James-Bond-Schauspieler Götz Otto: Sein ist wichtiger als Haben

24. Oktober 2025, mit Joël Kaczmarek

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Joel Kaczmarek: Guck mal, da hört ihr ihn schon. Der liebe Götz weiß mit seiner Stimme nämlich umzugehen. Der ist zum einen natürlich Schauspieler. Also ihr habt garantiert schon mal was von ihm gesehen bei James Bond, bei Cloud Atlas. Ihr habt ihn vielleicht bei der Wanderhure gesehen oder auch mal bei einer Krimiserie. Ich habe zum Beispiel gesehen, bei Harte Beherzig war er auch dabei. Da werde ich nachher auch mal fragen. Und vor allem macht er aber auch ein sehr cooles YouTube-Format gerade namens GoEurope, wo er mit einer Feuerwehr durch Europa fährt und Leute interviewt. Also da hören wir bestimmt auch ein bisschen was. Aber jetzt bin ich erstmal neugierig auf seine fünf Dinge. Und erstmal hallo, lieber Götz. Herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.

Götz Otto: Ja, moin moin. Vielen Dank für die Einladung.

Joel Kaczmarek: Und du nimmst ja auch gerade aus deiner Feuerwehr auf. Richtig. Wie bist du denn auf die Idee gekommen, sag mal?

Götz Otto: Als Schauspieler ist man ja normalerweise überhaupt nicht selbstbestimmt, sondern man kann, also man wartet immer darauf, dass irgendjemand bucht und sagt, ich hätte gerne, dass du diese und jene Rolle spielst. Und dann liest du ein Drehbuch und sagst, ich möchte die machen oder nicht machen. So aus eigener Selbstbestimmtheit heraus kann der Schauspieler relativ wenig machen. Er braucht andere Kollegen oder er braucht entsprechende Bücher, Regie und so weiter und so fort. Und dann habe ich mir überlegt, ich will aber was machen, was selbstbestimmt ist. Ich möchte was machen, was mit mir zu tun hat und was ich gut und wichtig finde und richtig und bin auf die Idee gekommen. Ich hatte vorher schon auf Twitch mit einer... österreichischen Journalistin einen Kanal, der hieß Europe Now. Und da haben wir zum Beispiel auch die größte Online-Demo nach dem Ukraine-Krieg, nach dem Eintritt der Russen in den Krieg gemacht. Sehr, sehr interessant. Und dann habe ich überlegt, ich möchte irgendwie das weitermachen und habe während der Pandemie eine alte Feuerwehr ausgebaut, die ist tonfähig und mit der fahre ich jetzt durch die Gegend, treffe alte Kolleginnen und Menschen, mit denen ich gerne arbeiten würde oder schon gearbeitet habe und spreche über den gemeinsamen Kulturraum Europas. Das, was mich interessiert. Es war jetzt eine lange Begründung.

Joel Kaczmarek: Nein, aber ich habe gerade gedacht, was ich in fünf Sätzen jetzt schon über dich gelernt habe. Ich habe mit so vielen Prominenten gearbeitet und von denen wissen viele gar nicht mal, wie man Twitch schreibt und kommen gar nicht auf die Ideen, ein eigenes Format zu machen. Also das finde ich total geil, dass jemand so selbstbestimmt ist. Von daher herzlichen Glückwunsch.

Götz Otto: Danke, danke. Ich meine, es gibt so viele neue Möglichkeiten. Ich finde die teilweise auch für mich persönlich bedenklich. Also Social Media ist überhaupt nicht meins. Jetzt bin ich auf YouTube. Halleluja.

Joel Kaczmarek: Na gut, dann tauchen wir mal langsam ein. Magst du verraten, wie alt du bist?

Götz Otto: Ich bin 750 Jahre alt.

Joel Kaczmarek: Na, da haben wir ja ein bisschen Zeitraum, bis zur 20, wo wir zurückgehen.

Götz Otto: Ja, ja, allerdings.

Joel Kaczmarek: Gehen wir mal rein. Hast du denn das erste Ding, wo du sagst, hätte ich gerne schon mit 20 gewusst?

Götz Otto: Dazu muss man eben, du hast gesagt, wie alt bist du? 57? Das ist schon so lange her. Und vor allen Dingen war die Zeit damals so eine extrem andere, Stichwort Internet und ganz viele andere Sachen. Deswegen nehme ich die Frage mal rhetorisch. Was hätte ich ganz gerne mit 20 schon gewusst? Und mein größtes in Anführungsstrichelchen Learning der letzten Zeit ist das Prinzip It's not my war. Und zwar, das kann ich auch erklären, ich habe auch in diesem GoEurope-Interview, das habe ich heute lustigerweise hochgeladen mit Paul Slangen, das ist ein Dramaturg. und nachdem wir lange über Europa gesprochen haben, Haben wir auch über die aktuelle, weil gerade in der Kunstszene ist MeToo und Gender-Themen und so sind alle sehr, sehr aktuell und sehr, sehr auf der Fahne drauf. Und dann hat dieser Paul Slangen mich gefragt, du siehst du denn das alles mit dem Gender-Diversity und so weiter. Und ich habe da eigentlich überhaupt gar keine, also gar keine, es ist nicht mein Krieg. ihr könnt das alle machen und diskutieren und bitte akzeptiert, dass ich mich da halbwegs raushalte, weil es ist nicht mein Krieg. Also ich bin definitiv ein weißer alter Cis-Mann und ich finde die Rechte, die da eingefordert werden, richtig und gut, aber wie soll ich mich da positionieren? Und da habe ich länger drüber nachgedacht über den Satz von Paul Slang, it's not my war und das kann man auf viele, viele Dinge anwenden. Bevor man sich aufregt und engagiert, sollte man drüber nachdenken, was das mit einem selber zu tun hat und wo man selber von so einer Diskussion profitieren kann.

Joel Kaczmarek: Also was entsteht daraus für dich, wenn du sagst, das ist nicht mein Kampf, den ihr da führt? Ich bin da sozusagen neutral, also du bist dann sozusagen, du betrachtest dich so ein bisschen als die Schweiz, du bist sozusagen der neutrale Beobachter und weißt du, was ich meine? Was macht das mit dir?

Götz Otto: Also es macht natürlich was mit mir, weil ich bin natürlich in dieser ganzen Diskussion natürlich mehr involviert. Ich habe ein Kind, das non-binär ist und dementsprechend auch lange Gespräche und Es hat sich mir auch nicht alles immer gleich erschlossen, was da so passiert und welche Problematiken es da gibt und so. Und auch selbst in diesem ganzen Zusammenhang bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es überhaupt gar keinen Sinn macht, meine Position darzulegen, sondern wirklich darauf zu hören und zu achten, was die Person und der Mensch, der die Problematik hat. wie dieser Mensch das beschreibt. Das ist viel wichtiger als meine Haltung dazu. Und deswegen, natürlich ist es eine Form von Neutralität, aber die Schweiz interessiert sich auch nicht für die anderen. Ich interessiere mich schon für die anderen.

Joel Kaczmarek: Ne, hast du viel besser wiedergegeben. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Du bist sozusagen nicht in einer Senderrolle, sondern du bist eigentlich nur ausschließlich in einer Empfängerrolle. Du nimmst sozusagen wahr und bildest dir ein Bild, weil du aber nicht in der betroffenen Rolle bist, kannst du sozusagen.

Götz Otto: Absolut, genau. Also es gibt zwei Komponenten. Die eine Komponente ist diese, if you don't have it in your hands, don't let it. Also wenn du es eh nicht ändern kannst, dann brauchst du dich auch nicht damit zu beschäftigen. Aber der andere Aspekt ist halt eben, ich bin nicht der Betroffene oder die betroffene Person und dementsprechend ist es eher die... die Zuhörerrolle als die aktive Senderrolle. Um meine Position geht es da nicht.

Joel Kaczmarek: Jetzt hast du eben so beiläufig erzählt, dass du ein non-binäres Kind hast. Also sag du mal, ob du dich wohlfühlst, darüber zu reden und ob das auch für dein Kind aus deiner Vermutung her sich gut anfühlt.

Götz Otto: Aber mir geht es zum Beispiel so, ich weiß gar nicht genau, was das heißt. Da ich das vorher nicht geklärt habe, ist das ein bisschen schwierig vielleicht. Also das hätte ich vorher klären müssen.

Joel Kaczmarek: Kannst du mich zumindest mal dafür abholen, was das bedeutet, non-binär?

Götz Otto: Non-binär heißt halt eben außerhalb des binären weiblich-männlich-Kontext. Also mein Kind möchte sich da nicht ganz klar definieren. Weder als klar männlich noch als klar weiblich, sondern als non-binär. Das ist jetzt auch eingetragen, nämlich keine Sexualität, weder männlich noch weiblich, noch divers.

Joel Kaczmarek: Was macht sowas mit dir, wenn du das hörst? Also es ist ja jetzt nur ein Krieg von mehreren, den man führen kann. Du hast ja eben gesagt, in deiner Branche geht es auch viel um MeToo. Wie gehst du damit um, wenn du mit solchen Dingen konfrontiert bist, die dich zwar nicht betreffen, die aber trotzdem Einfluss auf dich haben?

Götz Otto: Also in dem Fall kann ich das ganz klar beschreiben oder pflanzlich definieren, weil mir geht es in dem Fall natürlich um mein Kind und nicht um eine gesellschaftliche Position. Ich möchte, dass mein Kind glücklich, froh und in sich ruhend in die Zukunft gehen kann. Wie auch immer das definiert ist, sexuell, ist mir eigentlich vollkommen scheißegal. Also das Glück und die Zufriedenheit meines Kindes ist mir wesentlich wichtiger als die gesellschaftliche Diskussion darum.

Joel Kaczmarek: Ich habe bei deinem Satz auch so ein bisschen über nachgedacht. It's not my war. Bei Kriegen ist ja manchmal der traurige Fakt, dass man sich so manchen Krieg gar nicht aussuchen kann, sondern er kommt zu einem. Das stimmt.

Götz Otto: It's not my war habe ich jetzt natürlich auch von Pauls Lange. Wäre vielleicht nicht auch, also gerade wir haben genug Kriege in der Welt, die wirklich Kriege sind und gesellschaftliche Debatten sind keine Kriege, sondern die sollte man irgendwie so führen, ohne sich gegenseitig zu verletzen. und da geht es schon los.

Joel Kaczmarek: Ich meine mal, aber jenseits der Tatsache, dass es jetzt sozusagen ein aufgeladenes Wort ist, wie gehst du denn damit um, wenn du sozusagen mit Dingen konfrontiert bist, wo du zwar nicht Adressat bist, aber irgendwie in der Peripherie eine Rolle spielst? Also MeToo ist ja ein schönes Beispiel in deiner Branche. Was macht das mit dir?

Götz Otto: MeToo ist, was macht das mit mir? Natürlich denke ich viel darüber nach und ich finde, mein Hauptproblem bei MeToo, wie wir es sehen, also es geht schon mal damit los, dass es ein englischer Begriff ist. Ich finde für so eine gesellschaftlich relevante Sache, die bei uns in Deutschland definiert wird. besprochen wird, könnte man auch irgendwas deutsches finden. Das ist das Erste. Das Zweite ist, MeToo impliziert immer sexuellen Missbrauch. Ich finde aber, es ist viel wichtiger, das als Machtmissbrauch zu sehen. Und das ist nämlich sofort weg von irgendwelchen Gender-Rollen, sondern du bist bei einer Machtposition. Und Machtpositionen Auszunutzen, das ist wirklich ein ernsthaftes Thema und das findet im künstlerischen Bereich auch sehr häufig statt. Also gerade an so ganz klar hierarchisch strukturierten Institutionen wie Theater oder auch beim Film sehr hierarchisch. Und da gibt es natürlich auch Machtmissbrauch und darüber kann man reden und ist auch wichtig, dass man darüber redet. Da positioniere ich mich auch und das ist It's My War.

Joel Kaczmarek: Jetzt habe ich noch eine letzte Frage zu dem Punkt, wie dir so dieses Loslassen gelingt, weil es gibt ja diesen einen Satz, ich versuche den immer mir zu behalten, ich glaube in diesem Alkoholiker-Kontext wird der oft benutzt, lieber Gott, bitte gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Das ist ja in deinem Satz, steckt das ja ein Stück weit drin, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Wie gelingt dir das, sowas loszulassen?

Götz Otto: Ich glaube genau darüber nachzudenken, darüber nachzudenken, was hat das mit mir zu tun, also inwieweit. Betrifft es mich und inwieweit, was tut mir an der Problematik weh oder ist es überhaupt was, was es mir da... Was mir wehtut? und dann die nächste Frage auch, was kann ich ändern? Und wenn du darauf feststellst, dass da eh nichts ist, dann brauchst du dir auch keine Gedanken darüber zu machen, denke ich.

Joel Kaczmarek: Ist ja auch manchmal so, dass du dich überfordert fühlst auch von all den Dingen, die einem herangetragen werden, weil gerade du, wenn man in der Öffentlichkeit steht, sagst ja manchmal eine Formulierung falsch, benutzt ein Wort, was aufgeladen ist und zack, hast du einen drin. Ich finde das manchmal mittlerweile auch ganz schön schwer. Wie geht es dir damit?

Götz Otto: Das finde ich auch, aber ich weiß auch, dass das alles, also ich mache mir zum Beispiel kein, also fuck. Bestes Beispiel, wenn Leute Fotos machen oder sonst was. Viele meiner Kolleginnen, die, darf ich das Foto sehen? Mir ist es alles scheißegal, es ist morgen wieder weg. Auch ein doofer Satz von mir, es ist morgen wieder weg. Je mehr Gedanken du dir darüber machst, desto mehr belastest du dich selber und je mehr lädst du auch das, was da gerade passiert ist, auf mit deiner Erwartungshaltung. Und ja, da bin ich nicht gut drin.

Joel Kaczmarek: Also was für einen Stall kommst du denn? Wie war denn so dein Elternhaus?

Götz Otto: Mein Elternhaus war, ich bin in einer Bäckerei groß geworden. Mein Vater war Bäcker und meine Mutter hat in der Bäckerei als Verkäuferin gearbeitet. Wir Kinder haben natürlich kleiner mittelständischer Betrieb da auch überall mitgewurstelt. Genau in der Bäckerei groß geworden mit bis zu vier Rottweilern. Die gab es auch noch. Ich war Hetze auf dem Hundeplatz. Mein Vater war Präsident vom Motorsportclub und vom Rottweilerclub. Hat seine Kinder da überall mit hingenommen und in den Ferien sind wir eigentlich immer mit Motorrad losgefahren. Also so war meine Kindheit. Sehr anders als andere Kindheiten.

Joel Kaczmarek: Es klingt irgendwie sehr idyllisch eigentlich auf eine Art oder auch so ein bisschen so eine Mischung aus Abenteuer, sehr lokal und trotzdem irgendwie interessant.

Götz Otto: Ja, absolut. Und dann später kam noch Rudern dazu. Also ich bin dann irgendwann zum Rudern gekommen, auch durch meine Eltern. Und dann war eh alles mit Kindheit vorbei. Dann bist du Leistungssportler und als Leistungssportler weißt du, wie du deinen Tag zu gestalten hast.

Joel Kaczmarek: Ach, das ist ja interessant. Das ist ja total untypisch für deine Gilde. Künstler sind ja eigentlich sonst eher so ein bisschen, komme ich heute nicht, komme ich morgen, sagt man immer im Vorurteil. Aber dann musst du ja voll strukturiert sein, oder?

Götz Otto: Also das lernst du da extrem. Also wenn du in so einem Achter sitzt und da sind ja außer dir noch acht andere inklusive Steuermann und da zu spät kommst, das willst du nicht. Also da weißt du, dass es zu spät kommen ist, Freiheitsberaubung. Und das sehe ich heute noch so.

Joel Kaczmarek: Und noch aus abschließender Neugierde. Was hat dein Vater dir so für ein Männerbild mitgegeben? Wie hast du den so erlebt? Was hat er mit dir gemacht?

Götz Otto: Das ist interessant, weil mein Vater war ein sehr, sehr... Also ich heiße ja nicht umsonst Götz und ich habe mir den Namen nicht gegeben, sondern im Prinzip hat mein Vater, also mein Vater wollte, dass ich Götz heiße, Bäckerei gerade eröffnet, meine Schwester unwesentlich älter als ich, gerade geboren, meine Mutter schon wieder schwanger und alle gesagt, ja jetzt könnt ihr doch nicht schon wieder, gerade Bäckerei aufgemacht, erstes Kind da, zweites Kind, warum? Und mein Vater hat gesagt, ihr könnt mich alle mal im Arsch lecken. Wir kriegen das Kind und deswegen heißt er auch Götz. Und mein Vater war jemand, der zum Beispiel die Vertreter, die dann gekommen sind in die Backstube, um ihre Mehlsorten zu verkaufen von den unterschiedlichen Mühlen. Die gingen meinem Vater total auf die Nerven und er will arbeiten und sich nicht irgendwie anhören, welches Mehl und wie auch immer. Klimmzugstange angebracht an der Konditorei und hat gesagt, so, hier, pass auf, ich weiß, du bist von der Mühle so und so, für jeden Klimmzug, den du machst, nehme ich dir einen Sack, also 50 Kilo Mehl ab. Und der Erste, der dann gesagt hat, ich will Mehl verkaufen, keine Klimmzüge machen, hat mein Vater gesagt, 50 Sack. Also der wollte einfach, mein Vater war sehr schräg. Ist auch irgendwie. nach der Schule ist er als 16-Jähriger erstmal in den Belgisch-Kongo gegangen und hat da gearbeitet. Damals noch, also Afrika, damals noch Belgisch halt eben im Kongo als Bäcker. Krass. Und so. Und das war das Männerbild meines Vaters. Da zu genügen, boah, das habe ich, ich habe mich immer als Weichei gefühlt im Vergleich zu meinem Vater. Immer als nicht genügend. Aber ich muss dazu sagen, das hat sich später dann extremst verändert. Also weil mein Vater natürlich irgendwie, mein Vater Bäckerei und so weiter. Jetzt bin ich irgendwie Schauspieler. Und dann mein Vater war super cool. Er hat gesagt, okay, pass auf, ich zahle dir eine Ausbildung. Also da unterstütze ich dich bei einer Ausbildung. Ist scheißegal. welches, mir vollkommen wurscht, ist deine Entscheidung. Aber komm mir nicht in vier Jahren oder in drei Jahren oder in zwei Jahren, nee, das war doch nichts mit was anderes machen. Und das fand ich cool von meinem Vater, der gesagt hat, eigentlich möchte ich, dass du die Bäckerei übernimmst, aber wenn du was anderes machen willst, machst du es. Und dann ein paar Jahre später, da war ich dann schon in München, habe ich einen Kurzfilm co-regiert und habe meinen Vater gefragt, ob er die... männliche Hauptrolle spielen will. Und dann kam mein Vater nach der Backstube, am Samstag nach München gefahren, hat hier das ganze Wochenende mit uns gearbeitet und ist danach wieder nach Hause gefahren und hat mich dann angerufen und gesagt, Pap, Götz, ich weiß, ich habe es vorher nicht verstanden. Ich kapiere es immer noch nicht, was genau, aber du arbeitest. Also dein Job ist Arbeit. Das hätte ich gar nicht gedacht, Arbeit. Und also mein Verhältnis zu meinem Vater ist mit der Zeit immer besser geworden, muss ich sagen.

Joel Kaczmarek: Hat er dich noch als James Bond erlebt?

Götz Otto: Ja, ja, natürlich. Und danach war mein Vater eben, nachdem keiner die Bäckerei übernommen hat, ist er nach Frankreich gegangen, eben weil er wollte wieder zurück in Frankophiles Land, hat dort weitergearbeitet, hatte aber keine eigene Bäckerei mehr, sondern war Chef der Bäckerei, aber in einem Supermarkt und hatte dann irgendwann keinen Bock mehr und meinte auch, seine Knochen tun ihm weh und wollte nicht mehr arbeiten. Und dann war es mir ein innerer Reichsparteitag, meinen Vater in die Rente zu schicken und ihm im Prinzip... das Geld zurückzugeben, was er mir für die Ausbildung gegeben hat und gesagt, aber dann hör doch auf. Und das war super. Leider nicht mehr. Leider nicht mehr.

Joel Kaczmarek: Wie gehen solche Männer von der Erde? Fallen die einfach um? Weißt du, was ich meine?

Götz Otto: Also es war ganz erstaunlich, weil mein Vater, ich hatte, mein Vater hatte zum Beispiel eine Schwarzpulverpistole, weil der als Motorradfahrer immer die Schwarzpulverrallye mitgefahren ist. Und da wollte er dann auch trainieren mit der Schwarzpulverpistole. War für uns Kinder großartig, weil da gibt es so gepresste Schwarzpulverdinger, die man da so in die Trommel reindrücken muss und so. Das konnte man dann aufdröseln und daraus tolle Sprengladungen machen für andere Sachen. Diese Schwarzpulverpistole zu Hause, mit der auch manche Tiere, die gelitten haben, erlöst wurden mit dieser Schwarzpulverpistole. Und mein Vater hatte Krebs und ich hätte durchaus mir vorstellen können, dass mein Vater sich selber mit dieser Schwarzpulverpistole verabschiedet. Hatte aber nicht. Und mein Vater wollte trotzdem noch leben und das war auch sehr erstaunlich, dass dann im Angesicht des Todes und mit so einer Krebs... sich auch nochmal Persönlichkeiten extrem verändern.

Joel Kaczmarek: Bewegend.

Götz Otto: Ja, aber zum Thema mein Vater, eine Sache möchte ich da noch erzählen, weil das ist das tollste Geschenk meines Berufs gewesen überhaupt, ever, ever. Und zwar, ich war bei meinem Vater in Frankreich, ich habe den besucht, denn der hatte kurz vorher diese Krebsdiagnose, hat das Telefon geklingelt und jemand war dran und hat mich gefragt, um Besetzung, ob ich in drei Wochen nach Jaxthausen kommen könnte, um dort Götz von Berlichingen zu spielen. Man muss sagen, das Goethe-Stück ist leider sehr schlecht und wird eigentlich nur noch in dem historischen Ambiente, nämlich in der Götzburg in Jaxthausen gespielt. Und dann habe ich gesagt, das kann ich nicht machen, mein Vater. Und dann hat mein Vater gesagt, nein, das musst du machen, Götz. Du heißt nicht umsonst so und deswegen machst du das. Und dann habe ich angefangen zu proben und dann ist zwei Tage vor der Premiere mein Vater gestorben. Und Trauerfeier und so konnte ich noch machen. Aber der Wahnsinn, ich habe, wie gesagt, ich habe es ja vorher erklärt, ich habe mir den Namen Götz nicht gegeben, sondern meinen Vater. Ich habe im Prinzip jeden Abend meinen Vater spielen können. Und diese Figur, Götz von Berlichingen, am Ende stirbt diese Figur. und das Letzte, was der so in den Himmel ruft, ist Freiheit. Und das Geschenk. Was mir mein Beruf da gegeben hat, ist, ich konnte mich jeden Abend von meinem Vater verabschieden, weil ich habe meinen Vater da gespielt. Und dieses Wort Freiheit war auch so extrem mein Vater, dass das wirklich die beste Trauerbewältigung war, die man sich vorstellen kann. Ein riesengroßes Geschenk, das mein Beruf mir da gemacht hat.

Joel Kaczmarek: Das ist ja bewegend. Krass. Fühlt sich jetzt fast ein bisschen banal an zu sagen, was ist dein zweites Ding?

Götz Otto: Mein zweites Ding. Zwei Personen sind eine Beziehung. Drei sind Politik.

Joel Kaczmarek: Geil.

Götz Otto: Nach der Schauspielschule war ich nicht nur am Theater, sondern habe parallel auch eine Firma gegründet für Drehbücher. Die gibt es auch immer noch, heißt Free X. Und wir waren dort zu dritt in dieser Firma. Drei Gründer. Drei Freunde. Und mir ist das erste Mal da aufgefallen, verdammte Hacke, wenn du mit mehreren Leuten zusammen bist, wird das plötzlich, es geht nicht mehr um eine Beziehung zu jemandem, sondern du musst bestimmte Strukturen da irgendwie aufbauen, wahren. Also das Klassische, du musst Politik machen mit drei Leuten. Mit zwei Leuten musst du keine Politik machen, weil du hast den anderen. Also ich würde mal sagen, eine Ehe oder eine Liebesbeziehung ist in der Regel keine Politik, aber ab drei wird es kompliziert.

Joel Kaczmarek: Also ich habe gerade gedacht, auch Liebesbeziehungen können ab drei politik werden.

Götz Otto: Ja, ab drei können die politik werden, absolut.

Joel Kaczmarek: Ja, das ist ein weiser Satz. Wie ist es dir denn damit ergangen, also damit Politik zu machen? Hast du dich da trotzdem drin?

Götz Otto: Also sagen wir es mal so, ich habe Politiker, Politik hört sich natürlich immer so ein bisschen nach Bundeskanzler an, so ein totaler Quatsch. Also Politik beinhaltet vor allen Dingen auch Kompromisse. Gut, das wäre jetzt natürlich auch bei einer Beziehung, brauchst du auch Kompromissbereitschaft. Aber das, was diese Politik da auch ausmacht, ist... Ja, dass du eben auf unterschiedliche Personen auch eingehen musst und die beiden dann auch nochmal miteinander abgleichen, wo du ja eigentlich damit gar nichts zu tun hast. Das meine ich auch ein Stück weit mit Politik. Das ist mir eigentlich immer ganz gut gelungen. Wie gesagt, die Firma gibt es noch, mich allerdings nicht mehr in der Firma.

Joel Kaczmarek: Also ich erinnere mich an meine Historie. Bei mir war es früher so, ich hatte einen Kompagnon in meiner Firma und ich hatte einen Investor. Und dann habe ich mich manchmal wie auf so einer Wippe gefühlt, weil du den Eindruck hattest, es wird immer der, der oben ist, kriegt wieder so einen Tipp auf den Kopf und dann schwingt der andere hoch und dann kriegt der wieder einen und dann schwingt der wieder hoch. Also wenn du dann natürlich an so einen Punkt kommst, dass du auch nicht sicher sein kannst, das, was dir jemand erzählt, was davon das jetzt war und das ist sozusagen strategisch und so weiter und so fort, da investiert man natürlich richtig viel Kraft und Energie. Was war denn deine Ableitung daraus? Hast du dich in irgendeiner Form anders verhalten in dem Wissen, dass es zu dritt politisch wird?

Götz Otto: Irgendwann mal schon. Irgendwann mal habe ich mich natürlich weg von der reinen Veröffentlichung dessen, was gerade in meinem Leben passiert oder was ich dazu denke oder was ich zu dem Stoff denke oder wie auch immer. Habe ich dann gemerkt, sei mal ein bisschen vorsichtiger, lass die Leute ein bisschen kommen, versuch das anders einzuordnen. dich das Herz und das Hirn gleich auf der Zunge haben, sondern erst mal kommen lassen. Das war schon mal das Erste. Also ich bin ein großer Plapper, Heinz. Alles, was mir durch den Kopf geht, kommt sofort unten raus. Das funktioniert bei dem Prinzip Politik nicht. Da muss man ein bisschen, da ist sofortismus schlecht.

Joel Kaczmarek: Hast du denn in Bezug auf Beziehungen der amourösen Art sozusagen, bist du da so eine alte Schule eher treu, es ist etwas Duales oder ist man in deinem Beruf auch ein bisschen verführt, wenn man Beziehungen führt, links und rechts zu gucken?

Götz Otto: Also, um Gottes Willen, verführt ist man da, glaube ich, nicht nur in meinem Beruf, sondern glaube ich in fast jedem Dasein, es sei denn, man ist zu zweit auf einer Insel. Aber und darüber hinaus natürlich mein Beruf hat natürlich entsprechende Konstellationen auch. Ich spiele ja auch Männer, die andere Frauen lieben oder Männer, die andere Männer lieben oder wie auch immer. Meistens spiele ich einen Mann. Ich habe auch schon mal eine Frau gespielt. Aber da war ich nicht verliebt. Egal. Also du spielst das alles ja auch. Und dementsprechend musste ich ein Stück weit ja auch damit auseinandersetzen und auch dich. Von daher ist es sicherlich. Noch ein Stück weit, also intensiver muss es ja nicht unbedingt sein, aber ein bisschen sozusagen virulenter als bei anderen Beziehungen bei uns. Aber trotzdem bin ich ein... Ich bin Oldschooler, glaube ich. Also so polyamoröse Geschichten, das kann ich mir sehr gut vorstellen, aber glaube, leben kann ich das nicht.

Joel Kaczmarek: Also ich habe mich jetzt schon mit mehreren Sexualexperten unterhalten und die sagen, winken alle mal ab und sagen, es ist viel mehr Beziehungsarbeit. Die Leute denken mal, das Leben wird einfacher durch das viel anstrengender.

Götz Otto: Ja, es wird sofort Politik, haha.

Joel Kaczmarek: Und es klappt eigentlich so gut wie nie, von daher. Aber macht man das, sag mal, wenn du da... Wenn du da so einen Film spielst in so einer Schlafzimmerszene und dann fällt man über sich her, das muss ja auch irgendwie, muss man das, was man spielt, nicht auch ein Stück weit fühlen?

Götz Otto: Ja, aber du musst es ja nicht als der fühlen, der du bist. Also ich meine, natürlich, wenn ich jetzt zum Beispiel so ein Arschloch spiele und Leute umbringe und du musst es natürlich an dir anbinden, aber du kannst es jetzt nicht fühlen. Du kannst jetzt nicht sagen, so und jetzt gehe ich heraus und der Nächste, den ich treffe, dem haue ich einer aufs Maul. Sondern du musst das natürlich in deiner Professionalität halten. Und trotzdem kannst du ein brutales Arschloch sein und im privaten Leben ein ganz normaler Typ. Und natürlich kannst du auch ein leidenschaftlicher Liebhaber mit einer tierunbekannten Person sein, die du kurz vorher beim Mittagessen kennengelernt hast oder morgens am Set. Guten Tag, ich bin. Ja, da musst du dich halt auch... ein Stück weit dann auch auf deine Figur beziehen. Und wenn die eine entsprechende Leidenschaftlichkeit hat, dann los geht's.

Joel Kaczmarek: Wie ist das für deine Frau gewesen? Wenn du dann manchmal mit ihr auf einer Premiere warst, hat die danach eine Woche mit dir nicht geredet?

Götz Otto: Nee, meine Frau, die weiß um diese Professionalität.

Joel Kaczmarek: Na gut, okay. Zwei Personen in einer Beziehung, drei sind Politik. Lass uns weitermachen mit deinem dritten Ding.

Götz Otto: Mein Gott, keine neue Erkenntnis. Aber sein ist wichtiger als haben. Und als junger Mensch habe ich viel mehr darauf, da ging es viel mehr darum, was will ich haben, wo will ich hin, welchen Erfolg will ich haben. Also viel mehr an der Oberfläche und an so Dingen wie Geld auch festmachend. Dass man sagt, bestimmte Kohle gibt dir eine Unabhängigkeit, dann kannst du dir ein Moped kaufen und juhu. Und haben war für mich... Ganz, ganz, ganz, ganz, ganz lange viel wichtiger als sein.

Joel Kaczmarek: Was hat denn haben für dich bedeutet? Also worum ging es da? Ging es da um Unabhängigkeit? Ging es da um Wert, den man sich selber zuschreibt? Was war für dich die Bedeutung von Besitz?

Götz Otto: Ich glaube, ich habe eine Zeit lang gedacht, dass ein Besitz auch auf den Besitzer abstrahlt. Dass man dachte, wenn man sich sowas leisten kann oder wenn man sowas Tolles hat, ist man selber ein Stück weit toll. sofort einen Mensch, der sich Dinge leisten kann. Und das habe ich kapiert, dass es darum nicht geht im Leben. Früher war das aber schon so.

Joel Kaczmarek: Ja, ich wollte dich gefragt haben, weil du eben gesagt hast, Unabhängigkeit. Mir geht es auch oft so, dass ich in meiner Gilde so merke, es ist ja heutzutage wesentlich schwerer geworden, durchzudringen zu Menschen, weil da einfach so viel Neues herrscht, so viel Lärm. Wenn du TikTok aufmachst, ist ja irgendwie jeder mittlerweile ein Top-Creator und, und, und. Und man merkt ja schon, dass man mit Geld sich halt manche Zugänge kaufen kann. Also, dass manche Also du bist unabhängiger vielleicht von Dingen, bei uns sagt man immer Fuck you Money, wenn du zu Leuten Fuck you sagen kannst, weil du nicht darauf angewiesen bist, was sie von dir wollen. Aber auch genauso ist es ein Mittel. Also ich sehe Geld eher als Energie sozusagen für Dinge. Wenn es dir fehlt, werden halt Sachen wesentlich schwerer. So den Punkt fand ich deswegen eigentlich schon ganz plausibel. Aber vielleicht bist du dem schon entwachsen und ich kann was von dir lernen.

Götz Otto: Also ich glaube, Geld ist nochmal was anderes. Die Frage Geld und Unabhängigkeit ist, also Geld macht reich, sonst nichts. Also das war so ein komischer Spruch bei Lucky Strike, Geld macht reich, sonst nichts. Aber Geld gibt dir natürlich auch diese Unabhängigkeit, was damit anfangen zu können. Und kein Geld zu haben, macht auf jeden Fall ein Stück weit sehr unfrei. Aber Geld ist ja nicht Besitz. Sondern es geht ja darum, was du mit dem Geld anfängst. Und bei mir, also dieses Sein ist nicht gleich, also ist wichtiger als Haben. Bedeutet, da geht es ja wirklich um diesen Besitz, sich etwas zu kaufen, jetzt irgendwas zu erwerben, etwas zu haben und so. Und das ist schon lang nicht mehr so. Und weil ich auch über sowas wie Nachhaltigkeit und Konsum und so auch viel nachdenke, habe ich für mich herausgefunden, Also jedes Mal, wenn ich was kaufe oder wenn ich was haben will, frage ich mich immer, brauche ich das? Brauche ich das? Und dieses brauche ich. das kann auch sein, dass du sagst, ich brauche jetzt diese wasserverschwendende Avocado, weil ich habe da echt Bock drauf, die jetzt zu essen und die brauche ich jetzt. Aber ich habe vorher über die Wasserverschwendung nachgedacht und ich glaube, genau darum geht es, über diesen Ansatz brauche ich das. das bei sich selber abzuklären, ob das wirklich, ja eben, ob man das jetzt braucht. Wir konsumieren so viel aus, einfach so aus einer reinen Konsumhaltung heraus.

Joel Kaczmarek: Und was bedeutet das Sein für dich? Wie möchtest du sein?

Götz Otto: Tja, wie möchte ich sein? Ich möchte vor allen Dingen bei und mit mir sein. Also ich glaube da, das ist auch zuerst mal ein Stück... Negativ konnotiert natürlich dieser gewisse Form von Egoismus, obwohl unsere Gesellschaft genauso funktioniert, nur getrieben wird von lauter Egoismen. Aber das meine ich gar nicht, sondern über die eigenen Bedürfnisse nachzudenken, über das eigene Glücksgefühl, über Perspektiven, über das Sein, über das, was du vorhast mit deinem Leben und dem Tag.

Joel Kaczmarek: Investierst du da eigentlich auch in dich selbst? Also machst du so Weiterbildung oder lernst du Dinge oder lässt du das einfach so auf dich zukommen? Wie machst du das?

Götz Otto: Oh je. Ja, ich mache schon so Weiterbildung. Das hört sich irgendwie so akademisch an.

Joel Kaczmarek: Ich finde GoEurope wäre auch eine Art von Weiterbildung, theoretisch.

Götz Otto: Rein theoretisch, ja. Ich habe mich zum Beispiel eine Zeit lang mit Nachhaltigkeit auch beschäftigt und habe dann so ein Fernstudium Nachhaltigkeit angefangen, um dann rauszufinden, meine Fresse, ist das kompliziert.

Joel Kaczmarek: Und sag mal, so abschließende Frage zu dem Punkt, wie gehst du denn da mit deinen Kindern um? Also sein ist wichtiger als haben. Es findet sich jeder ja so ein bisschen selbst. Wie begleitest du denn die Findung deiner Kinder?

Götz Otto: Das hat auch viel damit zu tun. Also ich glaube, meinen Kindern ist dieses Haben auch gar nicht so wichtig. Es gibt ja viele Kinder, die sagen, ich brauche die Playstation. Also solche Sachen sind bei uns eigentlich meines, also muss ich lang nachdenken, aber nicht vorgekommen, glaube ich. Also dieses Ich-haben-will und haben-muss. Haben wir, glaube ich, nicht vorgelebt. Und hoffentlich habe ich irgendwie trotzdem vorgelebt, dass die Auseinandersetzung und dass sich selbst gut finden eigentlich das Wichtigste ist. Also gut finden bedeutet aber nicht, dass man sich perfekt findet, sondern dass man sich einfach nur mag. Das reicht schon.

Joel Kaczmarek: Ist man als Schauspieler eigentlich viel bei seiner Familie zu Hause oder fehlt man oft?

Götz Otto: Ich bin, wenn dann, also gut, jetzt ist meine Familie sowieso aus dem Haus und besteht nur noch aus meiner Frau, weil die anderen... Die vier Kinder sind in der Weltgeschichte und sind irgendwann mal ihre eigenen Familien und dann sind wir Ursprungsfamilie. Aber ich habe schon viele Phasen gehabt, wo ich nicht da war, aber auch dann viele Phasen, wo ich ganz intensiv da war. Und das ist auch schwierig für Familie, damit umgehen zu können. Also jedes Mal, wenn ich nach Hause gekommen bin, nach einer längeren Zeit, jetzt irgendwie kein großes Projekt oder Theater oder sonst irgendwas, sich dann wieder zu Hause einzufinden und irgendwie auch seine Rolle zu Hause zu finden, ist gar nicht so einfach. Eine verbliebene Familie ist auch ganz gut ohne einen zurechtgekommen. Jetzt will man da wieder rein und muss sich anhören, wie man die Spülmaschine einräumt.

Joel Kaczmarek: Was macht denn deine Frau beruflich?

Götz Otto: Meine Frau, wie heißt es so schön, hat sehr lange ein mittleres oder ein kleines Familienunternehmen sehr erfolgreich geleitet, nämlich unsere Familie. Und macht jetzt aktuell eine Ausbildung zur Hundetrainerin, obwohl wir gar keinen Hund haben.

Joel Kaczmarek: Ach cool, geil. Naja, Schönchen, bin ich mal gespannt, was als nächstes bei dir kommt, bei deinem vierten Punkt.

Götz Otto: Umarme die Möglichkeit des Scheiterns. Wie bin ich darauf gekommen? Oder auch, ich hatte zum Beispiel, ich war mal, es passt so dazu, ich bin mal gefragt worden von Nil, die Zigarettenmarke. Vor 25 Jahren durften wir mal noch Werbung mit Personen machen. Und da hatte Nil immer so unterschiedliche Menschen gefragt und die sollten sich ein Motto ausdenken. Und mein Motto, was ich mir ausgedacht habe, was dann auch auf den Streichholzschachteln und so war, war, schlimmer als der Irrtum ist die Trägheit. Und das ist eigentlich genau das Gleiche. Also wir haben so viel Angst davor, dass was nicht funktioniert, dass wir es dann nicht machen, weil wir Angst vor dem Scheitern haben. Und wenn man dieses Scheitern eben als Möglichkeit akzeptiert, weil ich meine, was ist Menschheit? Menschheit ist nichts anderes als permanentes Scheitern. Wir scheitern. Das ist das, was uns als Menschen ausmacht. Und das zu akzeptieren und für sich zu verinnerlichen, gibt einem eine große, große Freiheit. Und das Bescheuerte ist... Ich habe das tatsächlich aus Zufall erfahren, weil ich bin, ich wüsste auch irgendwo gelesen haben bei meinem Bond-Casting, als diese Produzentin mich fragt, ich hätte nur irgendwie 15 Sekunden und ich habe dann gesagt, I'm big, I'm bad, I'm bold, I'm German, five seconds, keep the rest. Davor habe ich eigentlich schon damit abgeschlossen gehabt. Ich dachte eigentlich, das wird nichts, diese Veranstaltung. Und dieses Akzeptanz des Scheiterns hat mir überhaupt eine Freiheit im Kopf gegeben zu sagen, da fällt mir was bei und das war auch noch gut.

Joel Kaczmarek: Das ist ja geil. Was steckt denn bitte für ein krasser Philosoph in dir? Ich bin ja begeistert.

Götz Otto: Um Gottes Willen. Nein, nein, ich denke nur über mein Leben nach. Sonst nichts.

Joel Kaczmarek: Ich finde aber auch so lustig, weil so wie ich dich jetzt kennengelernt habe, denke ich mir so, deine Persona, was du oft spielst, passt natürlich hervorragend zu so einer Zigarettenmarke. Deine Haltung ja irgendwie gar nicht. Also so von Nachhaltigkeit oder so würde ich denken, würde ich sowas gar nicht machen, oder?

Götz Otto: Das würde ich nicht mehr machen. Ich würde zum Thema sein, das ist wichtiger als haben. Damals fand ich das geil, auf so einer Zigarettenmarke drauf zu sein und so ein eigenes Bild von mir auf einer Zigarettenmarke zu haben.

Joel Kaczmarek: Und was hast du zu denen gesagt? I'm big, I'm bold, I'm bad, I'm German?

Götz Otto: Die ist unwesentlich älter als ich, sah wahnsinnig toll aus. Ich habe nicht kapiert, dass das die Produzentin von einem Bond-Film ist. Und die war am Telefon. und dann hat sie ins Telefon gesagt, hold on a second, I have a very good looking German guy here. Wo ich mich so ein bisschen gebauchpinselt fühlte und damit hat sie mich ein bisschen entspannt und hat sie gesagt, okay, we have 20 seconds to introduce yourself. deutschen Produktion mit, da habe ich einen Soldaten gespielt, hatte also keine Haare auf dem Kopf und hat dann gesagt, I'm big, I'm bad, I'm bold, I'm German, five seconds, keep the rest. Dann hat sie mich angegrinst, ich habe sie angegrinst und das war es dann. und dann hatte ich aber nochmal einen Cast, den ich glaube, mit Alan Rickman und der wurde es dann aber nicht, sondern Jonathan Price.

Joel Kaczmarek: Crazy.

Götz Otto: Ja.

Joel Kaczmarek: Und Und mal so aus dem Nähkästchen geplaudert, auch wenn du die Geschichte wahrscheinlich schon einmal erzählt hast. Wie hat es sich so angefühlt da im Set? Wie war das?

Götz Otto: Du, auch da, ich habe das erst geglaubt, als die erste Klappe gefallen ist. Davor habe ich gedacht, das ist ein Witz. Also entspann dich. Jetzt mach noch keine, oh mein Gott, ich bin bei dem Bond-Film-Drama, sondern entspann dich. Du bist noch nicht auf Zelluloid. Und dementsprechend ist da noch nichts passiert. Und dann, mein Gott, dann hatte ich die Zeit meines Lebens. Es war sensationell. Ich glaube, wir haben drei Monate insgesamt gedreht und die haben die Produktion. Irgendwann, ich war zuerst in so in dem Landmark Hotels. Ich weiß nicht, solche Hotels gibt es bei uns in Deutschland überhaupt nicht, so bummfortionöse Dinger. Da hatte ich so eine Suite und ich habe gesagt, Leute, das ist doch ein Quatsch, mir jetzt hier diese Suite, eine Wohnung ist doch viel günstiger für euch auch. Dann haben sie mir die Wohnung von Jacqueline Bisset gemietet, direkt gegenüber vom Michelin Building, mit einer 120 Quadratmeter großen Dachterrasse, auf der wir sensationelle Partys gefeiert haben. Also, mein Gott, es war gigantisch. Und zwischendrin haben wir auch noch ein bisschen gearbeitet, so ist es nicht.

Joel Kaczmarek: Hast du dann hinterher mit Pierce Brosnan befreundet oder macht man da nicht so eine Verknüpfung an so einem Filmdreh?

Götz Otto: Doch, doch. Also mit Pierce und Michelle habe ich immer noch guten Kontakt auch.

Joel Kaczmarek: Lustig, lustig.

Götz Otto: Wobei das jetzt mit Michelle nach ihrem Oscar auch ein bisschen weniger geworden ist. Die war vorher noch sehr, hat sich immer noch gemeldet, wenn die auch in Deutschland waren wegen Formel 1 und so. Aber jetzt ist ein bisschen, ich glaube, der Trubel noch größer.

Joel Kaczmarek: Was hat die denn mit Formel 1 zu tun?

Götz Otto: Die ist verheiratet mit dem Tod, wie heißt der nochmal, der Chef, oder ehemaliger Jean Tod, Chef von Ferrari.

Joel Kaczmarek: Ja, der ist ja FIA-Chef. Na gut, ich schweife ab hier. Formel 1, da bekommen Sie meine Leidenschaft davon, die mir die Hälfte dazu hören. Gut, du warst stehen geblieben bei Umarme, die Möglichkeit des Scheiterns. Wie ist es dir denn aber gelungen, deine Haltung zuzufinden? Weil es ist ja genauso, wie du sagst, viele wagen gar nicht erst den Versuch aus Angst, sich zu blamieren. Was denken die Nachbarn? Es könnte schief gehen oder oder. Wie war das bei dir, dass du da hingekommen bist?

Götz Otto: Ja, indem ich über diese ganzen, also ich bin ein totaler Schisser. Ich habe totale Angst davor, irgendwie zu versagen oder in den Augen der anderen irgendwie falsch dazustehen oder sonst irgendwas. Ich bin da total prädestiniert dafür zu sagen, das mache ich lieber nicht, das ist mir zu riskant. Aber je mehr man darüber nachdenkt und es auch für sich selber so Situationen sucht, wo all das so war und welche Entscheidungen man da getroffen hat und die mal zu analysieren, dann kommt man schon darauf, dass das eigentlich alles, man macht es immer nur selber so dramatisch, die anderen finden es gar nicht so.

Joel Kaczmarek: Ich habe von jemandem gerade vor kurzem gesagt bekommen, dass er meinte, ja, irgendwie habe ich so festgestellt, immer wenn mir was passiert ist, die risikoreichere Entscheidung wäre doch besser gewesen. Also hätte ich mehr Risiko genommen, hätte ich was Größeres machen können. War das bei dir auch so, dass du mal an so einem Punkt warst?

Götz Otto: Ja, beziehungsweise ich glaube nicht, dass irgendwie Risiko, dass man jetzt sagt, die risikovollere Entscheidung. Bei mir ist es, glaube ich, eher so Sachen so, hättest du doch das gemacht. Also springen oder nicht springen. Und ich hätte häufiger springen können. Ab jetzt springe ich dann immer.

Joel Kaczmarek: Wie vermittelst du sowas deinen Kindern? Okay. Wie vermittelst du sowas deinen Kindern? Machst du das oder finden die den Weg da alleine?

Götz Otto: Ich finde sowas wie Erziehung und da Erziehungstipps und so ein Quatsch. Ich glaube, wir haben, ich würde sagen 99,9% der Eltern, unsere Kinder einfach Also intuitiv erzogen hauptsächlich. Also natürlich denkt man über bestimmte Dinge nach, welche Werte lebt man vor? und trotzdem, also ja, ich glaube, man kann als Eltern eigentlich nur exemplarisch sein. Also wie will man jetzt, also ich glaube auch, wenn ich jetzt mich hinsetzen würde und mit meinen Kindern über bestimmte Dinge reden würde, über das Thema Mut und Springen und Mut und Angst und so, glaube ich, die haben mehr davon, wenn sie sehen, was die Eltern machen und wenn sie Role Models haben, an denen sie sich orientieren können.

Joel Kaczmarek: Ja, hast du ganz recht. Ich habe nur so drüber nachgedacht, weil so Risikoverhalten ist ja so eine der Nummer 1 Eltern Faktoren, die man so erklärt. So, wenn ich richtig mitgezählt habe, einer fehlt uns noch.

Götz Otto: Welchen nehme ich denn?

Joel Kaczmarek: Hast du mehr als 5?

Götz Otto: Ja, so ein. Also, nehmen wir den. Das Ich altert nicht. Das wusste ich natürlich mit 20 auch nicht. Das habe ich aber jetzt kapiert. Nicht, dass mir das mit 20 was gebracht hätte. Aber ich meine, das ist ja auch alles hypothetisch, diese Fragestellung, was ich mit 20 schon gerne gewusst hätte. Aber, dass man über sich selber, ich glaube, wenn du über dich selber nachdenkst, wie alt bist du da? Ohne dein wirkliches Alter jetzt nachzudenken. 21. Also, ich glaube, ich bin 35. So von meinem, wenn ich jetzt so in mich reingucke, von dem, was ich will, von dem, wie ich will. Und das stimmt natürlich nicht. Deiner 21 genauso wenig wie meine 35. Und du musst dich aber trotzdem als in dem Alter, in dem du dich wahrhaft befindest, mit deiner Umgebung und mit deinen, musst du dich entsprechend verhalten. Ich kann mich nicht wie ein 35-Jähriger verhalten. Oder ich kann mich schon wie ein 35-Jähriger verhalten. Bewusstsein, was das bedeutet. Und das ist schon komisch, das rauszufinden, dass man eben, dass das Ich nicht altert, dass man immer noch jung ist.

Joel Kaczmarek: Also ich bin ja der anderen Meinung. Ich bin ja der Meinung, die 35 passt bei dir sehr genau, weil da geht es ja auch viel darum. Ich finde, wenn Menschen aufhören zu wachsen, dann sind die irgendwie alt, wenn die nicht mehr irgendwie Bock haben, sich zu entwickeln und so weiter. Das spüre ich bei dir überhaupt nicht. Ich meine, du kaufst dir irgendwie eine alte Feuerwehr, fährst durch Europa und fragst Leute, was ihr Verständnis zu Europa ist. Also ich glaube, wachstumsinteressierter kann man gar nicht sein. Und nachdenklicher, was du mir alles jetzt so in der letzten dreiviertel Stunde erzählt hast. Von daher, ich habe für mich jetzt definiert, es gibt ein biologisches Alter und es gibt ein inneres Alter. Ich glaube, manchmal ist mein inneres Alter auch zwölf.

Götz Otto: Definitiv.

Joel Kaczmarek: So der Junge im Körper eines Erwachsenen, ja. Ich werde gerade erwachsen, merke ich, aber per se. Aber für dich heißt es sozusagen, dass ich altert nicht, dass es sozusagen, dass dein Charakter so eine gewisse Konstante hat. Meinst du das damit?

Götz Otto: Ja, oder dass man, dass die, weißt du, in der Eigenreflexion, wenn du jetzt nicht darüber nachdenkst, was in deinem Pass steht, sondern was so deine, wie du dich empfindest, so mit deinen Wünschen, eben auch mit deinen Emotionen und solche Sachen. Da bin ich doch, ich bin doch nicht. Knapp 60. Da bin ich doch viel jünger. So empfinde ich das. Aber das ist, glaube ich, bei jedem so. Du wirst keinen finden, der sich da genau in seinem Alter verortet und sagt, naja, ich habe ja noch, ja gut, findet man schon auch.

Joel Kaczmarek: Ich glaube, manche sind erschreckter, wie schnell die Zeit verging und wie alt sie schon sind und so. Aber ich habe einen Freund, der sagt immer zu mir, er ist der Meinung, dass so 85 Prozent der Menschen eigentlich nur reaktiv durch die Welt laufen. Die sind so, die kriegen gar nicht mit, was eigentlich passiert. Das ist ein bisschen das, was du vorhin gesagt hast mit dem Konsum, mit dem Sein ist wichtiger als Haben. Wie viele Menschen wollen Dinge und hinterfragen die gar nicht. Und das gehört für mich so ein bisschen auch dazu, so ein Ich zu haben, sich zu fragen, okay, warte mal, Metaperspektive, ich gehe mal einen Schritt zurück. oder hier Beobachter auf der Schulter, ich gucke mal gerade kurz die Situation, was passiert denn hier und warum will ich das überhaupt? Und ich glaube, da sind ganz viele so in so einem Tagesschlaf oder Tiefschlaf drin.

Götz Otto: Ja, das stimmt, beziehungsweise ganz viele Leute können zwar herausfinden, was ihnen nicht passt oder was, wo sie einen Unmut spüren, das hat aber nichts mit Alter zu tun, sondern mit der Passivität, ich weiß, was mir nicht passt, irgendwie, das merke ich, aber aktiv wäre dann sowas wie Teilhabe, sich irgendwie engagieren, zu gucken, warum ist das so und dann sich da mit auseinanderzusetzen. Aber das ist eine Aktivität, die glaube ich echt viele Leute nicht aufbringen.

Joel Kaczmarek: Ich glaube, vielen fehlt auch die Energie, weil so eine Überlastung mittlerweile irgendwie auf alle einströmt.

Götz Otto: Das auch, ja.

Joel Kaczmarek: Wie ist denn das bei dir? Was gibt dir denn Energie?

Götz Otto: Ganz bescheuert. Also ich muss Sport machen zum Beispiel. Also ich muss meinen Körper bewegen. Das bringt mir wirklich Energie. Wenn ich mich eine Zeit lang nicht ausgepowert habe, dann werde ich total unleidlich und Also das körperliche Betätigung bringt mir auf jeden Fall Energie. Ansonsten, das ist nicht ganz fair, weil ich meine, was mir natürlich Energie bringt, ist ein neues Ambiente, wie zum Beispiel ein neues Set mit neuen Leuten, wo ich keine Sau kenne. Das pusht mich natürlich. Dann denke ich, ja, die muss ich kennenlernen. Was ist mit dem? Wie verhalte ich mich hier? Wo verorte ich mich in der Gruppe? Also das ist natürlich super. An meinem Job, da hat man viele Möglichkeiten.

Joel Kaczmarek: Das hält einen jung, wollte ich jetzt gerade sagen wahrscheinlich.

Götz Otto: Ja, aber du kannst auch natürlich genauso reingehen und sagen, pass mal auf Alter, ich bin hier Gezotter, ich bin Bundbösewicht und du nicht und deswegen ist das meine Tasse Kaffee. Kannst du natürlich auch machen, aber muss ich nicht.

Joel Kaczmarek: Ich bin immer so, ich finde es manchmal merkwürdig, wenn Leute sich auf Meriten ausruhen. Geht dir das auch so?

Götz Otto: Ja. Bei mir ist es eher so, dass ich denke, Wahnsinn, was hast du denn alles schon erlebt? Und mich dann darüber ärgere, dass ich es nicht präsenter habe.

Joel Kaczmarek: Gibt es jemanden in deiner Gilde, der dich auch krass inspiriert hat?

Götz Otto: Ja. Naja, auf jeden Fall. Also gut, aber das ist nicht ganz fair, weil ich meine, jetzt da zu sagen, Robert De Niro ist einfach so eine coole Sau und ich mag das, wie der spielt und was der macht und vor allen Dingen, was mir echt aufgefallen ist, also auch bei De Niro ist, und das hat auch eine Zeit lang gedauert, bis ich es für meinen Beruf kapiert habe, weil De Niro spielt ja sehr häufig echt wenig. Aber warum spielt er so wenig? Also warum sieht man da und warum findet man das trotzdem so großartig? Weil die Situation und also die Situation, in der sich die Figur, die er spielt, befindet, so komplex ist und so eine extreme Drucksituation, Fallhöhensituation, also viel extremer als das, was wir bei uns spielen, ja, dass du da, wenn die Situation um dich herum so dramatisch ist. Macht es keinen Sinn, dass du jetzt noch wahnsinnig dramatisch spielst, sondern Robert De Niro hat das alles komplett eingesaugt, die Umgebung, die Dramatik der Situation, um sie durch sich durchzulassen und ganz wenig davon wieder nach außen zu bringen. Aber das, was er dann gezeigt hat, das war sehr präzise und sehr genau. werden diese Fallhöhlen nicht so wirklich erzeugt. Also du hast ganz oft irgendwie Texte, wo du sagst, wie soll ich das gut machen? Oder auch die Situationen, die sind manchmal so belanglos und lapidar, dass man die nicht anders als belanglos und lapidar spielen kann.

Joel Kaczmarek: Wo hattest du mit dem zu tun gehabt?

Götz Otto: Nee, ich hatte mit dem gar nichts zu tun, aber ich kenne halt seine Arbeit so ein bisschen.

Joel Kaczmarek: Und von den Leuten, mit denen du so zusammengearbeitet hast, was ist dir so in Erinnerung geblieben? Was nimmst du mit in die Kiste, wenn du mal gehst?

Götz Otto: Na, auf jeden Fall Steven Spielberg. Steven Spielberg würde ich mitnehmen. Auf jeden Fall, weil das war eine meiner ersten Dreherfahrungen da am Set von Schindlers Liste. Und die Leidenschaft und zu sehen, wie der arbeitet, das war der Wahnsinn. Und wie der auch mit Schauspielern gearbeitet hat, das war grandios. Und mein Traum wäre tatsächlich, irgendwann nochmal mit Steven Spielberg in einer größeren Rolle als jetzt so ein gehobener Statist zu spielen. Aber nein, hab ja noch ein paar Jahre. Er hoffentlich auch.

Joel Kaczmarek: Beschreib das mal. Was macht das denn aus? Was sind so die Merkmale, an denen du das festgemacht hast, dass der diese Leidenschaft hat? Wie agiert der so?

Götz Otto: Also zum Beispiel eine Sache, die ist natürlich nicht positiv, aber die zeigt irgendwie die Leidenschaft, die der hat. Der hat keine Fingernägel mehr, der Mann. Also jedes Mal, wenn der Action ruft, hat er die Hand im Mund und kaut den Rest von seinen Fingern an und starrt dabei in den Monitor und ist so bei dem, was da gefilmt wird. Also der ist da drin. Also der merkt überhaupt nicht, dass er sich gerade verstümmelt, sondern ist in seinem Sein. Und das war sehr beeindruckend. Und auch ein paar Sachen, das wird er wahrscheinlich heute auch zum Thema MeToo auch anders machen, weil da gab es zum Beispiel eine Situation. Also der hat Schauspieler ein Stück weit beschissen, was ich damals wirklich sensationell finde. Bestes Beispiel, ich komme ans Set, habe keine Ahnung, wer da wo was ist. Wir lebten vor digital, also auf gut Deutsch, kein Mensch wusste, wie Steven Spielberg überhaupt aussah. Weil du kanntest zwar Filme von dem, aber du konntest nicht mal kurz ins Internet gehen und mal gucken, wie sieht denn Steven Spielberg aus. Also bin ich an das Set gekommen und wusste jetzt, ach, der hinten mit dem weißen langen Haaren, das könnte doch Spielberg sein, das war der SFXler. Und also kommt irgendwann Steven Spielberg zu einem. und eigentlich war ich da nur, um mein Kostüm abnehmen zu lassen. Kostümabnahme war das. Und dann sagt er zu mir, okay, can you shoot? Und ich so, ja klar. Ich bin Kriegsdienstverweigerer, ich hatte davor noch nie in meinem Leben eine Waffe in der Hand. Und jetzt bist du so in so einer Nazi-Uniform am Set von Schindlers Liste und der Chef sagt, fuck, kannst du schießen. Und da sagst du, ja klar, kann ich schießen. Aber ich konnte es halt nicht. Und da gab es so eine Szene, wo er, wo Ralph Fiennes, also der Amon Goethe, es ist ein Huhn gestohlen worden und die sechs Verdächtigen werden aufgereiht. Und er fragt, wer hat so eine Waffe in der Hand, so eine Schrotflinte? und fragt, wer das Huhn gestohlen hat. Und ich musste die ganze Zeit immer hinter ihm herlaufen und sozusagen noch mehr Druck aufbauen auf die KZ-Insassen. Und am Ende, nachdem keiner sich da outet und keiner sagt, ich war es, schießt er den Ersten und sagt, okay, wenn derjenige, der das war. sich nicht jetzt mal meldet, er schießt sich einen nach dem anderen. Und ich die ganze Zeit immer hinten dran. Und dann sollte ich aber zu diesem Körper, der da unten lag, dann noch hingehen und dem so einen Fangschuss geben. So nochmal reinschießen. Oh Gott. Ich habe, wie gesagt, ich habe aber vorher noch nie geschossen. Und dachte mir, ach du Scheiße, was mache ich jetzt? Ja klar, und das hat er sofort gerochen. Jetzt wäre das sehr, sehr, also Spielberg hat das gerochen. Das wäre sehr aufwendig gewesen. Ich war ja schon komplett verkabelt. Und dann hätte ich nochmal umgekabelt werden müssen. Neuer Schauspieler hätten wir den Take von vorne nochmal drehen müssen, weil ich meine, es sah wirklich nicht sehr besonders souverän aus, wie ich jetzt diesen Fangschuss da hätte. Dann kam er zu mir und meinte, du pass auf, da unten, das ist ein Dummy und da ist eine Explosion. Wenn du jetzt da hinschießt, kannst du eine Explosion geben. Ich möchte nicht, dass du dich verletzt. Halte dir mal die Hand vor das Gesicht, dass du irgendwie da keine Steine hochspritzen. Und mach dir keine Sorgen, ich bin mit der Kamera nur auf der Hand. So, dann gucke ich mir. zwei Tage später, durften wir Rushes gucken, also musste. Und man sieht natürlich meinen kompletten Body da. Das ist auch im Film. Und dieses Hand vor dem Gesicht und dann bumm. Das war so eine professionelle Geste. Der hat mich komplett beschissen. Aber anstatt zu sagen, pass mal auf, entspann dich. Das ist doch nur ein Hollywood-Film. Bleib ganz ruhig. Also es hätte mich natürlich nicht beruhigt. Das war die einzige Möglichkeit, mich zu beruhigen. Und das war ein Beschiss. Es gibt auch noch viel krassere Beschiss, wie er Leute auch geführt hat und wo ich denke, ui, ui, ui, weiß ich gar nicht, aber wir haben uns alle darauf eingelassen. Das ist nämlich das nächste Ding. Also es gab einen Kollegen aus London und der war wahnsinnig schnell in der Schnauze. Michael Snyder, der hat wahnsinnig schnell im Kopf und in der Schnauze und das war ganz klar, das war sein Terrain, Schnelligkeit. Und die Szene ist leider nicht mehr im Film drin. Und ich beschreibe sie aber trotzdem kurz. Dieser Michael Snyder, der Familienvater, wollte auch auf die Liste kommen. Und es gab eine Parallelfahrt durch die Baracken. Ich würde mal sagen, zwei Minuten Parallelfahrt, wo er... wo die Figur von Michael Snyder versucht hat, den Capo davon zu überzeugen, dass er ihn auf die Liste setzt. Und er geht also los. Wir hatten zu dem Zeitpunkt fünf Kameras am Set. Echt total krass. Irgendwie Kamera 1, Action, Kamera 2 und bitte, Michael fängt an. Pass mal auf, du musst mich unbedingt auf diese Liste... Cut! Michael, du bist zu langsam. Was? Ja, du bist zu langsam. Guck mal, ich habe hier fünf Kameras. Wir enden mit dieser Kameraparallelfahrt auf zweieinhalbtausend Statisten. Das muss genau getimt sein. Du bist zu langsam. Michael so, ja, ich bin zu langsam. Gar kein Thema. Das ist doch mein Terrain. Und fängt an, du musst mich mal auf diese Liste setzen. Cut. Michael, das ist viel zu langsam. Ich kürze das ab. Ihr könnt euch, also ihr könnt euch vorstellen, was da passiert ist. Das wurde immer, Michael Snyder wurde immer unsicherer. Und weil das war sein Haupthera, er wusste doch, er ist der Schnellste, er kann es doch ganz schnell machen. Und wurde plötzlich, kann doch nicht sein, dass ich jetzt hier, dass der zu mir sagt, ich muss schnell. Und wurde so unsicher und sowas von flatterig und sowas von das. und das hast du gesehen. Und plötzlich war das, du musst mich auf diese Liste bringen. Und das war tausendmal intensiver und tausendmal krasser. Einfach als das, was er am Anfang angeboten hat. Aber es war natürlich ein Stück weit ein Machtmissbrauch. Er hat Michael Snyder beschissen und hat ihm gesagt, du bist zu langsam, was nicht stimmte. Ich weiß nicht, ob das heute noch so gehen würde, aber ich fand es super geil. Also damals war ich echt total fasziniert von dieser Art und Weise, wie der sofort erkannt hat, wo er jemanden packen kann und wie das danach geht.

Joel Kaczmarek: Er scheint ja ein unfassbar guter Manipulator auch zu sein, wenn er genau die Knöpfe kennt.

Götz Otto: Total.

Joel Kaczmarek: Ich meine, er hat ja für das Ergebnis quasi das Bestmögliche aus ihm rausgeholt, indem er ihn eigentlich ausgetrickst hat.

Götz Otto: Absolut, aber aus heutiger Sicht würde ich sagen, ein Stück weit ist es ein Fall von Machtmissbrauch. Aber ich meine, wir als Schauspieler lassen uns ja ein Stück weit auch bewusst darauf ein und sagen, okay, das ist der Regisseur, das ist derjenige, der uns führt und dem wir auch vertrauen und der was mit uns macht. Und in dem Fall ist das Einzige, was wirklich, wirklich extremst schade ist, dass es nicht im Film gelandet ist.

Joel Kaczmarek: Aber ich habe da auch darüber nachgedacht, als du es so erzählt hast, dass ich dachte, ich glaube, ich würde da auch hinkommen und ich würde mich da, also ich will. wahrscheinlich, macht man sich zu so einer Art Gefäß. Du kriegst Anleitung und kriegst was gesagt und machst es einfach. Also man hat wahrscheinlich ein Verständnis von so einer Rolle, aber du brauchst natürlich auch einen Regisseur, der den Raum halten kann. Der weiß, was er da tut und der weiß. wie er die Puzzleteile zusammensetzt. Das ist wahrscheinlich schon eine hohe Kunst auf eine Art.

Götz Otto: Absolut, total. Und deswegen, also es hat mich total fasziniert. Und vor allen Dingen hat es mich fasziniert, weil ich dachte, Steven Spielberg, die Filme, die man bis dahin kannte, das sind eigentlich so Storyteller-Filme. Der Weiße Hai oder was weiß ich. Da geht es ja nicht um irgendwelche schauspielerischen Leistungen, sondern es geht um die Geschichte, die er erzählt hat. Oder E.T. oder so. Und dann siehst du jemanden, wie der mit Schauspielern arbeitet. Und das ist wow. Also wenn der mal, das möchte ich haben, ich möchte eine Geschichte erzählen und so geführt werden.

Joel Kaczmarek: Nice. Gut, Götz Otto, Nummer eins, it's not my war. Punkt Nummer zwei, zwei Personen sind eine Beziehung, drei sind Politik. Nummer drei, sein ist wichtiger als haben. Ding Nummer vier, umarme die Möglichkeit des Scheiterns. Und Nummer fünf, das Ich altert nicht. Ich sag ja, ganz schön philosophisch der Mann.

Götz Otto: Sehr geil.

Joel Kaczmarek: Sehr schön. Wie fühlt sich das für dich an?

Götz Otto: Klingt irgendwie, als hätte ich das irgendwo abgeschrieben. Nein. Das klingt alles richtig. Also würde ich alles unterschreiben. Und trotzdem stellt sich die Frage nicht, ob ich ein besseres Leben geführt hätte, wenn ich das schon mit 20 gewusst hätte.

Joel Kaczmarek: Ich habe ja auch eigentlich nur Machtmuster mit dir betrieben und das Beste aus dir rausgeholt, indem ich dir eine Frage gestellt habe, deren Antwort gar nicht. Von daher ein bisschen Spielberg-esque heute unterwegs. War mir ein Fest, lieber Götz. Vielen, vielen Dank. Ja.

Götz Otto: Juhu, das hat mir auch totalen Spaß gemacht. Vielen Dank dir und weiterhin viel Spaß mit den fünf Dingen und mit den anderen Dingen, die in deinem Leben noch passieren.

Joel Kaczmarek: Ja, danke schön. Erzähl mal einen Schwank dann aus Europa, wenn du wieder da bist mit deiner Feuerwehr.

Götz Otto: Das mache ich.