier mindestens, ich weiß nicht, sieben Kinder oder so noch, also sieben Schüler noch da sind, dann kriegt ihr alle einen Klassenburentrag. Also wenn, dann müssten entweder alle streiken oder keiner. Ich war halt einer von den sieben, die gesagt hat, ich tue mir leid, ich gehe da nicht streiken. Und wieso denn aber nicht? Das ist doch total dumm, du bist doch voll das Kollegenschwein. Ich sage so, nein, aber das widerspricht meiner Überzeugung. Ich finde es einfach hirnverbrannt gegen Ausfall von etwas mit noch mehr Ausfall irgendwie. Vielleicht hatte ich da so meinen Punky-Gewinn. Ja, ich habe ja auch ganz viele Fragen in meinem Kopf. Das ist ja völlig paradox, würde man sagen. Ja, paradox, genau. So, und kannst du dir aber vorstellen, da war ich sechs Wochen lang, war ich jetzt nicht so hoch in der Klasse. Du Streitbrecher-Schwein. Ja. Ich hasse dich. Das war komisch, da konnte ich das echt gut aushalten. Bei anderen Gelegenheiten fällt mir das total schwer, wenn ich weiß, jemand findet mich richtig kacke. Also ich habe in meiner Firma mal ein 360-Feedback bekommen, wo jemand geschrieben hat, ich finde ihn total unangenehm, länger als fünf Minuten mit ihm zu reden, kann ich nicht aushalten. Und da dachte ich dann so, boah, das ist aber richtig fies, weil ich glaube, das eine, was man mit mir echt kann, ist reden. Ich glaube, ich hatte ein bisschen Pech, weil wir hatten so zwei Strategien in der Firma. Ich war halt auf der einen Seite und der Geschäftsführer auf der anderen. Also wahrscheinlich bin ich auch so ein bisschen Opfer der Umstände gewesen bei so einem Feedback. Aber da habe ich gemerkt, finde ich doof. Und deswegen interessiert mich mal so deine Warte. Wie geht es dir denn damit, wenn Menschen irgendwie was anders sehen und dich doof finden, weil du es nicht so siehst oder diese Ausgrenzungsmomente?
Jan Müller: Ja, mir fällt es schwer. Wie gesagt, mir fällt es echt, mir fällt das schwer. Und ich denke aber, wenn man wie ich im weitesten Sinne Künstler ist, ist es wichtig, nicht so viel Kompromisse zu machen. Das habe ich halt irgendwann gecheckt. so. Und deshalb... ist diese Erkenntnis einfach wichtig für mich. Mich muss nicht jeder lieben. Und man kann es sowieso ja nicht jedem ja recht machen, noch so eine Binsenweisheit, aber auf jeden Fall fällt es mir schwer, das glaube ich schon. Und ich finde es auch ganz unangenehm, wenn Menschen so sind, wie bei so Leuten, wenn man sagt, da ist so ein Typ, der ist so gerade heraus. Ich finde es schon wichtig, freundlich zu sein. Also ganz wichtig.
Joël Kaczmarek: Es kostet ja nicht viel. Wenn ich irgendwie in den Supermarkt gehe und an der Kasse irgendwie der Kassiererin oder dem Kassierer einen schönen Tag wünsche, das ist eine Sekunde. Also das meine ich damit nicht, dass hier so irgendwie dieses blöde Sei-du-selbst-und-mach-keine-Kompromisse so nicht, aber ja, es ist einfach okay, wenn dann nicht jeder mag. Weißt du, was das Faszinierende bei dir dann aber eigentlich ist? Das Punkertum? ist ja eigentlich so Anti-Establishment irgendwie gegen etwas. Also das ruft ja eigentlich gerade dazu auf, dass man vielleicht manche Leute auch gegen sich aufbringt. Und dann ist das musikalische, das künstlerische auf der Bühne mit dem Applaus ja aber eigentlich auch wieder so ein Zustimmungsding. Also es hat so beide Elemente drin eigentlich.
Jan Müller: Ja, aber um jetzt kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Ich sitze ja nicht mit Niedenlederjacke und Haaren und ich bin jetzt auch jetzt oder wenn man jetzt Punk als Geisteshaltung begreift. Ich würde jetzt nicht sagen, ich bin Punk für immer. Das war eine Sache, die war sehr wichtig für mich, als Selbstermächtigung, so würde ich das vielleicht mal sagen. Und auch als Protest und so. Aber ich stehe jetzt nicht jeden Morgen auf und denke, ja, ich bin Punk. Das wäre mir ein bisschen zu wenig.
Joël Kaczmarek: Also ich will dich jetzt nicht ins Hintertreffen bringen oder hoffe, dass ich dich hiermit gefährdete, ich frage, aber glaubst du, dass Punk auch so ein bisschen so ein Ablaufdatum hat? Als Haltung jetzt natürlich gemeint. Also meine, ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Ich hatte zum Beispiel letztens Gelegenheit bei Reflektor mit Campino zu sprechen. An den habe ich mich auch gedacht, ja. Und der würde immer sagen, Punk ist das Ding. hat das glaube ich was Unumstößlicheres als für mich oder auch andere Freunde von mir. Ich bin gut mit der Band Turbostaat befreundet und der Gitarrist,
Jan Müller: den habe ich dann auch in einem Reflektor-Interview gefragt, hat Punk nicht vielleicht auch negative Sachen hervorgebracht? Er hat gesagt, auf keinen Fall. Punk ist unumstößlich positiv für den. Für mich ist das ein bisschen anders, weil ich sehe das so, dieses Rüpelig-Sein und dieses Provokant-Sein und Laut-Sein, dass, ja, ich erwähnte ihn vorhin schon ungerecht, so ein Typ wie Donald Trump könnte man auch Punk bezeichnen, wenn man diese Seite von Punk betrachtet. Deshalb würde ich das auch schon kritisch sehen. Weil dieses Punk-Ding auch was sehr Narzisstisches hat. Und ich habe es ja vorhin schon bei meiner ersten Eigenschaft mit Sachen vollschmieren, die ich auch schon als narzisstisch gebrannt mag, ich glaube,
Joël Kaczmarek: das ist schon was, was mich interessiert. So mein eigener Narzissmus, der ja jetzt in allen ist und so. Und die neoliberale Gesellschaft fördert ja auch den Narzissmus. Instagram, TikTok und so, das sind ja alles Plattformen. um seinen Narzissmus zu zelebrieren. Und ich bin eher darum bemüht, das kritisch zu betrachten und vielleicht auch woanders hinzugehen als zur Selbstdarstellung. Ich weiß noch, wie Gregor Gysi in unserem Podcast war mit Sebastian Krumbiegel von den Prinzen. Dann haben wir Selfie gemacht und dann stand da so, das ist auch ganz lustig, weißt du, der Koloss Sebastian, so der starke Mann, so zack, ich eher klein. Und dann ging Gysi auch so klein und so, wisst ihr Männer, Männer wie wir, die in der ersten Reihe stehen, die haben doch alle ein Thema mit Eitelkeit, machen wir uns doch nichts vor. Und die Frage ist doch immer nur, beherrscht die Eitelkeit sie oder beherrschen sie die Eitelkeit? Und das fand ich so geil. Gut gesagt. Ja, Sebastian hat sich, glaube ich, auch so leicht ertappt gefühlt. Wir grinsten uns dann alle an. Und was mich jetzt nochmal bewegt ist, wenn du sagst, man muss nicht von jedem geliebt werden, dieses Künstlerische und auf der Bühne, was du machst. Welche Rolle spielt denn für dich dieses Thema Applaus, Publikum, geliebt zu werden, Anerkennung? Also wie ist denn das in deinem Selbstbild verwoben? Weißt du, was ich meine?
Jan Müller: Schwierige Frage, wo ich auch viel drüber nachdenke. Weil ich habe das jetzt nicht kokett, wenn ich sage, ich. Ich bin ja auch kein Sänger in der Band. Das hat, glaube ich, auch einen Grund, dass ich mich für ein Instrument wie den Bass entschieden habe. Ich habe öfter mal Unbehagen, auf der Bühne zu stehen, weil ich denke so, weil ich die Situation, das habe ich gleich auch schon mal irgendwo gesagt, ich finde die Situation eigentlich grotesk, dass sich da so vier, drei, vier, fünf Menschen auf eine Bühne stellen und von vielen anderen Leuten angeguckt werden. Das wird einem natürlich auch zugehört, aber man wird ja auch angeguckt. Man ist illuminiert mit großem Licht. Piep für Lefans, Piepapo und grundsätzlich finde ich das grotesk, aber es ist andererseits, es ist total schön, diesen Applaus zu bekommen. Aber es glaube ich für mich, es war ja in der Pandemie war das ja so, dass vielen Leuten das sehr schwer fiel, jetzt nicht in finanzieller Hinsicht gesprochen, sondern von dem Aufmerksamkeitshaushalt her, es fiel ihnen sehr schwer, nicht auf die Bühne gehen zu können. Und damit habe ich zumindest kein Problem, was ich in diesen zwei Jahren oder was das war, gespürt habe. Es ist natürlich ganz toll, beklatscht zu werden. Es ist natürlich interessant, wenn man dann als Familienvater nach Hause kommt und dann irgendwie die anderen Sachen wieder zu tun hat, Staubsaugern, Windeln wechseln und so. Da klatscht dann natürlich niemand. Warum klatscht denn jetzt niemand, denkt man dann. Also dieser Wechsel ist eine interessante Herausforderung.
Joël Kaczmarek: Wie gehst du denn eigentlich, und das steckt ja auch in deinem Punkt drin, man muss nicht verliebt werden, welche Rolle spielt das Thema Bewertung für dich? Weil Applaus ist ja irgendwie eine Bewertung. Eine positive, hoffe ich. Ja, ja, absolut. Okay, toll. Aber wie gehst du damit um? Bewertest du andere oder wie fühlst du dich? Weißt du, was ich meine? Was ist so dein Verhältnis dazu? Also ich denke, erst mal bin ich den meisten Menschen gegenüber positiv aufgeschlossen, weil ich denke, hey,
Jan Müller: die habe ich auch so in meinem Podcast sehr gemerkt. Ich spreche auch mit Leuten, Musikerinnen und Musikern, die jetzt nicht meine Lieblingskünstler sind, wo ich jetzt nicht privat die Musik die ganze Zeit höre. Aber ich denke, wenn man sich mit etwas auseinandersetzt und schaut, dann Jeder hat doch seinen eigenen Ansatz und versucht was Gutes und deshalb würde ich das, was die meisten Menschen tun, erstmal positiv bewerten, es sei denn, die Leute sind aus irgendwelchen Gründen gefährlich. Wir haben ja zur Zeit viel mit gefährlichen Menschen zu tun. Es sind Wahlen dieses Jahr, Europawahlen sind jetzt bald, dann sind noch drei Landtagswahlen, vor denen mich schaudert. kommen noch als Höhepunkt dieser krassen Dramaturgie die US-Wahlen. Und ich finde, da muss man dann wiederum schon auch ganz deutlich bewerten, Achtung, hier gibt es auch Feinde, die unser Leben so, wie es jetzt ist. Und wir leben ja in einem Land, in dem sich viele Möglichkeiten bieten. Und es gibt Leute, die das zerstören wollen. Und ja, ich weiß nicht, ob bewerten dann die richtige Vokabel ist, aber da muss man dann sehr aufmerksam sein und versuchen, das zu verhindern.
Joël Kaczmarek: Mir hat mal geholfen, ich habe von Karin Kuschik auf dem Event mal einen Satz gehört, die hat dieses Buch geschrieben, 50 Sätze, die das Leben leichter machen. Die hat so sinngemäß gesagt, jeder ist an einem anderen Ort, also auf einem anderen Teil der Reise und jeder gibt sein Bestes. Und das fand ich eigentlich ganz hilfreich, weil ich finde, man ist immer schnell dabei, als du eben von dem Rassismus der Social-Plattform geredet hast, dass man sich ja manchmal so szenisch darstellt und eigentlich auch nur so Personas irgendwie schafft, dass man Leute schnell bewertet. Und ich finde immer, wenn man dann mal aber so den Blick hinter die Kulissen bekommt, ja, was man von den Menschen erfährt, die Umstände, dann finde ich relativ, relativiert, da kommt man sich fast ein bisschen blöd vor.
Jan Müller: Aber es gibt eben nicht jeder sein Bestes. Ich habe von dem Buch ja auch schon in einem Podcast von dir gehört. Ich finde das... Ich habe auch Interesse, das zu lesen, aber so dieser Satz, jeder gibt sein Bestes, das ist doch total wischiwaschi.
Joël Kaczmarek: Björn Höcke gibt doch nicht sein Bestes, ist doch ein gefährlicher Mensch. Naja, also ist jetzt natürlich ein extremes Beispiel, aber so ich glaube der Case war, wer weiß, was mit ihm in der Kindheit passiert ist, ist ja jetzt keine Rechtsverhältnis. Ist mir dann auch echt egal. Ja, kann man so sehen, finde ich auch. Aber ich erinnere mich auch, mit Sebastian mal so eine Diskussion geführt zu haben, der sagte mal, mit Nazischweinen redet man nicht, das ist sinnlos, da muss man nur auf die Fresse hauen. Wo ich dann so meine, naja, aber es gibt ja Gründe, warum Leute so sind und so diese Anti-Haltung, ich will jetzt gar nicht sagen, dass es ganz toll ist, dass man den Ringelfiz mal anfassen machen soll, aber weißt du, in so einen Kontext zu rücken, wo steht denn der in seinem Leben und warum ist der auf einem Pfad, den ich als extrem falsch empfinde, wie ist denn der da hingekommen und dann sich mal so zurückzubauen, was braucht der denn eigentlich, weil ganz oft sind die Pfade ja auch ein bisschen, da geht es ja um andere Dinge.
Jan Müller: Also der Mann braucht eine ganz klare Reglementierung und Zurückweisung und ja, also auf die Fresse hauen, das ist jetzt auch nicht, wäre nicht das Mittel meiner Wahl, aber. Ich glaube wirklich, dass es Menschen gibt, mit denen man nicht mehr reden kann, weil sie halt, wenn sie den Mund aufmachen, lügen und nichts Gutes im Schilde führen.
Joël Kaczmarek: Ja, mancher hast du recht, mancher braucht einfach Grenzen auch. Und wenn man sich die Geschichte von jemandem wie Björn Höcke anguckt, es waren halt die Eltern schon Rechtsextreme und so. Das hat eine sehr lange Geschichte, die kann man tragisch finden, aber was soll man da machen? Aber weißt du, wie gesagt, der ist ja jetzt so ein Extrembeispiel, der eher im Alltag, weiß ich, der Kollege oder der Typ in der Bahn, der dich anruft und so weiter. Aber was heißt, Entschuldigung, ich mach das ganz kurz. Was heißt Extrembeispiel?
Jan Müller: Wenn man den Umfragen trauen darf, sind 30 Prozent in seinem Bundesland gewillt, ihn zu wählen. So, verurteilt hin oder her. Deshalb, das ist ja nun ein Drittel der Leute, die wählen. Und deshalb fällt es mir da schwer, vom Extrembeispiel zu reden.
Joël Kaczmarek: Ich habe es anders gemeint, aber ich weiß, was du meinst. Fair. Sag mal, wo ich gerade eben über dieses, also ich finde, es passt ganz gut. Die Frage, die mich noch beschäftigt, abschließend zu deinem vierten Punkt ist, geht es dir auch so, dass man so eine Persona auch schafft? Also weil wir auch dieses Thema gesagt hat, dass man muss nicht von jedem geliebt werden und bei dir mit deiner Band und den Rollen, die man da hat, weißt du Buch, Podcast, Musik, da bist du ja auch mal in leicht anderen Arten drin. Empfindest du das auch so, dass man so eine Persona, so eine virtuelle von sich erzeugt oder wie viel steckt von dir selbst drin in dem, was du da tust?
Jan Müller: Musst du mir nochmal erläutern, Persona schafft also.
Joël Kaczmarek: Persona heißt für mich immer, also mir geht es immer so, wenn ich was auf Social teile, bei mir ist zum Beispiel LinkedIn ja eher so ein starker Kanal im Business-Umfeld, dann ist mir natürlich klar, dass ich sozusagen das Bild von mir draußen am Markt präge mit einem, also da ist eine Dramaturgie hinter, eine Regie sozusagen. Achso. Ja, so das meine ich mit Persona. Ja,
Jan Müller: auf jeden Fall. Das macht man auf jeden Fall. Ich finde, das macht einen wahnsinnigen Spaß. Und ich finde es ganz traurig, wenn Leute das nicht mehr schaffen, da die Grenze zu finden. Für mich wäre immer so ein Beispiel, wenn Leute anfangen, da ihre Kinder auf Social Media zu inszenieren. Das finde ich, das grenzt an Missbrauch. Und Und da so ein Image sich zu kreieren, das fand ich schon immer toll. So haben wir auch angefangen als Band und so. Und es wird ja immer das Gegenteil verlangt von einem. Die sozialen Medien verlangen ja auch das Gegenteil. Die wollen ja das Authentische, das Echte. Früher, als wir anfingen mit der Band und dann die Magazine kamen, die wollten dann Home-Stories. Wie lebt ihr zu Hause? Wir wollen das Wahre sehen. Eine Band, die jetzt, die auch aus Hamburg kam, so eine junge Teenie-Band, die jetzt sehr gefeiert worden sind, nochmal im Nachhinein, weil es da dann Dokumentationen gab, die hießen Echt. Das fand ich auch ganz bezeugt.
Joël Kaczmarek: Also auf den Teufel komm heraus, hätten wir unsere Band nicht Echt genannt, weil darum geht es nicht. Es geht ja darum, es geht ja um die Fantasie in der Kunst. Es geht ja darum, was zu kreieren, was zu erzeugen, was einen auch irgendwie frei macht. mehr ist als man selbst oder was anderes ist als man selbst. Und ja, mir macht das einen Riesenspaß. Ist ganz interessant, wenn man sagt, man muss nicht von jedem geliebt werden, ist das vielleicht ja manchmal auch ein dankbares Schutzschild vor sowas, wenn ich so drüber nachdenke, wenn man einfach auch so eine Erzählung schafft. Weil dann kann man es auch immer so ein bisschen depersonalisieren. Es wird jetzt sehr verkopft, aber weißt du, wenn ich sozusagen ein Image schaffe oder eine Erzählung, dann mag das Gegenüber vielleicht die Erzählung nicht, aber nicht mich selbst. Und deswegen, also mir hilft es auch, ehrlich gesagt, oft, wenn ich dann manchmal zu Leuten sage, so, ah, Ich mag deine Persona nicht. Ich mag sozusagen deine virtuelle Rolle nicht, die du in der Öffentlichkeit spielst. Aber dich als Mensch kenne ich ja gar nicht als Heermann.
Jan Müller: Das finde ich voll gut gesagt. Ja, finde ich gut.
Joël Kaczmarek: Was ist dein letzter Punkt, Jan?
Jan Müller: Jetzt kommt schon der letzte Punkt. Also, das ist wieder was ein bisschen Banales, wo ich lange für gebraucht habe. Es macht keinen Sinn, Sachen zu sammeln.
Joël Kaczmarek: Ah, ja, ja, ja. Da kann ich voll relate.
Jan Müller: Ich würde sogar so weit gehen. Und da ist man dann vielleicht sogar beim Buddhismus, den ich nicht kenne. Aber so viel habe ich mitbekommen. Ich würde sogar sagen, besitzbelastet. Und ja, es macht keinen Sinn zu sammeln. Ich habe zum Beispiel noch bis vor zwei Jahren, ich habe... Ich bin Comic-Fan, habe Micky-Maus-Hefte gesammelt. Ich hatte eine riesen Sammlung, die ich weggegeben habe, weil Hintergrund war, wir brauchten ein zweites Kinderzimmer und so. Und ich habe das immer so ein bisschen aufgeschoben innerhalb der Familie. Ich habe gesagt, ja, nächstes Jahr. Und Hintergrund waren diese unfassbar vielen Micky-Maus-Hefte, die da lagerten und noch anderer Kram. Und da denke ich, ey, was ist denn los mit mir? Ich verwehre hier unseren jüngeren Sohn oder beiden Kindern ihr eigenes, dass jeder sein eigenes Zimmer hat. Nur wegen diesen zugegebenermaßen tollen Sachen, die ich da sammle. Aber es ist so befreiend, auch was wegzugeben und das nicht mehr zu haben. Und klar, vielleicht vermisse ich das dann manchmal, weil ich dann eigentlich unbedingt jetzt nochmal an diesem Morgen diese Geschichte aus dem Heft 1182 lesen muss, wo Donald dies und das tut. Aber trotzdem, es ist, und ich bekomme das mit, auch im Bekannten- und Freundeskreis, wenn Leute so sich an Und materielle Sachen festhalten, das ist jedem selbst überlassen, aber ich möchte so nicht sein.
Joël Kaczmarek: Ich weiß total, was du meinst. Mir geht es genauso. Ich habe früher so alte Videospiele gesammelt, alte Comics. Ich habe immer noch Comics, aber... Ich habe jetzt übrigens, ich habe nicht alle Comics weggegeben. Es gibt natürlich noch eine Barks Library bei mir. Habe ich dir nicht auch mal irgendwie so ein Ding geschenkt? Weil ich habe gerade gedacht, so okay, Knoten im Taschentuch. Geschenke gebe ich nicht weg. Okay, Teil 2 schenkst du mir lieber nicht. Nein, nein, nein, so ist das jetzt nicht. Und das finde ich auch ganz schlimm. Ich habe auch einen ganz lieben, lassen wir mal anonym in Hamburg, ganz lieben Freund, der wirklich so krass buddhistisch drauf ist und den kannst du wirklich nichts schenken. Dann kommst du in den Blick,
Jan Müller: wo soll ich das jetzt in meinem völlig leeren Zimmer hinstellen? Aber ich habe dich unterbrochen, Entschuldigung. Du hast auch gesammelt, hast du gesagt.
Joël Kaczmarek: Ja, ich hatte früher auch, ich hatte immer alle lustigen Taschenbücher mit diesen Rücken, die dann so ein Bild zusammen ergaben. Und es sind immer noch viele erwachsene Männer, so lustigerweise, die dann so Abo haben und so weiter und die dann immer, das Verrückte ist ja, also was ist denn die Motivation zu sammeln, ja, manche machen das aus Wert, weil sie dann denken, oh, da stimmt man ja ein krasser Wert, jedes hat 6,80 Mark gekostet und irgendwie, jetzt habe ich da so und so viel 1.000 Euro und dann realisierst du, nee, ist gar nicht so, also wenn du 2, 3 Euro kriegst, dann hast du Glück gehabt.
Jan Müller: Leute, versucht nicht eure alten Micky-Maus-Hefte zu verkaufen, ihr werdet sie nicht los, das ist ganz tragisch, genau, ich habe sie für nichts eigentlich. einer jungen Freundin gegeben. Das fand ich so toll, weil du genau sagst, so alte Männer und Comics sammeln, dieses Klischee auch. Die Hefte sind jetzt in Leipzig, wo es eh viel zu wenig Disney und viel zu viel Dickeducks gibt bei einer jungen Frau. Herzliche Grüße an Fiona. Toll, dass sie die übernommen hat.
Joël Kaczmarek: Das ist lustig, wo du es sagst. Ich glaube, von 119 hat das LTB angefangen, so mit Rücken zu arbeiten. Und 119 bis 135 oder so, waren die, wo ich noch so an meine Kindheit denke. Die habe ich ja aufgehoben, habe die anderen weggegeben. Dann kam von Ebay Kleinanzeigen so eine Lady, nahm mir irgendwie so 20 Dinger ab für den Spottpreis. Das ist mir auch eine Freude. Ja, ja, wissen Sie, freut mich, wenn es in Hände kommt, wie Sie jemanden zu schätzen. Ja, ja, ich habe die immer im Bad bei mir. Wissen Sie, die kann ich dann in der Badewanne lesen und wenn sie mir ins Wasser fallen, ja, dann ist es auch egal, dann macht es ja auch nichts. Und ich dachte so. Aber das Thema Sammeln ist ein ganz komisches, weil ich habe das lange versucht zu verstehen. Als ich jetzt so aussortiert habe, mich verschlankt habe, weiß ich noch, wie meine Mutter mit mir im Wohnzimmer stand. Und dann zeigte ich auf so einen Schrank. Ich habe halt viele so... 13 oder Luc Frank, also so viele so, ich glaube 13 ist ja eher amerikanisch und Luc Frank ist eher so franco-belgisch und dann hast du die oft in so Integralen. Also kostet so 30 Euro, ist so 3 cm dick und halt ein richtiges Buch. So. Und dann zeigte ich es auf dieses Ding und ich sagte so, du guck mal mal, das sind dann wahrscheinlich so 1,5 Quadratmeter, wenn ich mir diesen Schrank angucke und jetzt rechne doch mal meine Miete aus. Diese 1,5 Quadratmeter kosten mich im Monat wahrscheinlich irgendwie 6 Euro. Ich habe dieses Comic seit ungelogen, sieben Jahre nicht gelesen oder Blake und Mortimer, so und so viel habe ich auch so lange nicht gelesen. Ich liebe die, ich mag die gern verfügbar haben, aber das heißt, wenn ich das jetzt auf sieben Jahre mal hochrechne, sieben mal zwölf, ja, 84 mal sechs Euro, dann kannst du dir mal ausrechnen, was mich das an Kosten sozusagen, die ich in andere Dinge hätte investieren können. Klar, ich werde da jetzt nicht eine Lampe hinstellen oder sowas, ja. Das ist so rein fiktiv, aber wenn man es mal, das hat die überhaupt nicht verstanden. Ja, aber es macht dir doch Freude, wenn du es liest. Ich sage so, ja, aber ich hätte lieber gerne eine iPad-App. wo ich es lesen kann, wenn es mich mal wieder packt, weil sieben fucking Jahre, sieben Jahre, Asterix. Seitdem ich in meiner Frotzsammlung habe, habe ich nicht ein Asterix-Buch.
Jan Müller: Aber leider bin ich so krass altmodisch, dass ich das finde. Comics auf dem iPad, nee, nee, nee, nee, das geht nicht. Das Papier ist wichtig, wie das gedruckt ist und so. Aber das ist natürlich auch altmodischer Kitsch, aber trotzdem, davon kann ich mich nicht freimachen. Ja, aber es geht einfach irgendwie um so eine komische Sehnsucht nach der Kindheit. Ich meine, bei diesem Sammeln,
Joël Kaczmarek: glaube ich, in diesem Film, in dem besten Film der Welt, Citizen Kane, ist das ja sehr eindrücklich dargestellt, wo das dann alles um diesen Schlitten geht. Rosebud, Leute, Citizen Kane. Ja, ist ulkig. Wie erlebst du das heute? Hattest du so einen Moment, wo du gemerkt hast, okay, nee. Also war es jetzt nur das Zimmer, wo du gesagt hast, Pragmatismus, das geht raus oder hast du auch noch so eine, okay, wow, jetzt fühle ich mich besser, jetzt häuf ich keinen Besitz mehr an, weil.
Jan Müller: Das ist ein ganz genereller Punkt,
Joël Kaczmarek: auch sowas ähnliches mit dem, nicht jeder muss einen lieben, also dieses Festmachen, es ist ja so von Sehnsucht an materiellen Besitz, da muss ich sehr innerlich gegen mich kämpfen, aber ich finde das auch jetzt Quatsch, alles wegzuschmeißen, diese Mode damit, wie hieß sie, Kondo. Marie Kondo. Halte ich auch für unkultiviert,
Jan Müller: ehrlich gesagt.
Joël Kaczmarek: Warum?
Jan Müller: Weil natürlich andererseits Comics oder Schallplatten oder Bücher, das ist natürlich auch alles. Deshalb habe ich eben auch so, kann das sogar noch ein bisschen theoretisch unterfüttern, was ich gesagt habe, kein Comic auf dem iPad. Weil das natürlich was Tolles ist, eine Bibliothek zu haben. Weil man damit anders umgeht, als wenn man sich durchs Internet surft. Das kann das nicht ersetzen. Wikipedia kann auch kein Brockhaus ersetzen. Das ist halt... Das ist halt einfach so, meiner Meinung nach. Bibliothek, also Leute, ein, zwei Regale mit Büchern in der Wohnung, das ist schon eine gute Sache, glaube ich.
Joël Kaczmarek: Ja, mir geht es oft so, dass ich mittlerweile, so ein bisschen wie beim Essen, weniger, aber gut.
Jan Müller: Ja,
Joël Kaczmarek: ja,
Jan Müller: ja.
Joël Kaczmarek: Damit kann ich ganz gut fahren, weil ich habe eine erschreckende Feststellung gemacht, in Zeiten von irgendwie Shein und Temu, wo du halt irgendwie so Fest-Fashion-Scheiß um die Ohren geworfen kriegst, du kriegst die Sachen auch nicht mehr los. und bei Corona war das ja ganz massiv, da haben wir alle aussortiert, dann bist du hier irgendwie in den Oxfam gegangen, das ist bei uns so ein Laden, wo du Sachen spenden kannst und dann das Geld, was sie verdienen, wird dann investiert in dritte Welt. Die haben die Sachen nicht mehr angenommen. Und richtig guten Stuff, weil die gesagt haben, wir sind voll, geht nichts mehr. Ende Gelände. Also wir produzieren mittlerweile so günstig, ist ja so erschreckend, wenn du Sachen neu, günstiger kaufen kannst als Gebrauch, da kriegst du die Sachen noch nicht mehr los. Also deswegen, ich bin mittlerweile wirklich hart am überlegen, wenn ich mir was kaufe, will ich das wirklich haben, brauche ich das wirklich, benutze ich das, weil Dein Satz ist sehr schön, du bist jetzt belastet. Machst du es bei anderen Sachen eigentlich auch so? Also wenn du jetzt sagst, Comic, hast du jetzt die Erlösung, sammeln, okay, ist ja nochmal ein Extrem. Aber hast du es bei anderen Sachen auch, dass du jetzt sagst, ach nee, ich habe jetzt nur noch drei Hosen und nee, das Alkohol. Also
Jan Müller: Hosen kaufen, ja ich habe wenig Hosen, aber aus ganz anderen Gründen, weil es wahnsinnig schwierig ist, eine Hose zu kaufen. Und dann habe ich so meine Hose gefunden, meine Jeans und dann gehe ich da in den Laden, wo ich die eben mal gekauft habe, nee, das Modell haben wir nicht mehr. Also das finde ich irgendwie, da muss der Gesetzgeber einschreiten. gesetzlich verpflichtet sein, wenn mal ein Unternehmen eine gute Hose entwickelt hat, diese auch dauerhaft verfügbar zu halten.
Joël Kaczmarek: Ja, das finde ich manchmal auch schade, dass es immer neue Saisons gibt.
Jan Müller: Klamotten, da habe ich nicht so ein Problem damit. Also, das wegzuwerfen.
Joël Kaczmarek: Okay, ich muss jetzt aber trotzdem in dem Moment nochmal nutzen, wenn ich das einmal auch habe, dass jemand da so gepolt ist wie ich. Es macht keinen Sinn, Sachen zu sammeln. Wie geht es dir, also warum macht man das eigentlich? Ich habe das immer versucht. Du hast jetzt, also wir hatten beide ein Thema schon, also Werterzeugung, bla, oder Kindheit fester, ist es das? Weil ich habe das so oft, dass man irgendwie in meinem Kopf, ich war es doch bei Informationen, ich mag es total gerne Informationen in Systeme zu bringen und zu sagen, da kollekte ich irgendwie Dinge. Das ist ein ganz komischer Effekt, warum man das hat. Ich weiß bisher nicht so warum.
Jan Müller: Ja, ich glaube es ist der Versuch sich zu orientieren, es ist der Versuch einen Mangel auszugleichen, es ist irgendwie der Versuch sich zurechtzufinden und einen Platz zu finden in der Welt. Aber es wird einem damit nicht gelingen.
Joël Kaczmarek: Schön gesagt. Ich denke gerade so, kennst du das, wenn man mit Kindern Bahn fährt, wenn die dann mal diese kleinen Minizüge kriegen in den Bahnen von der Deutschen Bahn? Ja.
Jan Müller: Das ist so eine Scheiße,
Joël Kaczmarek: ne?
Jan Müller: Das ist einfach so ein Podcast. Ah, jetzt hat man, jetzt hast du den Schlaf. Ja, okay, komm, vielleicht kriegen wir heute den ICE.
Joël Kaczmarek: Das ist jetzt schon der Fünfte, der dann bei uns rumrödelt in irgendeiner Kiste mit Nippes.
Jan Müller: Lieber Jan,
Joël Kaczmarek: es hat viel Spaß gemacht. Ich hoffe, du hast dich wohlgefühlt, weil ich habe ja gemerkt, das sind ja durchaus auch intensive Themen. Auf jeden Fall sehr, sehr faszinierend. Allein auch deine Vita, was du erlebt hast im Leben und was du sozusagen daraus Podcast. und wie langfristig du über Dinge nachdenkst und wiederholt anscheinend. Da bin ich immer sehr begeistert von. Von daher.
Jan Müller: Dankeschön. Nein, ich habe mich sehr wohl gefühlt. Wirklich vielen Dank nochmal für die Einladung.
Joël Kaczmarek: Ist für mich auch gar nicht selbstverständlich, so intim vor dem Mikrofon zu reden, aber für dich mache ich das gerne. Vielen Dank für die Einladung. Wow, das war ein inspirierendes Gespräch, oder? Denk dran, jeden Freitag dem fünften Tag der Woche erscheint eine neue Folge. Also abonnier den Podcast unbedingt. damit du keine Episode verpasst und teile die noch total gerne mit deinen Freunden oder Kollegen. Und wo wir schon über fünf Dinge sprechen, eine Fünf-Sterne-Bewertung auf der Podcast deiner Wahl hilft uns sehr, damit noch mehr Menschen von diesen inspirierenden Geschichten profitieren können. Nimm dir doch kurz Zeit dafür. Genauso wie für einen Besuch auf unseren Social-Media-Kanälen, um Updates und exklusive Inhalte zu erhalten. Die Links findest du in den Shownotes. Wir freuen uns nämlich über deine Anregungen und Feedback zu zukünftigen Themen und Gästen. So, bis zum nächsten Mal. Bleib inspiriert und neugierig. Dein Joël. Gib mir alle von mir, was hast du gelernt? Verstehen, suchen und versehen. Und jetzt du!