
Brennpunktschulleiter: Wie du mit schwierigen Menschen klar kommst
11. April 2025, mit Joël Kaczmarek
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Joel Kaczmarek: High Five Leute, hier ist Joel und heute habe ich jemanden zu Gast, der wirklich was zu sagen hat. Und zwar zum einen, weil er Schulleiter ist, also hey, da hören wir alle hin. Und zum anderen auch, weil er weiß, wie man aus schwierigen Situationen echte Chancen kreiert. Und zwar ist das der liebe Engin Catik. So und Engin hat schon eine Berliner Schule aus der Krise geführt, nämlich zuletzt die Johanna-Eck-Schule. Und jetzt steht er an der Spitze einer neuen, nämlich der Friedrich-Bergius-Schule. Die kennt vielleicht der ein oder andere von euch. War ja groß in den Medien, weil es da einen Brandbrief gab. Das Kollege hat gesagt, hey Hier muss ich was tun, schlimme Zustände. und ja, er hat sich davon nicht abschrecken lassen, sondern hat gesagt, komm, da geh ich hin und mach's besser. und genau das tut er auch. Mit Klarheit, Haltung, echter Zugewandtheit, also ich bin mal neugierig, dass er mich auch mal ein bisschen an die Hand nimmt, wie man sowas wirklich in den Griff kriegt, weil die Presseartikel kennen wir alle, aber ich bin ja auch mal wirklich interessiert dran, wie ist das in der Praxis. So und was ihn auszeichnet ist, dass er zum einen halt wirklich eine Führungskraft ist und zum anderen aber auch die Jugendlichen versteht. Er hat auch selber Migrationshintergrund, hat mir schon gesagt, dritte Generation Einwanderer Türken, türkischer Herkunft. Er hat drei Kinder, er hat Leistungssport, Fußball getrieben und will dieses Jahr den 10. Berlin-Marathon laufen. Also der hat sich was vorgenommen, der Mann. Von daher, ich freue mich total, dass du da bist und bin gespannt auf deine fünf Dinge, Engin. Hallo!
Engin Catik: Hey, vielen Dank für die Einladung. Ja, ich freue mich auch aufs Gespräch.
Joel Kaczmarek: Ja, und ich sag mal so rum, also du weißt, wie man renitente Menschen in den Griff kriegt. Gib mir mal eine kleine Anleitung. Ich frage für einen Freund.
Engin Catik: Erster Aspekt ist tatsächlich, dem Gegenüber Wertschätzung entgegenzubringen und egal, was für ein Mensch mir gegenüber sitzt, erstmal zugewandt zu sein, zuzuhören und dem eine Chance zu geben, sich zu erklären. Ich glaube, das ist so ein Grundbedürfnis von uns allen, egal ob es renitente Jugendliche sind, ob es angenehme Erwachsene sind. dass wir auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, obwohl wir nicht auf Augenhöhe sozusagen agieren. Ich als Schulleiter habe natürlich immer mehr Macht als die Schülerinnen und Schüler. Ich versuche, die nicht auszunutzen. Das ist vielleicht noch ganz wichtig.
Joel Kaczmarek: Hm, ich stell mir das gar nicht so einfach vor. Also ich sag mal so, du hast doch da wahrscheinlich so 20 Sekunden Zeit und dann sagt so ein Kid zu dir, ey Dicker, du bist irgendwie sus oder du bist irgendwie cringe, verpiss dich, keine Ahnung. Also das ist ja ein echt gnadenloses Game mit denen. Was ist denn so dein Trick? Ist es so ein bisschen, weil du einer von ihnen auf eine Art bist? Weil du selbst, sag ich mal, ich find du hast was sehr Jugendliches so in deiner Art. Oder woran liegt's?
Engin Catik: Ja, ich glaube, ich spreche ihre Sprache, da hast du recht. Also nicht nur die türkische Sprache beherrsche ich oder ein paar arabische Begriffe oder auch serbokratisch. Ich bin halt Berliner Junge und ich leite eine Schule in Berlin und ich komme durchaus auch, wenn wir mal in Jugendsprache sprechen, von der Straße. Das heißt, ich glaube schon, dass das hilft in der Kommunikation mit den Jugendlichen, aber viel wichtiger ist, und das schaffen auch andere Pädagoginnen und Pädagogen, die nicht in Anführungsstrichen von der Straße kommen, ist die Haltung. Und wenn man eben das an den Tag legt, was ich vorher gesagt habe, dass man einfach offen ist, zugewandt und fair, dann geht das ganz egal, ob man ein Mann ist, jung ist, eine Frau ist und so weiter.
Joel Kaczmarek: Ich habe so ein Video von dir gesehen, da läufst du durch so eine Schule und guckst dir so eine Schultoilette an. Also wie immer, kaltes Wasser nur, das einlagige Recycling-Toilettenpapier, an der Decke hängen so die Knöllchen. Und du gehst da so durch und sagst so, ey, das ist hier überhaupt keine wertschätzende Umgebung, da sollten wir was dran tun. Und ich habe mir das so angeguckt und dachte, geil, geiler Befund, so ein Detail, weil tagtäglich hältst du dich daran auf als jemand in so einer Schule. Ja. Und gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt, was hast du eigentlich für einen Bewegungsspielraum? Irgendwie ist ja so, keine Kohle da, alles ist so reglementiert. Was hast du eigentlich für Bewegungsfreiheit?
Engin Catik: Du, in Berlin sind Schulleitungen eigenverantwortlich aktiv. Das gibt uns einen großen Spielraum tatsächlich. Wir leiten unsere Schulen ähnlich wie Unternehmen. Wir haben verschiedene Budgets, wir haben Kennzahlen, mit denen wir agieren und arbeiten. Gewisse Dinge, wie das Schulgebäude, da hast du recht, gehören aber zu dem Schulträger. Also bei uns ist es in Berlin der Bezirk, der sich um dieses Schulgebäude kümmern muss. Aber man kann ja auch Schülerinnen und Schüler positionieren, Anträge zu stellen in verschiedenen Ausschüssen und sie sozusagen gestalten lassen. Und einem Jugendlichen etwas abzusprechen oder es abzulehnen in einem Ausschuss ist viel schwieriger als einem nervigen Schulleiter. Das heißt, ich hatte ganz viele aktive Eltern und auch Schülerinnen und Schüler, die die Schulgemeinschaft dabei unterstützt haben, besser zu werden. Aber Spielraum gibt es.
Joel Kaczmarek: Und ich bin auch mal neugierig, weil ich habe einen Freund, der ist auch Lehrer in der Grundschule. Der sucht sich gerne Problemschulen aus, ist jetzt gerade von Niedersachsen nach Berlin gewechselt. Bisschen Kulturschock.
Engin Catik: Ja, glaube ich.
Joel Kaczmarek: Und mir sind so zwei Sachen in Erinnerung geblieben, die der gesagt hat. Das eine war, dass er gesagt hat, ey Joel, das ist so krass mit den SchülerInnen heutzutage. Ich muss die teilweise wirklich anschreien, weil sie haben nicht mehr die Aufmerksamkeitsspanne. Wenn ich den Namen sage, viermal, fünfmal, sechsmal, sie reagieren gar nicht. Und ich find's total traurig, ich möchte die Stimme nie anheben. Ich hab immer das als meinen Anspruch gesehen, nicht zu schreien. Aber es funktioniert teilweise nicht mehr, weil die sozusagen so drüber sind, so overpaced und so weiter und so fort. Ist das wirklich so ein Realitätsbeispiel, was nah an dem ist, was du auch erlebst?
Engin Catik: Auf jeden Fall. Weißt du, früher haben wir tatsächlich vor den Sommerferien, ich als Lehrer zum Beispiel, auch mal einen Film gezeigt. Wenn du heute ansagst, wir gucken einen Film vor den Sommerferien, sagen sie alle, nö, ist viel zu langweilig und dauert zu lange. Also die Aufmerksamkeitsspanne, von der du sprichst, die ist definitiv spürbar, weil sie eben nur noch nach oben scrollen und sich diese Shorts angucken, auf welchem Im sozialen Medium auch immer. Ich glaube schon, dass wir da ganz, ganz viel Nachholbedarf haben. Es gibt nicht umsonst diese ganzen Tendenzen, Handyverbote an Schulen durchzusetzen und Jugendlichen irgendwie bis zum 16. Lebensjahr auch soziale Medien zu verbieten. Und dann kommt noch hinzu, die Heterogenität in den Klassen ist gerade in Berlin viel größer als noch vor einigen Jahrzehnten. Und dem gerecht zu werden als einzelne Person ist, wie soll ich denn das sagen, nahezu unmöglich.
Joel Kaczmarek: Und was machst du dann?
Engin Catik: Erstmal mein Kollegium beruhigen und ihnen sagen, dass sie gute Arbeit leisten und dass eben die Heterogenität große Herausforderungen mit sich bringt. Das führt erstmal dazu, dass sie sich entspannen und nicht die ganze Zeit beobachtet fühlen und leisten müssen. Und sie leisten eh schon viel. Du kannst mir glauben, diejenigen, die diesen Lehrerberuf korrekt und Wissenhaft ausführen, das ist ein Knochenjob. Diejenigen, von denen man manchmal spricht, die haben ja nachmittags immer frei und Ferien. Davon gibt es sicherlich auch einige, wie in jeder Berufsgruppe. Aber ansonsten müsste man echt mal eine Lanze brechen für die Lehrkräfte, weil die ackern echt ohne Ende. Und gerade, wie du schon ansprichst, an so einer Großstadt und an so einer herausfordernden Schule wie unserer.
Joel Kaczmarek: Ich glaube, das ist eine der Burnout-gefährdetsten Berufssparten zusammen mit wahrscheinlich Pflegekräften und so. Wir bleiben mal nochmal ganz kurz dabei. Also deine fünf Dinge machen wir natürlich gleich. Ist nicht vergessen, aber ist ja auch spannend. Du hast ja mal einen ganz interessanten Punkt gerade angesprochen. Das Thema Smartphone auch. Ich habe demnächst auch den Daniel Wolf hier zu Gast im Podcast, der dieses Buch geschrieben hat. Allein mit dem Handy. Ich habe das gelesen. Ich bin jetzt bei 276 oder so. Boah! Das ist ja ein Horrorszenario, was der über Handynutzung schreibt. Also der nennt das digitale Verwahrlosung und ich finde das stimmt. Der hat so beschrieben, dass so die Gen Z irgendwie so die Generation Angst ist, weil wir da irgendwie dabei sind, die in der echten Welt dauernd zu pampern, so zu helikoptern. Die Eltern verlieren immer um die rum und in der virtuellen Welt helfen wir ihnen aber überhaupt nicht und sie sind so völlig verloren. Also wir reden da von Handysucht, Videospielesucht. Wir reden irgendwie von Leuten, die denen nachstellen im Internet, wir reden von Mobbing und so weiter und so fort. Man muss ja nicht immer das Glas halb leer sehen, es gibt ja auch gute Seiten, aber was die armen Kids da aushalten, ist glaube ich schon richtig, richtig krass. Und deswegen bin ich mal neugierig, was so deine Haltung zum Thema Smartphone, Digitalisierung und Co. ist, wenn es um Kinder und Schüler geht.
Engin Catik: Also ich bin definitiv dafür, dass wir das ab einem gewissen Alter ermöglichen. Ich bin eigentlich gar nicht so dafür, dass wir das Gerät verteufeln. Darum geht es mir gar nicht. Aber den Umgang in so einem großen System wie Schule zu finden, der eben sinnvoll ist, der ist noch nicht möglich. Eltern sind ja auch schon längst überrannt und überholt. Ich mache da mal ein Beispiel. Wir haben hier eben dieses Handyverbot. Und wenn ein Schüler oder eine Schülerin das Handy benutzt, dann muss das eben abgegeben werden. Und die Eltern müssen es hier in meinem Büro wieder abholen. Und ich habe nicht selten den Satz gehört, Herr Tschattik, lassen Sie das Handy gerne zwei Wochen im Safe, weil ich den Kampf zu Hause verloren habe. Und dann sagen die Eltern sowas wie, ich kämpfe auf Ihrer Seite. Dabei denke ich, nee, nee, das ist Ihr Kampf und ich kämpfe auf Ihrer Seite. Also ich unterstütze Sie. Also ich bin schon dafür, dass wir da noch ein bisschen mehr reglementieren. Am liebsten wäre mir natürlich, wenn wir den Umgang damit lernen und aus dem Fach ITG heißt es in Berlin, Informationstechnischer Grundkurs, glaube ich, sowas wie digitale Mündigkeit machen. Also wir müssen ihn ja auch antrainieren, sie müssen ja auch lernen dürfen, wie man damit umgeht, im Übrigen ja auch wir Erwachsenen. Also ich würde es auch nicht, wie du sagst, unbedingt verteufeln, aber ich sehe aktuell eher Nachteile als Vorteile, gerade in der Jugend.
Joel Kaczmarek: So und jetzt hatte ich ja eben meinen Freund schon angesprochen. und die zweite Sache, die er mir mal erzählt hat. Es ist ein bisschen ein populäres Thema, aber ich finde, da sollten wir aufpassen, weil es so Islamfeindlichkeit was Großes ist, aber er hat auch zu mir gesagt, in seiner alten Schule war es so, hättest du da die Lehrernenschaft gefragt, jede Person hätte gesagt, dass der Islam ein Problem ist, so dass der eigentlich als Sekte eingestuft gehört, solche Sachen höre ich dann da und das nehme ich da ernst, weil das jetzt niemand ist, der da munter AfD wählt, sondern das jemand ist, der wirklich an der Front ist und Gutes leisten will und halt mir beschreibt, was für Probleme er da teilweise hat. Also es hat ganz oft natürlich mit dem Geschlechtern zu tun, dass die Mädchen dann irgendwie so ein bisschen anders organisiert sind als die Männer. Also ein klassisches Beispiel war, dass jemand meinte, ey, ich lasse dann auch die Jungs bei mir halt mal den Schulaufräumdienst machen und die rebellieren am Anfang, aber da gibt es kein Vorbeikommen. Und ich bin mal neugierig, ich meine, das ist ja auch deine Religion. Wie erlebst du das? Ist das so ein Problem, wie es auch in den Medien gerne mal stilisiert wird?
Engin Catik: Ja, ich würde da lieber als Ethiklehrer darauf antworten. Ich habe Ethik und Philosophie studiert und du hast recht, ich bin selber muslimischen Glaubens, aber das könnte dann komisch rüberkommen, weil ich sozusagen die Religion verteidige. Darum geht es mir gar nicht. Mir ist es nur wichtig, dass wir nicht pauschale Antworten finden, dass wir differenzieren, weil es in jeder Weltanschauung definitiv Dinge gibt, die wir als Gesellschaft nicht gut finden. Und der Islam spielt eine Rolle weltweit und wird immer Wenn er dann in der Berichterstattung genutzt wird, schwarz hinterlegt und dunkel dargestellt. Und ich weiß nicht, ob du mich bedrohlich findest. Ich würde mich nicht als bedrohlich oder aggressiv beschreiben. Ich glaube vielmehr, dass es eine differenzierte Debatte braucht. Und die Schülerinnen und Schüler, die du angesprochen hast, die nehmen natürlich gewisse Strukturen und Werte von zu Hause aus mit. Das heißt aber nicht, dass sie ausschließlich mit dem Islam verbunden sind. Weil wenn wir in erzkatholische Haushalte gehen Da gibt es auch ein sehr strenges Rollenbild. Was uns aber aktuell auffällt, weil es natürlich auch was Fremdes oder was anderes ist, obwohl es es nicht mehr sein dürfte nach 60 Jahren Einwanderungsland, uns immer wieder auffällt. Aber auch da müssen wir differenzieren. Weißt du, du hattest angesprochen, ich bin dritte Generation türkischer Einwanderer aus den 60ern. Und das ist was anderes, als wenn wir von jemandem sprechen, der jetzt vor dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen musste. Natürlich habe ich Werte verinnerlicht, weil ich Deutscher bin, die mit unserer Grundordnung vereinbar sind. Und Jugendliche oder junge Erwachsene, männlich oder weiblich, die in Ländern groß geworden sind, wo andere Werte eine Rolle spielen, die muss man natürlich auch erstmal abholen. Und das dauert Generationen, ehe man das abgleicht. Und deswegen würde ich sagen, der Islam ist per se überhaupt keine bösartige Religion, ganz und gar nicht, sondern ich glaube, wir müssen einfach Werte miteinander abgleichen.
Joel Kaczmarek: Wie machst du das denn? Also was siehst du denn als eure Chance in der Schule auch, solche Werte zusammenzuführen? Also zu sagen, du pass mal auf, cooler Typ, wo du herkommst, geil, feier ich. Aber hier gibt es auch noch ein paar andere Sachen, die will ich dir jetzt mal erzählen. Hör mal zu, zack, zack, zack, zack. Weißt du, was ich meine? So dieses Metivieren von beiden Seiten.
Engin Catik: Ja, also zuallererst ist mir wichtig, dass ich sie sozusagen nicht abwerte. Da mache ich auch gerne ein Beispiel. Weißt du, in meinem Büro hier liegt eine Geige. Und eine Geige ist ein schönes Instrument, wenn man das spielt und ein Jugendlicher hier ankommt und sagt, ich spiele Geige oder Klavier, ist unsere erste Reaktion, toll, super, was du da spielst. Und es gibt auch Instrumente aus sozusagen türkischem oder arabischsprachigem Raum, die Saz zum Beispiel, so eine größere Bauchgitarre. Oder wie auch immer man dazu sagt. Und das eben dann nicht abzuwerten und zu sagen, ey cool, das hat auch seinen Wert und dass du solch ein Instrument spielst, ist toll. Ich glaube, über diese Sprache und über diese Aspekte kommen wir viel schneller zusammen, als immer erstmal darüber zu sprechen, was uns trennt. Und dann können wir gerne aber auch darüber sprechen, was ich als Schulleiter, ich leite nun mal eine Behörde in Deutschland, von ihnen erwarte. Und da bin ich auch recht klar in meinen Ansagen. Ich bin ja nicht als Privatperson, ich bin ja kein muslimischer Schulleiter, sondern ich bin Schulleiter in einer Berliner Schule in Deutschland. Und da ist erstmal mein Glaube, spielt dabei gar keine Rolle. So wie bei anderen Kolleginnen und Kollegen, die eben christlichen Glaubens sind oder atheistisch sind, da spielt es ja auch keine Rolle. Aber mir ist einfach wichtig, dass wir die Jugendlichen, wie auch immer sie geartet sind, groß, klein, dick, dünn, muslimisch, jüdisch, christlich, trans, heterosexuell, homosexuell, einfach so annehmen, wie sie sind.
Joel Kaczmarek: Was heißt das, wenn du sagst, ich bin immer sehr klar? Wie sieht das im Alltag aus?
Engin Catik: Ja, ich mache mal ein Beispiel. Ich bin überhaupt nicht dafür, dass wir Mädchen vom Sportunterricht befreien. Manchmal kommt das, wenn man sagt, meine Tochter trägt ein Kopftuch und möchte nicht mit Jungs in der Sporthalle Sport haben. Dann bin ich ganz klar und sage, Sportunterricht ist in der Berliner Schule oder deutschlandweit eben ein Fach, was in der Stundentafel vorkommt und Pflicht ist. Sie können Ihre Tochter oder Ihr Kind davon nicht befreien. Und das meine ich mit Klarheit. Und da geht es mir gar nicht darum, denen das Leben schwer zu machen oder insbesondere streng oder sowas zu sein, sondern einfach nur fair allen Menschen gegenüber. Und mir ist einfach wichtig, dass das Kind auch die Möglichkeit hat, Sport zu treiben. Ganz egal, es gibt tolle Sport-Kopftücher.
Joel Kaczmarek: Komm, dann starten wir jetzt auch mit dir. Also fünf Dinge, die du gerne schon mit 20 gewusst hättest. Wie alt bist du, by the way?
Engin Catik: Ich bin 39 geworden vor zwei Wochen.
Joel Kaczmarek: Oh ja, dann noch nachträglich alles Gute.
Engin Catik: Danke.
Joel Kaczmarek: Dann lassen wir jetzt also fast 20 Jahre hier ein bisschen auf eine Art Revue passieren. Was ist denn so das erste Ding, was du gerne schon mit 20 gewusst hättest?
Engin Catik: Ich würde es bezeichnen mit andere Menschen kochen auch nur mit Wasser. Und das hat durchaus mit meinem migrantischen Selbstverständnis zu tun. Und als 20-Jähriger ist man nun mal noch in der Identitätsfindung und in der Charakterbildung. Und die Frage, die dahinter steckt, ist so ein bisschen, bin ich gut, so wie ich bin? Also bin ich ausreichend? Kann ich genau dasselbe leisten wie Menschen, die zum Beispiel keinen Migrationshintergrund haben? Aber es kann auch ein ganz anderes Merkmal sein. Es geht nicht um kulturelle Aspekte. Aber das ist etwas, was Ich mit 20 gerne gewusst hätte, in dem Vergleich mit der Peergroup eben zu wissen, wie gesagt, auch die strugglen und haben die eine oder andere Herausforderung, mit der sie zurechtkommen müssen. Und im Gegenteil sogar, dass meine migrantische Herkunft oder auch meine milieubedingte Herkunft eine Chance sein kann, weil ich die auch zum Positiven umwidmen kann und nutzen kann in der Kommunikation mit Menschen, in der sozialen Interaktion. Also das hätte ich, glaube ich, gerne gewusst.
Joel Kaczmarek: Ja, ich überlege gerade, ich denke, dass das sogar noch viel wichtiger wird für die Generation, die jetzt groß wird, weil die natürlich diesen Vergleich auf einer ganz anderen Skalierung hat. Also die machen Social Media auf und jetzt wird es ja noch schlimmer, jetzt kommen dann demnächst die ganzen KI-Freundinnen und KI-Freunde, dann sehen die auf einmal völlig perfekt aus, die Menschen. Also Das ist ein ganz anderer Druck jetzt drauf.
Engin Catik: Ja, absolut. Und genau darum geht es, eben zu verstehen, dass vieles, was wir sozusagen präsentieren und in die Außenwelt hinaus posauen, natürlich positiv dargestellt ist. Die wenigsten Menschen sprechen über ihre Herausforderungen oder Dinge, die sie beschäftigen. Du hast vollkommen recht und das merke ich übrigens auch an der Schule, also dass Jugendliche in dem Vergleich im Prinzip immer verlieren, weil sie sich mit den vergleichen, die high end eben in den sozialen Medien sind. Und die eben vorbereitet sind, präpariert sind, wo zig Leute im Hintergrund arbeiten. Und das zu verstehen, ist auch meine Aufgabe als Schulleiter. Ich hätte es gerne vorher verstanden. Aber ich glaube, das sollten wir unserer Jugend mitgeben.
Joel Kaczmarek: Weil wir machen ja auch den Fehler, dass wir uns oft nur auf einem Punkt vergleichen. Also wir gucken dann, wie viele Follower hat der, wie viele habe ich, wie viele Likes hat sie, wie viele habe ich? und du weißt aber gar nicht, was steht dahinter, was hat er oder sie dafür getan, welchen Preis zahlen die Leute dafür. Das merke ich irgendwie immer. Geht dir das auch so?
Engin Catik: Bin ich ganz bei dir. Zumal die wichtigste Kennzahl ist ja gar nicht sichtbar. Wie zufrieden ist ein Mensch? Das ist ja gar nicht spürbar über soziale Medien, aber auch nicht mal in einem Gespräch, wenn ich sozusagen mal aus der virtuellen Welt rauskomme. Ich weiß ja gar nicht, wie zufrieden ein Mensch ist, der mir in dem Moment erzählt, dass er letzten Monat, weiß ich nicht, in seinem Job so und so viel Bonusgelder erhalten hat oder diese Zielerreichung erfüllt hat und deswegen ein 13. Monatsgehalt oder ähnliches bekommt. Das sind irgendwie eben nicht die Kennzahlen, die eine Rolle spielen sollten. So wie du gesagt hast, Follower sollte auch nicht die Kennzahl sein, die darüber entscheidet, wie ich mich zu den anderen verorte, sondern Zufriedenheit.
Joel Kaczmarek: Und jetzt kommen wir mal auf deinen Satz zurück. Also andere kochen auch nur mit Wasser. Wie bringst du das denn deinen SchülerInnen bei? Also wie vermittelst du denen denn zu sagen, guck mal, atme mal locker durch die Hose, wir machen mal den Horizont ein bisschen weiter und jetzt lass uns da mal genau hingucken. Was machst du denn da?
Engin Catik: Also ich versuche immer wieder Begegnungen mit der Außenwelt zu organisieren. Wie gesagt, in der neuen Schule noch nicht so viele, aber in der alten Schule hatten wir zum Beispiel sogenannte politische Grillfeste. Da gab es eine Grillwurst, vegan oder geflügelt. Und dann wurden die Politikerinnen und Politiker mit Fragen gegrillt. Also es war ein Wortspiel und es hat den Jugendlichen echt Spaß gemacht. Und ich habe die Jugendlichen nicht darauf vorbereitet, sondern sie haben in der Begegnung mit den Erwachsenen festgestellt dass die bei gewissen Fragen auch schwimmen und darüber nachdenken müssen, was sie antworten sollen. Ein Schüler hat mal gefragt, den jetzigen Bezirksbürgermeister, lügen Politiker eigentlich oft? Ja, das ist so ein Klassiker. Und dann wurde ich ganz schief angeguckt. Das war nicht böse gemeint. Ich habe ein gutes Verhältnis zu dem Kollegen. Aber es war so, nee, die Frage kommt nicht nur von mir, sondern von den Jugendlichen. Die sind wirklich daran interessiert zu hören, was diese Erwachsenen sagen. Und ich glaube, dann schwimmt man auch erst mal. Es ist mir viel lieber, als wenn ich den Jugendlichen sage, Fragen vorbereite, die sie nicht interessieren, sondern nur das, was wir Erwachsenen wieder in Form des Adultismus von ihnen erwarten.
Joel Kaczmarek: Ein bisschen entmystifizieren eigentlich, dass du mal den Blick hinter den Vorhang ermöglichst.
Engin Catik: Ja, zumal dann diese Personen auch häufig darüber berichten und davon berichten, dass sie keinen geradlinigen Weg hatten. sondern durchaus eben zum Beispiel auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht haben oder erst mal, was weiß ich, gejobbt haben und gar keine Ausbildung begonnen haben, sondern einfach mal geschaut haben, in welche Richtung es geht. Und das sollen Jugendliche auch hören. Die denken ja häufig, wir Erwachsenen wussten von Anfang an, was wir werden wollen, in welche Richtung es geht und wir haben immer Erfolg gehabt, was ja großer Quatsch ist. Und das sollen Jugendliche eben hören und nicht immer so in einem Unterrichtssetting, sondern in einer Begegnung, die informeller Natur ist.
Joel Kaczmarek: Es gibt doch auch, glaube ich, so ein afrikanisches Volk, wo die Männer mal für zwei Wochen in den Kleidern der Frau rumlaufen müssen, um zu spüren, wie so ihr Alltag ist. Und ich finde, manchmal täte sowas auch gut. Weil ich gerade so darüber nachdenke, weißt du, wenn man so einen migrantischen Hintergrund hat, kennt man das vielleicht, dass man keinen Arzttermin kriegt oder bei Wohnungssuche übergangen wird. Und wenn man irgendwie so ein Bonzer aus Berlin-Zehlendorf ist, der irgendwie so einen deutschen Namen hat, mit Geld groß geworden ist, hast du eine ganz andere Problemwelt und kannst damit gar nicht relaten. Und das mal den Leuten aber nahe zu bringen, also ich weiß gar nicht, ob es so ist, aber zumindest höre ich das ja öfters. Ich glaube, das wird auch nochmal ganz viele Türen aufmachen, so im Kopf.
Engin Catik: Wenn man an die Uni geht zum Beispiel und niemanden in der eigenen Familie, in einem sozialen Umfeld fragen kann, wie man sich so seine Module zusammenbaut. Das ist so das klassische Beispiel. Das ist eine Form der Überforderung, weil in der Adoleszenz man ja versuchen muss, sich selbst zu organisieren. Und wenn man da keinen Ratschlag bekommen kann, ob Vater, Mutter, Onkel, Tante, was auch immer, ist das schon eine Herausforderung. Aber das ist wieder auch kein kultureller Aspekt, das kann auch eine Milieufrage sein, wenn man der Erste ist, der studiert, die erste Person ist, die ein Abitur hat, was auch immer.
Joel Kaczmarek: Gut, also spannender erster Punkt schon mal. Was denn der zweite?
Engin Catik: Ja, der zweite lautet, die Schattenseiten des Lebens finden einen immer wieder. Klingt pessimistisch. Ist gar nicht so gemeint. Aber als 20-Jähriger hätte ich gerne gewusst, dass eben die Schattenseiten wiederkommen. Und das kann ganz viele Bereiche betreffen. Ob es der private Bereich ist, ob es das berufliche Umfeld ist, ob es Freunde sind, Familie ist. Ich glaube schon, dass man an ganz vielen Stellen mehr Dankbarkeit zeigen sollte und auch als 20-Jähriger schon dankbar sein sollte, dahingehend, dass man gesund ist, in Deutschland lebt, in einem Land lebt, wo eben kein Krieg ist, wo es uns noch recht gut geht. Es gibt sicherlich Personen, die das anders beantworten würden. aber insgesamt uns noch gut geht oder mir, ich spreche mal von mir, mir gut geht. Und ich glaube eben schon, ich bin 39 und habe hoffentlich noch einige Jahrzehnte vor mir und die Schattenseiten werden schon wieder auftauchen, da bin ich mir ziemlich sicher. Und darauf vorbereitet zu sein und die Widerstandsfähigkeit der vergangenen Jahre, die man so aufgebaut hat, zu nutzen, um dann mit diesen Tälern umzugehen.
Joel Kaczmarek: Da steckt ein Stück weit auch das Thema Resilienz drin. Wie ist es dir denn so gelungen, Resilienz aufzubauen?
Engin Catik: Ja, also definitiv. Ich würde sagen, ich habe weitaus schlimmere Tage gesehen als die heutigen, auch wenn ich jetzt eine der bekanntesten Schulen und vielleicht auch problembelastetsten Schulen Deutschlands, Berlins, wie auch immer, leite. Ich glaube, dass sozusagen das Großwerden in einer Großstadt in einem sozial schwachen Milieu auf viele Dinge des Lebens vorbereitet. Das habe ich erlebt bei einer alleinerziehenden Mutter. Ich habe drei Geschwister, also wir waren vier Kinder. Und das macht etwas mit einem. Und ich glaube, das sorgt dafür, dass man viele Situationen, die andere Menschen als Problem bezeichnen würden, eher als Herausforderung sieht und als eine weitere Hürde, die man überspringen muss.
Joel Kaczmarek: Ja, aber was würdest du denn sagen, du hast ja wahrscheinlich auch viele Menschen um dich rum gehabt, die in einem ähnlichen Milieu groß geworden sind wie du, was ist denn so dieser Make-it-or-Break-it-Moment? Weil die einen stützen ab, werden drogensüchtig, kriegen keine Karriere hin, sind unglücklich und die anderen wie du gehen voran, schaffen Lösungen und gehen eher gestärkt daraus vor. Also hast du so ein Rezept, was du vermutest oder ist es manchmal auch einfach Glück?
Engin Catik: Es ist definitiv Glück, das kann ich ganz klar sagen. Gewisse Gelingensbedingungen kann ich gar nicht beeinflussen. Es ist die Begegnung oder die Begleitung auf dem Weg der Schule oder des Bildungswegs. Das heißt, die Personen, die ich kennenlernen durfte als Lehrerin oder Lehrer, die mich eben nicht abgestempelt haben oder mich nicht diskriminiert haben, die sondern im Gegenteil mir eine Chance gegeben haben. Ganz viele andere Menschen haben Auch mit migrantischen Wurzeln oder aus einem sozial schwachen Milieu haben das anders erlebt. Und deswegen spreche ich definitiv von Glück. Ich hatte das Glück, Menschen zu begegnen, die mir eine Chance gegeben haben. Dann habe ich die kognitiven Fähigkeiten, würde ich sagen. Ich bin rigoros optimistisch, also ich bin ganz radikal optimistisch. Ich kenne, wie gesagt, weitaus schlimmere Tage als die heutigen und bin deswegen immer der Meinung, dass die Situation lösbar ist. Und dann kommt noch hinzu, dass jetzt bei mir ganz persönlich ich Erfolg generiert habe in einem Feld und das war eben Fußball. Ich glaube, dass man schon als Kind und Jugendlicher ein Feld braucht, wo man eben neben der Frustration, die man vielleicht in Familie oder in Schule oder wo auch immer erlebt, Erfolg generieren kann. Und das stärkt das Selbstbewusstsein. um dann Widerstandsfähigkeit, um auf den Brief zurückzukommen, zu entwickeln.
Joel Kaczmarek: Hast du abschließend noch so ein Rezept, weil du gesagt hast, du bist sehr optimistisch, du hast selbst schon dunkle Seiten erlebt, was so dein Weg ist, um mit schwierigen Situationen gut umzugehen, also Optimismus, aber den will man sich ja manchmal vielleicht auch erarbeiten. Hast du noch so was Abschließendes?
Engin Catik: Also auf jeden Fall die Herausforderung anzunehmen. Das geht gar nicht anders. Dem aus dem Weg zu gehen, halte ich nicht für sinnvoll, egal welche dunklen Seiten man dann durchschreiten muss, aber die Herausforderungen gehören einfach dazu und das müssen auch unsere Jugendlichen erfahren.
Joel Kaczmarek: Ich weiß nicht, ob das ein persönliches Ding von mir ist, aber ich ertappe mich manchmal auch dabei. Man tut ja Kindern keinen Gefallen, wenn man sie vor schlechten Erfahrungen beschützt. Aber irgendwie in meiner Generation versucht man das öfter, habe ich den Eindruck, oder?
Engin Catik: Ja, und das ist voll nachvollziehbar. Das geht mir bestimmt auch so. Aber das können ja auch Kleinigkeiten sein, in denen man sozusagen dem Kind Zutrauen schenkt. Weiß ich nicht, der Schulweg, den man alleine macht. Oder das Zimmer, das sie sich teilen sollen, obwohl man vielleicht genug Platz hätte und sagen könnte, jeder von euch kann ein Zimmer bekommen. Ich mache das zum Beispiel bei meinen Söhnen nicht. Die sollen sich möglichst lange ein Zimmer teilen und sich immer wieder streiten, um in diesen Konfliktsituationen zu merken, dass man Kompromisse eingehen muss. Ich will nur sagen, ich glaube, wir Eltern, egal aus welchem Milieu, haben großen Einfluss darauf, wie Kids mit ihren Konflikten umgehen.
Joel Kaczmarek: So, zwei Punkte haben wir. Was denn dein dritter?
Engin Catik: Der dritte ist Verantwortung für Gemeinschaft als Motivation für individuellen Erfolg zu betrachten. Uns alle treibt ja was an. Und ich glaube, wir wollen alle individuell erfolgreich sein. Egal in welchem Bereich. Es muss nicht immer beruflich sein. Aber ich habe mich manchmal schlecht gefühlt, dass ich ein ehrgeiziger Mensch bin. Ja, ich habe mich dann manchmal schlecht gefühlt, weil ich einen Ehrgeiz habe, der mich antreibt, bis ich verstanden habe, dass es wirklich eine hohe intrinsische Motivation ist, die Verantwortung für Gemeinschaft zu übernehmen und Gesellschaft mitzugestalten. Und das kann man dann sozusagen in Einklang bringen. Also ich würde diese Klammer größer setzen, weil einen individuellen Erfolg, den finde ich per se gar nicht negativ und Ehrgeiz auch nicht. Mir geht es darum zu verstehen, aus welcher Motivation heraus man entsteht.
Joel Kaczmarek: Ich erlebe das, dass in der Gegenwart viele Menschen vor Verantwortung irgendwie zurückschrecken. Also ich würde sogar sagen, ich nenne es immer emotionale Geisterfahrer. Ganz oft machen Menschen was falsch, benehmen sich schlecht und dann werden die zum emotionalen Geisterfahrer, indem sie dann andere Leute beschimpfen, denen Vorwürfe machen, wenn sie ertappt werden oder darauf angesprochen. Also ich finde das so ein Problem gerade, dass gerade Menschen keine Verantwortung heutzutage mehr übernehmen. Geht dir das auch so?
Engin Catik: Bin ich ganz bei dir und ich als Führungskraft in der Schule kann das beeinflussen, bezogen auf mein System hier vor Ort, indem wir, das kennst du auch, eine Fehler- und Feedback-Kultur leben. Ich habe überhaupt keine Schwierigkeiten damit auch mal zuzugeben, dass ich was falsch gemacht habe, auch vor der versammelten Mannschaft. Wenn ich was falsch gemacht habe, dann sollen meine Kolleginnen und Kollegen auch verstehen, dass es in Ordnung ist, das auch mal anzusprechen. Weil dann können wir darüber reden, ich habe mich offenbart, ich übernehme Verantwortung, mach es mindestens das nächste Mal besser oder sorge dafür, dass der Fehler behoben wird. Ich glaube schon, dass wir da einen großen Einfluss auf unsere Teams haben, du auf dein Team und ich auf mein Team. Und dann diese Menschen, und es geht nicht nur um Jugendliche, sondern auch eben um meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in Verantwortung hineinwachsen zu lassen.
Joel Kaczmarek: Hm. Aber was macht das mit dir, wenn du das manchmal erlebst? Gerade Berlin ist doch da so ein Kessel für. Neulich hat mir jemand erzählt, in Frankfurt wohnte die allerdings, die hat rote Haare. und dann beschrieb sie mir die Situation, wie ihr einer vor der Nase den Parkplatz wegklaute. Und dann ist sie irgendwie ausgestiegen und hat gesagt, du, das ist eine echt effiziente Strategie, aber echt rücksichtslos. Und dann keifte der die an, sie solle die Fresse halten, sie hat Glück, dass er ihr keine runterhaut. Jemand wie sie hätte sie früher verbrannt, wegen den roten Haaren. Boah. Und das meine ich ist so, und ganz ehrlich, in der Art könnte man in Berlin glaube ich auch zig Beispiele finden, so Leute irgendwie sich daneben, ich habe mal jemanden gehabt, der hat Hundekacke aufs Fensterbrett von jemandem gelegt und als ich ihn angesprochen habe, hat die Frau dann zu mir gesagt, ob ich aus dem Osten sei, was ich mich so anstelle.
Engin Catik: Wahnsinn, harte Nummer.
Joel Kaczmarek: Wie geht das mit dir? Wie verdausten du solche Dinge?
Engin Catik: Kommt auf meine Tagesform an, muss ich ganz ehrlich sein. Also wenn ich einen harten Tag hatte, dann flau mich bestimmt zurück. Wir Berliner sind auch nicht gerade bekannt für unsere Bescheidenheit. Wir haben eben eine Berliner Schnauze, die kommt dann auch mal raus. Aber wenn ich einen normalen Tag habe, bin ich eher jemand, der da entspannt drauf reagiert. Vor allem, weil ich eben, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, ja auch Vorbild für die bin und ich eben nicht will, dass die die ganze Zeit andere Menschen anflommen. Aber passiert hier auch. Weißt du, erst letztens auf dem Parkplatz eines Supermarkts, da gibt es ja auch so Familienparkplätze. Und da hat so ein fettes Motorrad geparkt. Es war ein älteres Ehepaar, die haben da sich hingestellt und ich habe so einen Familienvan und war echt schwer. Ich war mit meinen drei Jungs unterwegs und dann ist es immer ganz praktisch sozusagen mit den dreien gleich am Eingang zu sein. Und dann habe ich tatsächlich die Person darauf angesprochen und da gab es so ähnliche Reaktionen wie die, die du beschrieben hast. Also im Sinne von, ja, wir haben auch Kinder, die sind nur erwachsen, ist auch eine Familie am Parkplatz, wir haben selber eine Familie. Ja, ich habe das schon verstanden, was du da sagst und was du von dir gibst. Aber es geht doch darum, dass das eben Familien sind, wo die Kinder noch klein sind. Also auch mit den Kids oder mit diesen Menschen auch so drüber zu sprechen, einfach zu spiegeln, ja man, ich will dir gar nichts Böses, aber scheinbar hast du nicht verstanden, wie hier die gesellschaftlichen Gepflogenheiten sind unter uns. Ich bin dann schon jemand, der auch eine Spruchauflage hat, aber in der Regel deeskalierend ist.
Joel Kaczmarek: Aber ich mag deinen Berliner Akzent dabei, das machst du auch mal irgendwie verlaulicher.
Engin Catik: Sehr gut.
Joel Kaczmarek: So, beim vorletzten sind wir schon.
Engin Catik: Ja, Gelassenheit an den Tag legen. Das ist etwas, was mich als 20-Jähriger sicherlich besser durch die Welt gebracht hätte und auch jetzt immer noch für mich ein Lernprozess ist. Gelassenheit an ganz vielen Stellen, wie gesagt, einmal das Loslassen, aber eben auch in der sozialen Interaktion. Häufig, wenn wir Konflikte erleben, nehme ich das so wahr, dass die Aussagen des Gegenübers viel mehr über den aussagen, als über mich. Wenn dann jemand mich anschreit, zum Beispiel, wir hatten jetzt dieses Parkplatzbeispiel, wenn da jemand irgendwie so gestresst ist und nicht mal den Hinweis akzeptieren kann, dass das ein Familienparkplatz ist. Und zwar, ich war super freundlich, ich war da überhaupt nicht abwertend. Und dann aber zurückflaumt, dann sagt es, wie gesagt, sehr viel über diese Person aus, wie gestresst sie gerade in dem Moment ist und viel weniger über mich. Und da gibt es mehrere Beispiele.
Joel Kaczmarek: Das ist dann noch mal tiefer reingegraben. Das finde ich weise und es gefällt mir. Aber es fällt halt auch manchmal so schwer. Was hast du denn da für einen Zugang zu gefunden?
Engin Catik: Ja, auch sehr individuelle Erfahrungen. Ich mache da mal ein Beispiel aus meinem Kollegium. Meine Söhne haben muslimische Namen, sie heißen Yunus und Yasin. Und ich hatte mal einen Kollegen, der mich gefragt hat, erstmal war es sehr sachlich, du Engin, warum heißen deine Kinder eigentlich nicht Christian und Dennis? Du bist doch super integriert. Wenn ich nach Kanada ausgewandert wäre, hätte ich meine Kinder auch. Ich kann mich jetzt an die Namen nicht mehr erinnern, aber ich mache mal ein Beispiel. Christopher und Jason genannt. Und da war ich nicht gelassen, sondern ich fühlte mich irgendwie angegriffen und diskriminiert. Ich habe dann nicht geantwortet oder nicht gut geantwortet und war eben nicht gelassen. Aber am liebsten hätte ich ihm gesagt, dieser Vergleich, der hinkt. Die Frage ist, ob du deine Kinder in Saudi-Arabien Mohammed und Murad genannt hättest oder Mohammed und Aisha genannt. Das wäre ein Vergleich, der passend ist, weil es um Kultur geht. Ich will sozusagen die Kultur meiner Vorfahren auch wertschätzen, weil es ja auch ein Teil meiner Identität ist. und trotzdem bin ich ein integrierter Mensch. Der Begriff ist schon relativ falsch, ich bin gebürtiger Berliner, hast du ja vorhin gehört. Das heißt, ich bin Deutscher. Also dieser Integrationsbegriff auf mich zu beziehen, ist völlig absurd. Und da konnte ich als 20-Jähriger nicht die notwendige Gelassenheit an den Tag legen, sondern fühlte mich eben auch diskriminiert und wurde auch diskriminiert.
Joel Kaczmarek: Findest du ja?
Engin Catik: Ja, definitiv. Ich mache ein anderes Beispiel, mein Lieblingsbeispiel in der Buchhandlung. Ich sah früher nicht ganz anders aus als unsere Jugendlichen an der Bergerschule. Bomberjacke. Boxerschnitt, gerne auch Vollbart getragen. Und in der Buchhandlung habe ich mir das Buch Deutschstunde von Siegfried Lenz gekauft. Das haben wir in der Oberstufe behandelt, aber ich fand es einfach ein tolles Buch. Da geht es um die Freuden der Pflicht, ein sehr ambivalentes Thema. Und die Verkäuferin hat mich tatsächlich gefragt, ob das Buch eingepackt werden soll. Und dann meinte ich, nö, nehme ich mit, Klassiker. Und dann hat sie nochmal gefragt, nee, wir machen das, es ist kostenlos. Dann Ich war ein bisschen stutzig und vielleicht auch ein bisschen, weiß ich nicht, angepisst, Verzeihung. Und habe dann sowas gesagt, haben wir heute eine besondere Geschenkeinpackung, Angebot oder wie auch immer. Es ist eine besondere Aktion, weswegen sie mich jetzt das dritte Mal fragen, ob ich dieses Buch eingepackt haben will. Und dann kam halt der Satz, nö, ich kann mir nur nicht vorstellen, dass sie dieses Buch lesen. Und da war ich eben knapp 20, also kurz nach dem Abitur. Und ich wollte das Buch nochmal haben. Und das macht was mit einem. Und dann einfach Darüber zu blicken, vielleicht manchmal auch einen Spruch zu bringen, der aber trotzdem noch der Person die Möglichkeit gibt, über dieses blöde Verhalten nachzudenken, würde viel mehr bewirken, als dann jemanden immer anzuflaumen und auch zu sagen, ey, sind Sie bescheuert? Natürlich würde ich dieses Buch lesen. Hätten Sie diese Frage auch Joel gestellt, der jetzt hier vor mir ist? Und diese Gelassenheit an den Tag zu bringen, spielt eine Rolle. oder hätte ich gerne gekonnt?
Joel Kaczmarek: Was würde denn eng gehen aus dem Jahr 2025, ihr heute sagen? Also in der Situation damals.
Engin Catik: Ich würde es ihr spiegeln tatsächlich. Also ich würde ihr sagen, ja, dieses Buch habe ich schon fünfmal gelesen und würde es gerne nochmal lesen. Haben Sie es denn schon gelesen? Und dann würde ich aber auch sagen, und Sie darauf aufmerksam machen, wissen Sie, meine Kinder sind Deutsche, heißen anders als Sie, aber die sollen jederzeit denken, dass alles möglich ist und ihr Name keine Auswirkungen auf ihre Zukunft hat. Und sie mit ihrem Verhalten sorgen genau dafür, dass es diese Gräben zwischen uns gibt. Ich bin also nicht immer nur getriggert, wenn es um irgendwelche rechten Gruppierungen geht. Mir geht es auch um die Personengruppen, die sich selber als Mitte der Gesellschaft oder als links verorten. Auch die, so wie ich auch, wir müssen uns ständig hinterfragen und dazulernen. Also ich auch, um Gottes Willen. Da gibt es ganz viele Dinge, die ich auch noch lernen muss und auch Schubladen entfernen muss aus meinem Kopf. Aber ich glaube, dass wir als Gesellschaft da noch Nachholbedarf haben.
Joel Kaczmarek: Jetzt möchten wir doch mal ganz kurz über Gelassenheit mit dir reden, weil das ist ja eigentlich das Endgame. Jetzt mal ehrlich, Gelassenheit ist ja so schwer. Was war denn dein Pfad dahin?
Engin Catik: Boah, ist ja noch gar nicht abgeschlossen, muss ich ganz ehrlich sagen. Also Gelassenheit ist immer noch ein Lernprozess, aber die Extremsituationen, die man sowohl privat oder eben im beruflichen Umfeld erlebt hat, die sorgen dafür, dass man gelassener ist. Und dort durchaus auch erlebt habe, wie sich Elterngruppen gegenseitig angeschrien haben oder wo es eben auch Schülerinnen und Schüler gab, die sehr destruktiv waren und sich an die Schulregeln nicht gehalten haben. All diese Erfahrungen sorgen scheibchenweise dafür, dass ich gelassener mit diesen Situationen umgehe, weil ich sie entweder schon mal erlebt habe oder sie mich zumindest vorbereiten auf die Dinge, die sonst so passieren können.
Joel Kaczmarek: Und wie schaffst du, dass du gelassener wirst und nicht abgestumpfter, also dass du nicht resignativ wirst?
Engin Catik: Ja, das ist eine super Frage. Ich bin tatsächlich ein sehr emotionaler Mensch. Also ich führe ja sehr viele Gespräche hier in meinem Büro und nehme auch viel, das mache ich auch gerne übrigens, emotionalen Ballast, der Jugendlichen auf, der Schülerinnen und Schüler. Die erzählen mir natürlich, dass sich die Eltern gerade scheiden lassen oder, was weiß ich, dass die Mutter an Krebs erkrankt ist und so weiter. Da ist viel emotionaler Ballast dabei, den die Jugendlichen auch mal rauslassen dürfen. Und Da bin ich ein geeigneter Gesprächspartner. Ich kann mit dem emotionalen Ballast umgehen, muss dann aber auch Momente und Strategien finden, den dann wieder rauszulassen, um den nicht in mir sozusagen mitzutragen und nach Hause zu bringen. Und du hast vorhin erwähnt, ich laufe. Ich gehe Marathon laufen oder ich gehe eben in den Wald und laufe durch die Gegend. Gerne mit einer Laufgruppe, aber auch alleine. Und das hilft mir dabei, den emotionalen Ballast der Menschen, für die ich hier verantwortlich bin, auch wieder rauszulassen.
Joel Kaczmarek: Also du machst im Prinzip Stress-Koregulation und der Weg, das wiederum von dir wegzugeben, ist Sport.
Engin Catik: Korrekt. Das gelingt eben nicht immer. Ich habe gesagt, dass ich ein emotionaler Mensch bin. Wenn ich bis zum Laufen ein, zwei Tage bräuchte, also wenn ich es nicht an demselben Abend schaffe, dann sind es schon Geschichten, die mich auch in der Nacht beschäftigen. Mich beschäftigt natürlich auch, dass wir jedes Jahr Jugendliche ohne Schulabschluss entlassen. Das macht was mit mir. Du hast von Kennzahlen gesprochen und meine Kennzahl ist einfach, dass ich Jugendliche befähigen möchte, an der Gesellschaft zu partizipieren. Und wenn sie keinen Abschluss haben, ist das super schwierig, weil durch beruflichen Erfolg man auch Zeit hat, sich politisch zu engagieren, in der Zivilgesellschaft zu engagieren, zur Wahl zu gehen und so weiter. Und wenn man eben diesen Erfolg in der Schule nicht erlebt und Existenzsorgen hat, dann hat man bestimmt keine Kapazitäten, zu Fridays for Future Demos zu gehen.
Joel Kaczmarek: Hm. Siehst du irgendeinen Weg, sowas im Nachhinein auch nochmal aufzufangen, gesellschaftlich?
Engin Catik: Puh, echt schwierig. Ich hatte vorhin erwähnt, dass Kinder und Jugendliche kaum Fürsprecher haben. Und wenn du dir mal anguckst, was bundesweit gerade wieder so an Sparmaßnahmen im Bildungsbereich stattfindet, dann ist das schon ein Aspekt, der mir zu schaffen macht, weil wir eigentlich an der Stelle nicht sparen dürften, weil wir wenn wir mal in Jahrzehnten denken, an der falschen Stelle sparen. Weil frühkindliche Bildung ist enorm wichtig. Und es gibt nun mal Familien, die es zu Hause nicht schaffen, ihren Kindern vorzulesen, ganz unabhängig von kultureller Herkunft. Und die Lesekompetenz ist fundamental, um durchs Leben zu kommen. Und wenn man das eben von zu Hause aus nicht gewohnt ist, dann haben die Kids sofort Nachteil.
Joel Kaczmarek: Das ärgert mich aber auch immer, dass die Kinder immer das sind, die als erste verlieren politisch. Wenn Corona kommt, Kinder Arschtritt. Sparmaßnahmen, Kinder Arschtritt. Innovationen starten, Kinder Arschtritt. Ich finde das so schade und ich finde das auch, wahrscheinlich gibt es da keine ausreichend starke Lobby eigentlich?
Engin Catik: Du hast recht. Ich würde sagen, die gibt es nicht. Und ich würde den Entscheidungsträgern oder Trägerinnen gar nicht mal zusprechen, dass sie nur daran interessiert sind, wiedergewählt zu werden. Das ist viel zu platt. Da fehlt mir auch Differenzierung. Ich glaube einfach, Menschen, die in einem gewissen Alter sind, fehlt einfach die Erinnerung daran, wie es für Kinder und Jugendliche ist oder die Perspektive. Natürlich kann man sagen, die sind ja auch Eltern oder Großeltern. Ja. Klar, aber Kinder sitzen eben nicht am Tisch, wo Koalitionsverhandlungen stattfinden und deswegen ist es keine bösartige oder böse Absicht dieser Menschen, aber sie haben nun mal keine Lobby und dann geht es um andere Fakten und nicht um Jugendliche oder Kinder.
Joel Kaczmarek: So, einer fehlt noch, wenn ich mich nicht verzehrt habe.
Engin Catik: Ja, und zwar, das kam vorhin schon so ein bisschen durch. Ich bin jemand, der auch mein 20-jähriges Ich war, glaube ich, schon so. Vielleicht nicht so ausgeprägt, aber keine Herausforderung auslassen. Als 20-Jähriger war ich noch nicht so, aber dem würde ich das gerne zuschreien. Du machst es schon richtig. Nimm jede Herausforderung an. Das habe ich vorhin auch schon gesagt. Es ist verbunden mit gehe unbedingt unbekannte Wege. Ja, macht das unbedingt, weil der Benefit ist viel größer als die Sorgen, die Ängste oder die Schrammen, die man so mit sich oder die man bekommt. Das würde ich gerne auch den Jugendlichen hier immer wieder zurufen. Diese Herausforderungen, nimm sie mit rein. Sie machen dich resilienter, sie machen dich optimistischer, sie machen dich gelassener, sie machen aus dir jemanden, den man nicht so leicht umfällen kann, den man nicht so leicht kleinkriegen kann, will ich sagen.
Joel Kaczmarek: Sag mal, auch wenn ich jetzt ein bisschen aus der Struktur ausbreche, wir reden gleich noch über deinen Punkt weiter, aber was ich so bei dir als Gefühl gerade habe ist, als wir eben darüber geredet haben, dass die Geldmaßnahmen gestrichen werden und dass die Kinder keine Lobby haben, Das hat was mit dir gemacht, oder? Da bist du irgendwie leiser, ruhiger. Ist das was, was dich doll bewegt?
Engin Catik: Definitiv. Ich bin Behördenleiter und jedes Jahr für 100 neue Jugendliche zuständig. Und wie gesagt, wir produzieren oder Generationen von Bildungsversagern. Die selbst sind gar keine Versager. Verstehe mich gar nicht falsch. Aber unser System produziert jedes Jahr sogenannte Bildungsversager. Und das ist schade für so ein reiches Land wie Deutschland, weil wir es uns erstens nicht leisten können, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Und zum anderen tut es mir sehr individuell für diese Jugendlichen leid. Weil man erlebt viel Schmerz, wenn man eben immer am Existenzminimum lebt. Man hat eben nicht die Möglichkeit, wie die Leute, die auf Social Media aktiv sind, ein tolles Auto zu fahren, an vielen Orten der Welt zu sein, coole Klamotten zu haben. Auch das ist ja nur eine Welt oder ein Bild, was da wiedergegeben wird. Aber trotzdem, natürlich macht das was mit mir, weil ich Teil dieses Systems bin und noch keinen Weg gefunden habe, jeden Jugendlichen, jedes Kind zu erreichen.
Joel Kaczmarek: Wenn dein letzter Punkt ist, lasse keine Herausforderungen aus. Ist das so deine größte?
Engin Catik: Auf jeden Fall. Definitiv. Die ist auch noch lange nicht abgeschlossen und die wird auch nicht an dieser Schule abgeschlossen sein. Ich bin sehr gerne hier und bleibe hoffentlich noch viele Jahre. Aber natürlich habe ich Interesse daran. Und das meine ich gar nicht nur beruflich, sondern ich bin auch zivilgesellschaftlich aktiv, an der Stelle zu wirken und immer wieder auf Diskussionsforen oder auf einem Podium oder einfach nur, wie gesagt, bei einem Glas Wein mit mir unbekannten Menschen darüber zu sprechen, dass wir als Gesellschaft viel Nachholbedarf haben, wenn wir unseren Wohlstand so erhalten wollen.
Joel Kaczmarek: Also, eng in Schattig. Punkt Nummer 1. Andere Menschen kochen auch nur mit Wasser. Punkt Nummer 2. Die Schattenseiten des Lebens finden einen immer wieder. Punkt Nummer 3. Verantwortung für Gemeinschaft als Motivation für individuellen Erfolg betrachten. Punkt Nummer 4. Gelassenheit an den Tag legen. Und Punkt Nummer 5. Keine Herausforderungen auslassen.
Engin Catik: Du, vielen Dank.
Joel Kaczmarek: Klingt ganz gut, oder?
Engin Catik: Ja, ich kann mit leben.
Joel Kaczmarek: Ja, du, also von daher sehr bewegend auch, was du machst und sehr toll und ich bewundere das auch sehr, wie du auch sane, wie du normal bleibst im Kopf, dass du gesund bleibst mit dem, was du da tust und super.
Engin Catik: Vielen Dank, mein Lieber.
Joel Kaczmarek: Danke sowohl für das heute als auch für deinen Job insgesamt.
Engin Catik: Ich danke dir von Herzen. Wirklich vielen Dank, Joel.