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Joel Kaczmarek: High Five, Leute! Hier ist wieder euer Joel und wie immer habe ich eine spannende Person zu Gast, die mir ihre fünf Dinge teilt, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. Und passt mal auf, heute werdet ihr ganz genau hinhören, denn das Thema heute ist ganz schön interessant, denn die liebe Iva Samina, die arbeitet als Sexcoach. Und nicht nur das, Iva ist eine richtige Wundertüte in Sachen Körperarbeit. weil sie ist sexological Bodyworkerin. Bitte dreimal hintereinander schnell sagen, super als Zungenbrecher, um es zu testen. Sie ist genauso auch Sozialtherapeutin und Geburtsvorbereiterin. Also die Frau kennt sich mit dem Mensch, mit seinen Themen, die ihn beschäftigen und dem Körper natürlich sehr, sehr gut aus. Und wenn du dich mal dafür interessierst, sowas selbst auch zu lernen, dann schau dir auch unbedingt mal an, was sie noch so macht. Sie hat nämlich ein tolles Buch zum Beispiel geschrieben namens Deepening Love. Sie hat auch tolle Kurse für uns Männer. Die heißen zum Beispiel More Than A Man. Ich werde gleich mal hören von ihr, was sie da so macht. weil sie sagt, die meisten Männer und auch die meisten Frauen sind schlechte Liebhaber. Und wenn ihr das ändern wollt, dann geht ihr zu Iva oder auch Tantra-Massage-Ausbildung und, und, und. Also ihr merkt, wie gesagt, die Wundertüte in Sachen Körper- und Sexarbeit. Und ja, da bin ich ja total neugierig, was so ein Mensch denn, sag ich mal, an Weisheiten gesammelt hat über sein Leben hinweg. Von daher, liebe Iva, schön, dass du da bist.
Iva Samina: Hallo. Hallo. Das ist ja eine schöne, quirlige, berauschende Vorstellung. Vielen Dank.
Joel Kaczmarek: Ja, sehr, sehr gerne. Wird ja, glaube ich, auch dir gerecht als Person. Also du bist ja offensichtlich auch eine sehr vielschichtige Person. Wie wird man sowas, fällt mir so als erstes dabei ein. Also wie bist du denn in dieses ganze Metier reingekommen?
Iva Samina: Ja, das werde ich häufig gefragt. Und das Spannende ist, ich hatte das überhaupt gar nicht vor. Ich wollte immer Hebamme werden. Das war mein großer, großer, großer Wunsch. Und ich war damals mit meinen drei kleinen Kindern in Berlin. Und ich konnte mich nur in den Berliner Schulen bewerben. Und ich habe mich jahrelang beworben. Und irgendwann habe ich nach einem Feedback-Gespräch gebeten und meinte, was ist los? Warum werde ich nicht genommen? Und die Antwort war, sie sind uns zu selbstbewusst. Wir haben Angst, dass sie mit uns im Kreißsaal diskutieren würden. Genau. Und das war Segen und Fluch. Ich habe wirklich wochenlang geheult. Das war ganz, ganz schlimm. Und tief in mir drin, in meinem Herzen, weiß ich auch, da ist eine Hebamme in mir. Und das Spannende ist, es ist auch immer, wenn ich auf Reisen bin, ich reise viel, mache ich gerne Fortbildungen bei Hebammen. Und vor drei Jahren war ich in Guatemala und habe dort bei Maya Hebammen eine Fortbildung gemacht. Und die haben mit dem Maya-Kalender gearbeitet. Die haben so etwas ähnliches wie Sternzeichen. Die heißen dort Nawales. Und da gibt es verschiedene Nawales. Der eine ist zum Beispiel, wenn man unter dem Zeichen geboren ist, ist man Feuermann. Wenn man unter dem anderen Zeichen geboren ist, ist man Heilerin. Und es gibt ein Zeichen für die Hebamme. Und tatsächlich bin ich unter diesem Zeichen geboren. Und die haben mich alle angeschaut mit offenen Augen und meinten, natürlich bist du Hebamme. Steh doch hier. Ja. Ist doch klar und eindeutig, dass du Hebamme bist. Und das hat mich sehr berührt. Dieses Wissen ist ganz tief in mir. Und ja, aber in dieser Gesellschaft, in der wir leben, darf ich es halt nicht sein. Und das war so ein bisschen aber auch mein Segen, weil wenn ich mir anschaue, wie die ganzen Hebammen heutzutage arbeiten, das ist nicht schön. Das ist wirklich nicht schön. und Also die Arbeitsbedingungen und mit den ganzen Versicherungen und die Angst und immer mit einem Fuß halb im Gefängnis, weil wenn man aus Versehen einen Fehler macht und mega unterbezahlt. Das ist wirklich ein sehr undankbarer Job geworden, leider. Genau. Und ich habe dann halt immer geschaut in den Jahren, wo ich abgelehnt wurde, wie kann ich mich weiter fortbilden. Und habe so ganz viele Ausbildungen gemacht, Jahr für Jahr für Jahr. Und habe dann angefangen, meinen eigenen Geburtsvorbereitungskurs auszuarbeiten. Bin dann auf Hypnobirthing gestoßen. Das mache ich seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft. Habe da auch so meinen eigenen Stil reingebracht.
Joel Kaczmarek: Was ist das denn, Hypnobirthing?
Iva Samina: Hypno-Birthing ist eine wunderschöne Methode, die Frauen wieder in ihren Körper zu bringen, ihnen selbst Hypnose beizubringen, das heißt Entspannungstechniken, dass sie lernen, das, was sie oft als intensive Körperempfindung erleben, da nicht in eine Kontraktion zu gehen, in einen Widerstand, in ein Nein, Nein, Nein, ich will nicht, sondern ein. Ich gehe da jetzt mal rein, ich atme da rein, ich sage mal ja dazu und ich entspanne mich rein. Und das verändert die ganze Erfahrung. Und damit arbeiten wir eben ganz, ganz viel. Auch mit Atemübungen, Visualisierung und so. Wirklich eine schöne, schöne Arbeit. Genau und dann habe ich irgendwann gemerkt, nur reden reicht mir nicht, ich möchte Menschen berühren, plötzlich hat sich mir die Welt der Tantra-Massage eröffnet und ich habe wahnsinnig viel gelernt. und es war plötzlich so ein Fass ohne Boden, da habe ich gemerkt, okay, aber ich will noch mehr über Frauen lernen, ich will noch mehr über Körper, ich will noch mehr über Sexualität lernen. Und es stehen immer so 100 Ausbildungen auf meiner Liste, die ich als nächstes machen möchte, weil es ist einfach so ein riesengroßes Feld, was so unglaublich begeistern kann. Und so habe ich mich von einem zum nächsten gehangelt und ich würde sagen, meine beiden Steckenpferde sind Geburt und Sexualität und alles, was da so mit einhergeht. Toll.
Joel Kaczmarek: Ja, tut mir leid, ich habe eben aufgelacht, als du erzählt hast, was sie dir für ein Feedback gegeben haben, aber eigentlich nur, weil ich das so tolldreist finde, wie man sowas sagen kann zu jemandem. Vor allem denke ich mir so, Hebammen brauchen doch manchmal auch eine gewisse Dominanz. Also die brauchen natürlich Sanftheit und Einflussvermögen, aber manchmal ist auch wichtig, dass die mal sagen, wo es lang geht, weil ich habe das ja selber auch erlebt, wie das ist in solchen, ich habe ja zwei Geburten mitgemacht und ich finde, da braucht es manchmal auch dieses, nee, komm, jetzt machen wir es mal so. Von daher, das ist doch eigentlich eine gute Eigenschaft für sowas, oder nicht? Ja.
Iva Samina: hätte ich auch gedacht, dass selbstbewusste Hebammen eigentlich ganz vorteilhaft sind, aber nicht in diesem System. Dieses System, was wir haben, es ist ein sehr patriarchales, sehr hierarchisches System und Krankenhäuser sind leider wirtschaftliche Unternehmen. und dann gibt es die Chefärzte, die oftmals eben männlich sind und die Hebammen müssen sich dem oft unterordnen. und was sie halt gerne haben wollen, sind Ja-Sager, die nur mit dem Kopf nicken und nichts hinterfragen. Das ist das, was halt am gemütlichsten ist.
Joel Kaczmarek: Dabei sind Hebammen so wichtig. Also was du beschrieben hast mit der Lage. Also ich hätte fast noch gesagt, das ist noch fast nett ausgedrückt. Ich habe so viele Leute gehört, die sagen, ja, nee, ich war das früher, habe aufgehört. Also das ist ja furchtbar, weil es ist so essentiell wichtig, wenn man mal so einen Prozess durchgemacht hat. Wir sind ja in unserer Gesellschaft auch so ein Stück weit, sage ich mal, haben ja so diese Nähe zu uns irgendwie verloren, dass glaube ich viele Frauen, die dann in diesen Geburtsprozess reinkommen, in vielen Dingen wahrscheinlich auch total überfordert sind. Und da wie so eine Art Guide, sage ich mal, zu haben, wie man den da so durchführt, an die Hand nimmt, ist ja total wichtig und wertvoll.
Iva Samina: Ist es auch. Und wir sind auch alle irgendwann mal zur Welt gekommen. und wenn wir Kinder bekommen werden, die auch durch uns geboren und es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Wenn man anfängt, sich mit Trauma, mit Traumatherapie zu beschäftigen, die Schwangerschaft, wie die erlebt wurde, die Geburt, wie die erfahren wurde, ist prägend für unser ganzes späteres Leben. Und werden wir in Kontraktion, in Enge, in Angst, in Stress ausgetragen und geboren? dann hat das einen Effekt, dann ist das das Fundament für unser späteres Leben. Und es ist fürchterlich, so ein Fundament zu haben. Und ich habe viele Geburten begleitet, weil ich ständig Praktika gemacht habe. Und ich würde sagen, die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit Geburten umgeht, ist ein Verbrechen an der Menschheit. Und es ist die reinste Traumamaschinerie, weil viele Frauen können, viele Frauen können, aber man lässt sie nicht, weil es eben gerade die Zeit nicht zulässt oder weil es irgendwie nicht so bequem für die Hebammen oder die Ärzte ist. Ich habe wirklich Dinge mitbekommen, wo ich danach sprachlos mit offenem Mund dastand. Ich habe einmal eine Woche durchgeheult nach einer Geburt. Weil ich mir dachte, wie soll ich denn jetzt diese Bilder wieder aus meinem Kopf rausbekommen? Da passiert zum Teil so viel Verachtung, so viel Übergriffigkeit. Und oft gar nicht böse gemeint, aber einfach aus Unwissenheit heraus, aus Überforderung, aus Routine, aus Abgestumpftheit. Und auch wichtig, ich will auch gar nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt auch fantastische Hebammen, es gibt fantastische Krankenhäuser und fantastische Ärzte. Nur halt leider viel, viel, viel zu wenig. Und das wird immer weiter abgebaut, immer weiter abgebaut. Und das ist eine Katastrophe.
Joel Kaczmarek: Ja, also das Krankenhaus, was ich da als Exzellent erlebt habe, um mal ein positives Beispiel zu geben, war das Krankenhaus Havelhöhe. Das ist ja ein anthroposophisches bei Berlin. Und da ist es ja wirklich so, also das hat fast was Therapeutisches. Das hat fast was, also so ganz sanft. Und ich meine, die bringen ja Kinder selbst, ich glaube, zentral. 15 plus Tage nach Geburtstermin auf die Welt. Also das sind einige der wenigen, die das noch wagen, wirklich lange rauszugehen. In anderen bist du da schon längst dabei, mit Einleitung, Kaiserschnitt und Co. Und ich weiß einfach genau, was du meinst, weil ich habe so viele Leute auch im Bekanntenkreis, wo man das hört, so ja, ich war da und da und dann kam die Schwester, hat mich nachts um vier aufgeweckt, ich habe das Kind nicht angedockt gekriegt beim Stillen, dann wurde ich angeschnauzt, was das solle, warum ich mich so anstelle und das müsste ja wohl gehen und so. und dann bin ich den nächsten Tag gleich ausgecheckt. Und das ist ja genau wie du sagst, das ist der Start eines Lebens und den erlebt man dann so. Das ist ja furchtbar.
Iva Samina: Ich habe auch eine lange Zeit in Havelhöhe Praktikum gemacht. Ich weiß genau, was du meinst. Das war wirklich sehr schön. Das hat mich sehr berührt und das hat mich auch wieder aufgefangen, wo ich gemerkt habe, okay. Ist nicht alles Katastrophe. Und ja, ich habe auch mal ein Praktikum in einem stillfreundlichen Krankenhaus gemacht. Und das war alles andere als stillfreundlich. Also genau das, was du beschrieben hast. So viele verzweifelte Mütter, die geweint haben. Ich stand nur da und war so, oh mein Gott, oh mein Gott, was geschieht denn hier? Totale Katastrophe.
Joel Kaczmarek: So, und jetzt hast du ja von anderen Elementen deiner Arbeit noch erzählt. Du hast gesagt, du machst auch so Tantra-Massagen. Was kann man sich darunter vorstellen? Was ist das? Was kriegt man dabei gebracht? Ihr Lieben, ich möchte an dieser Stelle kurz innehalten und einen Hinweis einfügen. Es folgen gleich einige Ausführungen, die sich um kindliche Sexualität drehen. Und wir wissen, dass das Thema kindliche Sexualität sensibel ist und bei vielen Menschen starke Emotionen auslösen kann. Uns ist wichtig klarzustellen, es geht im Folgenden nicht um eine problematische oder grenzüberschreitende Interpretation, sondern darum, zu verstehen, dass wir Menschen von Natur aus mit einer angeborenen Sexualität ausgestattet sind, als Teil unserer Lebensenergie. Und diese Perspektive hilft uns dabei, unsere eigenen Fähigkeiten und Energien besser zu verstehen und neu zu entdecken. Und dabei ist selbstverständlich, dass kindliche Sexualität etwas ganz anderes ist als die Sexualität Erwachsener. Erwachsene Sexualität ist, um nur einen Unterschied zu nennen, in der Regel eine Interaktion, die auch mit anderen Menschen stattfindet. Und die Grundlage für diese Überlegungen, die gleich kommen, stammt übrigens aus dem Buch »Was kribbelt da so schön?« von der klinischen Sexologin Magdalena Heinzel. Wir haben euch das Buch in den Shownotes verlinkt, falls ihr euch näher damit beschäftigen möchtet. Und falls euch das Thema zu sehr bewegt, empfehle ich euch, einfach rund fünf Minuten vorzuspulen. Dann habt ihr die Passage ausgespart und ich kann euch sagen, dass in jedem Fall ein toller Podcast auf euch wartet.
Iva Samina: Also wenn ich jetzt eine Tantra-Massage gebe, da weiß ich gar nicht, ob es so viel um Beibringen geht. Da geht es eher um eine Erfahrung machen. Und eine Tantra-Massage ist eine sinnliche Ganzkörpermassage. Und ich beschreibe es ganz gerne so. Ich gehe gerne zurück. Zu Kindern. Kinder, und das weiß man, jeder, der Kinder hat und sich viel mit Kindern beschäftigt, man weiß, Kinder sind sinnliche und sexuelle Wesen. Babys mit Penissen haben regelmäßig eine Erektion. Das kann man sehen. Und die Eltern sind auch immer wieder ganz überfordert und erschreckt. Oh Gott, mein Baby hat eine Erektion. Dieses Ja. Die haben sogar schon im Mutterleib auch eine Erektion. Die sind mit ihrem kleinen System so offen. Und dann kommen schöne Gefühle und das macht sich halt körperlich bemerkbar. Und dann geht es wieder. Also die sind an diese Orgasmikness, an diese Ekstase, sind die noch angeschlossen, offen. Die lassen das einfach durch sich hindurch fließen. Und sexuelle Energie ist Teil der Lebensenergie. Und es gibt einen Unterschied zwischen sexueller Energie und sexuellem Ausagieren. So, das ist einfach ganz wichtig. Und kleine Kinder, die lieben es auch nackig zu sein und die lieben es, sich ihre Genitalien anzufassen und die schuppern gern mal an der Sofakante rum und bekommen glasige Äuglein. Und das ist was ganz Unschuldiges, was ganz Reines und was ganz Natürliches. Und ich würde sagen, das ist ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlafen. Darüber erfahren die sich in ihrem Körper. Dann kommen die Erwachsenen ins Spiel. Und die Erwachsenen, die können oftmals damit nicht umgehen. Die sind überfordert, dann kommt Angst, dann kommt Scham, peinlich berührt sein. Und das wird den Kindern übergestülpt. Früh lass das, das macht man nicht. Hier, jetzt riechen deine Hände, geh dir deine Hände waschen und so weiter. Kinder sind hochkleber. Die wissen, Überleben hängt von uns ab. Sie wollen geliebt werden und sie wollen auch nicht ausgeschimpft werden. Und innerhalb, das geht zum Teil ganz, ganz schnell, passen die sich an und wissen, okay, das mache ich lieber nicht. Wenn sie so ein bisschen lebendiger, quäliger, wie auch immer sind, machen sie das heimlich. Wenn nicht, schneiden sie sich irgendwann auch ganz davon ab. Und ich finde, das ist eine Katastrophe, weil wir schneiden uns ab dem Augenblick von unserer eigenen Lebensenergie ab. Und dann kommen wir Erwachsene dabei raus. Und dann haben wir diesen wunderschönen Körper und haben begonnen, Genitalien total zu sexualisieren. Also wann berühren wir Genitalien? Wenn wir Sex haben, vielleicht noch, wenn wir aufs Klo gehen. Und ansonsten werden die nicht berührt. Vielleicht noch beim Gynäkologen oder so. Und das war's. Das heißt, diese Körperteile sind total aufgeladen. Und ich finde es schon wirklich ein Fetisch, was wir mit Genitalien machen. Was, wenn wir mal diese Sexualisierung runternehmen, Genitalien ganz normale Körperteile werden lassen und dafür den restlichen Körper wieder mit an Bord holen. Weil jede Zelle unseres Körpers ist in der Lage, oriastisch zu sein. Jede Zelle. Und ich kenne unglaublich viele Menschen, die bekommen über ein Über Ohrläppchen, über den Fußzeh, über die Achselhöhle, über die Brust, über das Herz und so weiter Orgasmen. Man spricht auch von Heartgasm, Breastgasm. Ich kenne eine Person, die bekommt über die vorderen Schneidezähne Orgasmen. Ich kenne eine Köchin, die bekommt Orgasmen, wenn sie Gemüse schneidet.
Joel Kaczmarek: Geiler Beruf dann. Das ist super.
Iva Samina: Das ist wirklich gut zu schneiden, wie sie Gemüse schneidet. Das ist fantastisch. Und ich habe auch schon über Gerüche und Geräusche Orgasmen bekommen oder über den Geschmack. Das geht alles, wenn wir anfangen, wirklich den ganzen Körper wieder mit reinzuholen, wenn wir uns anfangen, mit unseren Sinnen, mit allen Sinnen wieder zu verbinden. Und das erfahren wir dann an der Tantra-Massage, dass wir wirklich mal die Genitalien absichtslos berührt bekommen. Dass wir Zeit und Raum bekommen, da mal reinzufühlen. Weil meistens, wenn wir an Genitalien berührt werden, ich sage immer, das ist so, als würde man Knöpfchen drücken. Und wenn diese Knöpfchen gedrückt werden, dann fangen an, Sextapes abzuspulen. Jetzt muss ich Sex haben, jetzt muss ich eine Erektion haben, jetzt müssen wir einen Orgasmus haben. Und das mal bleiben zu lassen. Diese ganzen Tapes einfach mal bleiben zu lassen, wieder in den Körper zurückzukommen und zu schauen, was ist denn wirklich da? Was ist wirklich dein Ja? Vielleicht kommt jetzt Lust und dann darf die auch sein und dann geht die vielleicht auch wieder. Und jetzt kommen vielleicht Gefühle und dann gehen die vielleicht auch wieder. Jetzt kommt vielleicht eine tiefe Entspannung und dann kommt vielleicht wieder Lust. Das heißt, ich erlaube mir zu empfangen, ohne dass ich irgendwas zurückgeben muss, für viele auch, nur ordentliche Herausforderung. Ich erlaube mir zu fühlen mit Zeit. Ich werde langsam berührt. Das heißt, durch die Langsamkeit komme ich noch viel eher ins Fühlen, komme auch viel eher mit meinen Grenzen und Bedürfnissen in Kontakt. Und ich kann meine Genitalien eben neu erfahren und erleben und kann diese bisherigen Erfahrungen auch überschreiben oder auch mal umprogrammieren, was ich ganz, ganz fantastisch finde.
Joel Kaczmarek: Aber da höre ich raus, so eine Tantra-Massage ist wahrscheinlich auch ein bisschen was Längeres. Also es klingt jetzt wie so zwei, drei Stunden.
Iva Samina: Ja, also eine gute Tantra-Massage ist definitiv nicht unter zwei Stunden und gerne ja zweieinhalb bis drei Stunden auf jeden Fall.
Joel Kaczmarek: Interessant. Mit was für Menschen hast du dann so Berührungen in deinem Beruf?
Iva Samina: Meinst du jetzt Tantra-Massagen oder generell?
Joel Kaczmarek: Eigentlich generell.
Iva Samina: Eigentlich generell. Mit so ziemlich allen. Von ganz jung bis ganz alt, von ganz arm bis ganz reich, von ganz unbekannt bis total bekannt. Also wirklich, ich habe alle Menschen mit dabei und es berührt mich immer wieder, weil einfach zu sehen ist, am Ende sind wir alle Mensch. Und am Ende haben wir alle unsere Ängste, Sorgen, Probleme, Bedürfnisse. Und wir alle sind irgendwie ein Stück weit Last. Wir alle sind nicht wirklich in unserem Körper zu Hause. Wir alle haben diese Sehnsucht, in uns gesehen zu werden, gehört zu werden, gefühlt zu werden, geliebt zu werden und so weiter.
Joel Kaczmarek: Du hast gerade von diesen Knöpfen gesprochen, die dann gedrückt werden und wo dann die Sextapes ablaufen. Ich habe so das Gefühl, dass vieles davon auch so einem gewissen Stigma unterliegt. Also dass es manchmal mit Gewalt vielleicht sogar assoziiert ist. Also ich erlebe das so, weil so pornografische Sexualität ist ja viel in so einer Richtung von Herabwürdigung ganz schnell. Deswegen gibt es ja jetzt mittlerweile auch immer mehr Sex-Positive-Plattformen, wo man das mal abhebt. Also es muss nicht der Riesenpenis sein, es muss nicht die Frau auf den Knien sein. Es darf sozusagen alles irgendwie ein bisschen weich an alle Richtungen sein. Ist das eigentlich so oder ist das eine Fehlwahrnehmung, die ich da habe?
Iva Samina: Also ich bin nicht so sehr in dieser Pornowelt unterwegs. Ich schaue mir das immer wieder mal an, um mich zu updaten. Was ist da eigentlich so los?
Joel Kaczmarek: Es muss ja gar nicht mal nur Porno sein. Ich erlebe das insgesamt. Wenn ich zum Beispiel mal so zurückdenke, wenn man mal in der Umkleidekabine beim Sportverein war und hört dann so die anderen Dudes da sich unterhalten mit ihren Frauen, dann hast du ja immer das Gefühl, es ist so, ich Boss, du hier unterwürfig. Weißt du, was ich meine? Das meine ich damit mit dieser Pornografienummer als ein Element von Sexualität. Aber vieles ist irgendwie so
Iva Samina: Ja, ja, ich weiß, was du meinst. Und ja, und wir dürfen nicht vergessen, wir leben in einer männerdominierten Welt nach wie vor in einem Patriarchat und auch unsere Sexualität, die wir leben, ist durch und durch männlich geprägt. Und Es ist ganz oft, wenn ich mit Frauen arbeite, auch gerade nach einer Tantra-Massage, und es passiert regelmäßig, dass auch Tränen laufen, dass ich die Worte höre, das kenne ich nicht. Ich kenne das nicht, so berührt zu werden. Das habe ich noch nie erfahren. Das habe ich auch schon von Männern gehört. Nur bei Frauen doch durchaus mehr. Und ganz oft, wenn sie dann sagen, oh wow, das war total schön, das habe ich noch nie so erfahren. Und ich dann frage, was ist denn der Unterschied zu dem, wie du es sonst hast? Wird oft gesagt, es war einfach viel mehr Zeit da, viel mehr Langsamkeit und diese Absichtslosigkeit. Und das ist das. Meiner Erfahrung nach das, was viele, viele Frauen brauchen, um sich in der Tiefe wirklich öffnen zu können. Und wenn wir sowas dann aber zum Beispiel in einem Hollywood-Film zeigen würden oder in einem Porno, das wäre mega langweilig. Weil da stundenlang kaum was passiert. Also erst mal von außen betrachte, kaum was passiert. Und wenn wir jetzt in dieses Schnelle reingehen, da ist halt Action dabei. Da wird man von außen unterhalten. Und das ist, by the way, auch das Gleiche mit Geburten. Wenn wir Geburten in einem Film sehen, das ist dann in der Regel immer dramatisch. Und dann bleibt der Zuschauer auch dabei. Das ist Action und yay. Wenn wir uns eine schöne Geburt anschauen würden, das wäre für den Zuschauer total todlangweilig. Und dann haben wir aber dieses Ding, dann sehen wir diese sexuellen Szenen oder diese romantischen Szenen oder diese Geburtsszenen als Zuschauer ein, zwei, drei, vier, fünf Mal. Und dann hat sich das bei uns abgespeichert. So geht Sex. Und wenn wir zurückschauen, wo haben wir Sex gelernt? In der Bravo, im Hollywood-Film und im Porno. Und das haben wir alle, alle, alle. Und dann denken wir irgendwann, das ist die Wahrheit. So geht Sex. Und mein Job ist es auch zu sagen, ja, das ist auch die Wahrheit. Und es gibt aber auch noch ganz viele andere Wahrheiten. Und wie schauen die aus? Und wie fühlen die sich an? Und lasst uns das gemeinsam herausfinden.
Joel Kaczmarek: Als ich dich in unserem Vorgespräch eben gefragt habe, was bringst du denn in deinem Sexualkurs für Männer more than a man bei, hast du gesagt, ja, also im Prinzip alles. Die meisten Männer sind schlechte Liebhaber, genauso wie die meisten Frauen schlechte LiebhaberInnen sind. Ist damit sowas gemeint, wie du es gerade beschrieben hast, dass wir alle sozusagen dieses, du hast ja auch eben gesagt, diesen gefühlten Zwang, etwas zurückgeben zu müssen, also to return the favor. Ist damit sowas gemeint oder ist es sogar noch viel mehr?
Iva Samina: Das und viel, viel mehr. Viel, viel mehr. Weißt du, so viele von uns sind von sich selber so abgeschnitten, von ihren eigenen Bedürfnissen und ihren eigenen Grenzen komplett abgeschnitten. Und wenn ich meine eigenen Bedürfnisse gar nicht wirklich wahrnehme, wie soll ich denn in der Lage sein, deine wahrzunehmen? Wenn ich meine Grenzen nicht wahrnehme und auch nicht respektiere und dafür einstehe, wie soll ich denn die Grenzen von jemandem im Außen großartig wahrnehmen können und respektieren können? Und Sexualität, weißt du, Das ist, also je mehr ich reingehe in dieses Feld, desto größer wird es. Ich arbeite auch viel in meinen Workshops mit der Frage, was ist Sexualität? Und da wird oft so ein bisschen aufgelacht, weiß doch jeder, was Sexualität ist. Und dann lasse ich die mal eine Stunde, zwei Stunden damit arbeiten und je tiefer sie reingehen, desto mehr realisieren sie, Wow, wir können das gar nicht definieren, was Sexualität ist. Und für mich ist Sexualität Teil des Lebens. Ich kann mich von Gerüchen penetrieren lassen, ich kann mich von der Natur penetrieren lassen, von Geschmäckern. Zu tanzen, das kann manchmal sinnlicher sexueller sein als das wildeste Gerammel. Ich finde auch, Geburt ist ein sexueller Vorgang. Dann schauen mich oft erschrockene Augen an. Ja, aber das ist zum Teil die gleichen Hormone, die Nerven, die gleichen Vorgänge, die Organe, die gleichen Vorgänge, also weißt du Wenn wir anfangen, dieses Konzept, was ist Sexualität, mal ein bisschen zu weiten, zu vergrößern, dann können wir sehen, wow, Sexualität kann auch Medizin sein. Das kann auch ein Weg wieder zurück in die Einheit sein. und die Sexualität, die die meisten von uns leben. Das ist in meinen Augen nur ein Konsum. Das ist wie der Kaffee, die fünf Kaffeetassen irgendwie am Tag, die Kippen zwischendrin, das Feierabendbierchen oder vielleicht eine Line Koks. Es gibt einen kurzen Kick, dann gibt es wieder diesen Downer. Und so benutzen ja die meisten Menschen Sex. Ich will Druck ablassen, ich will mich immer wieder fühlen, ich will einen kurzen Kick haben. Danach habe ich einen kurzen Downer und dann will ich es wieder von vorne haben. Aber da gibt es ja noch viel, viel mehr. Viel, viel mehr. Und wenn wir sagen, wir wollen eine erfüllende Sexualität leben, kommen alle Themen an die Oberfläche. Alle, alle, alle. Und zwar in einer Rekord-Lichtgeschwindigkeit, dass er manchmal hört und sehen kann.
Joel Kaczmarek: Ich finde das Bild schön, penetriert werden von Gerüchen.
Iva Samina: Von Geschmäckern und von Geräuschen. Also weißt du, das nächste Mal, wenn du in der Natur bist, lass mal die Geräusche durch deine Ohren in dein Herz hineinfließen. Und die Düfte durch die Nase in dein Herz hineinfließen. Und das, was du siehst, nicht mal du schaust raus. sondern lass mal das, was du siehst, durch dein Auge in dein Herz hineinfließen. Das kann so unfassbar wunderschön sein. Machen wir uns berührbar.
Joel Kaczmarek: Kannst sagen, wenn du es nicht beantworten möchtest, aber wie sieht denn deine Sexualität aus, wenn du gerade dieses Extrem beschrieben hast, mit dem der schnelle Kick, das Druck ablassen und dann wieder so dieses Kompensatorische eigentlich. Wie lebst du denn Sexualität?
Iva Samina: Ich würde von mir behaupten, Ich habe eine sehr erfüllende Sexualität, eben weil ich mich vom Leben berühren lasse, weil ich mich vom Leben penetrieren lasse, weil ich ein sehr sinnlicher Mensch bin. Ich habe nicht mehr so viel Sex mit anderen Menschen, weil ich keine Lust auf schlechten Sex habe. Und die meisten Menschen verstehen erst mal gar nicht, was ich meine. Das ist für viele eine totale Überforderung. Was willst du? Du willst mir jetzt sagen, was ich tue? Lass doch mal los, du bist in der Kontrolle. Sowas begegnet mir oft und ich merke, darauf habe ich keine Lust mehr. Sondern ich habe wirklich Lust auf Nähe. Ich habe wirklich Lust auf Begegnung, auf Intimität. Und viele Menschen sind dazu nicht wirklich bereit und in der Lage. Und wenn ich aber jemanden finde, der offen dafür ist, dann kann das wirklich tief, tief, tief gehen. Also ich sage immer, wenn Menschen realisieren würden, was wir mit unserer Sexualität erfahren können, dann würden die meisten Menschen keine Drogen mehr nehmen.
Joel Kaczmarek: Ja, ich weiß nicht, wie es dir so geht, aber ich erlebe es auch so, es hat auch alles mittlerweile so definitive Aufkleber. Also es ist alles so klar, Mann und Frau oder mittlerweile ist es meinetwegen auch okay, Mann und Mann oder Frau und Frau und dann ist es ein Paar und fertig aus. Und ich habe zu meiner Frau mal im Spaß gesagt, ich sage so, warum ist es eigentlich eingeführt worden, dass eine Ehe immer zwei Personen sind? Stell dir mal vor, man wäre zu dritt. Und man hätte noch so eine dritte Superpower, weißt du, ein drittes Einkommen, dritte Eigenschaften, die der Mensch mitbringt. Die einen haben vielleicht eine männliche Energie, die anderen eine weibliche. Also was dann auf einmal für so ein Setup zusammenkommt. Aber wenn du es mal so durchspielst, würdest du in irgendeiner Form dich in unserer Gesellschaft in irgendeine Richtung eröffnen wollen. Boah, das ist ja nur Meine Frau hat dann als Scherz gesagt, erzähl das mal meinem Vater, ja? Was ich eine sehr lustige Antwort fand. Und ich weiß nicht, wie es dir so geht, aber ich erlebe das manchmal so, dass auch alles so Etiketten hat und irgendwie so Ich meine, wir sind ja Gott sei Dank weit gekommen, ja. Wenn ich jetzt mal so an die Jahrhunderte davor denke, wie da Ehen aussahen und Sexualität, dann praise the Lord. Aber es ist immer noch so sehr, es hat schon so einen klaren Rahmen, oder?
Iva Samina: Ja und nein. Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite, ich lebe in Berlin, ja, und Berlin ist ja Die Stadt überhaupt. Die Leute toben sich aus. Und weißt du, aber auch nicht zu unterschätzen, ich kenne auch echt viele ältere Paare aus Hintertupfingen. Das würde man denen niemals zutrauen, wenn man ihnen auf der Straße begegnen würde, die sonst was für Sachen ausprobieren oder die offene Partnerschaften haben und so weiter. Und ich finde es toll, Dass die Leute sich alle so ausprobieren. Ich habe mich auch ausprobiert. Ich habe mich ausgetobt. Und tatsächlich, nach diesen ganzen Jahren, komme ich jetzt wieder zurück zur Monogamabeziehung. Weil ich merke, es funktioniert nicht. Es funktioniert, weil mindestens 99% funktioniert es überhaupt gar nicht. Und ich glaube, dass viele Menschen einfach auch nicht wirklich ehrlich sind mit dem, was sie wirklich wollen. Auch immer, wenn die Paare zur Session kommen und sagen, ja, wir haben überlegt, unsere Partnerschaft zu öffnen, ist meine erste Frage immer dieses, was ist der ehrlichste Grund? Ja, und es ist oft so, ja, mal was Neues erleben und wir können ja viele Menschen lieben und bla bla. Aber bist du wirklich in der Lage, Nähe, Intimität zuzulassen? Oder willst du eigentlich wegrennen? Bist du vielleicht verletzt? Und ist das jetzt irgendwie wie so ein kleiner Rachefeldzug, dass du sagst, kannst mich mal, schaue ich halt woanders nach. Passiert häufiger, als man denkt. Habe ich Angst, mich zu binden? Das sind oft ganz viele Dinge, die mit reinfließen. Und wenn wir anfangen, uns diesen Dingen mal zu stellen, dann brauchen wir nicht mehr so viel im Außen suchen, sondern dann können wir das auch meistens ganz gut mit unserem Gegenüber. Und ich kann nur dazu sagen, ich war selber auch in einer Partnerschaft mit zwei Menschen, mit Mann und Frau. Es ist fucking viel Arbeit. Und das kann manchmal auch richtig geil sein. Also ich habe auch wirklich tolle Sachen erfahren, aber es ist auch doppelt so viel Arbeit. Das darf man echt nicht unterschätzen.
Joel Kaczmarek: Das glaube ich sofort. Das ist aber, was ich dazu lese, Leute, die das so halbwegs erfolgreich praktizieren, sagen immer so, ja, du brauchst nicht denken, dass das dann weniger Beziehungsarbeit ist, sondern es ist im Gegenteil viel, viel mehr. Das ist viel mehr. Das glaube ich sofort. Na gut, also super spannend. Du merkst, ich bin gefesselt von deinen Ausführungen. Und wir können uns ja jetzt mal so langsam dann deinen Weisheiten mit sozusagen dem Rückblick auch wenden. Magst du verraten, wie alt du bist? Also von wo aus du auf die 20 zurückschaust?
Iva Samina: 45 bin ich.
Joel Kaczmarek: Okay, also 25 Jahre spannende Erfahrung, die wir jetzt anzapfen. Was ist denn so? die erste Sache, das erste Ding, was du gerne gewusst hättest, als du 20 warst?
Iva Samina: Das ist ganz spannend. Du hast mir das erzählt mit Hey, führ mal rein. Was sind so diese fünf Dinge? Das erste, was kam, war, dass ich um Hilfe fragen darf. Ich war damals, ich bin sehr jung Mutter geworden. Mit 21 hatte ich drei Kinder. Und das war so, ich habe das aus meiner Familie mitbekommen. So als Frau, man muss das irgendwie alleine machen, weil die Männer, die gehen im Krieg verloren oder irgendwie die, keine Ahnung, die gehen zur Stasi und dann muss man aus der DDR fliehen. So als Frau, man muss das alles alleine machen und man muss tough und stark und so weiter sein. Und zurückblickend denke ich mir, Also wenn ich dieses Wissen in mir getragen hätte, ich darf um Hilfe fragen, und das ist echt okay, wäre mir, glaube ich, ein ganzer Burnout erspart geblieben.
Joel Kaczmarek: Ja, ist komisch. Ich habe von meinem Vater auch mal den Satz gesagt bekommen, verlass dich auf andere, dann bist du verlassen. Und es ist komisch, warum sich sowas so durchsetzt. Also warum das so oft so ein pädagogisches Merkmal war. Hast du das Gefühl, es war bei dir nochmal stärker, weil du eine Frau warst? Also ist es bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern oder ist es gleich?
Iva Samina: Das kann ich so nicht beantworten. Das weiß ich nicht. Das weiß ich nicht.
Joel Kaczmarek: Ich meine, vielleicht ist bei Männern manchmal noch so ein bisschen das Ego-Element drin. Also ich habe das lustigerweise, wenn mein Vater das zu mir gesagt hat, dann habe ich immer an Handwerkern lustigerweise gedacht. Weil er mir mal erzählt hat, es gibt so viele Fuscher da draußen. Wenn du willst, dass es gut wird, so der Schrank, den du baust, dann mach es selber. Oder die Wand tapezieren oder die Steckdose verlegen und so. Und ich weiß nicht, wie es dir so geht, aber ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man Leute um Hilfe bittet, freuen die sich eigentlich eher.
Iva Samina: Ja, dann kommt es natürlich auch darauf an, wie man um Hilfe bittet. Ja. Also ich hatte irgendwann mal diese spannende Erfahrung gemacht. Das war noch, als ich mich nicht getraut habe oder auch das gar nicht mal in Erwägung gezogen habe, dass ich um Hilfe fragen kann. Ich hatte irgendwann mal einen ganz schweren Autounfall, wo ich wie durch ein Wunder überlebt habe. Ich war im Krankenhaus, ich war zu Hause, ich hatte Schmerzen, ich konnte mich nicht bewegen. Und dann habe ich irgendwie so eine Nachricht an meine Freunde geschrieben. Und die Nachricht im Nachhinein war so ein bisschen wie, ja, hey, ich hatte einen Autounfall, aber alles gut, macht euch keine Sorgen, haha, irgendwie so. Und dann habe ich mich gewundert, dass keiner vorbeigekommen ist. Und aus heutiger Sicht würde ich ganz anders irgendwie sagen, so ein, hey, wow, mir ist da was Krasses passiert und ich bin echt an meine Grenzen gekommen, mir geht es nicht gut, ich habe tierische Schmerzen und ich würde mich total freuen, wenn jemand für mich kochen kann. So. Also auf jeden Fall auch die Art und Weise, wie wir fragen.
Joel Kaczmarek: Ja, du hast total recht. Ich überlege gerade, weil es gibt ja manchmal auch so das Phänomen, dass wir uns, also vielleicht ist es was Subjektives, was nur ich so erlebe, aber manchmal merke ich auch, wenn es Leuten schlecht geht, wollen ja manche Menschen auch gar nicht in der Nähe sein. Also für manche Menschen ist es auch unangenehm, Hilfsbedürftigkeit bei anderen zu erleben. Also wahrscheinlich ist es gar nicht so einheitlich, dass sich jeder freut, wenn du ihm Hilfe bittest, sondern ich glaube, es ist. Vielleicht gibt es da so Abstufungen, weil ich glaube manchmal, wenn Menschen sehen, ich habe ein Wissen zum Beispiel, das hilft der Iva jetzt total, das spart ihr ein Jahr
Iva Samina: Arbeit,
Joel Kaczmarek: ach toll, so dann freuen die sich, dir so eine Kurve bereitet zu haben, während wenn es dir so richtig beschissen geht und die dann so denken, oh Gott, oh Gott, dann weint die sich bei mir aus oder so, gibt es durchaus auch Menschen, die das wahrscheinlich nicht so abkönnen, also wahrscheinlich gibt es so Hilfe. und Hilfe, weißt du?
Iva Samina: Ja, ja, ja.
Joel Kaczmarek: Ich überlege gerade, ob das doof klingt, was ich erzähle.
Iva Samina: Da ist auf jeden Fall was Wahres dran. Es gibt Menschen, die sind davon überfordert, jemanden in seiner Bedürftigkeit zu sehen. Und wenn man jetzt krank ist oder nach so einem Autounfall zum Beispiel, ja, da ist man wirklich bedürftig. Und das kann einige antriggern. Das ist dann in der Regel das eigene Thema, was man mit sich herumträgt.
Joel Kaczmarek: Es gibt ja auch so das andere Extrem. In meiner Familie, weiß ich noch, hatte ich einen Familienmitglied, der meinte so, nee, bloß nicht zu viel. Ich habe so ein Helfer-Syndrom, ich mache immer zu viel. Ich habe da so gestruggelt, so zu unterscheiden, was ist denn so Hilfe, die ich gerne und gut gebe und ab wo wird es zu etwas, was, sage ich mal, über das gesunde Maß hinausgeht. Also es gibt ja auch so eine Aufopferung, die dann zu viel ist. Und das ist interessant, je länger ich darüber nachdenke, da steckt viel drin in deinem Punkt, was auch so in Sozialisation irgendwie ins Leben dann kommt bei einem. Wie bist du es denn überkommen? Wie hast du denn diese Programmierung mit eine Frau muss alles selber schaffen abgelegt?
Iva Samina: Mit einem fetten, fetten Burnout. Ich habe tatsächlich, also ein Autounfall hat nicht ausgereicht. Ich habe tatsächlich noch einen richtig krassen Burnout gebraucht. Es hat sechs, sieben Jahre gedauert, bis ich da draußen war. Und da ging nichts mehr. Also da ging wirklich nichts mehr. Ich bin nur noch zusammengebrochen. Ich habe nur noch gezittert. Und da war klar, okay, jetzt muss ich. Jetzt muss ich. Es geht nicht mehr. Und da habe ich angefangen zu hinterfragen. Und ja, das war ein Riesenteaching. Also im Nachhinein, ich bin sehr froh um beide Erfahrungen, Autounfall und Burnout. Ich habe viel, viel gelernt. Und es hätte gar nicht erst so weit kommen brauchen, hätte ich sowas mit 20 gewusst.
Joel Kaczmarek: Aber wie krass, sechs bis sieben Jahre Burnout, das ist ja richtig heftig.
Iva Samina: Naja, ich war nicht die ganze Zeit drin, aber sowas wie Schlafstörungen. Ich hatte sechs Jahre keinen Tiefschlaf mehr. Oder ich war immer wieder, habe ich wie den Körper verlassen und ich musste mich immer wieder in den Körper zurückholen. Solche Sachen immer wieder. Also so die Nachwehen haben so lange gedauert.
Joel Kaczmarek: Ich habe jetzt gerade so dieses Bild im Kopf. Erst brennt dein Auto aus und dann du. Und dann kommt sozusagen so der Phönix aus der Asche. Geiles Bild, guck mal, lobe ich mich jetzt mal selber. Und dann hast du so zu dir gefunden und verstanden, worum es geht. Aber es war ja wahrscheinlich mehr als so dieses Element, oder? Wahrscheinlich war doch nicht nur das um Hilfe bitten was, sondern das ist doch in der Regel so eine Mischung aus Sachen, die einen da hinbringt, oder? Natürlich.
Iva Samina: Natürlich, klar. Da hat auch meine Verletzlichkeit mit reingespielt, dass ich mir erlaube, mal aus der Kontrolle rauszugehen, mehr in die Verletzlichkeit, mehr in die Weichheit. Also ganz viel hat da natürlich mit reingespielt, ja.
Joel Kaczmarek: Wie machst du es heute anders? Also fragst du heute viel um Hilfe?
Iva Samina: Definitiv mehr. Definitiv mehr. Und das ist ganz spannend. Das ist manchmal auch ein Prozess. Da gibt es auch manchmal die, ach, das kann ich auch alleine. Dann habe ich auch gemerkt, ach, das ist aber auch schön, um Hilfe zu fragen. Wo ich auch merke, okay, Moment mal, ich muss jetzt aber auch keine Prinzessin auf der Erbse werden. Ich kann auch schon noch in der Eigenverantwortung bleiben. Ja, das ist ein schönes Wechselspiel eben zu schauen. Wann ist es wirklich angesagt? Wann habe ich wirklich eine Grenze erreicht? Und wann darf ich um Hilfe fragen?
Joel Kaczmarek: Also ich glaube, jetzt rede ich wieder sehr männlich, sachlich, businesslike, aber hast du so eine Art System oder hast du so Elemente, wo du weißt, das sind Dinge, da würde ich immer um Hilfe fragen, das sind Dinge, die würde ich immer selbst machen und das sind Dinge, die würde ich vielleicht erstmal selbst probieren und wenn ich dann nicht weiterkomme, dann frage ich um Hilfe. Weißt du, so eine Art Kategorien oder ist das so etwas Fließendes, wo du einfach fühlst? Hilfe.
Iva Samina: Und ich meine, das Leben ist ja auch sowas von unberechenbar. Also da fliegen einem manchmal Dinge um die Ohren und man sagt, holla, die Waldfee, was ist das denn? Damit habe ich ja wirklich nicht gerechnet. Wo klar ist, okay, das kann ich jetzt alleine auch gar nicht regeln. Da brauche ich jetzt einfach Hilfe. Und dann gibt es andere Sachen, da kann ich natürlich schauen. Kann ich da selber irgendwie mich herauswurschteln? Kann ich daraus was lernen? Was ist mein Anteil darin? Aber da ist jetzt nicht so eine Strategie.
Joel Kaczmarek: Aber es ist ja auch faszinierend, wie oft wir Hilfe angeboten bekommen und sie ablehnen, obwohl wir eigentlich irgendwie so denken, eigentlich wäre es doch ganz geil gewesen, wenn der mal die Leiter gehalten hätte.
Iva Samina: Ja, ja, ja. Wunderschönes Beispiel. Auf jeden Fall. Und ich glaube, das kennen wir alle. Nee, nee, brauche ich nicht. Danke. Kann ich alleine machen. Scheiße.
Joel Kaczmarek: Aber es ist ein total geiles Moment, wenn man dann, also ich hab sozusagen so den, man läuft sich über den Weg-Moment im Kopf und dann so, brauchst du Hilfe? So, nee, nee. Und dann bist du so zwei Schritte weiter, drehst dich um und sagst so, Entschuldigung, ich hab nochmal drüber nachgedacht. Eigentlich wär's doch nett, wenn du mir helfen könntest. Kannst du vielleicht das hier nehmen? Und dann so, ja klar, mach ich gerne. Das ist ein total geiler Moment. Also so zwei, dreimal gemacht, das ist echt wert. Von daher, ja, schön. So ein toller Punkt. Gefällt mir sehr, sehr gut, Iva. Was ist denn dein zweiter Punkt?
Iva Samina: dass ich Nein sagen darf, dass es total okay ist, Nein zu sagen. Ich bin in einer sehr traumatisierten Familie groß geworden und meine Überlebensstrategie war, ich war so Also so ein Kind, was keine Probleme verursacht hat. Ich war so ein Engel. Ich habe immer gelächelt. Ich habe nicht rumgezickt. Ich habe immer gut geschlafen. Ich habe mich sehr gut angepasst. Und als ich dann größer geworden bin, das war halt immer mit dieser Lächelmaske verbunden. Und immer, ja, ja, okay, ja. Und innerlich war so, nein, will ich gar nicht. Aber das Programm hat schon automatisch ja gesagt. Und es hat mich auch viele Jahre gedauert und viele Erfahrungen, bis ich gelernt habe, Es ist total okay, Nein zu sagen. Nein, das möchte ich gerade nicht. Oder ich hätte es gerne lieber so und so. Ja, was habe ich Menschen über meine Grenzen gehen lassen? und wie oft bin ich selber auch über meine Grenzen gegangen, weil ich Angst hatte, jemanden vom Kopf zu stoßen, weil ich Angst hatte, dann werde ich vielleicht nicht mehr geliebt oder nicht mehr gemocht, wenn ich jetzt Nein sage. Und ich glaube, das kennen die allermeisten von uns. Da weiß ich, da bin ich kein Einzelfall. Das ist, glaube ich, ein Großteil der Bevölkerung, die diese Thematik mit sich herumträgt.
Joel Kaczmarek: Waren die Ängste denn berechtigt? War denn, nachdem du Nein gesagt hast, jemand auf dich sauer oft? Oder war es gar nicht so?
Iva Samina: Naja, es kommt ja natürlich auch hier wieder drauf an, wie ich Nein sage. Wenn es wirklich freundlich ist, respektvoll, aus dem Herzen. Oder Nein kann ja auch manchmal wirklich vor den Kopf stoßen sein. Nein. Aber wenn ich sage, du, das ist gerade nicht stimmig, doch ich kann mir das und das vorstellen. dann wird es ja weicher. Dann fühlt sich die andere Person in der Regel nicht vom Kopf gestoßen. Und ich bin natürlich, als ich angefangen habe zu üben, habe ich natürlich hin und wieder Leute vom Kopf gestoßen. Es gab dann auch Leute, die fanden mich blöd. Das war Teil des Übungsprozesses, des Lernens. Und ich denke, mittlerweile kann ich das ganz gut. Wahrscheinlich gibt es auch immer noch Leute, die mich dann buchfinden. Oder ja, Gibt es auf jeden Fall. Wenn ich auch irgendwie mit Leuten zusammenarbeite und ich klar merke, das geht nicht, dass ich fühle so ein klares Nein, auch wenn ihr anderen beiden das anders seht, aber alles in mir schreit Nein und ich werde meine Wahrheit nicht mehr überreiten, weil sonst muss ich die Konsequenzen tragen, dann kann es sein, dass sie mich durchfinden, ja. Aber lieber so, als danach die Konsequenzen zu tragen, weil die sind manchmal richtig krass.
Joel Kaczmarek: Ja, ich weiß, in einer meiner früheren Folgen hat Andrea Balschuh hier vom ZDF, die Moderatorin, hat einen ähnlichen Punkt, die meinte, ja, ich habe einen Mann geheiratet, den ich überhaupt nicht geliebt habe, hat mich irgendwie drei Jahre Ehe, zwei Jahre Scheidung und irgendwie Jahre der Aufarbeitung gekostet. Und das fand ich so eins der, weil das ist ja das Schöne, da stehst du vor dem Altar und sagst, ja, also da geht es nur um dieses Wort, da dreht sich alles nur um dieses Wort. Das ist ja ein absoluter Klimax im Nicht-Nein-Sagen.
Iva Samina: Wow, okay, ja.
Joel Kaczmarek: Aber auch im Kleinen. Und ich habe immer so Karin Kuschik im Kopf, die hat dieses Buch geschrieben, 50 Sätze, die das Leben leichter machen. Dann sagt die immer so, du übst diese Sätze so lange, bis du sie so sagen kannst, als wenn du eine Apfelschorle bestellst. Eine Apfelschorle bitte noch. Und das ist so das Bild. Nee, möchte ich nicht. Aber ich habe eine andere Idee. Was hältst du davon? Und ich glaube, ich kann es dir mal erzählen, wie es dir damit gegangen ist. Ich glaube, wenn man öfter Nein sagt, wird man bei vielen Menschen auch beliebter, weil sie verstehen dich besser. Also es gibt ja auch Sicherheit zu wissen, so okay, die sagt, wenn sie was nicht will. Bei dir sind die Grenzen immer klar, da weiß ich, woran ich bin. Also ich glaube, das macht auch was Positives. Oder hast du es anders erlebt?
Iva Samina: Definitiv. Und nur wenn ich wirklich Nein sagen kann, kann ich auch ein ehrliches Ja sagen. Wenn ich so ein Ja-Sager bin, so ein People-Pleaser, dann genau, wie du gerade meintest, dann weiß ich nicht, ob ich der Person vertrauen kann. Aber ein ehrliches Ja gibt auch immer Raum für ein ehrliches Ja. Finde ich auf jeden Fall sehr viel vertrauenswürdiger. Aber weißt du, was abgefahren ist? Ich reise sehr viel und was ich im Ausland immer wieder mitbekomme, ist, die Deutschen, die sind ja immer so direkt. Ja. Die sagen sowas wie Nein. Die setzen so klare Grenzen. Ich bin immer so, hä? Und dann höre ich die wildesten Geschichten, dieses, man kann nicht Nein sagen. Dann fangen Leute an, also ganze Nationen, Lügengeschichten zu erzählen. Ich wäre ja gern zum Essen gekommen, aber meine Tante hat mich schon eingeladen. Alle wissen aber, dass ich gar keine Tante habe. Also wie absurd, ja? Oder in Thailand immer, yes, okay. Dieses Nein sagen oder ich weiß es nicht. Und Gesichtsverluste, yes, okay. In was für absurde Situationen ich geraten bin, weil die Leute nicht Nein gesagt haben. Und dann bin ich immer erstaunt. Das heißt, ihr Deutschen, ihr seid ja immer so direkt. Ich denke, ich finde es geil. Dann weiß ich, woran ich bin.
Joel Kaczmarek: Ja, ich weiß, was du meinst. Ich habe so ein TikTok-Video gesehen. What a German would say and what an English people would say. Oder Englisch auf Deutsch übersetzt. Und dann hattest du so ein Meeting, da zeigst du irgendwie was und dann so, that looks interesting. Und das hieß dann übersetzt, ja, ist totale Kacke. Das ist echt so der Text. Erzähl doch nicht so einen Scheiß. Was soll das? Bring doch keinen weiter. Aber weißt du, das Interessante an deinen beiden ersten Punkten ist, ich habe das vor allem beim ersten noch nicht gehört, dass es egoistisch ist, es nicht zu machen. Und das ist ja erstmal so gegen die Intuition. Also es ist egoistisch eigentlich nicht, um Hilfe zu bitten. Jemandem nicht die Möglichkeit zu geben, sein Wissen bei dir einzubringen und dir eine Freude zu bereiten. Und es ist eigentlich auch egoistisch, jemandem ein falsches Ja zu geben, weil wenn der hinterher mitkriegt, dass das für dich voll die Folter war, was du da gemacht hast, was du nur gemacht hast, das ist doch noch viel schlimmer, als wenn du von vornherein gesagt hättest, nein.
Iva Samina: Also stell dir mal vor, gerade im Bett beim Sex. Also wirklich schlimm, wenn ich weiß, da hat jemand nicht auf seine Grenzen Acht gegeben und dann bin ich bei jemandem über die Grenzen gegangen. Das ist fürchterlich.
Joel Kaczmarek: Aber hast du vollkommen recht, als du den Punkt abmoderiert hast, habe ich gedacht, also es ist ja sogar ein geflogenes Wort, a no is a no, ein nein ist ein nein oder ein nein heißt nein. Das hat in deinem Beruf ja nochmal eine ganz andere Schwere als in anderen Berufen, oder? Ja.
Iva Samina: Und es ist tatsächlich, es kommen so viele Menschen in meine Praxis, die sonst was wollen. Und hier Bodywork und Genitalmassage. Und dann schauen wir, ich schaue mal erst gerne so, bevor ich Genitalien berühre, Wo stehst du nun mit deinen Grenzen? Und die meisten, die sind überhaupt nicht in Kontakt mit ihren Grenzen oder wenn, sind sie nicht in der Lage, diese klar zu kommunizieren. Und ein Großteil meiner Arbeit besteht nur darin, dass die Leute erstmal lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, dann lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen und dann machen wir oft auch Übungen, wo sie lernen zu sagen, nein oder nimm die Hände runter. Ohne sich zu rechtfertigen, ohne sich zu entschuldigen. Und das üben wir, üben wir, üben wir, bis es irgendwann in den Körper übergeht und es anfängt natürlicher zu werden. Und erst wenn ich weiß, okay, die können wirklich für sich einstehen, dann können wir anfangen am Körper zu arbeiten.
Joel Kaczmarek: Hast du für dich auch gelernt, also es hat ja auch was mit Aushalten zu tun. Das bedeutet ja nicht selten auch manchmal eine Eskalation, was abzulehnen, Nein zu sagen. Es ist ja nicht immer so, dass jemand sagt, ach ja, klar, toll. Sondern warum denn nicht? Was soll das denn jetzt? Weil ich habe zum Beispiel gerade so ein Vorkommnis im Kopf. Ich war in so einem Spa in Berlin, habe mir dann eine Massage gebucht. Lomi Lomi, wo immer gesagt wurde, das ist eine super sanfte Massage mit so Warmöl. Und das war halt so voll Knochenbrecher-Style. Lomi Lomi. Ich sage so Ja, ja, wirklich unangenehm. Das war das erste Mal, dass ich eine Massageangst hatte, der bricht mich in der Mitte durch. Und da hab ich gesagt, mach mal ein bisschen weniger doll, bitte. Erstes Mal, zweites Mal gesagt, drittes Mal gesagt. Und am Ende hab ich mich dabei ertappt, so nach dem dritten Mal sagen, war es so aushaltbar. Aber ich meine, du lässt dich ja nicht massieren, damit es aushaltbar ist, sondern damit es irgendwie schön und entspannend ist. Ende vom Lied. Ich hab mich hinterher, hab ich dann mit denen Kontakt bekommen und gesagt, wissen Sie, das war echt fatal.
Iva Samina: Und das ist spannend, den meisten Menschen bei der Massage geht das so. Und ich ertappe mich auch immer noch manchmal dabei. Dass ich denke, ah, das ist jetzt aber nicht optimal. Ja, aber die Person gibt sich ja gerade so viel Mühe. Ich möchte jetzt die Person nicht vor den Kopf stoßen. Na, okay, jetzt sage ich was. Jetzt habe ich schon einmal gesagt, jetzt will ich es ja, aber genau wie du sagst. Ich buche ja, es geht ja um mich, dass ich eine schöne Erfahrung mache. Und dann traut man sich nicht, den Mund aufzumachen und lässt es über sich ergehen. Ja, ja, total fatal.
Joel Kaczmarek: Ja, aber es ist ja auch die Vorstellung, ich weiß, von meinem anderen Partner war immer so ein bisschen russisch angehauchte Frau und dann hieß es, wir wollen eine Massage haben und dann so richtig so knack, knack, knack. Und die Eskalation, dann sich hinzusetzen, also man sagt es einmal, zweimal und dann, weißt du, du bist auf dieser Massagelie, ich stell mir das gerade so vor, du bist auf dieser Massagelie, hast den Kopf in dieser Öffnung, du setzt dich auf, drehst dich um, guckst sie an und sagst, also, ich hab jetzt dreimal gesagt, das ist zu hart, dann lassen wir das, glaube ich, lieber sein. Und ich meine, wie unangenehm ist das? Was für eine Überwindung kostet das? Und deswegen mal so die Frage an dich, hast du das sozusagen gut gelernt, dass du das auch aushältst? Dann einfach zu sagen, nee, ich gehe jetzt aus der Situation weg oder eskalier das oder wehr mich.
Iva Samina: Ich bin definitiv sehr viel besser geworden und in vielen Fällen gelingt das mir ziemlich gut. Also ich denke, ich kann sehr klar sein. Ich kann auch immer besser für mich einstehen. Es ist manchmal nicht einfach, gerade wenn man einer Gruppe gegenüber Nein sagt, dann steht man plötzlich alleine da. Es kann manchmal auch echt schmerzhaft sein, wenn dann alle gegen einen sind, weil sie es nicht verstehen, weil sie es nicht nachvollziehen können. Habe ich auch schon erlebt. Es gibt tatsächlich auch Momente, wo auch ich noch hadere. wo dann diese alte Konditionierung durchkommt, dieses, aber ich will doch jetzt hier gemocht werden, ich will es mir jetzt hier nicht verspaßen. Das Leben hat mir über die letzten paar Jahre, das war vor zwei Jahren, ging es darum, in meiner Wahrheit zu sein. Und das Leben hat mir die ganze Zeit neue Übungssituationen vorbeigebracht. geschickt, dass ich wirklich Also es blieb mir wirklich Okay, Eva, du kriegst noch eine Situation. Ich möchte wirklich sehen, dass du gelernt hast, für dich einzustehen. There you go. Ich habe es einmal nicht gemacht und es ist mir so dermaßen um die Ohren geflogen. So um die Ohren geflogen. Und diese Konsequenz war so viel schlimmer, als eine ganze Gruppe gegen mich zu haben. Und wahrscheinlich habe ich das auch gebraucht, um noch besser für mich einstehen zu können. Aber es ist nicht immer einfach. Ja.
Joel Kaczmarek: Ich überlege gerade, ob ich sogar die Gruppe manchmal einfacher finde. Ich erinnere mich, als ich in der siebten Klasse war, wollte meine ganze Klasse gegen Schulausfall demonstrieren. Dann habe ich gesagt, nö, das mache ich nicht mit. Dann haben die gesagt, wieso denn nicht? Bist du irre für freie Stunde? Ich habe gesagt, ja, aber ich finde das gegen die Intuition, gegen Schulausfall zu demonstrieren, also ich mache sozusagen auf einen Missstand aufmerksam, indem ich den Missstand verstärke, finde ich nicht sinnhaft. Und das Problem war aber, wenn fünf Leute da blieben, wurden alle ins Klassenbuch eingetragen. Was meinst du, was da los war? Weil ich war der Fünfte. Nee, mache ich nicht. Bei den anderen Vieren, die gesagt haben, nee, hat mein Mutter mir verboten, oder so, da kam gar nichts. Und bei mir sind voll alle drauf. Und ich finde, wenn man es für eine Sache macht, ist es ja auch nochmal was anderes, als wenn man es für sich selbst macht. Fällt mir gerade dabei auch so auf. Also zu sagen, so, nö, ich mach das hier für die richtige Sache, so the right cause, ist ja nochmal was anderes als so, ah ja, okay, 50 Euro hat die Massage gekostet, halt ich das jetzt noch kurz aus. Ja, so stellt es sich ja ein. Man sucht ja dann immer nach Gründen, warum es eigentlich doch ganz okay ist.
Iva Samina: Ja, das stimmt. Das stimmt. Für etwas anderes ist es oft leichter einzustehen als für sich selber. Und die spannende Frage ist, warum ist das so? Warum fällt es uns so schwer, für uns selber einzustehen? Das mag ich, das mag ich nicht. Bitte hör auf.
Joel Kaczmarek: Ja, auch guter Buller, böse Bulle. Oder so, tut mir leid, ich darf Ihnen das leider nicht verkaufen. Das hat mein Chef mir verboten. So hat er gar nicht. Aber es ist einfach, etwas zu sagen. Sich auf so etwas anderes zu berufen. Na gut, vielleicht sind ja außer uns beiden jetzt auch noch die ein oder andere besser beim Nein sagen und denken über die nächste Massage an uns. Ich denke jetzt an deinen dritten Punkt und bin gespannt, wie der lautet.
Iva Samina: Mein dritter Punkt ist, das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Ich habe das Leben ganz schön ernst genommen. Das ist richtig, das ist falsch, das macht man aber so. Und das war echt eine Riesenerleichterung, als ich realisiert habe, ich muss nicht immer alles so ernst nehmen. Mich nicht, die Situation nicht und auch das Leben nicht. Und ich darf auch Fehler machen und ich darf auch mal über mich selber lachen und über die Situation lachen. Oh, was für eine riesen Erleichterung.
Joel Kaczmarek: Ich habe gerade so eine, also irgendwie hat sich die Schulzeit wohl eingebrannt. Ich bin einmal mit einer Klassenkameradin zum U-Bahnhof gelaufen und dann hat die sich so aufgeregt, dass ich immer nur so rumalbere. Dann habe ich gesagt, warum? Ich bin halt Irgendwie, das ist doch gut. Ja, das ist so kindisch. Ich sag so, ja, kindisch ist doch gut. Mehr wie Kinder sein ist doch super. Nein, kindlich sein ist gut, aber kindisch sein ist nicht gut. Da hab ich echt drüber nachgedacht, hat sie da recht? Gibt es da einen Unterschied zwischen? Und ich bin bis heute so an dem Punkt, dass ich so denke, Leute, warum muss ich das hier so ernst nehmen, wenn ich mich nicht mal so ernst nehme? Ihr nehmt euch auch alle viel zu ernst. Also viele Menschen, finde ich, sind dabei und denken mir so, come on, du bist nicht der Papst, du bist jetzt hier auch nicht die Queen, ne? Aber ich meine, gut, vielleicht ist da dein Job auch nochmal einfacher. Also wenn man da mit nackten Menschen zu tun hat und irgendwie sich da alle Pforten öffnen, da gewinnt man doch wahrscheinlich sowieso einen ganz anderen Blick auf das Leben, oder?
Iva Samina: Definitiv. Ich komme mit sehr viel Demut auf jeden Fall in Kontakt. Egal, ob es jetzt die Geburten sind oder Sexualität, ich darf wirklich so einen tiefen Einblick haben, in so viele unterschiedliche Leben bekommen. Und jeder hat seinen eigenen Leidensweg und Leidensdruck. Und jeder hat seine eigene Geschichte. Und alle haben sie ihre Daseinsberechtigung. Und am Ende, ja, es berührt mich am Ende einfach immer wieder. Jeder Mensch mit seiner Art und Weise. Und wenn ich dann mal meine Beurteilung rausnehme, richtig und falsch, dann ist es einfach, wie es ist. Und das ist Teil des Lebens. Und dann kommt automatisch die Demut mit rein.
Joel Kaczmarek: Als du eben meintest, das Leben nicht zu ernst zu nehmen, du hattest ja bei einer deiner vorherigen Ausführungen auch gesagt, dass du mit einer sehr traumatisierten Familie groß geworden bist. Hast du Lust darüber, was zu erzählen?
Iva Samina: Ich kann so ein bisschen anreißen, aber ich glaube, dass viele von uns in sehr traumatischen Familien groß geworden sind, weil der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg, es ist noch nicht lange her. Und die Menschen von damals, die waren einfach nur mit dem Überleben beschäftigt. Die hatten keine Kapazität, den ganzen Schmerz und das ganze Leid aufzuarbeiten. Da ging es nur ums fucking Überleben. Dann kam die nächste Generation. Das war die Generation, die Deutschland wieder mit aufgebaut hat. Die sind mit diesen traumatisierten Eltern groß geworden, haben selber ganz viel mitbekommen, abbekommen. Da wurde zum Teil nicht viel geredet, oft nicht viel Körperkontakt, nicht viel Emotion. So ein Klaps auf den Hinterkopf hat noch niemandem geschadet. Solche Sachen, Baby musst du mal schreien lassen, sonst verwöhnst du das, wenn du das immer auf den Arm nimmst. Also diese ganzen Dinger. Und dann sind wir halt dabei rausgekommen. Und es gibt ein ganz wunderschönes Buch, was ich gerade lese. Das heißt, dieser Schmerz ist nicht meiner. Und immer mehr Therapeuten fangen damit an zu arbeiten, dass einfach Trauma von Generation zu Generation übertragen werden kann. Oder Schmerz oder Erfahrungen. Und wir sind eine Gesellschaft, die auf Trauma basiert. Sind wir. Und fast jeder hat ganz viel Trauma in der Familie. Und von Generation zu Generation wird es leichter. Es heißt ja auch immer, es braucht sieben Generationen, bis ein Trauma sich aufgelöst hat. Und ich habe jetzt auch eigene Kinder und ich habe auch schon ein Enkelkind. Und ich sehe auch, meine Kinder laufen schon wieder ganz anders durchs Leben. Jetzt sehe ich meinen kleinen Enkelsohn, der ist auch nochmal komplett ganz anders da. Es wird immer leichter von Generation zu Generation. Aber so ist halt, da ist halt einfach. dieser Krieg und diese ganze Flucht hat meine Familie sehr tief geprägt. Und da bin ich halt draus hervorgegangen.
Joel Kaczmarek: Ja, ich glaube, vor sieben oder acht Jahren habe ich das erste Mal davon gehört. Ich habe einen Freund, der ist in der PR und hat Psychologie studiert. Und der hat gesagt, der ist aus Österreich. Und ich habe gesagt, das ist mit den Zellen so. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Man kann Erinnerungen vererben. Was meinst du denn, warum in den USA so viele Schwarze im Gefängnis sind? Das ist das Erbe des Traumas der Versklavung. Und das war das erste Mal, wo ich darüber nachdachte und dachte, ach krass. Und das stimmt ja. Also wenn man sich das mal so anguckt, das trägt sich so durch die Generationen fort. Das ist manchmal Sozialisation. Aber manchmal auch echt Genetik. Und wie geht es denn dir damit? Ich glaube, du bist da aktiv, könnte ich mir vorstellen. Wie löst man denn was auf, was transgenerational ist? Das ist ein Riesending.
Iva Samina: Ich glaube, das Wichtigste ist überhaupt erst mal zu erkennen, dass es daherkommt. Und in diesem Buch wurde so ein Beispiel gegeben. Ich glaube, es war in diesem Buch. Da war ein junger Mann, der gerne feiern gegangen ist. Und das kennen wir alle, wenn man in einen Club geht, kriegt man ja in der Regel so einen Stempel drauf. Dass wenn man rausgeht, dass man wieder reinkommt. Und jedes Mal, wenn er einen Stempel bekommen sollte, hat er Panikattacken bekommen. Jedes Mal Panikattacken. Und das war für ihn nicht erklärbar, warum drehe ich jedes Mal so durch, wenn die mir da so einen Stempel drauf machen wollen. Und dann kam irgendwann raus, dass die Oma oder Uroma im KZ gewesen ist. Und die haben ja damals die Nummern eintätowiert bekommen. Das hat sich bei ihm, dieses Trauma hat sich bei ihm nochmal, wie soll man sagen, bemerkbar gemacht, ausgelebt. Und durch den Therapeuten ist er sich dessen bewusst geworden. Dann konnten sie eben mit dieser Geschichte arbeiten. Das ist auch gut, wenn man jemanden hat, der auch Ahnenarbeit kann oder sich damit auskennt. Und manchmal ist es ganz gut, diese Ahnen wollen gesehen werden mit ihrem Leid und mit ihrem Schmerz. Und dann auch sagen, ich sehe dich damit. Und das war bestimmt nicht leicht. Und ich lasse das jetzt bei dir und ich entscheide mich anders. Ich entscheide mich jetzt für die Freude und für das Leben. Und damit kann man teilweise wirklich schon ganz viel in die Heilung bringen. Einfach dadurch, dass man es erkennt und das Aussprechen es bei denen belässt. Aber nicht immer. Manchmal braucht es eben auch Therapie und sonst was.
Joel Kaczmarek: Ja spannend, weil ich hab auch mal jemanden kennengelernt, ich weiß nicht mehr wer es war, der hat mir erzählt, der hat immer Angst gehabt vor Fahrstühlen und dann hat die Oma gesagt, ach ja das ist der Opa und er hat es nicht verstanden, was damit gemeint ist. und sein Opa ist im Krieg. von einem Bombenschlag ist er im Fahrstuhl begraben worden und hat gerade so überlebt und es hat sich auf ihn übertragen.
Iva Samina: Genau solche Sachen. Und das ist wirklich spannend, wenn wir solche Ängste haben, dem mal nachzugehen. So, was ist denn in der Familie passiert? Und manchmal ist es einfach so ein Trauma, was sich übertragen hat und was einfach erlöst werden möchte.
Joel Kaczmarek: Spannend. So, aber zwei haben wir noch offen. Was ist denn dein vierter Punkt?
Iva Samina: Dass Scheitern und Fehlermachen dazugehört. Bei mir als Kind ging es ja darum, ich muss ein artiges Kind sein, damit ich überlebe und geliebt werde. Deshalb war ich ja so ein ganz artiges Kind. Und in meinem System ist ganz stark drinnen, ich darf keine Fehler machen. Ich darf keine Fehler machen, auf keinen Fall Fehler machen. Und was für eine Wohltat es sein kann, auch mal Fehler machen zu dürfen. Dass das supermenschlich ist, dass das zum Menschsein dazugehört und dass wir oft aus Fehlern am allermeisten überleben. daraus lernen können.
Joel Kaczmarek: Ist auch sehr deutsch, glaube ich. Ich meine, wir Deutschen waren ja erst so das Volk der Dichter und Denker, dann waren wir das Volk der Autoingenieure und in beiden Bereichen ist Fehler machen da ganz uncool. Also ein schlechtes Gedicht schreiben ist nicht so toll und wenn du einen Fehler beim Auto machst, sterben Leute. Also ich glaube Manchmal ist es auch kulturell nochmal so befördert und ich meine, ich bin ja sonst aus der Businesswelt und da ist es ganz oft so, ich war mal in Israel auf so einer Delegationsreise und dann waren wir unter anderem bei einem Investor und er hat gesagt, in Israel, if someone has not ruined the company, we will not finance him. Also so nach dem Motto, Wenn du da nicht einmal daneben gegriffen hast, kriegst du da gar kein Geld von. Weil die wissen, diese Einsicht, dieses Wachstum, dieses persönliche Wachstum, was du hast, sowohl beim Know-how als auch menschlich, wenn du mal so richtig eine Pleite hingelegt hast, ist das so hoch, dass jemand, der immer nur auf der Siegerstraße war, wenn er mit einem Problem konfrontiert wird, ja vielleicht sogar auch einknickt. Und das fand ich eine interessante Sicht.
Iva Samina: Ja, das ist schön. Ja, das gehört dazu. Man muss auch mal auf die Schnauze fallen können und einfach auch mal Blödsinn machen und Fehler machen und ja, ist menschlich.
Joel Kaczmarek: Aber bei dir scheint ja auch noch eine interessante Sidenote bei zu sein, dass du das mit geliebt werden verbunden hast. Also, dass wenn du alles richtig machst, wirst du geliebt und wenn du was falsch machst, wirst du es nicht.
Iva Samina: Ja, ja, ja. Das war so meine Interpretation als Kind. Dieses, ich darf nicht zur Last fallen, ich darf keine Probleme machen, ich bin ganz artig. So, dann ist mein Überleben gesichert, dann ist mein Überleben gewährleistet. Das war so meine unbewusste Überlebensstrategie. Und dazu hat halt eben auch gehört, ich darf keine Fehler machen.
Joel Kaczmarek: Wie bist du denn da rausgekommen?
Iva Samina: Ich bin immer noch dabei. Also es ist schon manchmal, wenn ich merke, es könnte ein Fehler sein, merke ich wirklich, oh Gott, ich kriege fast keine Luft mehr. Und ich muss mich dann manchmal wirklich immer noch durchcoachen, dieses, hey, ist das alles okay? Ist das alles okay? Und zur Not verliere ich jetzt diese Freundschaft, dann war es eventuell auch keine Freundschaft. Also weißt du, ich muss mich da selber durchbringen und das fällt mir immer leichter, aber ich bin noch nicht befreit davon.
Joel Kaczmarek: Ich fand mal ganz schön, also ich sage ja, vielleicht bin ich manchmal so männlich logisch geprägt, aber trotzdem manchmal hilft es ja auch. Da habe ich von Jeff Bezos so ein Zitat gesehen und da war so das Thema von Amazon, der Gründer. Es gibt Two-Door-Decisions und es gibt One-Door-Decisions. Also One-Door-Decisions heißt, du gehst durch diese eine Tür und es geht nicht wieder zurück. Also wenn du einmal durchgegangen bist, wenn du einmal gesagt hast, ich stelle die Firma jetzt von E-Commerce auf Hosting um oder whatever it is, dann ist es sehr teuer und sehr aufwendig, von da wieder zurückzukommen. Und die Two-Way-Door-Decision, die ist mehr wie in so einem Restaurant, diese Klapptüren, wo die Kellner innen immer durchlatschen, so in die Küche. Ja, okay, der Standort Austin, der rechnet sich doch nicht, den können wir wieder zumachen, gehen wir halt wieder zurück, so, ja. Und es war nur ein kleiner Standort, pipapo. Und sich dann zu fragen, ist das hier gerade sozusagen eine Einbahnstraßenentscheidung oder ist das eine ganz normale Straße, wo ich dann auch wieder umdrehen und zurückfahren kann, das nimmt ja schon mal so ein bisschen Druck aus der Geschichte raus, ja. Aber ich verstehe total, was du meinst, also Meine Mutter ist vage und ich kann dann immer sehen, wie die so Entscheidungen abwägt. Das kann ich sehen quasi. Und manchmal habe ich mich da auch bei, dass ich dann so denke, ah.
Iva Samina: Das ist ganz lustig. Meine eine Tochter ist auch doppelte vage und ich kann das bei ihr auch immer gut sehen. Da wird auch immer alles abgelegt. Total der Stress in ihr immer.
Joel Kaczmarek: Das ist geil, dass schon eine Entscheidung getroffen wurde und fünf Minuten später klingelt das Telefon und ich weiß schon genau, okay, sie will halt doch nicht mit ins Kino kommen. Vielleicht geht es dir ja auch so, weil du das gerade mit dem Lieben gesagt hast, also manchmal funktioniere ich über so Mantras oder, also ich habe dann so Sätze im Kopf, dass ich dann in so eine Situation komme und dann geht wie so eine Leuchtreklame im Kopf an und dann kommt so ein Satz und einer, den ich mal irgendwo aufgeschnappt habe, vielleicht in der Kita oder sowas war, Wenn sie sich am blödesten verhalten, sei am nettesten zu ihnen. Also in Bezug auf Kinder, wenn ein Kind so richtig anstrengend ist, dir so richtig auf den Geist gehst, wo du ja eigentlich geneigt bist, dann zu sagen, ausschimpfen, meckern, Vorgaben, whatsoever, dann nimm die in den Arm. Weil in der Regel ist es ja eher so ein Zeichen von Bedürftigkeit. Ich bin gerade überfordert, es ist mir alles zu viel, ich brauche Stressregulation. Und das ist zum Beispiel so ein Moment, da habe ich gerade daran gedacht, als du das beschrieben hast, in deiner Kindheit war es so, ich muss funktionieren, dann bin ich sicher, dann bin ich geliebt und wenn nicht, dann habe ich ein Problem. Ja. Habe ich jetzt gar keine Frage mit verbunden, aber die kam gerade so in mir hoch. Bist du denn schon mal so richtig gescheitert?
Iva Samina: Ja, ich bin schon. Also doch. Doch. Schon hin und wieder mal die falschen Entscheidungen getroffen. Mich zum Beispiel für eine Partnerschaft geöffnet, wo eigentlich auch eine innere Stimme gesagt hatte, don't do it. Ja. Ich habe es zur Seite gedrängt und habe mich trotzdem darauf eingelassen. Und dann ist es nach hinten losgegangen. Sehr schmerzhaft. Oder im Beruf, dass ich mich auf Projekte eingelassen habe. Und eigentlich war immer eine innere Stimme am Anfang da, die gezögert hat. Oder die gesagt hat, oh. Und dann kam der Verstand, der es schön geredet hat. Aber wieso? Aber nee, nee, nee. Das heißt, ich habe nicht auf mich gehört. Und bam, es ist mir um die Ohren geflogen. Ja.
Joel Kaczmarek: Karin von dem Buch, was ich vorhin erzählt habe, die hat immer diesen schönen Satz gesagt. Ich weiß nicht, heißt immer nein. Weil es ist ja genauso, wie du sagst. Also ich komme auch manchmal in so Situationen rein und denke so, weiß nicht so richtig. Und dann kommt so eine Postrationalisierung. Naja, aber wenn du dies dann so und das könnte und so. Ich weiß nicht, heißt immer nein. Na gut. So, wenn ich mir nicht verzählt habe, einer fehlt noch.
Iva Samina: Einer fehlt noch. Ja. Und das kam mir tatsächlich erst vor zwei Tagen, dass ich mir dachte, ja Manchmal ist es wirklich, also ich glaube, es wäre gut gewesen zu wissen mit 20, dass es manchmal besser ist, das, was man unbedingt haben will, nicht zu bekommen. Also wie oft saß ich schon da und dachte mir, aber ich will das, ich will das, ich brauche das. Und dann habe ich das bekommen. und dann war es Hölle. Und da auch dem Leben zu vertrauen. Und zu sagen, ja, manchmal ist es vielleicht besser, die Dinge, die ich unbedingt haben will, nicht zu bekommen. Weil manchmal gibt es noch was viel Besseres.
Joel Kaczmarek: Das ist ja ein geiler Punkt. Da kann man ja auch echt drüber nachdenken, was sich da eigentlich alles mit verbindet. Erzähl mal noch ein bisschen mehr. Warum war es manchmal so, dass es für dich gar nicht so der Genuss war, den du erwartet hattest, als du die Sache dann bekommen hast?
Iva Samina: Mir ist tatsächlich nicht so ein wirkliches Beispiel eingefallen, aber ich weiß, dass ich das schon hatte. Ja, es tut mir leid, ich kann da kein Beispiel liefern.
Joel Kaczmarek: Also mir poppte gleich im Kopf so hoch, als ich studiert hab, fand ich einen Mädel ganz, ganz toll und ich hab mich so reingehangen, ich hab geguckt, was liest denn die so, mal auf der Facebook-Seite gelesen, was liest denn die für Bücher, mal reingeschaut, immer so ein Feeling für diese Person kriegen, hab mit der Aktivitäten zusammen gemacht, hat am Ende nicht geklappt. und dann hab ich auch hinterher gedacht, ja, wahrscheinlich was besser. Ich mein, ist ja auch so ein bisschen, wenn man sich so reinsteigert an den Dinge, das hat ja schon was fast Stalkinghaftes so. Das Schöne war, ich habe mich gefreut, das Buch, was ich bei ihr gelesen habe, das war ein richtig geiles Buch. Das war ein tolles Geschenk, aber mit der sollte es halt nicht sein. Und ich glaube, ganz oft haben wir das da eigentlich mit Menschen, dass wir gerne so mit Menschen zusammen sein können.
Iva Samina: Ja, ja, ja. Doch, ich hatte das schon einmal. Ich wollte einmal auch Räume anmieten. Ich war so, ja, ja, ja, unbedingt, unbedingt. Dann hat es nicht geklappt. und dann habe ich gemeint, uh, mit dieser Person, das wäre sowas nach hinten losgegangen. Da hätte ich ja nur Stress und Ärger gehabt. Sowas zum Beispiel, ja.
Joel Kaczmarek: Aber hast du eigentlich recht? Das ist wirklich manchmal so, also ich weiß gar nicht, was es dann ist, was einen davor bewahrt. Also entweder ist es ja so, man findet was noch viel Besseres oder man merkt hinterher so, ach, ich wollte das total doll, aber es hätte mir gar nicht gut getan. Ach du jener, da habe ich aber Glück gehabt. Ist lustig eigentlich, ne?
Iva Samina: Naja, wobei vielleicht mein Hebammen sein, das ist vielleicht doch ein gutes Beispiel. Da denke ich immer wieder dran. Und ich glaube, ich hätte den Job geliebt und ich wäre bestimmt eine gute Hebamme geworden. Nur Nachtschicht ist überhaupt nicht meins. Ich tue mir sehr schwer, eine Nacht nach der anderen durchzumachen. Das ist nicht meins. Und auch im Krankenhaus, da könnte ich nicht arbeiten. Das ist nicht mein System. Definitiv nicht. Und freiberuflich, da hat man ja quasi immer nur Fußfessel. Also ich habe hin und wieder als Zoolog gearbeitet. Und Gott, dann lässt man ausführen, das Handy zu Hause liegen. Wenn jetzt der Anruf kommt, scheiße. Da kann man nicht einmal sagen, ich fahre jetzt irgendwie mal spontan das Wochenende an die Ostsee. Geht halt nicht. Und da habe ich mir auch schon ein paar Mal gedacht, Mensch, vielleicht war es doch besser, dass ich auch nicht Hebamme geworden bin. Weil jetzt mache ich auch das, was ich mache. Und das liebe ich auch total. Und ich habe viel mehr Freiheiten.
Joel Kaczmarek: Ist ja ein bisschen eine esoterische Frage. Aber was glaubst du, wer entscheidet manchmal, dass wir das nicht bekommen, was wir wollen? Entscheiden wir das selber, unser Unterbewusstsein, oder entscheidet es das Universum für uns?
Iva Samina: Vielleicht so, ich glaube, ich kann mir vorstellen, so ein Zusammenspiel. Da gibt es unbewusst einen Teil, wo wir auch lieber die Erfahrungen machen wollen und wo das Leben sagt, ja, mach es mal lieber die Erfahrungen.
Joel Kaczmarek: Das klingt sehr fürsorglich, so wie du das Leben gerade beschreibst.
Iva Samina: Oh ja, ich bin der Überzeugung, das Leben ist immer für uns. Immer, immer, immer. Wir können es zwar ganz oft erst mal nicht erkennen und verstehen, aber das Leben ist immer für uns.
Joel Kaczmarek: Ja, ich hatte einen Podcast mit John Strzelecki. Der hat hier das Café am Rande der Welt geschrieben und The Big Five for Life. Und ich weiß nicht, ob du die Bücher kennst, aber da geht es ja viel so um Purpose. Also was ist eigentlich das, was du im Leben möchtest? Und in seinem zweiten Café am Rande der Welt Buch, und das hat er mir dann auch im Gespräch ganz detailliert ausgeführt, beschreibt er das Universum wie Navigationssystem. Der sagt halt, wenn du dich in dein Auto sitzt und gehst immer Pizza essen, dann merkt sich dein Navi irgendwann, so wie Google. Der Typ mag offensichtlich Pasta oder Pizza. Ja, dann biete ich dir mal mehr italienische Restaurants in der Nähe an. Und genauso funktioniert das Universum auch, dass wenn du halt immer bestimmte Dinge suchst, dann denkst du im Universum, ah, die Iva macht das wohl hier mit Sexualität, dann zeigen wir immer noch eine Ausbildung, dann zeigen wir immer noch einen Retreat, dann zeigen wir immer noch und so weiter und so fort. Also deswegen auch so ein bisschen be careful what you wish for. Und wahrscheinlich stimmt es aber auch, was du sagst, Also ich habe mal gelernt, das Unterbewusstsein, also wir fühlen viel schneller, als wir denken. Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, du bist so viel hier oben, aber wenig hier unten. Warum denn? Ich sage, weil ich da einfach richtig gut bin. Ich bin einfach richtig schnell im Denken. Und dann habe ich aber irgendwann mal gesagt bekommen, fühlen ist viel schneller als denken. Viel, viel schneller. Also es gibt irgendwie so Studien, ich kriege nicht mehr die Zahlen zusammen und auch nicht, was die Einheit war, aber so sinngemäß, wenn du denkst, kannst du irgendwie acht Informationsbausteine in der Sekunde verarbeiten und wenn du fühlst, 30.000 oder so. Also es ist wirklich Riesig, ja. Oder 30 zu 8000. Also wirklich um tausender Potenzen größer. Und da dachte ich so, ach, guck mal an. Und wahrscheinlich ist es ganz oft so, dass wir so unter unserem Bewusstsein weiß schon was und schickt so Signale raus, weiß ich, Körperhaltung, Blickkontakt oder was weiß ich.
Iva Samina: Das ist ein mega spannendes Feld. Es ist ein unfassbar spannendes Feld. Ja, ja, ja. Und ich habe sogar, ich habe in meinem ganzen Hin und Her überlegt, ich habe sogar noch einen sechsten Punkt. Und den will ich jetzt ganz kurz noch verraten, nämlich, dass der Sex im Alter immer besser wird.
Joel Kaczmarek: Ach, guck.
Iva Samina: Ja, und das, als ich das irgendwann erfahren habe, das war so, es war so ein, oh, wie geil ist das denn? Da habe ich was, worauf ich mich freuen kann.
Joel Kaczmarek: Und ganz ehrlich, du musst es ja wissen. Ja. Wann ist dir die Einsicht gekommen?
Iva Samina: Also bisher hat es sich bewahrheitet, ja.
Joel Kaczmarek: Wie alt warst du denn? aber, als du das eingesehen hast, als du das gemerkt hast?
Iva Samina: Ich glaube schon in den 30ern definitiv. In den 30ern. Und jetzt begegnen mir immer wieder Frauen in den 50ern und 60ern, die sagen, oh, und dann beginnt der zweite Frühling. Es wird noch besser. Und ich denke mir, was? Noch besser? Oh mein Gott.
Joel Kaczmarek: Ich wollte dich das gerade mal ganz blöd fragen. Kann man das eigentlich noch mit 60, 70 Sex haben oder auch 80? Oder ist da irgendwann auch Schicht?
Iva Samina: Ich kenne sehr viele Menschen, das ist ganz spannend, ich weiß noch, als wir Kinder waren, haben unsere Eltern noch Sex? Ja, mit 50 oder so. Aber ich kenne sehr viele Menschen, die sind mit 50, 60, 70, zum Teil 80, durchaus noch sexuell aktiv. Mag sich einiges ändern.
Joel Kaczmarek: Bei mir war es gefühlt immer so, dass wenn dann irgendwie so ein älterer Herr in der Runde war, ich sage immer, der ist schon impotent. Ich glaube, die machen nichts mehr miteinander. Und dann habe ich mir gedacht, ist das so ein Automatismus? Ist das so 70 Schlag und dann hängt der Wimpel nur noch auf Halbmast? Oder bei Frauen mit der Menopause, so nach dem Motto Wechseljahre Schicht, kann ich mir gar nicht vorstellen.
Iva Samina: Ist das nicht abgefahren, wie wir programmiert sind in dieser Gesellschaft?
Joel Kaczmarek: Wie ungebildet auch, dass hier ein 41-jähriger Mann sitzt und nicht weiß, ob man mit 70 noch die Geschlechtsteile noch sexfähig sind sozusagen.
Iva Samina: Ja, ja, abgefahren. Und es gibt durchaus Männer oder Menschen, da ist nicht mehr so viel los, was passiert. Aber ich kenne mehrere Frauen Mitte 70, die haben so eine erfüllte Sexualität. Und das sieht man denen an. Mit Mitte 70 kommen die in den Raum rein und die strahlen. Und das sind vier. Vier Frauen, die ich kenne Mitte 70, wo ich mir wirklich die Finger nachlecke. Wo ich mir denke, boah, sind die geil. Sind die sexy. Wow.
Joel Kaczmarek: Ich glaube, dann schließt sich der Bogen, wenn wir hier zum Ende kommen. Also ich glaube an deine Hypothese, die du gesagt hast, dass Sexualität, dieser Energiefluss, dass das so unsere innere Energie ist, die da zum Fließen kommt und dass das so in einer Reihe steht mit Atmen, Essen, Schlafen. Ich glaube, da ist was dran, dass das so ein Mix macht und dass wir dann auch manchmal so abgekapselt sind. Also diese sexuelle Energie und die ist ja, wie gesagt, genau wie du es gesagt hast, so aufgeladen. Die Geschlechtsteile sind sexualisiert, hast du glaube ich gesagt. Das heißt, wir haben da immer so Schublade gleich. Und ich glaube, vieles davon hält einen dann davon ab, mit sich selbst sozusagen in der Energie zu sein.
Iva Samina: Ja, ja, und es geht ja auch wirklich darum, dass wir lernen, diese Energie wieder frei durch uns hindurch fließen zu lassen, wie eben kleine Kinder, so wie wir geboren wurden. Dass wir uns einfach wieder öffnen und das fließt wieder frei durch uns hindurch. Und das kann durchaus erstmal herausfordernd sein, wenn wir das nicht gewohnt sind, weil normalerweise, wenn die Energie kommt, sind die meisten gleich, jetzt muss ich was damit machen. Aber kann ich in dieser Energie sein, als Mutter auf der Arbeit, als Hausfrau auf der Straße mit meinen Freunden, ohne irgendwas damit machen zu müssen? Das ist super schön. Super, super schön.
Joel Kaczmarek: Siehst du, da sagst du was Interessantes. Du hast so viele Dinge erzählt, das habe ich vorhin aber nicht aufgegriffen. Also das hat ja auch das Potenzial, Leute erstmal zu erschrecken, genau wie du es gesagt hast, wenn man sagt, Kinder sind sexuelle Wesen. Was ist denn an kindlicher Sexualität anders als an erwachsener Sexualität?
Iva Samina: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Kinder, sie haben das nur mit sich selber. Nur sie alleine mit ihrem Körper. Sich selber erkunden und entdecken und erforschen. Dieses mit jemand anderem, das kommt dann in der Pubertät irgendwann dazu. Ansonsten geht es erstmal nur um sie. Und ich denke, das ist der große Unterschied. Da gibt es wahrscheinlich auch noch andere. Ja, und ich denke auch, da ist auch diese Unschuld mit dabei, dieses Erkunden und Erforschen und guck mal da und neugierig sein. Und nicht dieses intentionelle, ich will jetzt und dann gehe ich gezielt irgendwo hin.
Joel Kaczmarek: Und wahrscheinlich hat es bei denen auch gar nichts mit den Geschlechtsorganen immer zu tun, ne? Nee, nee.
Iva Samina: Also klar macht das auch schöne Gefühle und die fassen sich ja auch gerne dahin und so. Oder diese Doktorspielchen, da wird ja auch gerne mal geguckt und so. Aber nee, es ist eben nicht nur auf die Genitalien. Die sind ja auch mit ihrem Mund, die tun ja die ganze Welt mit ihrem Mund auch erkunden, erforschen. Da ist ja auch ganz viel Sinnlichkeit.
Joel Kaczmarek: Ja, ich weiß, als ich ein kleines Kind war, ich fand völlig faszinierend, dass Spucke so komisch riecht, weiß ich noch. Also wenn man sich mal irgendwas von der Hand geleckt hat, so Marmelade oder so und riecht dann an sich selber und denkt so, warum riecht das denn so komisch? Also so dieses sich selbst erfahren, ich glaube, ich weiß, was du meinst, was da mit dieser Unschuld drin steckt. So, gut, also wir gucken nochmal ganz kurz. Iva Samina, erstens, ich darf um Hilfe fragen. Zweitens, ich darf Nein sagen. Drittens, das Leben solltest du nicht immer zu ernst nehmen. Viertens, Scheitern und Fehler machen gehört auch dazu. Fünftens, manchmal ist es besser, das, was man unbedingt möchte, nicht zu bekommen. Und sechstens, der Sex wird im Alter immer besser. Also wenn das keine gute Liste ist, dann weiß ich nicht, was dann.
Iva Samina: Hast du denn bei deinen ganzen Podcasts, hast du so Sachen, die sich immer wiederholen, habe ich mich gefragt?
Joel Kaczmarek: Es gibt so ein paar Patterns, die kommen, ja. Und der eine, der wichtigste, der größte, der immer wieder kommt, also da reden wir bei 30, 40 Gesprächen vielleicht von 5, 6 Mal, ist, tu das, was dich glücklich macht.
Iva Samina: Oh, der ist auch schön.
Joel Kaczmarek: Das ist immer so. dieses, einer hat es mal ganz schön gesagt, wenn du das machst, was dir Spaß macht, dann ist kein Tag wie Arbeit. Alles andere fühlt sich an wie Arbeit, weil es anstrengend ist, weil du was machst, was du eigentlich gar nicht magst. Das ist so ein Punkt, der sehr häufig kommt. Jetzt hatte ich lustigerweise einmal, der sich gedoppelt hat, Besitz belastet. Ja, fand ich auch ganz interessant. Ja, ich würde sagen, das sind so die wesentlichen.
Iva Samina: Ach schön, dann kannst du irgendwo mal ein Buch mitschreiben.
Joel Kaczmarek: Ja, guess what? Ja, vor allem das Schöne ist manchmal, dass die so einander sich verzahnen. Also was der eine Mensch als Learning für sein 20-jähriges Ich bereithält, dockt dann sozusagen an, dann das des anderen. Ja, deswegen. Ach, das ist schön. Love it.
Iva Samina: Danke.
Joel Kaczmarek: Ja, danke dir auch.
