Sven Lindberg (Psychologie-Professor): 5 Dinge, die ich gerne mit 20 gewusst hätte

4. Oktober 2024, mit Joël Kaczmarek

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Joel Kaczmarek: High five, Leute! Ich hab wieder eine super spannende Person am Start, die mir ihre fünf Dinge verrät, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. Ich bin Joel und mein Gast heute ist der liebe Sven Lindberg. Sven ist Psychologie-Professor an der Universität Paderborn und er ist auch selber unternehmerisch tätig, nämlich mit der Company Fanciety. Dazu wird er uns bestimmt gleich ein bisschen was erzählen und auch sonst engagiert er sich ganz, ganz fleißig, ist im Fernsehen präsent und, und, und. Und ich bin natürlich total neugierig, mal zu hören, Aus dem universitären Level. Was denkt man da denn eigentlich so für fünf Dinge mit 20, die man gerne gewusst hätte? Vor allem, wenn man so viele Dinge sieht. Also gerade, wenn jemand an der Uni ist und dann auch unternehmerisch tätig, dann kommen ja verschiedene Sphären zusammen. Und deswegen freue ich mich sehr, dass du heute hier bist, lieber Sven. Moin, moin.

Sven Lindberg: Ja, moin, moin. Und vielen Dank für die Einladung. Hat mich sehr gefreut.

Joel Kaczmarek: Sag mal, ich muss dich den Klassiker einmal fragen. Es tut mir leid. Ich weiß, es ist unhöflich. Das kriegst du bestimmt ganz oft. Aber wenn man Psychologie studiert, macht man das dann eigentlich, weil man sich selber therapiert? Wollte ich dich gerade fragen.

Sven Lindberg: Der Klassiker, das sage ich auch immer bei jeder WG-Party. Früher war es immer das Erste, was gefragt wurde. Hast du selber Probleme und kannst du Gedanken lesen? Es ist beides nur bedingt möglich bei mir. Also Gedanken lesen, aber ich glaube nicht mehr oder weniger Probleme als andere auch.

Joel Kaczmarek: Erzähl doch mal ein bisschen, was macht ein Professor für Psychologie? Also einen Psychologen kennt natürlich jeder. Ich glaube, da ist es eher verbreitet mit dem Selbstheilung. Aber an was forschst du denn zum Beispiel?

Sven Lindberg: Für viele Leute ist einfach Psychologie so ein Überbegriff und es gibt in der Psychologie lauter Untereinheiten und Unterbereiche und ich bin in der Entwicklungspsychologie zu Hause und interessiere mich da eben sehr für die Entwicklung des Lernens und vor allem eben von Kindheitsbeinen an eben bis ins Erwachsenenalter. Und habe mich lange darauf konzentriert, wie sich das Lesen bei uns entwickelt und wie man das Lesen auch fördern kann. Und mittlerweile ist es quasi immer breiter geworden. Also es interessiert mich halt vor allem auch, was beeinflusst uns, zum Beispiel auch eben das Nutzen von Handys und Tablets. Was macht das mit unseren Kognitionen, unseren Gedanken? Da habe ich halt eben den Vorteil, dass ich in der Uni relativ frei forschen darf, was mich interessiert. Dann einen großen Teil davon muss ich dann in meinen Lehrveranstaltungen machen. so zusammenpacken, dass Studierende das verstehen und damit was anfangen können für ihre eigene Ausbildung.

Joel Kaczmarek: Also ich habe ja von dir auch so einen ZDF-Beitrag gesehen, wo du quasi aufgezeigt hast, dass Kinder, selbst wenn das Smartphone nur daneben liegt, irgendwie schlechter lesen, also dass es ein krasser Ablenkungsherd ist. Wie ist es so, wenn man irgendwie Smartphone und Social Media betrachtet, hat es auch was Gutes für die Lernfähigkeiten, gerade wenn man als Kind ist oder ist es eher per se problematisch bis zu einem bestimmten Alter?

Sven Lindberg: Also was heißt per se problematisch? Also ich glaube, was ein Riesenproblem ist, dass man es zu früh benutzt und zu früh meine ich wirklich Säugling-Kleinkinderalter. Wenn Mütter beim Stillen das Handy haben und aufs Handy gucken, dann fehlt ein großer Teil der Bindungsfähigkeit. Also das heißt, dann saugt das Kind, was auch wichtig ist für die körperliche Bindung, aber wenn die Aufmerksamkeit sozusagen permanent gestört ist, dann ist das ein Problem. Und so entwickelt sich das eigentlich in verschiedenen Stufen, wo es problematisch sein kann. Aber ansonsten ist halt einfach, und das vergessen die meisten Leute, ein Smartphone ja erstmal eine Bündelung von tausend Geräten und Möglichkeiten. Und das ist erstmal eine sehr, sehr gute Geschichte, wenn man es richtig nutzt.

Joel Kaczmarek: Also ich sehe schon, ich lade dich mal in meinen Business-Podcast ein und dann tauchen wir da auch mal ein. Aber für heute wollen wir ja dich kennenlernen. Vielleicht magst du uns nochmal einen Satz mit auf den Weg geben, was Fanciety angeht. Also die Company, in der du da aktiv bist. Was machst du da Schönes?

Sven Lindberg: Ich habe halt neben meinem Psychologie- und Professorenberuf meine Leidenschaft sozusagen auch nochmal zum Beruf gemacht, nämlich ich bin sehr sportbegeistert und habe gemerkt, dass der Sport dazu führt, dass ich mit vielen Leuten, egal wo sie sind auf der Welt, immer irgendwie auch in Verbindung bleibe. Also sprich, einfach mal darüber schreiben, wie hat der Lieblingsverein gespielt oder jetzt, wie war die EM und so weiter. Und mit einem guten Freund zusammen habe ich eben damals ein Unternehmen gegründet, Fansiety, die Gemeinschaft der Sportfans sozusagen, wo es darum geht, dass man eben auf Sportereignisse zusammen tippt und sich darüber austauscht. Und das haben wir im Laufe der Zeit weiterentwickelt und bieten das Unternehmen an, dass sie halt eben die Leidenschaft des Sport nutzen, um Touchpoints zu generieren, im Kontakt zu bleiben mit ihren Kunden. Und halt eben, ja, dann auch mit den Kunden in Kontakt sind, wenn es um deren Leidenschaft geht und die jetzt vielleicht nicht gerade was Neues kaufen wollen. Also letztendlich ist es ein Kunden- und ein Bindungstool. Und ja, das macht großen Spaß sozusagen, nochmal auf so einer anderen Hochzeit mittanzen zu dürfen.

Joel Kaczmarek: Ja, geil. Wenn ich jemanden Professor habe, der nicht hier diese komischen Abbinder an den Ellenbogen hat, wie sagt man dazu? Weißt du, was ich meine?

Sven Lindberg: Diese Patches, ja. Der Witz ist aber, dass ich in den, also ich hatte diese Patches nicht, aber ich habe angefangen an der Uni auch mit Sakko und Hemd und jetzt laufe ich mit Kapuzenpulli rum. Also ich musste mich auch erstmal ein bisschen akklimatisieren, ja.

Joel Kaczmarek: Bei den Bankern sagt man Hoodie-Banker dazu. Dann bist du der Hoodie-Prof. Okay, sehr gut. Cool. Sag mir noch eine Sache, bevor wir jetzt in deine fünf Dinge eintauchen. Wie alt bist du eigentlich? Weil das finde ich mal ganz spannend, mal zu wissen, von welchem Alter man auf die 20 zurückschaut.

Sven Lindberg: Ja, genau. Ich muss immer ein bisschen aufpassen. Ich habe mich jetzt immer ein Jahr älter gemacht. Ich bin tatsächlich 45.

Joel Kaczmarek: Die meisten machen es andersrum, Sven.

Sven Lindberg: Ja, genau. Ich glaube, ich möchte ein bisschen an das Professionale rankommen, indem ich mich einfach älter mache.

Joel Kaczmarek: Also ein Vierteljahrhundert an Erfahrung. Dann lass uns mal straight rein starten. Was ist so? die erste Sache, das erste Ding, was du gerne mit 20 gewusst hättest?

Sven Lindberg: Genau, ich habe ja so ein bisschen versucht, mich vorzubereiten und mir ein paar Sachen notiert. Und eine Sache, von der ich einfach mehr und mehr gemerkt habe, wie wichtig das ist und die ich vielleicht früher mit 20 auch hatte, aber vielleicht nicht in dem Maße, wie ich jetzt die Erfahrungen sozusagen mit einbeziehen kann, ist das Thema Vertrauen. Und ich habe erst darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, anderen Menschen zu vertrauen und dass sich das halt erst entwickeln muss. Und gleichzeitig ist mir aufgefallen, ja, das gilt auch für mich selber. Also das heißt, ich würde meinem 20-jährigen Ich gerne sagen, dass Vertrauen ganz wichtig ist in sich selber und in andere. Weil das oft die Basis ist, um überhaupt Dinge anstoßen zu können, um Dinge fortzuführen und zu beenden. Und dafür braucht man einmal das Vertrauen in sich selber, aber auch das Vertrauen in andere Leute. Weil wenn man da zu wenig hat, dann macht man ganz viele Türen zu.

Joel Kaczmarek: Ich überlege jetzt gerade, meine Hypothese wäre gewesen, dass man mit 20 zu wenig Vertrauen in sich selbst, aber zu viel in andere hat und dass es sich dann über die Zeit genau ändert. Weil man beobachtet es ja manchmal, ich habe gestern gerade ein Video gedreht für den Song von dem Podcast hier und der Videodude hat mich dann gefragt, was sind deine besten Videos, die coolsten Videodrehs, die du je hattest. Dann meinte er ja den, den, den und dann gab es mal den einen, den und den. und dann meinte sein Kollege so, ach das war der, der dich beschissen hat, ne? Und ich sag so Was heißt denn sich beschissen? Ja, wir haben ein volles geiles Video gedreht und dann hat er mich nicht bezahlt. Und dann hat er sich noch erlaubt, mir einen Filter auf mein Video zu setzen. In meiner Welt ist das eine Todsünde. Und ich sage, ach ja, cool, aber du und ich, wir haben ja auch gar nicht so eine klare Absprache getroffen. Also wir kennen uns ja auch kaum und das finde ich aber total toll, dass du trotzdem das Vertrauen hast, das weiterzumachen. Der meinte, ja, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Das ist so das Bild, was ich im Kopf habe. Viele Leute fallen ja irgendwann mal auf die Schnauze mit anderen Menschen und übertragen das dann so auf andere. Deswegen wäre so meine Vermutung gewesen, dass das Vertrauen nach hinten abnimmt in andere. Liege ich da falsch?

Sven Lindberg: Ich glaube, dass bei beiden, also das Vertrauen in sich selber und in andere, sehr, sehr viel die Erfahrungen eine Rolle spielen. Und das ist halt immer höchst individuell. Nur ich glaube, wenn du grundsätzlich, also ich glaube, die schlechteste Kommunikation ist, wenig Vertrauen in sich selber und wenig Vertrauen in andere. Weil das heißt, du nimmst dir damit einfach Erfahrungen, die dich weiterbringen. Also ich glaube halt, Leute, die ein hohes Vertrauen in sich selber haben, die gehen auch erst mal anders auf Leute zu. Andersrum, Leute, die wenig Vertrauen haben, können davon profitieren, dass andere ihnen Vertrauen schenken. Also das ist Ich glaube, man kann das so pauschal nicht sagen. Generell wichtig ist, glaube ich, für die persönliche Entwicklung, dass man beides hinbekommt. Nämlich sich selber zu vertrauen und anderen auch. Und ich hab da so ein bisschen drüber nachgedacht, warum würde ich das gerne nehmen. Also zum einen hatte ich viele dieser guten Erfahrungen, was glaube ich auch dazu geführt hat, dass mein Vertrauen in mich selber auch größer geworden ist im Laufe der Zeit. Aber ich habe gemerkt, dass die meisten Dinge, die jetzt bei mir dazu geführt haben, dass sowas wie ein erfolgreicher Schritt vollzogen werden konnte, also Promotion oder dann Professur und so weiter, hat immer damit zu tun, dass andere Leute mich unterstützt haben, was aber auch damit zusammenhängt, dass ich musste denen halt vertrauen, dass die es gut mit mir meinen. Man kriegt es oft vom Umfeld her immer wieder gesagt, pass auf, überleg dir das gut, weil in der Wissenschaft und in der Startup-Welt ist es sehr, sehr ähnlich. Also viele Leute sagen dir, geh bloß nicht mit deinen Ideen woanders hin, behalt das für dich, die können dir das klauen und so weiter und so fort. Und das ist bei wissenschaftlichen Ideen genauso wie bei Geschäftsideen. Aber im Laufe der Zeit merkt man das eigentlich genau andersrum. Du musst anfangen zu teilen, also du musst kollaborieren, du musst mit anderen Leuten zusammenarbeiten, nur dann entwickeln sich die Sachen und dann kriegst du auch Feedback und so weiter und das geht nur erstmal mit einem Vertrauensvorschuss. und ja, in der Wissenschaft und im Unternehmertum wird man auch immer mal wieder beschissen, aber idealerweise kriegt man das irgendwie hin zu minimieren, aber ohne das Vertrauenszuschuss stagniert man und kommt nicht weiter, glaube ich.

Joel Kaczmarek: Ich habe mal eine Zeit lang einen Podcast mit Sebastian Krumbiegel von den Prinzen gemacht und zu dem habe ich das auch mal gesagt. Ich habe immer gesagt, Sebastian, Ideen sind nichts wert, nur Umsetzung. Und da hat er sich so drüber gefreut, wenn ich den gesehen habe, dann kam er immer, ja Joel, du sagst ja immer, Ideen sind nichts wert. Ich sag so, ja ist ja auch so, die kannst du wie Konfetti durch die Gegend teilen. Wenn du jetzt natürlich eine Chemieformel hast, mit der du irgendwie Plastik in Gold verwandeln kannst, different story, wenn du jetzt deine Chemieformel da verteilst oder sowas. Oder den Source-Code würde ich vielleicht auch nicht public machen, der basiert auf deiner Sache, aber im Grundsatz zu sagen, meine Idee ist diese und was hältst du davon, wie würdest du das machen, da bin ich genauso auf deiner Seite. Das habe ich so oft gesehen und ich finde, daran erkennt man auch die Amateure im Vergleich zu den Profis. Amateure kommen immer an und sagen, ich habe das nächste Facebook als Idee, du musst mir bitte ein NDA unterschreiben, dann erzähle ich dir mit viel Goodwill davon. und die Profis reden einfach. Die erzählen und sagen das und guck mal, hast du eine Idee, weißt du vielleicht jemanden, der mir da helfen kann? oder haben wir da Schnittmengen, du und ich, also ist so genau die gleiche Erfahrung. Und ich finde jetzt nochmal ganz interessant, wenn du dein Leben, also du hattest viel Vertrauen in dich und andere, habe ich das rausgehört oder hättest du gerne noch mehr gehabt?

Sven Lindberg: Ich glaube, ich hatte eine gute Basis, also einfach, weil ich eine gute Beziehung auch zu meinen Eltern hatte, also es ist immer zu, jetzt bin ich Entwicklungspsychologe und weiß da mehr drüber mittlerweile, aber Wenn man schon mal eine gute Basis hat, weil man sich geliebt und unterstützt fühlt von seinen Eltern, dann ist das schon mal nicht schlecht. Ich bin aber dann ja immer in mir fremde Metiers gekommen. Letztendlich komm ich aus ner Arbeiterfamilie, mein Vater war der Erste, der studiert hat. Der kannte aber dann nur das, was er studiert hat. An der Uni fühlte ich mich erst mal sehr fremd. Ich bin nach Göttingen damals gegangen und hab gedacht, ich werd die ersten Monate da zur Notplay-Session spielen. Weil man wird ja, woher soll ich da Leute kennenlernen? und so weiter. Und ich habe quasi die ersten Monate nicht einmal meine Eltern angerufen, weil ich nur unterwegs war, nur Leute kennengelernt habe, Sachen kennengelernt habe und so weiter und so fort. Und das heißt, ich musste halt einfach immer wieder so diese mich neuen Begebenheiten stellen. Und das hat dann aber immer wieder funktioniert in verschiedenen Kontexten. Also jetzt auch zum Beispiel mit der Fernsehgeschichte. Also ich war jetzt halt im letzten und in diesem Jahr das erste Mal irgendwie im Fernsehen. Und die erste Geschichte war direkt live. So. Und ich bin aber, das war so kurzfristig, bin halt nach Köln gefahren, hab mir gedacht, ja okay, kann ja nicht so viel passieren, ist ja nett und so weiter. Dann hat man aber schon auch ein bisschen die Gedanken gehabt. Und letztendlich hab ich dann einen studentischen Mitarbeiter gehabt vom WDR, der die Gäste betreut. Und das war so nett mit dem und der hat quasi mir einfach irgendwie erzählt, daraus wurde das halt, dass es eigentlich nicht so ein dickes Ding ist. Und ja, also letztendlich hab ich ihm dann vertraut, dass das schon geht. Die Moderatorin war super, hat gesagt, kein Problem, sie werden es schon machen. Und so war es dann auch. Aber letztendlich habe ich halt eben viele, viele Vorerfahrungen, die das halt quasi, die gut für mich waren. Und das würde ich schon sagen, hat dazu geführt, dass von der guten Grundbasis sich das halt peu à peu weiterentwickelt hat, ja.

Joel Kaczmarek: Sag mal, du bist ja eigentlich auch der perfekte Mensch, mal die Frage zu stellen. Ich tue mich ja immer schwer mit der Unterscheidung. Es gibt ja so verschiedene Begriffe. Es gibt ja Selbstvertrauen, es gibt Selbstsicherheit und es gibt Selbstbewusstsein. Und irgendwie wirft man alles immer so durcheinander, als wenn es dasselbe ist. Es ist es aber gar nicht. Hast du da für dich eine gute Unterscheidung? und was ist dann bei Selbstvertrauen anders als jetzt zum Beispiel bei Selbstbewusstsein oder bei Selbstsicherheit?

Sven Lindberg: Es gibt eigentlich sogar in der Psychologie noch zwei weitere sehr wichtige Begriffe. Das ist der Selbstwert und die Selbstwirksamkeit. Ich glaube, Selbstvertrauen ist eher so eine umgangssprachliche Geschichte. Das ist eigentlich eine Mischung aus Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Nämlich Selbstwert ist die emotionale Komponente. Das heißt Du hast ein gutes Gefühl zu dir selbst. Also du siehst dich selbst als was Positives an. Leute, die das nicht haben, würden halt sagen, okay, ich bin weniger wert als andere und so weiter. Also das heißt, ein hoher Selbstwert ist erstmal wichtig, weil es eine positive, emotionale Beziehung zu dir selbst bedeutet. Und die Selbstwirksamkeit Das bedeutet, dass du die Überzeugung hast, etwas bewirken zu können, also Dinge tun zu können. Also alleine dieses, ich kann morgens aufstehen, ich glaube, ich schaffe es, mir was zu essen zu machen. Wenn du halt davon überzeugt bist, kognitiv, das ist die kognitive Komponente, dann hast du halt quasi das Wissen, dass du Sachen kannst. Und ich glaube halt einfach so diese grobe Unterteilung, dass man weiß, okay, man hat ein Konzept von sich selbst auf emotionaler Ebene und auf kognitiver Ebene. Das hilft einem, glaube ich, sehr weiter. Und an beiden kann man arbeiten, hat aber viel mit Erfahrung zu tun. Also das heißt, wenn dir oft Dinge gelungen sind, dann wird dein kognitives Konzept von dir und deinen Fähigkeiten besser. Wenn du oft für dich freuen konntest oder halt annehmen konntest, dass andere positiv zu dir sind, dann führt es vielleicht auch dazu, dass du dich positiv wahrnimmst. Und das ist die emotionale Komponente.

Joel Kaczmarek: Schön, jetzt ist natürlich die naheliegende Frage, wenn man das nicht hat, also du hast gesagt, Vertrauen in sich und in andere ist wichtig, wir können ja mal beide Ebenen aufmachen, wie baue ich das auf, falls es mir aus irgendeinem Grund nicht vergönnt war?

Sven Lindberg: Also deswegen meine ich ja mit diesem, du sagtest ja, wie war das und früher. Und mir ist es klar, dass ich eine gute Basis hatte. Und viele Leute haben das nicht. Letztendlich ist es eigentlich wichtig, immer wieder aktiv zu werden. Also wirklich so dieses Wiederaufstehen und weiter. Und es gibt halt diesen Resilienzbegriff, der kommt eigentlich daher, dass man gemerkt hat, es gibt Leute, die sind in schlimmsten Bedingungen groß geworden. Also tatsächlich Vollwaisen aus Kriegsgebieten und so weiter. Und da gibt es halt, viele sind traumatisiert und entwickeln sich nicht gut, aber es gibt halt, das hat man damals Perlenkinder genannt, weil es selten ist wie eine Perle, aber dass die auch so strahlen wie eine Perle, die halt völlig robust sind. Und das ist halt eben tatsächlich so, dass dann manche Leute es immer wieder schaffen. Und das ist so ein bisschen die Neugier. Also wenn ich eine Neugier habe und mir immer wieder neue Sachen traue, dann mache ich auch neue Erfahrungen. Und Erfahrungen bilden letztendlich die Basis für unsere Gedanken und für unsere Emotionen. Und so funktioniert auch Therapie letztendlich. Also das heißt, jemand hat schlechte Erfahrungen, dann versucht man zu gucken, wo kann ich anknüpfen, jemandem neue Erfahrungen zu bieten. Und diese Erfahrungen sollten möglichst greifbar sein und immer besser werden mit der Zeit, sodass sich dann eben neue Muster bilden können. Und letztendlich sind Kognition und Emotion Muster auf verschiedener Ebene.

Joel Kaczmarek: Ich habe das ganz spät gelernt, dass ich anscheinend Resilienz auch immer falsch verstanden habe als Begriff. Ich habe immer gedacht, Resilienz heißt widerstandsfähig, also dass ich jemand bin, da prasselt das Leben auf einen ein und ich halte es aber aus und ich prosperiere trotzdem. Aber ich glaube, was eigentlich mit gemeint ist, ist so Anpassbarkeit, dass man sich mal schwierigen Situationen anpassen kann und dadurch dann Veränderungen eingeht.

Sven Lindberg: Genau, also letztendlich ist es sowas wie eine kognitive und auch emotionale Flexibilität. Also das heißt, dir passiert was Schlechtes und du schaffst es aber, Sachen umzudeuten, Wege zu finden, Lösungen zu finden und so weiter und so fort. Also das heißt, eigentlich kann man Resilienz als kognitive und emotionale Flexibilität, wenn du halt da rigide bist und dann immer weiter haderst, dann zieht dich das runter und dann hast du halt eben wenig Möglichkeiten, dich neu zu orientieren. Dazu brauchst du eben neue Reize und die kriegst du eigentlich nur hin, wenn du es schaffst, dich neu umzuorientieren.

Joel Kaczmarek: Letzte Frage dazu. Ich habe jetzt rausgehört, dass die Wahrscheinlichkeit von Erfolg signifikant viel höher ist, wenn ich Vertrauen habe. Also wenn man so eine Vierer-Matrix aufmacht, vertraue ich mir selbst, vertraue ich anderen und oben rechts ist die Ecke mit ich vertraue mir und ich vertraue anderen, dann ist offensichtlich meine Erfolgswahrscheinlichkeit im Leben auch deutlich höher. Habe ich das richtig geschlussfolgert? Absolut, kann man so sagen. Schöner Punkt, gefällt mir. Lass uns einen zweiten angehen. Was ist dein zweites Ding?

Sven Lindberg: Eine Sache, wo ich halt wirklich im Laufe der Jahre irgendwie immer wieder lernen und akzeptieren musste und das mittlerweile eigentlich sich für mich etabliert hat und ich, glaube ich, mit 20 gerne gewusst hätte, ist, dass Menschen kommen und gehen und dass das völlig normal ist und dass das auch okay ist. Also ich finde es so spannend, wenn ich überlege, also ich habe immer eine gute soziale Einbindung gehabt und ich war immer mit sehr unterschiedlichen Leuten befreundet. Also ich hatte nicht so den einen Freundeskreis, sondern immer verschiedene Freundeskreise, die zum Teil sich überlappt haben. Und das war aber auch dann tatsächlich in der Universität, also deswegen, ich forsche zu verschiedenen Sachen, einfach weil ich viele Sachen spannend finde, aber auch dann verschiedene Leute kennengelernt habe, mit denen ich Dinge dann vertiefen konnte. Und oft ist es aber so, dass, also für mich war es immer so, okay, also ich will unbedingt meinen Freundeskreis und so weiter behalten und werde da nie weggehen. Dann bin ich nach Göttingen gegangen. Dann war für mich klar, okay, ich werde die Leute, die ich hier aufgebaut habe, Wahnsinn, also mit denen werde ich halt alt werden. Zack, dann war ich halt in Frankfurt. So, jetzt bin ich in Paderborn. Und das ist halt, einige Leute sind geblieben, andere Leute, wo man früher sich sicher war, das wird für immer halten, sind teilweise verschwunden. Und das ist, glaube ich, erst mal wichtig, das zu wissen und anzuerkennen, dass es völlig normal ist. Und dass man auch nicht aus falschen Gründen an Leuten festhalten soll. Also nur, weil man mit wem im gleichen Dorf groß geworden ist, heißt es nicht, wenn man merkt, das tut einem nicht gut, dann kann man Leute auch gehen lassen. Und andersrum ist es auch immer wieder wichtig, offen zu sein, neue Leute in sein Leben zu lassen. Es gibt Studien, da bin ich auch vor kurzem erst drauf gestoßen. Schule und Universität zum Beispiel sind bestimmte Zwangsrahmen. Das heißt, du wirst neben wen gesetzt. Meine Tochter ist in der Grundschule, mein Sohn ist jetzt Weiterführende. Das heißt, er kommt in eine Klasse und wird neben wen gesetzt. Der darf sich das nicht aussuchen. Der Witz ist, dass Studien zeigen, dass es oft so ist, dass man nur durch den Zufall und das Sitzen neben anderen Leuten sich Beziehungen bilden. Das heißt, viele Sachen sind dann doch viel zufälliger, als man denkt. Und oft bleibt es dann halt irgendwie lang. Und für mich war es immer wieder so eine Sache, dass ich halt bei vielen Sachen immer gedacht habe, das ist für die Ewigkeit. Ich habe halt immer noch einen guten Grundstamm an Leuten, wo ich denke, wow, super, dass das immer noch da ist. Aber ich merke halt, gerade mit Familie musst du halt auch Prioritäten setzen und so weiter. Und es ist halt dann manchmal schwer zu akzeptieren, dass eine Sache irgendwie nicht mehr da ist oder nicht mehr funktioniert. Und dann muss man überlegen, okay, wie viel Zeit und auch Anstrengung investiere ich? so. Und dann ist es halt auch manchmal, glaube ich, wichtig innezuhalten und das zu reflektieren und zu sagen, aus welchen Gründen machen wir das noch? Und klar, also auch bezogen und deswegen, das hätte ich auch dann meinen 20-Jährigen echt gerne gesagt, bezieht sich natürlich auch auf Partnerschaften. Also das heißt, wie schwer ist es, auch eine Partnerschaft zu beenden?

Joel Kaczmarek: Ich weiß aber auch genau, was du meinst. Ich habe in Greifswald studiert und es wird wahrscheinlich ähnlich gewesen sein wie in Göttingen. Da bist du einfach in einer Bubble. Also es gab natürlich so diejenigen, die dann jedes Wochenende nach Berlin nach Hause gefahren sind, die drei Stunden sich in den Zug geklemmt haben. Aber in der Regel warst du da in einer Kleinstadt und du hast dich mit deinen Kumpels und Kumpelinen halt zum Kinoabend getroffen, bist in die Disco gegangen und hast Spaß gehabt. Da hast du halt richtig feste Bande gehabt. Und es war halt so ein völlig neues Ökosystem. Und da bin ich heute manchmal traurig, dass das bei mir an vielen Stellen auch nicht so gehalten hat. Und ich weiß so, ich hatte einen gehabt, der mal richtig zu mir sagte, ey komm, das ist doch irgendwie jetzt vorbei. Du machst doch deins und ich mach meins und was soll der Zirkus hier? Und ich fand das immer schade, aber das so irgendwann zu akzeptieren, dass es normal ist, ich glaube, du hast schon recht mit deinem Punkt. Trotzdem darf man wahrscheinlich traurig sein und es ist so ein Loslassprozess, der ja auch da drin steckt.

Sven Lindberg: Total. Und es ist halt auch nicht einfach und aber es ist auch revidierbar. Das ist halt eben deswegen dieses Leute kommen und gehen und manchmal kommen sie auch zurück. Also das heißt, das merke ich jetzt quasi so dieses, wo dann auf einmal alle Kinder kriegen und so weiter, verändert sich natürlich komplett die Flexibilität und so weiter und so fort. Und dann ist es halt eben auch so, dass man jetzt merkt, okay, wenn man durch das Gröbste durch ist, also weil diese Rush-Hour des Lebens, habe ich immer von gehört, jetzt erfahre ich sie, ist halt einfach echt hart so. Du bist irgendwie, deine Frau hat ihre Ideen, ihre Karriere, deine Kinder haben zu jeder Entwicklungsphase andere Überraschungen sozusagen, mit denen du irgendwie klarkommen musst und du hast deine eigenen Themen und das alles irgendwie zu jonglieren, also bei uns ist es tatsächlich so, auch diese Erfahrung, Leute kommen und gehen und kommen auch manchmal zurück, ja, wenn sich halt Sachen ändern. Und einfach auch so Dinge wie jemand war in Amerika und ist jetzt wieder in Deutschland und man hatte irgendwie den Kontakt verloren. Und so ein bisschen hoffe ich das auch fürs Alter, dass ich so ein bisschen denke, also keine Ahnung was, vielleicht in 15, 20 Jahren hat man auf einmal wieder Kontakt zu ganz anderen Leuten. Und das sagt man ja immer so ein bisschen auch in der Therapie, Sozialkontakte. Erstmal gucken, ob man Alte auffrischen kann. Und das finde ich halt einfach auch eine gute Geschichte, weil oft hat man dann erstmal eine Sache, über die man reden kann. Und das ist ja auch nicht so schlecht.

Joel Kaczmarek: Ich habe jetzt noch eine Frage, die mich so bewegt rund um dieses Kommen und Gehen Thema, was deine Haltung zu ist, weil ich habe das dieses Jahr auch gehabt, dass ich genauso eine Situation hatte, wie du die beschrieben hattest, so super gute Freundin, wo ich gesagt habe, so im Bereich Frauen wäre das sowas wie meine beste Freundin gewesen, die dann immer mal zu mir ankam und meinte, Alter, du drückst immer so aufs Gaspedal, was ist mit dir los? Mach mal hier easy mit der Freundschaft, geh mir vor auf den Sack. Das ist aber viel zu matschig, wie er mit dir befreundet ist, das ist mir hier zu viel, was soll der Scheiß? Und ich mal so, naja, du guck mal, ich hab halt irgendwie ein forderndes Leben und du auch und ich denk mir halt so, ich mag dich voll gerne, wenn ich dann schade finde, dass wir nicht viel miteinander zu tun haben, dann bin ich so, dass ich mir sage, komm, geh in die Verantwortung, Freundschaften muss man pflegen, so, dass man auf was investiert. Es ist da kolossal schiefgegangen, um das Ende vorwegzunehmen. Aber darüber habe ich seitdem sehr viel nachgedacht, ob man Freundschaften eigentlich dadurch formen kann, dass man halt wirklich Bereitschaft reinbringt oder ob das was ist, was man einfach fließen lassen muss. Ist vielleicht eine komische Frage, aber vielleicht weißt du, was ich meine.

Sven Lindberg: Ich glaube, es spielt ja auch eine große Rolle, wenn man eben nicht mehr so Gelegenheiten hat, wo die Sachen fließen können. Also für mich war Schulzeit und Studium so prägend, weil da halt einfach so viel passiert ist im Bereich Freundschaft und soziale Kontakte und so weiter. Aber da hast du halt einfach eher komplette Freiheit. Das heißt, du hast so deinen kleinen Alltag. Natürlich, damals hast du gedacht, das ist so, das ist mega fordernd, aber eigentlich hast du super viel Zeit und Möglichkeiten und wenig Verpflichtung, auch wenn einem Schule und Studium halt als sehr verpflichtend vorkommt. Wobei ich halt sagen muss, dass ich ja natürlich einfach noch zu einer anderen Zeit studiert habe. Da war es, glaube ich, auch noch freier als heute. Aber da haben sich halt eben auch Sachen mal entwickeln und ergeben können. Und jetzt ist es natürlich eine andere Geschichte. Also man ist in eine andere Stadt gezogen, ist in anderen Kontexten unterwegs, hat halt eben sein forderndes Leben. Und dann muss man, glaube ich, auch tatsächlich an das Thema Freundschaft manchmal vielleicht ein bisschen taktischer rangehen und auch investieren und halt einfach dann vielleicht auch nochmal dazu kommen, lassen, um zu sehen, entwickelt sich das jetzt für uns als eine Freundschaft weiter, die wir beide gleich verstehen, also weil wir beide gerne gemeinsame Aktivitäten machen wollen, oder ist es dann doch nur eine Bekanntschaft, weil die andere Person es mal ganz nett mit einem fand, aber gar nicht auf der Suche ist sozusagen nach weiteren Freundschaften. Ich glaube, das ist tatsächlich auch eine Geschichte, die wieder mit unserem Erwachsensein zu tun hat, dass man da auch tatsächlich so Dinge wie Freundschaft manchmal dann auch strategisch angehen muss, Auch mit den negativen Konsequenzen, so wie du gerade sie beschrieben hattest.

Joel Kaczmarek: Spannende Punkte hast du. Jetzt bin ich ja ganz neugierig auf den dritten.

Sven Lindberg: Der klingt ein bisschen komplizierter, aber ist gar nicht so kompliziert. Eine Erkenntnis, die ich halt immer wieder mal hatte, aber auch immer wieder vergessen habe. Und jetzt aber in letzter Zeit wieder merke, wie wichtig das ist. Und zwar, dass die Erwartungen, die du hast, das sind deine Erwartungen. Andere Leute haben nichts mit diesen Erwartungen zu tun und es schuldet dir niemand etwas. Wir neigen dazu, immer überall Erwartungen zu haben. Also keine Ahnung was. Du wirst wahrscheinlich eine Erwartung heute an das Gespräch gehabt, habe mich auch. Und dann kann es sein, dass es anders kommt. und dann ist es aber, sagen wir jetzt, ich finde das eine sehr einfühlsame Art und fühlst das Gespräch sehr schön. Das war meine Hoffnung und vielleicht auch meine Erwartung. Hätte ja auch sein können, dass es komplett anders ist. Dann wäre das aber, ja, wenn ich dann sauer auf dich wäre, wäre das, weil meine Erwartung nicht erfüllt wird. Aber du bist mir ja nicht schuldig, meine Erwartung zu erfüllen, sondern das ist erstmal eine Sache, die sich bei mir entwickelt hat. Und wenn ich dann sauer auf dich bin, dann ist das eigentlich mein Problem. In letzter Zeit war es halt eben so, dass ich quasi immer wieder auch so Verhandlungen hatte an der Uni und so weiter und so fort, die auch gut gelaufen sind, aber wo ich immer wieder auch sehr dann auch sauer war auf Abläufe, auf Personen. Und ab dann ist irgendwann mal, bin ich wieder auf dieses Erwartungsding gekommen und dass ich dann gemerkt habe, okay, das hat einfach viel damit zu tun, dass ich Erwartungen hatte und die nicht so gematcht, nicht so erfüllt wurden, wie ich das gerne gehabt hätte. Aber das eigentlich von den anderen gar nicht verlangen darf. Und das so ein bisschen halt dann auch systemischer zu sehen. Also auch zu sehen, andere Leute sind ja auch in Abhängigkeiten und so weiter und so fort. Die haben halt gute Gründe, jetzt meinen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und wenn ich das dann verstehe, dann merke ich auch erstmal, okay, ich muss meine Erwartungen wohl ändern in diesem System.

Joel Kaczmarek: Findest du, dass es trotzdem Erwartungen gibt, die, sag ich mal, generell sind? Also zum Beispiel könntest du jetzt sagen, wenn man in einem Team ist, dann ist die Erwartung an uns alle, unausgesprochen, dass wir miteinander ehrlich sind oder dass wir respektvoll miteinander umgehen oder dass wir nicht gegeneinander arbeiten, sondern füreinander. So, und dann gibt es ja durchaus Momente, wo das mal vielleicht, weiß ich nicht, der Kollege ist aneidisch auf dich, intrigiert, es kommt raus, so, dann hast du ja theoretisch eine gute Berechnung zu sagen, du, das finde ich hochgradig asozial, wie du dich benimmst, ja. Das hat ja viel mit Moral zu tun, also vermeintlich, möchte ich meinen, gibt es ja so einige Erwartungen, von denen man denken würde, dass sie universell sind. Und ich bin mir da aber gar nicht so sicher, ob das so ist.

Sven Lindberg: Generell ist es immer schwer mit Sachen, die universell sind. Die wenigsten Sachen sind universell tatsächlich, weil sie immer kontextgebunden sind. Und also letztendlich bin ich halt auch viel durch die Schule jetzt bei meinen Kindern und Gesprächen mit den Lehrerinnen und so weiter auch gekommen, dass ich gemerkt habe, zum einen, wie krass es eigentlich ist, wie viele Erwartungen Erwachsene an Kinder haben. Und zum anderen aber auch eine Sache aus der Schule, warum diese Klassenregeln und so weiter, die die zusammen aufstellen, total sinnvoll sind. Weil da werden nämlich dann Erwartungen transparent gemacht. Und das Problem ist, weil du jetzt das auch sagtest mit dem Team und so weiter, ein Problem ist immer, wenn die Leute alle für sich Erwartungen haben, aber wir machen die nicht transparent. Also wir müssen halt darüber sprechen. Also sagen wir mal, du hast jetzt ein Team mit fünf Leuten und dann sagt man eigentlich so wie Klassenregeln, was sind Dinge, die wir wichtig finden? Und dann merkst du auf einmal, krass, drei Sachen sind genau wie deine Erwartungen. Aber auf einmal kommen lauter Sachen zusammen, die sind ja komplett anders als deine Erwartungen. Und dann war es gut, dass man darüber gesprochen hat. Und dann kann man die kommunizieren und kann die halt sichtbar machen. Und dann muss man halt eben sich darauf einigen. Und das ist halt eben oft das Problem, dass man merkt, also die meisten Streitereien und Probleme entstehen dadurch, dass unterschiedliche Erwartungshorizonte aufeinandertreffen. Und jeder sauer ist, dass der eigene Erwartungshorizont nicht erfüllt wird. Und das ist letztendlich fehlende Kommunikation. Das hört sich jetzt irgendwie so alles sehr theoretisch und sehr plausibel an, ist aber megaschwer in der Praxis umzusetzen. Und das ist halt eigentlich immer so. mein Versuch, wenn ich halt in so konfliktreichen Situationen bin, erst mal zu gucken, okay, was hat der Ärger in mir jetzt mit meinen Erwartungen zu tun? Was könnte die andere Seite für Erwartungen haben? Und dann versuche ich, bin noch nicht richtig gut drin, aber ich versuche es, dann halt offenbar anzusprechen. Und dann zu sagen auch vielleicht, also meine Erwartung war jetzt zum Beispiel das und das, aber das scheint ja komplett anders zu sein. Und dann kann die andere sagen, ja, nee, also eigentlich wollte ich da und darüber sprechen. Dann merke ich, ja, okay, gut, dann haben wir ja bisher aneinander vorbeigeredet. Und das bringt oft echt so RH-Momente irgendwie, dass man dann merkt, okay, ja, krass, wir haben aneinander vorbeigeredet, was daran lag, dass wir komplett andere Erwartungen hatten. Und dann kann man vielleicht es schaffen, gemeinsam irgendwie eine Kommunikationsebene zu kreieren.

Joel Kaczmarek: Cool. Was ist denn dein vierter Punkt?

Sven Lindberg: Die größte Veränderung im Leben sind einfach Kinder. Und der Witz war, ich habe Zivildienst gemacht und habe da Kinder betreut im Alter von fünf und acht Jahren. Und es war super. Also ich hatte das noch anderthalb Jahre gemacht. Das war total cool. Und es hat halt sehr dazu geführt, dass ich halt mir sehr guten Einblick bekommen habe, wie es ist, irgendwie Eltern zu sein. Und das hat einfach sehr stark dazu geführt, dass ich wusste, ich will irgendwann mal Vater werden. Trotzdem habe ich komplett unterschätzt, wie sehr das alles ändert. Meine Frau kennenzulernen, zu wissen, ich möchte die heiraten und so weiter, war eine super Änderung. Aber die krasseste Änderung überhaupt war, als das erste Kind kam, jetzt haben wir zwei Kinder. Das ist einfach dieses, ich bin nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich. Sondern es gibt halt so diesen sehr schnulzigen Satz, man trägt sein Herz außerhalb seines Körpers. Aber da ist halt leider so viel dran, so schnulzig es ist, weil es ist einfach so, man möchte sein Kind unterstützen, man möchte, dass sich das positiv entwickelt, man möchte irgendwie helfen, aber man sollte auch nicht zu viel helfen und so weiter und so fort. Der Alltag ist ein komplett anderer und dieses nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich zu sein oder für sich und seine Partnerin gemeinsam, sondern da sind halt zwei kleine Wesen, die darauf angewiesen sind, dass erwachsene Leute sie idealerweise auf gute Art begleiten. Deswegen sage ich auch immer jetzt meinen Mitarbeitern und so weiter, die sind ja alle an der Uni, alle mal jung, die können sich das auch nicht vorstellen, weil für die ist es so, ja, das Kraste wird sein, wenn ich meinen Abschluss habe oder das Kraste wird sein, wenn ich meine erste Beförderung habe oder wenn ich die Frau meines Lebens habe und so weiter. Und ich sage, ja, das ist super, die Frau meines Lebens ist eine Grundlage, aber die größte Änderung ist einfach, wenn ihr ein Kind bekommt. Weil man kann, es wird immer so sein, dass es sein kann, dass man sich trennt und so weiter. Dann hast du aber diese gemeinsame Verantwortung und die begleitet dich halt dein Leben lang. Und das würde ich meinen 20-Jährigen echt gerne sagen, aber ich weiß, der 20-Jährige Sven wird sagen, ja, ja, glaube ich, aber er wird es nicht fühlen können, weil man muss das erleben, wie durchdringend das halt einfach ist. Im Positiven wie im Negativen.

Joel Kaczmarek: Ja, ich sage ja, für mich war es so, wenn ich das mal Leuten versuche zu erklären, dann sage ich immer, du kannst dir nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn du eigentlich nicht mehr richtig Herr deines eigenen Lebens bist oder Frau. Ja, also ich meine, wenn du im Studium irgendwie einen Kumpel hattest, der gesagt hat, Alter, ich habe Kopfschmerzen, kannst du mir irgendwie eine Tablette aus der Apotheke holen, dann kannst du sagen, ja, mache ich. oder kannst sagen, du, nee, geht gerade nicht, ich habe Studium, ruf mal den anderen Dude da an. Wenn dein Kind halt nachts um drei da mit Koliken irgendwie wach ist und weint, dann gehst du da hin. Fertig. Und wenn es zu dir ins Bett kommt und sich auf dich drauf legt, ja, dann liegt es auf dir drauf und du schläfst halt die ganze Nacht beschissen, aber das machst du halt. Also wenn du jetzt kein Arschloch bist, gibt's ja auch Leute, äh, I don't know, aber Im Kern ist das halt so. Und das muss man, glaube ich, einmal erlebt haben, wenn du nicht mehr der Steuermann deines eigenen Lebens bist. Und das kannst du nur erleben. Klar kannst du kognitiv wissen, oh ja, mehr zu tun. Aber es ist genauso, wie du sagst, da hängen auch noch so viele Strippen dran. Und das ändert sich dann auch nochmal in den Phasen. Ich weiß noch, wie wir dann die ganzen Schränke alle abgeklebt hatten hier, so mit den Kindersicherungen und sowas. Also bin ich voll bei dir. Aber vielleicht muss man es auch gar nicht mit 20 wissen, oder? Ja.

Sven Lindberg: Ich glaube, das ist auch ganz gut. Alle, inklusive meiner Frau und mir, unterschätzen, wie krass es einfach ist, Kinder zu kriegen. Das ist halt ganz lustig, weil wir haben in Frankfurt, da wo dann auch unser erstes Kind auf die Welt kam, hatten wir halt Nachbarn, die ihr erstes Kind bekommen hatten und als wir unser erstes hatten, hatten die ihr zweites. Und wir waren halt davon überzeugt, dass die komplett ihre Kinder quälen, weil es war immer so laut und Sonnengeschrei und dies und das, bis halt dann selber mein Kind da war und ich halt nachts, auf diese Plätzchenbälle saß und ich hab mir den Hintern wund gehüpft, damit das Kind ja nicht einschläft. und ja, dann weiß man einfach, okay, also wenn da Luft im Bauch ist, dann schreit das halt ganz, ganz lange am Stück und das ist normal und dann versteht man halt, ich hatte dann ein viel, viel höheres Einfühlvermögen auf einmal für die Nachbarn.

Joel Kaczmarek: Ja, aber ich finde auch, dass das, by the way, sich auch nochmal ändert von einem Kind auf zwei. Also mit einem Kind denkst du so, oh mein Gott, ich bin lebensüberfordert, hier geht gar nichts mehr, ach du Scheiße, was ist das? Und wenn du dann zwei Kinder hast und dann ist mal ein Kind, schläft man bei der Oma, dann denkst du immer so, oh, das ist aber einfach gratis Leben, das ist ja easy going hier.

Sven Lindberg: Ich musste auch lachen, als du das sagtest, mit den Türen und Ecken abkleben. Also beim ersten Kind haben wir, wir haben halt so einen kleinen Wohnzimmertisch gehabt, der halt so harte Ecken hatte. Und da haben wir tatsächlich so einen Polster drauf gemacht und das dann mit Stoff überzogen. Einfach damit halt eben, weil das ja in der Höhe ist, wo er gerade laufen lernt, damit er halt nicht gegen die Kanten knallt und so weiter. Und halt einfach echt so alles irgendwie. Und beim zweiten Kind so, ach komm. Also Besteckschublade, ja, musst du ja klarkommen mit. Also man merkt halt schon auch, wie man da halt irgendwie mit wächst. Aber das ist schon sehr anscheinend.

Joel Kaczmarek: Ich wurde da mal gefragt, warum sind denn da so komische Schlösser an dem Schrank? Ich sag so, na, da sind die Putzmittel drin. Ja, und? Ich sag so, ja, das ist zum Schutz, damit ihr die nicht trinkt. Dann vergiftet man sich und das wäre gefährlich. Warum soll ich denn Putzmittel trinken?

Sven Lindberg: Hahaha.

Joel Kaczmarek: Das fand ich echt geil. Fand ich echt gut. Aber ich weiß auch noch, ich hatte mal, bei irgendeinem Manager habe ich das mal aufgeschnappt. Der hat gesagt, Joel, es gibt eine Regel, die bei mir herrscht. Mütter und Väter, die gerade ein frisches Kind bekommen haben, die kriegen von mir ein halbes Jahr lang keine Projekte. Also die kriegen sozusagen keine wichtigen Aufgaben, sechs Monate lang. Und das hat sich mir irgendwie echt eingebrannt, weil ich so dachte, ah ja krass, merkst du dir. Und dann, wenn man es hatte, dann weiß man warum.

Sven Lindberg: Absolut.

Joel Kaczmarek: Na gut, es war zu viel Spaß. Es ist eigentlich fast ein bisschen schade, dass schon der letzte Punkt ansteht, aber den will ich jetzt natürlich auch hören.

Sven Lindberg: Nichts ist so gut oder so schlecht, wie es scheint. Beziehungsweise es geht immer weiter. Also das ist sozusagen die Hashtag Oliver Kahn, weiter, immer weiter. Also wirklich so diese Erkenntnis, dass die Dinge immer in der Vorstellung so unglaublich krass sind. Und zwar sowohl das, was Schlimmes passiert, als auch das, was irgendwie Tolles passiert. Das ist in der Vorstellung viel, viel intensiver, als wenn die Sachen dann passieren. Und es ist halt einfach so, wenn man nicht stirbt, dann geht es eben weiter.

Joel Kaczmarek: Dann geht es wahrscheinlich auch weiter, wenn man stirbt.

Sven Lindberg: Ja, möglicherweise. Aber letztendlich ist es halt so, dass dann eben im Nachgang halt die Dinge, die man als so schlimm gedacht hatte, irgendwann halt im Rückblick gar nicht mehr so schlimm waren oder halt zumindestens irgendwie einen Sinn hatten für einen. Aber auch andersrum, dass halt die Dinge, die man unbedingt wollte, dass es auch relativ schnell verpufft, dass das irgendwie so ein krasses Ding irgendwie in seinem Leben ist. Und dass das so intensiv ist und sich auf so viele Bereiche im Leben bezieht, das habe ich mit 20 auf gar keinen Fall gewusst.

Joel Kaczmarek: Ich habe ja oft mit den, sag ich mal, mit den oberen Riegen zu tun. Und da hast du ja manchmal auch so richtige Hustler. Und ich kriege das öfters bei denen mit, dass viele von denen sich auch über Erfolge nicht richtig freuen können. Weil wenn es fertig ist, hast du so ein kurzes Plateau und dann kommt ja schon wieder so das nächste. Das finde ich total schade. Also das war eigentlich nur so ein Aspekt, der gerade bei dir da rausschwingt. Wir können auf das auch gleich nochmal eingehen, aber Da kann ich irgendwie total mit relaten, dass man manchmal denkt so, wow, viele haben das ja auch so, wenn ich den Porsche habe, dann ist mein Leben gut und dann haben sie den scheiß Porsche und dann merken sie ja, okay, der bringt mich auch noch von A nach B. Ich kann halt ein bisschen schneller fahren, aber darf ich eigentlich auch nicht, weil hier ist Tempolimit. Schluckt dafür dreimal mehr Benzin, okay.

Sven Lindberg: Ja, absolut. Und es ist halt tatsächlich, gerade auch die positiven Sachen. Also erstmal bei den Negativen, es ist tröstlich. Also ich hab viele Sachen erlebt, die einfach nicht so geil sind. Also ich hatte tatsächlich mal einen Kreuzbandriss und wir haben halt irgendwie auch Todesfälle in der Familie gehabt, die einfach echt nicht einfach zu verknapsen waren. Und auch immer noch sind, weil man halt natürlich drüber nachdenkt. Aber Anfang 2020 ist meine Mutter gestorben, eigentlich viel zu jung. Und halt unerwartet. Und das sind halt eben auch Sachen, also ich hab über so Sachen immer mal wieder nachgedacht und das war eigentlich immer mit das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Und es war einfach nicht schön und es war halt auch eine riesen Herausforderung so. Aber letztendlich sind wir halt alle damit ganz gut klargekommen. Ich konnte mir halt einfach, man macht sich dann ja oft eher auch Gedanken, wenn ein Elternteil stirbt, wie ist es für den anderen und so weiter. Und es war für mich alles komplett unverstellbar. Jetzt ist es halt passiert, aber wir leben alle noch, es geht weiter und wir kriegen es halt irgendwie hin. Und es ist halt irgendwie viel Arbeit. Und das ist halt jetzt nur ein extremes Beispiel, aber das ist bei so vielen Dingen so, dass man halt oft denkt, wenn Wenn ich jetzt irgendwie ausfallen würde für ein Beispiel, mein damaliger Chef, der war unersetzbar, bis er halt ein Jahr lang weg war, weil er einen Herzinfarkt hatte. Und dann hat man gemerkt, es geht auch. Und das heißt, man merkt halt ganz oft, dass oft die Worst Cases trotzdem irgendwie überwindbar sind. Und andersrum aber, also viele Dinge, die ich mir ausgemalt habe, ich hatte es halt irgendwie, und das ist, das will ich meinen 20-Jährigen echt wirklich sehr, sehr gerne sagen, so dieses, man hat ja oft so dieses, boah, wenn das Studium fertig ist, boah, wenn die Promotion geschafft ist und da andersrum, wenn ich meinen ersten Artikel veröffentlicht habe, wenn, wenn das, dann. Und es ist nie so, dass dann, dann ist. Sondern dann geht es ja weiter. Und Erfolge sind cool, aber es geht ja weiter. Und das heißt, du hast eigentlich kaum die Möglichkeit, das wirklich irgendwie zu genießen. Und da habe ich halt früh zum Glück mit angefangen. Das ist halt ganz lustig, weil das jetzt viele meiner Freunde irgendwie übernommen haben. Und zwar habe ich angefangen, mich zu belohnen. Ich musste ein bisschen Gas geben mit meiner Diplomarbeit, weil ich damals dann schon ein Angebot hatte für eine Promotionsstelle. Und dann musste ich mich da irgendwie durchzwingen und habe gesagt, wenn ich den Scheiß jetzt geschafft habe, dann belohne ich mich. Und das war damals, ich wollte einen Kaffee-Vollautomaten haben und das war halt mega unvernünftig und teuer. Aber ich habe mir gesagt, wenn ich das schaffe, dann gönne ich mir den so. Und das heißt, der war dann bei uns in der WG und der ist sogar noch mit bis nach Paderborn gezogen. Aber das heißt, ich habe jeden Kaffee daraus genossen. Ich habe gesagt, wenn ich irgendwann mal Professor werden sollte, dann hole ich mir eine Siebträgermaschine. Und ich war schon ganz oft davor, mir einen Siebträger zu holen, aber ich habe mir die nicht geholt, weil ich eben noch kein Professor war. Das heißt, es lohnt sich oft manchmal, solche Verbindungen herzustellen. Und ich habe jetzt einen guten Freund, der in der Schweiz jetzt mittlerweile schon seit Jahren lebt. Den hat er lange nicht getroffen. Der sagt halt auch so, ja, ich mache das übrigens immer noch mit der Selbstbelohnung. Und dann merkt man halt einfach, vorher ist es ja immer krass. Also wenn du dir jetzt irgendwie denkst, boah, wenn das passiert, wenn mein Buch ein Bestseller wird, boah, dann ändert sich mein Leben. Und dann merkst du, okay, geil, das Buch war erfolgreich. Das ist ein geiles Gefühl, aber ja, die Kinder müssen trotzdem ins Bett. Und ich hab drei andere Projekte. Ich hab nächste Woche noch das und das und das. Ja, und ich liebe dieses Bild von Zinedine Zidane, wie er irgendwie, wie jeder andere Mann auch, mit tausend Einkaufstüten auf so einer Bank sitzt. und einfach nur auf seine Frau und seine Tochter wartet. Wo einfach klar ist, also der Mann hat alles erreicht. Er hat dreimal auseinander die Champions League, dies, das, tralala, ja gut, aber ist er dadurch irgendwie ein Gott geworden? Nein, er ist halt einfach ein Mensch. und auch er hat einfach am nächsten Tag geht er mit der Tochter einkaufen und muss dann eben auf den Einkauf aufwarten. Und das ist halt so ein bisschen so die Geschichte, die ich einfach merke, so okay, also zum einen, sowohl die schlechten als auch die guten Dinge sind halt nie so krass, wie man denkt und es Label geht weiter, sozusagen.

Joel Kaczmarek: Ich habe mal so einen Satz gelesen, wenn du zehn Jahre in die Vergangenheit dir selbst drei Worte sagen könntest, nur drei, so eine Art Ratschlag, was wäre das? Und dann habe ich so die Kommentare gelesen und dann stand da immer so, kauf Amazon-Aktien, kauf Apple-Aktien oder Trenn dich von Bernd oder irgend so ein Krams. Und ich hab so drüber nachgedacht und ich fand, da ging es mir wie dir, ich fand es eine unglaublich schöne Überlegung, dass ich dachte, eigentlich nix. Also ich hab mir mal den Rücken verletzt mit so einer Faszienrolle. Den Rücken hab ich mir irgendwie, eine Bandscheibe hat sich irgendwie so aufgelöst, dann verknöchert die so und dann bist du weniger flexibel und da hab ich voll viel Querelen durchgehabt so, ja. Ich dachte, naja, das wäre was. Aber dadurch, dass du das hattest, hast du dich mehr mit deiner Gesundheit auseinandergesetzt, hast mehr gelernt über Ernährung, ernährst dich jetzt besser, hast ein viel krasseres Verständnis für deinen Körper. Also ja, es ist nicht so geil, dass du manchmal nicht so gut noch runterkommst oder dich nicht so bewegst. Aber eigentlich so schlimm ist es nicht. Du hast so viel gelernt. Und dann finde ich das immer geil, dass ich denke, geil, Wenn es nichts gibt, was ich vor zehn Jahren sagen würde, dann weiß ich also eigentlich auch, dass das Ich in zehn Jahren mir auch nichts zu sagen hat. Dann kann ich mich eigentlich auf alles, was da kommt, freuen und darauf einlassen. Es mag manchmal beschwerlich sein, aber es ist schon okay.

Sven Lindberg: Ja, absolut. Aber, und das finde ich halt ganz gut, also ich weiß nicht, ob du den Podcast betreutes fühlen kannst mit Arthur Schröder und Leon Winscheid. Und was ich halt da immer sehr cool finde, ist halt einmal dieses, weil Arthur Schröder ist ja so ein Lebemann und Leon ist halt mehr so verkopft. Und Atze sagt dann immer, Junge, die Sachen, die du halt erreichst, musst du auch genießen. Genieß es so. Und ich fand das da so spannend, weil du schreibst auch Bücher und so weiter und kennst das halt. Und dann ist es draußen und dann kommen die ersten Zahlen und dann ist es irgendwie super und dann hat man irgendwie einen Erfolg. Und alle sagen dir, Mensch, ist das nicht ein super Erfolg? Und man selber ist aber so in dem Prozess drin, dass man gar nicht merkt, dass man da ja gerade was Großes erreicht hat. Weil man ja auch so lange daraufhin investiert hat und so weiter. Und dann ist es aber trotzdem nicht so, dass es schlagartig dein Leben ändert. Und da ist es, glaube ich, wichtig, so dieses, ja, wie kriege ich das denn hin, dann die guten Dinge auch wirken zu lassen? Und meine Lösung ist wirklich tatsächlich, so ein bisschen das halt zu koppeln an eine Sache, die man sich vielleicht nicht sonst erlauben würde. Aber man muss dann auch hart sein. Das heißt, man darf sich das dann nicht gönnen, weil das hat dann halt einfach nochmal so einen besonderen Wert. Also wenn die Leute dann so dieses, also es war, jetzt komme ich wieder auf die Siebträgermaschine, man sieht, ich trinke gern Kaffee. Weil es fing dann halt einfach an, dass irgendwie x Leute sich dienen. und dann habe ich gesagt, ja und hier ist eine ganz andere Welt und so weiter. Und ich habe gesagt, ja, aber ich darf, wieso darfst du dir den nicht kaufen? Und dann habe ich gesagt, ja, nee, ich habe da so eine Abmachung mit mir selbst. Aber das ist halt echt, also das sind aber auch Dinge, wo ich bei mir selber merke, das ist viel wichtiger, dass man manchmal auch irgendwie innehält und Sachen genießt, weil es halt einfach so schnell irgendwie weitergeht so.

Joel Kaczmarek: Erstmal hätte ich Atze Schröder und Leon Winscheidt beide gerne hier in diesem Format. Vor allem den Atze Schröder, den finde ich, der hat so überraschend viel Tiefgang. Da war ich ganz baff. Der kommt immer so als der Ruhrpott-Proll rüber. Ich fand das so touchy und intelligent. Also hier mal öffentlicher Shoutout. Vielleicht sind es deine Busenfreunde, dann hast du jetzt eine Mission mitbekommen. Aber ich finde es mit dem Belohnen auch total schön. Also es gefällt mir gut, weil ich glaube, du hast recht, die Disziplin ist wichtig. Wenn du dann sagst, okay Ich bin durch die Professur gerasselt, aber nächstes Jahr versuche ich es nochmal, der Versuch war es wert. Da hast du recht, das muss man, glaube ich, streng sein. Mir geht es immer so ein Stück weit so, ich überlege immer, also bei einer Professur ist es relativ klar, da hast du einen harten Cut, das ist schwarz-weiß, ja, nein. Wie belohne ich mich für Dinge? Ich zum Beispiel, ich meine, ich habe jetzt mit einem Popstar einen Song geschrieben. Da könnte ich sagen, wenn das Ding draußen ist, habe ich es geschafft und es ist fertig und ich belohne mich. oder ich kann halt sagen, ich knüpfe es an irgendeinen Wert, wenn es irgendwie hunderttausendmal gestreamt wurde oder wenn es im Radio läuft oder weißt du, was ich meine? Was würdest du da machen? Braucht man so eine Bewertung noch oder ist so eine Bewertung eher schlecht?

Sven Lindberg: letztendlich ist es ja so dieses, dass man immer denkt, boah, wenn ich das geschafft habe, dann. Also ich habe das so viel in meinem Leben gehabt, dass ich immer gedacht habe, boah, also ich kann das gut, dann mich zwingen, da durchzukommen und so weiter. Aber meistens hat man immer so dieses Gefühl, boah, wenn ich das jetzt geschafft habe, dann ist ein Meilenstein und so weiter. Und es ist eigentlich nie dieser Meilenstein. Also ich hatte das Mein erstes Erlebnis in der Art war mein Abitur. Ich habe immer gedacht, ich habe immer die über mir gesehen und das hat immer dazu geführt, okay, wenn der das kann, dann kann ich das auch und so weiter und so fort. Aber ich habe gedacht, wenn ich das Abi habe, dann ändert sich komplett mein Leben, aber überhaupt nicht. Also es war für mich echt so ein bisschen desillusionierend. Und der Witz ist, dass das quasi bei vielen Sachen halt irgendwie so ist. Und ich glaube halt, dass es sinnvoll ist, überall, wo du halt einen langen Prozess investiert hast, also wo du investieren musstest, das war viel Arbeit und es war schwierig und du musstest dich selbst überwinden und irgendwie es war unangenehm. und dann und so weiter und so fort. Ja, wenn du halt sagst, ja, der Prozess war halt eine Sache und ich habe mir immer gewünscht, ich möchte das fertige Produkt sehen, dann würde ich sagen, okay, dann ist das fertige Produkt der Meilenstein und alles andere danach ist geschenkt. Da muss man auch wiederum aufpassen, also man kann ja auch noch sagen, okay, es muss dann die Professur sein und man muss das veröffentlichen, man muss dies und so weiter. Also ich glaube, wichtig ist, wo man wirklich vorher das Gefühl hatte, das ist eine riesen Herausforderung. Weil der Witz ist, wenn man die Herausforderung gemeistert hat, dann ist es keine Herausforderung mehr. Wir schalten so schnell um. Und das ist, glaube ich, wichtig zu sagen, okay, dieses, wo ich vorher gedacht habe, deswegen dieser Spruch, mit dem nichts ist so schlecht oder so gut, wie es scheint. Weil vorher denkst du, boah, ist das anstrengend und schwierig. Und wenn es dann ist, dann ist es mega gut. Und dann merkst du, nee, so gut ist es gar nicht. Aber du hast es vorher so wahrgenommen. Und dann solltest du dich dafür belohnen. Weil sonst ist es so, dass du aus diesem Teufelskreis nicht rauskommst. Also Profisportler haben das extrem. Ich finde, Robin Gosens macht das super. Der spricht sehr offen darüber. Hat aber auch Psychologie studiert, der Junge. Ist ein Kollege. Und das ist ja bei denen ja auch so. Du kannst ja die Champions League gewinnen, aber dann gehst du wieder in die Vorbereitung in die nächste Saison. Und wenn du dann nicht das an was koppelst, dann hast du irgendwann ein Problem. Dann fällst du irgendwann ein Loch. Und das ist aber bei uns Normalos, die jetzt nicht regelmäßig Champions League spielen, aber ähnlich. Und wenn es so ist, dass du keine Ahnung was gesagt hast, du baust jetzt für dein Kind eine Schaukel, hab ich tatsächlich gesagt und hab auch gesagt, wenn das Ding endlich fertig ist dann. Aber wenn das irgendwie eine zentrale Sache ist, weil du dich da durchzwingen musstest, dann lohnt es sich da tatsächlich eine Belohnung zu setzen, weil dann gibst du dem einen anderen Wert.

Joel Kaczmarek: Finde ich total schön. Gefällt mir richtig gut. Und Fun Fact, ich habe von Robin Gosens mal ein Interview gelesen, wo er sich dafür erklärt, warum Fußballer so viel verdienen und ob das nicht ungerecht sei. Und nach dem Interview habe ich gedacht, ah ok, den musst du auch mal einladen. Überraschend intelligent, habe ich echt gedacht. Wow, das fand ich tiefgründig und irgendwie auf den Punkt und so. Aber ich weiß aber auch genau, was du meinst, weil ich frage mich das, ich bin ja ein großer Formel 1 Fan und dann sitze ich manchmal auch da und denke so, was für einen Unterschied macht es jetzt, ob der Hamilton siebenmal oder achtmal die WM gewonnen hat. Also er hat natürlich so dieses Thema, wer hat die meisten Titel, so Schumacher als alleiniger Rangführer und so weiter, okay. Aber das ist ja schon komisch. Champions League, das ist vielleicht so ein bisschen ein besseres Beispiel, weil es gewinnt jedes Jahr irgendein Verein und das hält halt zwölf Monate, was du da hast. Das ist genau wie du sagst. Warum macht man das mehrfach? Wo kommt der Anreiz her? Aber wie motiviert man sich dann auch, das mehrfach zu haben? Sven, es war ein toller Ritt. Hat mir viel Spaß gemacht, habe ich sehr genossen und ich sehe schon, ich werde dich auch mal im Business-Bereich hier bei uns interviewen. Also vielen, vielen Dank für diese fünf wertvollen Dinge, die du uns heute mitgebracht hast. War wirklich toll.

Sven Lindberg: Ja, ich danke dir. Ich finde das Format großartig und du hast es einem auch leicht gemacht. Also herzlichen Dank einfach auch für das Gespräch mit dir.